Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #425# 15 - Marx an Ludwig Feuerbach - 14. August 1844
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       15
       
       Marx an Ludwig Feuerbach
       in Bruckberg
       
       Paris, d. 11. August [1844]
       rue Vaneau 38
       Hochverehrter Herr!
       Da ich grade Gelegenheit finde, bin ich so frei, Ihnen einen Auf-
       satz von  mir zuzuschicken,  worin einige  Elemente meiner kriti-
       schen Rechtsphilosophie  1*) - die ich schon einmal beendet, dann
       aber wieder  einer neuen  Bearbeitung unterworfen habe, um allge-
       mein verständlich zu sein - angedeutet sind. Ich lege diesem Auf-
       satz keinen besondern Wert bei, aber es freut mich, eine Gelegen-
       heit zu finden, Ihnen die ausgezeichnete Hochachtung und - erlau-
       ben Sie mir das Wort - Liebe, die ich für Sie besitze, versichern
       zu können.  Ihre "Philosophie  der Zukunft"  wie das  "Wesen  des
       Glaubens" [350]  sind jedenfalls trotz ihres beschränkten Umfangs
       von mehr Gewicht, als die ganze jetzige deutsche Literatur zusam-
       mengeworfen.
       Sie haben  - ich weiß nicht, ob absichtlich - in diesen Schriften
       dem Sozialismus  eine philosophische  Grundlage gegeben,  und die
       Kommunisten haben  diese Arbeiten  auch sogleich  in dieser Weise
       verstanden. Die  Einheit der  Menschen mit  den Menschen, die auf
       dem realen  Unterschied der  Menschen begründet  ist, der Begriff
       der Menschengattung  aus dem Himmel der Abstraktion auf die wirk-
       liche Erde  herabgezogen, was  ist er  anders als der Begriff der
       G e s e l l s c h a f t!
       Es werden 2 Übersetzungen, eine in englischer und eine in franzö-
       sischer Sprache,  von Ihrem "Wesen des Christenthums" vorbereitet
       und sind fast schon zum Druck parat. Die erste wird in Manchester
       (Engels hat  sie überwacht), die 2te in Paris [351] (der Franzose
       Dr. Guerrier  und der  deutsche Kommunist Ewerbeck, haben sie mit
       Hülfe eines  französischen Stilkünstlers  übertragen) erscheinen.
       2*)
       In diesem  Moment werden  die Franzosen sofort über das Buch her-
       fallen, denn  beide Parteien  - Pfaffen und Voltairiens und Mate-
       rialisten -
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       1*) "Zur Kritik  der Hegelschen  Rechtsphilosophie. Einleitung" -
       2*) Dieser Absatz steht in der Handschrift in eckigen Klammern
       
       #426# 15 - Marx an Ludwig Feuerbach - 11. August 1844
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       sehn sich nach fremder Hülfe um. Es ist eine merkwürdige Erschei-
       nung, wie,  im Gegensatz  zum loten Jahrhundert, die Religiosität
       in den  Mittelstand und die höhere Klasse, die Irreligiosität da-
       gegen -  aber die Irreligiosität des sich als Menschen empfinden-
       den Menschen  - in  das französische  Proletariat  herabgestiegen
       ist. Sie  müßten einer  der Versammlungen  der französischen  ou-
       vriers 3*)  beigewohnt haben, um an die jungfräuliche Frische, an
       den Adel,  der unter diesen abgearbeiteten Menschen hervorbricht,
       glauben zu  können. Der  englische Proletarier macht auch Riesen-
       fortschritte, aber  es fehlt  ihm der Kulturcharakter der Franzo-
       sen. Ich  darf aber nicht vergessen, die theoretischen Verdienste
       der deutschen  Handwerker in  der Schweiz,  London und Paris her-
       vorzuheben. Nur ist der deutsche Handwerker noch zu viel Handwer-
       ker.
       Jedenfalls aber  bereitet die  Geschichte unter diesen "Barbaren"
       unserer zivilisierten  Gesellschaft das  praktische  Element  zur
       Emanzipation des Menschen vor.
       Der Gegensatz des französischen Charakters gegen uns Deutsche ist
       mir nie  so scharf  und schlagend gegenübergetreten, als in einer
       fourieristischen  Schrift,  die  mit  folgenden  Sätzen  beginnt:
       "l'homme est  tout entier  dans ses passions". - Avez-vous jamais
       rencontré un homme qui pensât pour penser, qui se ressouvint pour
       se ressouvenir, qui imaginât pour imaginer? qui Voulait pour vou-
       loir? cela  vous est-il  jamais arrivé à vous même? ... non, évi-
       demment non!" 4*)
       Das Hauptmobil der Natur wie der Gesellschaft ist daher die magi-
       sche, die  leidenschaftliche, die nicht reflektierende attraction
       und "tout  être, homme,  plante, animal ou globe a reçu une somme
       des forces  en rapport  avec sa  mission dans  l'ordre universel"
       5*).
       Daraus folgt:  "les attractions  sont proportionnelles aux desti-
       nées" 6*). [352]
       Sehn alle  diese Sätze  nicht aus, als wenn der Franzose absicht-
       lich seine passion dem actus purus 7*) des deutschen Denkens ent-
       gegengesetzt hätte? Man denkt nicht, um zu denken etc.
       Wie schwer  es den  Deutschen  hält,  aus  der  entgegengesetzten
       Einseitigkeit herauszukommen, davon hat mein vieljähriger - jetzt
       aber mir mehr
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       3*) Arbeiter -  4*) "der Mensch  besteht ganz  und gar aus seinen
       Leidenschaften". "Sind  Sie jemals  einem Menschen  begegnet, der
       dachte, um  zu denken,  der sich  erinnerte, um sich zu erinnern,
       der sich etwas vorstellte, um sich etwas vorzustellen, der wollte
       um zu  wollen? Ist  Ihnen das  jemals, selbst passiert? ... Nein,
       offenbar nicht!"  - 5*) Anziehungskraft  und  "jedes  Wesen,  der
       Mensch, die  Pflanze, das  Tier oder  der Erdball als Ganzes, hat
       eine Summe an Kräften entsprechend seiner Mission in der Weltord-
       nung empfangen" - 6*) "die Anziehungskräfte sind proportional den
       Schicksalsbestimmungen" - 7*) Leidenschaft der reinen Tätigkeit
       
