Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       1843
       
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       Marx an Arnold Ruge
       in Dresden
       
       Köln, 25. Januar 1*) [1843]
       Lieber [...] 2*)
       Sie wissen  wahrscheinlich schon, daß die "Rheinische] Zeit[ung]"
       verboten, aufgehoben  ist, eine  Todeserklärung erhalten hat. Man
       hat ihren  Termin bis  zu Ende März gestellt. Während dieser Gal-
       genfrist hat  sie Doppelzensur. Unser Zensor 3*), ein ehrenwerter
       Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von
       Gerlach, eines  passiv gehorsamen  Dummkopfs, gestellt,  und zwar
       muß unser  fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert
       werden, und  wenn sie  was Unchristliches,  Unpreußisches riecht,
       darf die Zeitung nicht erscheinen.
       Mehre speziellen  Ursachen laufen  zu diesem Verbot zusammen, un-
       sere Verbreitung,   m e i n e  Rechtfertigung des Moselkorrespon-
       denten 4*),  worin höchste Staatsmänner sehr blamiert wurden, un-
       sere Obstination,  den Einsender  des Ehgesetzes [335] zu nennen,
       die Zusammenberufung  der Landstände, auf die wir agitieren könn-
       ten,  endlich   unsre  Kritiken   des  Verbots  der  "L[eipziger]
       A[llgemeinen] Z[eitung]" 5*) und der "D[eutschen] J[ahrbücher]".
       Das Ministerialreskript,  was dieser  Tage in  den Zeitungen  er-
       scheinen wird,  ist womöglich noch schwächer als die frühern. Als
       Motive werden angegeben :
       1. die    L ü g e,   daß wir   k e i n e   Konzession hätten, als
       wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke,
       die "Rh.Z."  auch nur einen Tag ohne die offiziellen Lebensbedin-
       gungen hätte erscheinen können.
       2. Die Zensurinstruktion  vom 24.  Dez. bezweckte  eine    T e n-
       d e n z zensur.   Unter Tendenz  verstand man  die   E i n b i l-
       d u n g,  den romantischen Glauben,
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       1*) Im Original:  Dez. -  2*) der Name  ist im Original von unbe-
       kannter Hand  unkenntlich gemacht - 3*) Wiethaus - 4*) "Rechtfer-
       tigung des  ++-Korrespondenten von  der Mosel"  - 5*) "Das Verbot
       der 'Leipziger Allgemeinen Zeitung'"
       
       #415# 10 - Marx an Arnold Ruge - 25. Januar 1843
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       eine Freiheit  zu besitzen,  die man  realiter zu  besitzen  sich
       nicht erlauben  würde. Wenn  der verständige  Jesuitismus, wie er
       unter der  früheren Regierung herrschte, ein hartes Verstandesge-
       sicht hatte,  so  verlangt  dieser  romantische  Jesuitismus  die
       E i n b i l d u n g s k r a f t  als Hauptrequisit. Die zensierte
       Presse soll  von der Einbildung der Freiheit und jenes prächtigen
       Mannes 6*), der diese Einbildung allerhöchst gestattete, zu leben
       wissen. Wenn  aber die  Zensurinstruktion eine Zensur der Tendenz
       wollte, so erklärt jetzt das Ministerialreskript: für durchgängig
       schlechte Tendenz  sei das   V e r b o t,  die   U n t e r d r ü-
       c k u n g   in Frankfurt  erfunden worden. Die Zensur sei nur da,
       um die  Auswüchse der  guten Tendenz  zu zensieren,  obgleich die
       Instruktion eben  das Umgekehrte  gesagt hatte, nämlich der guten
       Tendenz seien Auswüchse zu gestatten.
       3. Der  alte Larifari  von schlechter  Gesinnung, hohler Theorie,
       Dideldumdei etc.
       Mich hat  nichts überrascht.  Sie wissen,  was ich gleich von der
       Zensurinstruktion hielt.  Ich sehe  hier nur eine Konsequenz, ich
       sehe  in   der  Unterdrückung   der  "Rh.Z."   einen     F o r t-
       s c h r i t t   des politischen Bewußtseins und resigniere daher.
       Außerdem war  mir die  Atmosphäre  so  schwül  geworden.  Es  ist
       schlimm, Knechtsdienste selbst für die Freiheit zu verrichten und
       mit Nadeln,  statt mit  Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei,
       der Dummheit,  der rohen  Autorität und  unseres Schmiegens, Bie-
       gens, Rückendrehens  und Wortklauberei müde gewesen. Also die Re-
       gierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt.
       Ich bin, wie ich Ihnen schon einmal geschrieben, mit meiner Fami-
       lie zerfallen 7*) und habe, so lang meine Mutter lebt, kein Recht
       auf mein  Vermögen. Ich  bin ferner verlobt und kann und darf und
       will nicht  aus Deutschland  ohne meine Braut 8*). Machte es sich
       also, daß  ich  etwa  in  Zürich  mit  Herwegh  den  "D[eutschen]
       B[oten]" [336]  redigieren könnte,  so  wäre  mir  das  lieb.  In
       Deutschland kann  ich nichts  mehr beginnen.  Man verfälscht sich
       hier selbst.  Sollten Sie  mir daher  in dieser Angelegenheit Rat
       und Aufschlüsse geben wollen, so werde ich sehr dankbar sein.
       Ich arbeite  an mehren Sachen, die hier in Deutschland weder Zen-
       sor noch Buchhändler, noch überhaupt irgendeine mögliche Existenz
       finden können. Ich erwarte baldigst Antwort von Ihnen.
       Ihr Marx
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       6*) Friedrich Wilhelm  IV. -  7*) siehe  vorl.  Band,  S.  405  -
       8*) Jenny von Westphalen

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