Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #451# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
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       31
       
       Marx an Pawel Wassiljewitsch Annenkow
       in Paris
       
       Brüssel, 28. Dezember [1846]
       rue d'Orléans 42, Fbg. Namur
       Lieber Herr Annenkow!
       Sie hätten  meine Antwort  auf Ihren  Brief vom 1. November schon
       längst erhalten,  wenn nicht mein Buchhändler mir erst vergangene
       Woche das  Buch des Herrn Proudhon "Philosophie de la misère" zu-
       geschickt hätte.  Ich habe es in zwei Tagen durchflogen, um Ihnen
       sofort meine  Meinung mitteilen  zu können.  Da ich das Buch sehr
       eilig gelesen  habe, kann ich nicht auf Einzelheiten eingehen und
       kann Ihnen  nur den  allgemeinen Eindruck  mitteilen, den  es auf
       mich gemacht hat. Wenn Sie es wünschen, könnte ich in einem zwei-
       ten Brief auf Einzelheiten eingehen.
       Ich  gestehe  Ihnen  offen,  daß  ich  das  Buch  im  allgemeinen
       schlecht, ja sehr schlecht finde. Sie selbst machen sich in Ihrem
       Brief lustig  "über das  bißchen deutsche Philosophie" [369], mit
       dem Herr  Proudhon  in  diesem  unförmigen  und  anmaßenden  Werk
       prunkt, nehmen  aber an,  daß die  ökonomische Darstellung  nicht
       durch das  philosophische Gift  infiziert worden  sei. Ich bin ja
       auch weit davon entfernt, die Fehler in der ökonomischen Darstel-
       lung der  Philosophie  des  Herrn  Proudhon  zuzuschreiben.  Herr
       Proudhon liefert  nicht deshalb  eine falsche  Kritik der politi-
       schen Ökonomie,  weil er  eine lächerliche  Philosophie  besitzt,
       sondern er  liefert eine lächerliche Philosophie, weil er die ge-
       genwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung [engrènement] -
       um ein  Wort zu  gebrauchen, das  Herr Proudhon  wie viele andere
       Dinge Fourier entlehnt - nicht begriffen hat.
       Warum spricht  Herr Proudhon  von Gott, von der universellen Ver-
       nunft, von  der unpersönlichen  Vernunft der  Menschheit, die nie
       irrt, die  stets sich selbst gleich war, deren man sich nur rich-
       tig bewußt zu sein braucht, um das Wahre zu treffen? Warum treibt
       er schwächlichen Hegelianismus, um sich als starker Denker aufzu-
       spielen ?
       Er selbst  gibt die Lösung des Rätsels. Herr Proudhon erblickt in
       der Geschichte  eine bestimmte  Reihe gesellschaftlicher Entwick-
       lungen; er findet den Fortschritt in der Geschichte verwirklicht;
       er findet endlich, daß
       
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       die Menschen,  als Individuen,  nicht wußten,  was sie taten, daß
       sie sich  über ihre eigene Bewegung täuschten, d.h., daß ihre ge-
       sellschaftliche Entwicklung auf den ersten Blick verschieden, ge-
       trennt, unabhängig  von ihrer  individuellen erscheint.  Er  kann
       diese Tatsachen  nicht erklären,  und die  Hypothese von der sich
       offenbarenden universellen Vernunft ist reinste Erfindung. Nichts
       leichter, als  mystische Ursachen,  d.h.  Phrasen,  zu  erfinden,
       denen jeder Sinn fehlt.
       Aber wenn Herr Proudhon gesteht, daß er von der historischen Ent-
       wicklung der  Menschheit nichts  versteht - und er gibt es zu, da
       er sich so tönender Worte wie universelle Vernunft, Gott etc. be-
       dient -,  gesteht er  damit nicht implizite und notwendig, daß er
       unfähig ist,  die   ö k o n o m i s c h e   E n t w i c k l u n g
       zu begreifen?
