Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #411# 9 - Marx an Arnold Ruge - 30. November 1842
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       Marx an Arnold Ruge
       in Dresden [331]
       
       Köln, 30. Nov. [1842]
       Lieber Freund!
       Mein heutiger  Brief soll sich auf "Wirren" mit den "Freien" [15]
       beschränken.
       Sie wissen schon, daß die Zensur uns täglich schonungslos, so daß
       oft kaum  die Zeitung  erscheinen kann,  zerfetzt. Dadurch fielen
       eine Masse  Artikel der "Freien". Ebensoviel, wie der Zensor, er-
       laubte ich  mir selbst  zu annullieren, indem Meyen und Konsorten
       weltumwälzungsschwangre und  gedankenleere Sudeleien  in saloppem
       Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herrn nie stu-
       diert haben)  zersetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs
       gänzlichem Mangel  an Kritik,  Selbständigkeit und Fähigkeit sich
       gewöhnt hatten,  die "Rh[einische] Z[eitung]" als  i h r  willen-
       loses Organ  zu betrachten,  ich aber  nicht weiter  dies Wasser-
       abschlagen in  alter Weise gestatten zu dürfen glaubte. Dies Weg-
       fallen einiger  unschätzbaren Produktionen  der "Freiheit", einer
       Freiheit, die vorzugsweise bestrebt ist, "von allen Gedanken frei
       zu sein", war also der erste Grund einer Verfinsterung des Berli-
       ner Himmels.
       Rutenberg, dem schon der deutsche Artikel (an dem seine Tätigkeit
       hauptsächlich im  Interpunktieren  bestand)  gekündigt,  dem  nur
       a u f   m e i n  V e r w e n d e n  der französische provisorisch
       übertragen worden,  Rutenberg hatte  bei der  Ungeheuern Dummheit
       unserer Staatsvorsehung  das Glück, für gefährlich zu gelten, ob-
       gleich er  niemandem gefährlich war, als der "Rheinischen Z." und
       sich selbst.  Rut[enberg]s Entfernung  wurde gewaltsam  verlangt.
       Die preußische Vorsehung, dieser despotisme prussien, le plus hy-
       pocrite,  le   plus  fourbe  1*),  ersparte  dem  Geranten  einen
       unangenehmen Auftritt,  und der  neue Märtyrer, der schon in Phy-
       siognomie, Haltung und Sprache das Märtyrerbewußtsein mit einiger
       Virtuosität darzustellen weiß, Rutenberg beutet diese Gelegenheit
       aus, schreibt  in alle  Welt, schreibt  nach Berlin,  er sei  das
       e x i l i e r t e     P r i n z i p    der  "Rh.  Z.",  die  eine
       a n d e r e  S t e l l u n g
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       1*) preußische Despotismus,  der  heuchlerischste,  der  betrüge-
       rischste
       