       #427# 15 - Marx an Ludwig Feuerbach 11. August 1844
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       entfremdeter -  Freund Bruno  Bauer in seiner kritischen Berliner
       "Literatur-Zeitung" einen  neuen Beweis  gegeben. Ich weiß nicht,
       ob Sie dieselbe gelesen haben. Es ist darin viel stillschweigende
       Polemik gegen Sie.
       Der Charakter  dieser "Literatur-Zeitung"  läßt sich darauf redu-
       zieren: Die "Kritik" wird in ein transzendentes Wesen verwandelt.
       Jene Berliner  halten sich  nicht  für    M e n s c h e n,    die
       k r i t i s i e r e n,   sondern für  K r i t i k e r,  die  n e-
       b e n b e i   das Unglück  haben, Menschen  zu sein. Sie erkennen
       daher nur  ein   w i r k l i c h e s  Bedürfnis an, das Bedürfnis
       der   t h e o r e t i s c h e n  Kritik. Leuten wie Proudhon wird
       daher  vorgeworfen,   daß  sie   ihren  Ausgangspunkt  von  einem
       "praktischen" "Bedürfnis"  nehmen. Diese Kritik verläuft sich da-
       her in  einen traurigen  und vornehmtuenden  Spiritualismus.  Das
       B e w u ß t s e i n   oder  S e l b s t b e w u ß t s e i n  wird
       als die  e i n z i g e  menschliche Qualität betrachtet. Die Lie-
       be z.B. wird geleugnet, weil in ihr die Geliebte nur "Gegenstand"
       sei. +  bas 8*)  mit dem Gegenstand! Diese Kritik hält sich daher
       für das  einzige  a k t i v e  Element der Geschichte. Ihr gegen-
       über steht die ganze Menschheit als  M a s s e,  als träge Masse,
       die nur  durch den  Gegensatz zum  Geist Wert  hat. Als  höchstes
       Verbrechen wird es daher betrachtet, wenn der Kritiker  G e m ü t
       oder   L e i d e n s c h a f t   hat,  er  muß  ein    i r o n i-
       s c h e r  e i s k a l t e r  ????? 9*) sein.
       Bauer erklärt daher  w ö r t l i c h:
       "Der Kritiker  nehme weder an den Leiden, noch an den Freuden der
       Gesellschaft teil;  er kenne  weder Freundschaft  und Liebe, noch
       Haß und  Mißgunst; er  throne in  der Einsamkeit, wo nur manchmal
       das Gelächter  der olympischen  Götter über  die Verkehrtheit der
       Welt von seinen Lippen schallt". [353]
       Der Ton  der Bauerschen "Literatur-Zeitung" ist daher ein Ton der
       leidenschaftslosen  V e r a c h t u n g,  und er macht sich diese
       um so  leichter, als  er die von Ihnen und der Zeit überhaupt ge-
       lieferten Resultate andern an den Kopf wirft. Er deckt nur Wider-
       sprüche auf, und von diesem Geschäft befriedigt, zieht er mit ei-
       nem verächtlichen  "Hm" ab.  Er erklärt,  die Kritik gebe nichts,
       dazu ist sie viel zu spirituell. Ja, er spricht gradezu die Hoff-
       nung aus: "die Zeit sei nicht mehr fern, wo die ganze verfallende
       Menschheit sich  der Kritik"  - und die Kritik ist er und Comp. -
       "gegenüberscharen werde;  sie würden  diese Masse  dann  in  ver-
       schiedne Gruppen  sondieren und  ihnen allen das testimonium pau-
       pertatis 10*) austeilen".
       Es scheint:  Bauer hat  aus   R i v a l i t ä t   gegen  C h r i-
       s t u s   gekämpft. Ich  werde eine  kleine Broschüre gegen diese
       Verirrung der Kritik erscheinen lassen. 11*)
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       8*) Nieder -  9*) Weiser - 10*) Armutszeugnis - 11*) "Die heilige
       Familie"
       
       #428# 15 - Marx an Ludwig Feuerbach - 11. August 1844
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       Es wäre  mir vom   h ö c h s t e n   Wert,  wenn Sie  mir  vorher
       I h r e   Meinung mitteilen  wollten, wie  überhaupt ein baldiges
       Lebenszeichen von  Ihnen mich beglücken würde. Die hiesigen deut-
       schen Handwerker,  d.h. der  kommunistische Teil derselben, mehre
       Hunderte, haben diesen Sommer durch zweimal die Woche Vorlesungen
       über Ihr  "Wesen des Christenthums" von ihren geheimen Vorstehern
       12*) gehört  und sich  merkwürdig empfänglich gezeigt. Der kleine
       Auszug aus  dem Brief  einer deutschen Dame im Feuilleton von Nr.
       64 des  "Vorwärts" ist  von einem Brief meiner Frau, die in Trier
       zum Besuch  ihrer Mutter  13*) ist,  ohne Wissen des Autors abge-
       druckt. [354] Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehn
       Ihr Karl Marx
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       12*) des Bundes der Gerechten - 13*) Karoline von Westphalen

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