       Was ist  die Gesellschaft,  welches immer auch ihre Form sei? Das
       Produkt des  wechselseitigen Handelns  der Menschen. Steht es den
       Menschen frei,  diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Kei-
       neswegs. Setzen  Sie einen  bestimmten Entwicklungsstand der Pro-
       duktivkräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte
       Form des  Verkehrs [commerce]  und der Konsumtion. Setzen Sie be-
       stimmte Stufen  der Entwicklung  der Produktion, des Verkehrs und
       der Konsumtion  voraus, und  Sie erhalten  eine entsprechende so-
       ziale Ordnung,  eine entsprechende  Organisation der Familie, der
       Stände oder  der Klassen,  mit einem Wort, eine entsprechende Ge-
       sellschaft [société  civile]. Setzen Sie eine solche Gesellschaft
       voraus, und  Sie erhalten  eine entsprechende  politische Ordnung
       [état politique],  die nur  der offizielle  Ausdruck der  Gesell-
       schaft ist. Das wird Herr Proudhon nie verstehen, denn er glaubt,
       etwas Großes  zu tun,  wenn er  vom Staat  [état] an  die Gesell-
       schaft, d.h.  von dem offiziellen Resümee der Gesellschaft an die
       offizielle Gesellschaft appelliert.
       Man braucht  nicht hinzuzufügen,  daß die  Menschen ihre   P r o-
       d u k t i v  k r ä f t e   - die  Basis ihrer ganzen Geschichte -
       nicht frei  wählen; denn  jede Produktivkraft  ist eine erworbene
       Kraft, das  Produkt früherer  Tätigkeit. Die Produktivkräfte sind
       also das  Resultat der  angewandten Energie  der  Menschen,  doch
       diese Energie  selbst ist  begrenzt durch die Umstände, in welche
       die Menschen  sich versetzt  finden, durch die bereits erworbenen
       Produktivkräfte, durch  die Gesellschaftsform,  die vor  ihnen da
       ist, die  sie nicht  schaffen, die das Produkt der vorhergehenden
       Generation ist.  Dank  der  einfachen  Tatsache,  daß  jede  neue
       Generation  die  von  der  alten  Generation  erworbenen  Produk-
       tivkräfte vorfindet,  die ihr als Rohmaterial für neue Produktion
       dienen, entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte der Menschen,
       entsteht die Geschichte der Menschheit, die um so mehr
       
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       Geschichte der  Menschheit ist,  je mehr  die Produktivkräfte der
       Menschen und  infolgedessen ihre  gesellschaftlichen  Beziehungen
       wachsen. Die  notwendige Folge:  Die soziale  Geschichte der Men-
       schen ist  stets nur  die Geschichte ihrer individuellen Entwick-
       lung, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht. Ihre materiellen
       Verhältnisse sind die Basis aller ihrer Verhältnisse. Diese mate-
       riellen Verhältnisse sind nichts anderes als die notwendigen For-
       men, in denen ihre materielle und individuelle Tätigkeit sich re-
       alisiert.
       Herr Proudhon  verwechselt die Ideen mit den Dingen. Die Menschen
       verzichten nie auf das, was sie gewonnen haben, aber das bedeutet
       nicht, daß  sie nie  auf die Gesellschaftsform verzichten, in der
       sie bestimmte  Produktivkräfte erworben haben. Ganz im Gegenteil.
       Um des  erzielten Resultats  nicht verlustig  zu  gehen,  um  die
       Früchte der  Zivilisation nicht  zu verlieren,  sind die Menschen
       gezwungen, sobald die Art und Weise ihres Verkehrs [commerce] den
       erworbenen Produktivkräften  nicht  mehr  entspricht,  alle  ihre
       überkommenen Gesellschaftsformen  zu ändern. - Ich nehme das Wort
       c o m m e r c e   hier in dem weitesten Sinn, den es im Deutschen
       hat: Verkehr  1*). -  Zum Beispiel: Das Privileg, die Institution
       der Zünfte  und Korporationen,  die ganzen  Reglementierungen des
       Mittelalters waren  gesellschaftliche Beziehungen, die allein den
       erworbenen Produktivkräften  und dem  vorher bestehenden  Gesell-
       schaftszustand entsprachen, aus dem diese Institutionen hervorge-
       gangen waren.  Unter dem Schutze des genossenschaftlichen und re-
       glementierenden Regimes  sammelten sich  Kapitalien,  entwickelte
       sich der  Seehandel, wurden Kolonien gegründet - und die Menschen
       hätten eben  diese Früchte  eingebüßt, wenn  sie versucht hätten,
       die Formen  beizubehalten, unter  deren Schutz  diese Früchte ge-
       reift waren.  So gab es denn auch zwei Donnerschläge, die Revolu-
       tion von  1640 und  die von 1688. Alle alten ökonomischen Formen,
       die sozialen  Beziehungen, welche  ihnen entsprachen, die politi-
       sche Ordnung [état politique], welche der offizielle Ausdruck der
       alten Gesellschaft  war, wurden in England zerbrochen. Die ökono-
       mischen Formen,  unter denen  die Menschen produzieren, konsumie-
       ren, austauschen,  sind also   v o r ü b e r g e h e n d e  u n d
       h i s t o r i s c h e.   Mit der  Erwerbung neuer Produktivkräfte
       ändern die  Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Produkti-
       onsweise ändern  sie alle ökonomischen Verhältnisse, die bloß die
       für diese  bestimmte Produktionsweise notwendigen Beziehungen wa-
       ren.