       #412# 9 - Marx an Arnold Ruge - 30. November 1842
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       zur Regierung entriert. Es versteht sich von selbst, auch hierauf
       kamen Demonstrationen  von den Freiheitsheroen an der Spree, "dem
       schmutzigen Wasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt" [332].
       Kam endlich  hinzu Ihr und H[erwegh]s Verhältnis zu den "Freien",
       um das Maß der zürnenden Olympier vollzumachen. [333]
       Vor einigen  Tagen erhielt ich einen Brief von dem kleinen Meyen,
       dessen Lieblingskategorie mit großem Recht das  S o l l e n  ist,
       worin man mich über mein Verhältnis 1. zu Ihnen und H[erwegh], 2.
       zu den "Freien", 3. über das neue Redaktionsprinzip und die Stel-
       lung zur  Regierung in  Rede stellt.  Ich antwortete  gleich  und
       sprach offen  meine Ansicht  aus von  den Mängeln ihrer Arbeiten,
       die mehr  in einer lizentiösen, sanskülottischen und dabei beque-
       men Form, als in  f r e i e m,  d.h. selbständigem und tiefem Ge-
       halt, die Freiheit finden. Ich forderte auf, weniger vages Räson-
       nement, großklingende Phrasen, selbstgefällige Bespiegelungen und
       mehr Bestimmtheit,  mehr Eingehn  in die konkreten Zustände, mehr
       Sachkenntnis an  den Tag  zu fördern.  Ich erklärte,  daß ich das
       Einschmuggeln kommunistischer  und sozialistischer  Dogmen,  also
       einer neuen  Weltanschauung, in  beiläufigen Theaterkritiken etc.
       für unpassend,  ja für  unsittlich halte und eine ganz andere und
       gründlichere Besprechung  des Kommunismus, wenn er einmal bespro-
       chen werden solle, verlange. Ich begehrte dann, die Religion mehr
       in der  Kritik der  politischen Zustände, als die politischen Zu-
       stände in  der Religion zu kritisieren, da diese Wendung mehr dem
       Wesen einer  Zeitung und der Bildung des Publikums entspricht, da
       die Religion,  an sich  inhaltslos, nicht vom Himmel, sondern von
       der Erde lebt, und mit der Auflösung der verkehrten Realität, de-
       ren   T h e o r i e   sie ist,  von selbst stürzt. Endlich wollte
       ich, daß, wenn einmal von Philosophie gesprochen, weniger mit der
       F i r m a:  "Atheismus" getändelt (was den Kindern ähnlich sieht,
       die jedem,  der's hören  will, versichern,  sie  fürchteten  sich
       nicht vor  dem Bautzemann),  als vielmehr ihr Inhalt unter's Volk
       gebracht würde. Voilà tout. 2*)
       Gestern bekomme  ich einen  insolenten Brief  von Meyen, der dies
       Schreiben noch nicht empfangen hatte und nun mich nach allen mög-
       lichen Dingen  fragt: 1.  ich solle  mich erklären, wie ich's bei
       ihrem Zwist  mit Bauer  3*), wovon  ich kein Wort weiß, halte; 2.
       warum ich das und das nicht durchgelassen; wird mir mit Konserva-
       tismus gedroht;  3. die  Zeitung dürfe nicht temperieren, sondern
       müsse das   Ä u ß e r s t e  tun, d.h. ruhig der Polizei und Zen-
       sur weichen,  statt  in  einem  dem  Publico  unsichtbaren,  aber
       nichtsdestoweniger
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       2*) Das ist alles. - 3*) Bruno Bauer
       
       #413# 9 - Marx an Arnold Ruge - 30. November 1842
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       hartnäckigen und  pflichtmäßigen Kampf  ihren  Posten  behaupten.
       Endlich  wird   schmählich  über  Herweghs  Verlobung  etc.  etc.
       berichtet.
       Aus allem  dem leuchtet eine schreckliche Dosis Eitelkeit heraus,
       die nicht  begreift, wie man, um ein politisches Organ zu retten,
       einige Berliner  Windbeuteleien preisgeben kann, die an überhaupt
       nichts denkt  als an ihre Cliquengeschichten. Dabei spreizte sich
       das Männchen  wie ein Pfau, schlug hochbeteuernd an die Brust, an
       den Degen,  ließ was  von "seiner"  Partei fallen, drohte mir mit
       Ungnade, deklamierte  à la Marquis Posa, bloß etwas schlechter u.
       dgl.
       Da wir  nun von morgens bis abends die schrecklichsten Zensurquä-
       lereien,    Ministerialschreibereien,    Oberpräsidialbeschwerden
       [334], Landtagsklagen, Schreien der Aktionäre etc. etc. zu tragen
       haben und ich bloß auf dem Posten bleibe, weil ich es für Pflicht
       halte, der  Gewalt die  Verwirklichung ihrer Absichten, soviel an
       mir, zu  vereitlen, so  können Sie  denken, daß ich etwas gereizt
       bin und  dem M[eyen]  ziemlich derb geantwortet habe. Es ist also
       wahrscheinlich, daß  die "Freien"  sich auf  einen Augenblick zu-
       rückziehn. Ich  ersuche daher  Sie dringend, sowohl selbst uns zu
       unterstützen mit  Beiträgen, als auch Ihre Freunde dazu aufzufor-
       dern.
       Ihr Marx

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