Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#419# 12 - Marx an Ludwig Feuerbach - 3. Oktober 1843
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Marx an Ludwig Feuerbach
in Bruckberg [345]
Kreuznach, 3. Oktober 1843
Hochverehrter Herr!
Dr. Ruge hat Ihnen bei seiner Durchreise vor einigen Monaten un-
sern Plan, französisch-deutsche "Jahrbücher" zu edieren, mitge-
teilt und zugleich Ihre Mitwirkung erbeten. Die Sache ist jetzt
soweit abgemacht, daß P a r i s Druck- und Verlagsort ist und
das erste Monatsheft bis Ende November erscheinen soll.
Vor meiner Abreise nach Paris, die in einigen Tagen stattfinden
wird, kann ich nicht umhin, noch einen kurzen e p i s t o l a-
r i s c h e n Ausflug zu Ihnen zu machen, da es mir nicht
vergönnt war, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.
Sie sind einer der ersten Schriftsteller gewesen, welche die
Notwendigkeit einer französisch-deutschen wissenschaftlichen Al-
liance aussprachen. Sie werden daher gewiß auch einer der Ersten
sein, ein Unternehmen zu unterstützen, das diese Alliance reali-
sieren will. Es sollen nämlich promiscue 1*) deutsche und franzö-
sische Arbeiten erscheinen. Die besten Pariser Autoren haben zu-
gesagt. Jeder Ihrer Beiträge wird uns höchst willkommen sein, und
irgend etwas werden Sie wohl parat liegen haben.
Ich glaube fast, aus Ihrer Vorrede zur 2ten Auflage des "Wesens
des Christenthums" schließen zu können, daß Sie mit einer aus-
führlicheren Arbeit über Schelling beschäftigt sind oder doch
manches noch über diesen Windbeutel in petto hätten. [346] Sehn
Sie, das wäre ein herrliches Debut.
Der Schelling ist, wie Sie wissen, 38tes Bundesmitglied. Die
ganze deutsche Polizei steht zu seiner Disposition, wovon ich
selbst einmal als Redakteur der "Rheinischen Zeitung" die Erfah-
rung gemacht habe. Es kann nämlich eine Zensurinstruktion nichts
gegen den heiligen Schelling [...] 2*) zulassen. Es ist also in
Deutschland fast unmöglich, den Schelling anders als in Büchern
über 21 Bogen anzugreifen, aber die Bücher über 21 Bogen sind
nicht die Bücher des Volks. Das Werk von Kapp ist sehr aner-
kennenswert
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1*) vermischt, abwechselnd - 2*) hier ist ein Wort nicht zu ent-
ziffern
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wert, aber es ist zu umständlich und trennt ungeschickterweise
das Urteil von den Tatsachen. Zudem haben unsre Regierungen das
Mittel gefunden, solche Werke effektlos zu machen. Es darf nicht
darüber gesprochen werden. Sie werden ignoriert oder die paar pa-
tentierten Rezensieranstalten kappen dergleichen in wenigen ver-
ächtlichen Worten ab. Der große Schelling selbst stellt sich, als
wüßte er von diesen Angriffen nichts, und es ist ihm gelungen,
durch f i s k a l i s c h e n Lärm über die Suppe des alten
Paulus [347] die Aufmerksamkeit von Kapps Werk abzulenken. Das
war ein diplomatischer Meisterstreich!
Aber nun denken Sie sich den Schelling in Paris, vor der franzö-
sischen Schriftstellerwelt enthüllt! Da wird seine Eitelkeit
nicht schweigen können, das wird das preußische Gouvernement aufs
peinlichste verletzen, das ist ein Angriff auf Schellings Souver-
änetät nach außen, und ein e i t l e r Monarch hält mehr auf
seine S o u v e r ä n e t ä t n a c h a u ß e n als nach in-
nen.
Wie geschickt hat Herr von Schelling die Franzosen zu ködern ge-
wußt, vorerst den schwachen eklektischen Cousin, später selbst
den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt
Schelling nämlich immer noch für den Mann, der an die Stelle des
transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an die
Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch und
Blut, der an die Stelle der Fachphilosophie die Weltphilosophie
gesetzt hat! Den französischen Romantikern und Mystikern ruft er
zu: "Ich die Vereinigung von Philosophie und Theologie", den
französischen Materialisten: "Ich die Vereinigung von Fleisch und
Idee", den französischen Skeptikern: "Ich der Zerstörer der Dog-
matik", mit einem Wort: "Ich... Schelling!"
Schelling hat nicht nur die Philosophie und Theologie, er hat die
Philosophie und Diplomatie zu vereinigen gewußt. Er hat die Phi-
losophie zur allgemeinen diplomatischen Wissenschaft gemacht, zur
Diplomatie für alles. Ein Angriff auf Schelling ist also indirekt
ein Angriff auf unsre gesamte und namentlich auf die preußische
Politik. Schellings Philosophie ist die preußische Politik sub
specie philosophiae 3*).
Sie würden unsrem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit, daher
einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem ersten Heft
eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind grade dazu der
Mann, weil Sie der u m g e k e h r t e S c h e l l i n g sind.
Der - wir dürfen das Gute von unsrem Gegner glauben -, der
a u f r i c h t i g e J u g e n d g e d a n k e Schellings, zu
dessen Verwirklichung er indessen kein Zeug hatte als die Imagi-
nation, keine Energie als
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3*) im Lichte der Philosophie
#421# 12 - Marx an Ludwig Feuerbach - 3. Oktober 1843
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die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein Organ als die
Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens, dieser auf-
richtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein phantastischer
Jugendtraum geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit, zur Wirk-
lichkeit, zu männlichem Ernst geworden. Schelling ist daher Ihr
a n t i z i p i e r t e s Z e r r b i l d, und sobald die Wirk-
lichkeit dem Zerrbild gegenübertritt, muß es in Dunst und Nebel
zerfließen. Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen,
also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte, berufe-
nen Gegner Schellings. Ihr Kampf mit ihm ist der Kampf der Imagi-
nation von der Philosophie mit der Philosophie selbst.
Wie Sie es aber bequem finden mögen, ich erwarte mit Sicherheit
einen Beitrag von Ihnen. [348] Meine Adresse ist: "An Herrn Mau-
rer. Rue Vaneau Nr. 23 à Paris zur Besorgung an Dr. Marx." Meine
Frau läßt Sie unbekannterweise grüßen. Sie glauben nicht, wie
viel Anhänger Sie unter dem schönen Geschlecht haben.
Ganz der Ihrige Dr. Marx
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