       Das gerade  hat Herr  Proudhon nicht  begriffen und  noch weniger
       nachgewiesen.
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       1*) Verkehr: im Original deutsch
       
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       Unfähig, die wirkliche Bewegung der Geschichte zu verfolgen, lie-
       fert Herr  Proudhon eine Phantasmagorie, die den Anspruch erhebt,
       dialektisch zu  sein. Er  verspürt nicht  das Bedürfnis, vom 17.,
       18., 19.  Jahrhundert zu  sprechen, denn  seine Geschichte spielt
       sich im  Nebelreich der  Einbildung ab  und ist hoch erhaben über
       Zeit und  Ort. Mit  einem Wort: das ist Hegelsches abgedroschenes
       Zeug, das  ist keine  Geschichte, keine  profane Geschichte - Ge-
       schichte der  Menschen -, sondern heilige Geschichte - Geschichte
       der Ideen.  Nach seiner Ansicht ist der Mensch bloß das Werkzeug,
       dessen sich die Idee oder die ewige Vernunft zu ihrer Entwicklung
       bedient. Die   E v o l u t i o n e n,   von  denen Herr  Proudhon
       spricht, sollen  Evolutionen sein,  wie sie  sich  im  mystischen
       Schöße der  absoluten Idee  vollziehen. Zerreißt  man den Vorhang
       dieser mystischen Ausdrucksweise, so heißt das, daß Herr Proudhon
       uns die Ordnung angibt, in der die ökonomischen Kategorien im In-
       nern seines  Kopfes rangieren.  Es wird  mich nicht viel Mühe ko-
       sten, Ihnen  zu beweisen,  daß dieses Arrangement das Arrangement
       eines sehr ungeordneten Kopfes ist.
       Herr Proudhon  eröffnet sein  Buch mit  einer Abhandlung über den
       W e r t,   der sein Steckenpferd ist. Mit der Untersuchung dieser
       Abhandlung werde ich mich diesmal nicht befassen.
       Die Reihe  der ökonomischen  Evolutionen der  ewigen Vernunft be-
       ginnt mit  der   A r b e i t s t e i l u n g.  Für Herrn Proudhon
       ist die  Arbeitsteilung eine  ganz einfache Sache. War aber nicht
       das Kastenregime  eine  bestimmte  Arbeitsteilung?  Und  war  das
       Zunftsystem nicht  eine andere  Arbeitsteilung? Und ist nicht die
       Arbeitsteilung der Manufakturperiode, die in England um die Mitte
       des 17.  Jahrhunderts beginnt und gegen Ende des 18. Jahrhunderts
       endet, wiederum  völlig verschieden von der Arbeitsteilung in der
       großen, der modernen Industrie?
       Herr Proudhon  ist so  weit von der Wahrheit entfernt, daß er un-
       terläßt, was sogar die profanen Ökonomen tun. Um von der Arbeits-
       teilung zu  reden, hat er es nicht nötig, vom  Welt m a r k t  zu
       reden. Nun!  Mußte sich  nicht die  Arbeitsteilung im 14. und 15.
       Jahrhundert, als  es noch keine Kolonien gab, als Amerika für Eu-
       ropa noch  nicht existierte,  als Ostasien  nur durch Vermittlung
       von Konstantinopel  existierte, von  Grund auf  unterscheiden von
       der Arbeitsteilung  des 17. Jahrhunderts, das bereits entwickelte
       Kolonien hatte?
       Das ist  noch nicht alles. Was sind die ganze innere Organisation
       der Völker, alle ihre internationalen Beziehungen anderes als der
       Ausdruck einer  bestimmten Arbeitsteilung?  Und müssen  sie  sich
       nicht verändern mit der Veränderung der Arbeitsteilung?
