Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


       zurück

       #416# 11 - Marx an Arnold Ruge - 13. März 1843
       -----
       11
       
       Marx an Arnold Ruge
       in Dresden
       
       Köln, 13. März [1843]
       Lieber Freund!
       Sobald als  es irgend  möglich ist, werde ich direkt nach Leipzig
       segeln. Soeben  habe  ich  Stucke  gesprochen,  dem  die  meisten
       Staatsherrn in  Berlin stark imponiert zu haben scheinen. Der Dr.
       Stucke ist ein sehr gutmütiger Mann.
       Was nun  unsern Plan  angeht [337],  so will  ich Ihnen vorläufig
       meine Überzeugung  sagen. Als  Paris erobert war, schlugen einige
       den Sohn  Napoleons 1*)  mit Regentschaft,  andre den Bernadotte,
       andre endlich  den Louis-Philippe  zur Herrschaft vor. Talleyrand
       aber antwortete: Louis XVIII. oder Napoleon. Das ist ein Prinzip:
       alles andere ist Intrige.
       Und so  möchte ich  auch fast  alles andere außer Straßburg (oder
       höchstens die Schweiz) kein Prinzip, sondern eine Intrige nennen.
       Bücher über 20 Bogen sind keine Schriften fürs Volk. Das Höchste,
       was man da wagen kann, sind Monatshefte.
       Würden nun  gar die  "Deutschen Jahrbücher"  wieder gestattet, so
       brächten wir  es zum  allerhöchsten auf einen schwachen Abklatsch
       der selig  Entschlafnen, und das genügt heutzutag nicht mehr. Da-
       gegen "Deutsch-Französische  Jahrbücher", das  wäre ein  Prinzip,
       ein Ereignis  von Konsequenzen, ein Unternehmen, für das man sich
       enthusiasmieren kann. Versteht sich, ich spreche nur meine unmaß-
       gebliche Meinung  und füge  mich im  andern des Schicksals ewigen
       Mächten.
       Schließlich - und die Zeitungsgeschäfte nötigen mich zu schließen
       - will ich Ihnen noch meinen  P r i v a t p l a n  mitteilen. So-
       bald wir den Kontrakt abgeschlossen hätten, würde ich nach Kreuz-
       nach reisen  und heiraten,  einen Monat oder länger aber dort bei
       der Mutter  meiner Braut  2*) wohnen, da wir doch jedenfalls, ehe
       wir ans  Werk gehn,  einige Arbeiten  fertig haben  müßten. Um so
       mehr könnte ich, wenn's nötig, einige Wochen in Dresden
       -----
       1*) Herzog von Reichstadt - 2*) Karoline von Westphalen
       
       #417# 11 - Marx an Arnold Ruge - 13. März 1843
       -----
       bleiben, da  alle die  Vorgeschichten, Ausrufen  u. dgl.  geraume
       Zeit hinnehmen.
       Ich kann  Ihnen ohne  alle Romantik  versichern, daß ich von Kopf
       bis zu  Fuß und  zwar allen  Ernstes liebe.  Ich bin schon über 7
       Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit
       fast untergrabenden  Kämpfe für  mich gekämpft,  teils mit  ihren
       pietistisch-aristokratischen Verwandten,  denen "der Herr im Him-
       mel" und  der "Herr  in Berlin" gleiche Kultusobjekte sind, teils
       mit meiner eignen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde
       von mir  sich eingenistet  haben. Ich und meine Braut haben daher
       mehr unnötige  und angreifende  Konflikte jahrelang durchgekämpft
       als manche  andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer
       "Lebenserfahrung" (Lieblingswort  unseres Juste-milieu 3*)) spre-
       chen.
       Apropos, da  ist uns eine anonyme Replik auf Prutz' Bericht gegen
       die neuen Tübinger "Jahrbücher" zugegangen [338]. Ich habe an der
       Handschrift den  Schwegler erkannt.  Sie werden  als überspannter
       Unruhstifter, Feuerbach als frivoler Spötter, Bauer 4*) als gänz-
       lich unkritischer  Kopf charakterisiert! Die Schwaben! Die Schwa-
       ben! Das wird schönes Gebräu werden!
       Über Ihre schöne, echt populäre Beschwerdeschrift haben wir einen
       oberflächlichen Aufsatz  von Pfützner  - dazu habe ich die Hälfte
       gestrichen -  in Ermanglung  einer bessern Kritik und eigner Zeit
       gebracht. [339]  Der P.P.  geht nie  genug auf die Sache ein, und
       die kleinen  Kapriolen, die  er schneidet, machen mehr ihn selbst
       zum Gegenstand  des Lächelns,  als daß er seinen Feind lächerlich
       machte.
       Ihr Marx
       Die Bücher  an Fleischer  hab' ich besorgt. Ihr Briefwechsel vorn
       ist interessant  [340]. Bauer  über Ammon ist köstlich. [341] Die
       "Leiden und  Freuden des  theologischen Bewußtseins" scheinen mir
       eine nicht  eben gelungene  Übersetzung  aus  dem  Abschnitt  der
       "Phänomenologie": "Das unglückliche Bewußtsein" [342]. Feuerbachs
       Aphorismen sind  mir nur in dem Punkt nicht recht, daß er zu sehr
       auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber
       das einzige  Bündnis, wodurch  die jetzige Philosophie eine Wahr-
       heit werden  kann. Doch  wird's wohl gehn wie im loten Jahrh., wo
       den Naturenthusiasten  eine andere  Reihe von  Staatsenthusiasten
       entsprach. Am meisten hat mir die Kritik der guten "Literarischen
       Zeitung" gefallen. [343]
       -----
       3*) Spitzname für Edgar Bauer - 4*) Bruno Bauer
       
       #418# 11 - Marx an Arnold Ruge - 13. März 1843
       -----
       Bauers Selbstverteidigung  [344] haben  Sie wohl  schon  gelesen.
       Nach meiner Ansicht hat er noch nie so gut geschrieben.
       Was die  "Rh[einische] Z[eitung]" angeht, so würde ich  u n t e r
       k e i n e r  B e d i n g u n g  bleiben, ich kann unmöglich unter
       preußischer Zensur schreiben oder in preußischer Luft leben.
       Soeben kömmt der Vorsteher der hiesigen Israeliten zu mir und er-
       sucht mich um eine Petition für die Juden an den Landtag, und ich
       will's tun.  So widerlich  mir der  israelitische Glaube  ist, so
       scheint mir  Bauers Ansicht  doch zu abstrakt. Es gilt soviel Lö-
       cher in den christlichen Staat zu stoßen als möglich und das Ver-
       nünftige, soviel  an uns, einzuschmuggeln. Das muß man wenigstens
       versuchen -  und die  E r b i t t e r u n g  wächst mit jeder Pe-
       tition, die mit Protest abgewiesen wird.

       zurück