       
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       Herr Proudhon  hat die Frage der Arbeitsteilung so wenig verstan-
       den, daß er nicht einmal die Trennung von Stadt und Land erwähnt,
       die sich,  zum Beispiel  in Deutschland, vom 9. bis zum 12. Jahr-
       hundert vollzogen  hat. So  muß diese Trennung für Herrn Proudhon
       zum ewigen  Gesetz werden, weil er weder ihren Ursprung noch ihre
       Entwicklung kennt.  Er spricht  deshalb in seinem ganzen Buch so,
       als ob dieses Erzeugnis einer bestimmten Produktionsweise bis zum
       Jüngsten Tage fortbestände. Alles, was Herr Proudhon über die Ar-
       beitsteilung vorbringt,  ist bloß  ein Resümee, und dazu noch ein
       sehr oberflächliches,  sehr unvollständiges  Resümee dessen,  was
       Adam Smith und tausend andere vor ihm gesagt haben.
       Die zweite  Evolution sind die  M a s c h i n e n.  Der Zusammen-
       hang zwischen Arbeitsteilung und Maschinen ist bei Herrn Proudhon
       völlig mystisch.  Jede Art der Arbeitsteilung hatte ihre spezifi-
       schen Produktionsinstrumente.  Zum Beispiel  machten die Menschen
       von der  Mitte des  17. bis  zur Mitte des 18. Jahrhunderts nicht
       alles mit  der Hand.  Sie besaßen Instrumente, sogar sehr kompli-
       zierte, wie Werkbänke, Schiffe, Hebel etc. etc.
       Nichts lächerlicher  also, als  die Maschinen  als Folge  aus der
       Arbeitsteilung im allgemeinen hervorgehen zu lassen.
       Ich will nebenbei noch bemerken, daß Herr Proudhon, da er den ge-
       schichtlichen Ursprung  der Maschinen nicht begriffen, noch weni-
       ger ihre Entwicklung verstanden hat. Man kann sagen, daß bis 1825
       - der  Epoche der ersten universellen Krise - die Bedürfnisse der
       Konsumtion im  allgemeinen schneller zunahmen, als die Produktion
       und die  Entwicklung der  Maschinen notgedrungen den Bedürfnissen
       des Marktes  folgten. Seit  1825 ist  die Erfindung und Anwendung
       der Maschinen  nur das Resultat des Krieges zwischen Unternehmern
       und Arbeitern.  Und auch  das gilt  nur für England. Die europäi-
       schen Nationen sind zur Anwendung der Maschinen durch die Konkur-
       renz gezwungen worden, die die Engländer ihnen sowohl auf dem in-
       neren Markt  als auch  auf den  Weltmarkt machten. In Nordamerika
       schließlich war die Einführung der Maschinen die Folge sowohl der
       Konkurrenz mit  den anderen  Völkern  als  auch  des  Mangels  an
       Arbeitskräften, d.h.  des Mißverhältnisses  zwischen der Bevölke-
       rungszahl und  den industriellen  Bedürfnissen Nordamerikas.  Aus
       diesen Tatsachen  können Sie  schließen, welchen  Scharfsinn Herr
       Proudhon entwickelt,  wenn er  das Gespenst  der  Konkurrenz  als
       dritte Evolution, als Antithese der Maschinen, heraufbeschwört!
       Schließlich ist  es überhaupt  wahrhaft absurd, die  M a s c h i-
       n e n   zu einer ökonomischen Kategorie neben der Arbeitsteilung,
       der Konkurrenz, dem Kredit etc. zu machen.
       
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       Die Maschine  ist ebensowenig  eine ökonomische Kategorie wie der
       Ochse, der  den Pflug  zieht. Die gegenwärtige  A n w e n d u n g
       der Maschinen  gehört zu  den Verhältnissen unseres gegenwärtigen
       Wirtschaftssystems, doch  die Art,  wie die  Maschinen ausgenutzt
       werden, ist etwas völlig anderes als die Maschinen selbst. Pulver
       bleibt Pulver,  ob man  sich seiner bedient, um einen Menschen zu
       verletzen oder um die Wunden des Verletzten zu heilen.
       Herr Proudhon übertrifft sich selbst, wenn er in seinem Kopfe die
       Konkurrenz, das  Monopol, die  Steuer oder  die Polizei, die Han-
       delsbilanz, den Kredit, das Eigentum in der hier angeführten Rei-
       henfolge entstehen  läßt. Fast  das ganze Kreditwesen war in Eng-
       land zu  Anfang des  18. Jahrhunderts vor Erfindung der Maschinen
       entwickelt. Der  Staatskredit war bloß eine neue Art, die Steuern
       zu erhöhen  und die  durch den  Herrschaftsantritt der Bourgeois-
       klasse  geschaffenen   neuen  Bedürfnisse   zu  befriedigen.  Das
       E i g e n t u m   bildet schließlich  die letzte Kategorie im Sy-
       stem des  Herrn Proudhon. In der realen Welt dagegen sind die Ar-
       beitsteilung und  alle übrigen  Kategorien des Herrn Proudhon ge-
       sellschaftliche Beziehungen, deren Gesamtheit das bildet, was man
       heute das   E i g e n t u m   nennt: außerhalb dieser Beziehungen
       ist das  bürgerliche Eigentum  nichts als eine metaphysische oder
       juristische Illusion.  Das Eigentum  einer  anderen  Epoche,  das
       Feudaleigentum, entwickelt  sich unter ganz anderen gesellschaft-
       lichen Beziehungen.  Wenn Herr  Proudhon das  Eigentum  als  eine
       selbständige Beziehung  darstellt, begeht  er mehr  als nur einen
       Fehler der Methode: er beweist klar, daß er nicht das Band erfaßt
       hat, das  alle Formen  der   b ü r g e r l i c h e n   Produktion
       verknüpft, daß  er den   h i s t o r i s c h e n   und   v o r ü-
       b e r g e h e n d e n   Charakter der  Produktionsformen in einer
       bestimmten Epoche  nicht begriffen hat. Herr Proudhon, der in un-
       seren  gesellschaftlichen   Einrichtungen  nicht   Produkte   der
       Geschichte erblickt,  der weder ihren Ursprung noch ihre Entwick-
       lung versteht, kann an ihnen nur dogmatische Kritik üben.
       So ist Herr Proudhon auch gezwungen, zu einer  F i k t i o n  Zu-
       flucht zu  nehmen, um die Entwicklung zu erklären. Er bildet sich
       ein, die  Arbeitsteilung, der  Kredit, die  Maschinen etc., alles
       sei erfunden  worden, um  seiner fixen Idee, der Idee der Gleich-
       heit, zu dienen. Seine Erklärung ist von köstlicher Naivität. Man
       hat diese  Dinge eigens  für die Gleichheit erfunden, doch leider
       haben sie  sich gegen die Gleichheit gekehrt. Das ist sein ganzes
       Räsonnement. Das  heißt, er  geht von einer willkürlichen Annahme
       aus, und  da die wirkliche Entwicklung und seine Fiktion einander
       auf Schritt und Tritt widersprechen, schließt er daraus, daß hier
       ein Widerspruch bestehe. Er verhehlt dabei, daß es nur ein Wider-
       spruch zwischen  seinen fixen  Ideen und  der wirklichen Bewegung
       ist.
       
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       So hat  Herr Proudhon,  hauptsächlich aus  Mangel an historischen
       Kenntnissen, nicht bemerkt: daß die Menschen, indem sie ihre Pro-
       duktivkräfte entwickeln,  d.h., indem  sie leben,  bestimmte Ver-
       hältnisse zueinander  entwickeln, und daß die Art dieser Verhält-
       nisse sich  mit der  Wandlung und  dem Wachstum dieser Produktiv-
       kräfte  notwendig  verändert.  Er  hat  nicht  gesehen,  daß  die
       ö k o n o m i s c h e n  K a t e g o r i e n  nur  A b s t r a k-
       t i o n e n   dieser realen  Verhältnisse, daß  sie  nur  solange
       Wahrheiten sind,  wie diese Verhältnisse bestehen. So verfällt er
       in  den   Irrtum  der   bürgerlichen  Ökonomen,   die  in  diesen
       ökonomischen Kategorien ewige Gesetze sehen und nicht historische
       Gesetze, die  nur für eine bestimmte historische Entwicklung, für
       eine bestimmte  Entwicklung  der  Produktivkräfte  gelten.  Statt
       daher die politisch-ökonomischen Kategorien als Abstraktionen von
       den wirklichen,  vorübergehenden, historischen gesellschaftlichen
       Beziehungen anzusehen,  sieht Herr Proudhon, infolge einer mysti-
       schen Umkehrung,  in den  wirklichen Verhältnissen  nur Verkörpe-
       rungen dieser  Abstraktionen.  Diese  Abstraktionen  selbst  sind
       Formeln, die  seit Anbeginn  der Welt  im Schöße  Gottvaters  ge-
       schlummert haben.
       Hier jedoch  wird der  gute Herr  Proudhon von  heftigen Geistes-
       krämpfen befallen. Wenn alle diese ökonomischen Kategorien Emana-
       tionen des  göttlichen Herzens, wenn sie das verborgene und ewige
       Leben der  Menschen sind, wie kommt es dann, erstens, daß es eine
       Entwicklung gibt, und zweitens, daß Herr Proudhon nicht Konserva-
       tiver ist  ? Er  erklärt diese  offenbaren Widersprüche durch ein
       ganzes System des Antagonismus.
       Greifen wir, um dieses System des Antagonismus zu beleuchten, ein
       Beispiel heraus.
       Das  M o n o p o l  ist gut, denn es ist eine ökonomische Katego-
       rie, also eine Emanation Gottes. Die Konkurrenz ist gut, denn sie
       ist ebenfalls eine ökonomische Kategorie. Was aber nicht gut, ist
       die Realität  des Monopols  und  die  der  Konkurrenz.  Was  noch
       schlimmer, ist,  daß Monopol und Konkurrenz sich gegenseitig auf-
       fressen. Was tun? Da diese beiden ewigen Gedanken Gottes einander
       widersprechen, scheint  es ihm offensichtlich, daß im Schöße Got-
       tes auch  eine Synthese  dieser beiden Gedanken vorhanden ist, in
       der die  Übel des Monopols durch die Konkurrenz ausgeglichen wer-
       den und  vice versa.  Der Kampf zwischen den beiden Ideen wird im
       Endresultat nur  die gute Seite hervortreten lassen. Man muß Gott
       diesen geheimen  Gedanken entreißen, ihn sodann anwenden, und al-
       les ist  in schönster  Ordnung. Es gilt, die in der Nacht der un-
       persönlichen Vernunft  der Menschheit  verborgene Formel der Syn-
       these zu offenbaren. Herr Proudhon zögert keinen Augenblick, sich
       zum Offenbarer zu machen.
       
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       Aber betrachten  Sie einen  Augenblick das  wirkliche  Leben.  Im
       ökonomischen Leben  unserer Zeit finden Sie nicht nur die Konkur-
       renz und  das Monopol, sondern auch ihre Synthese, die nicht eine
       F o r m e l,  sondern eine  B e w e g u n g  ist. Das Monopol er-
       zeugt die  Konkurrenz, die  Konkurrenz erzeugt das Monopol. Diese
       Gleichung beseitigt jedoch keineswegs die Schwierigkeiten der ge-
       genwärtigen Lage, wie die bürgerlichen Ökonomen sich das vorstel-
       len, sondern  läßt nur  eine noch  schwierigere und  verworrenere
       Lage entstehen.  Wenn Sie  also die Basis verändern, auf die sich
       die gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse gründen, wenn Sie die
       heutige Produktionsweise vernichten, vernichten Sie nicht nur die
       Konkurrenz, das Monopol und ihren Antagonismus, sondern auch ihre
       Einheit, ihre  Synthese, die  Bewegung, die  den wirklichen  Aus-
       gleich von Konkurrenz und Monopol darstellt.
       Nun will  ich Ihnen  ein Beispiel  von der  Dialektik  des  Herrn
       Proudhon vorführen.
       Die   F r e i h e i t   und die   S k l a v e r e i  bilden einen
       Antagonismus. Ich  brauche weder  von  den  guten  noch  von  den
       schlechten Seiten der Freiheit zu sprechen. Was die Sklaverei be-
       trifft, so brauche ich nicht von ihren schlechten Seiten zu spre-
       chen. Das einzige, das erklärt werden muß, ist die gute Seite der
       Sklaverei. Es  handelt sich nicht um die indirekte Sklaverei, die
       Sklaverei des  Proletariers; es handelt sich um die direkte Skla-
       verei, die  Sklaverei der  Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in
       den Südstaaten Nordamerikas.
       Die direkte  Sklaverei ist  der Angelpunkt unserer heutigen Indu-
       strie ebenso  wie die  Maschinen, der  Kredit etc. Ohne Sklaverei
       keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die
       Sklaverei hat  den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien
       haben den  Welthandel geschaffen,  der Welthandel ist die notwen-
       dige Bedingung  der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn
       auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr we-
       nige Produkte  und änderten  das Antlitz der Welt nicht merklich.
       Mithin ist  die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von höchster
       Bedeutung. Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrit-
       tenste Land,  sich in  ein patriarchalisches Land verwandeln. Man
       streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie,
       den völligen  Verfall des  Handels und der modernen Zivilisation.
       Doch die  Sklaverei verschwinden  lassen, hieße  Amerika von  der
       Weltkarte streichen.  So findet  sich denn auch die Sklaverei, da
       sie eine ökonomische Kategorie St, seit Anbeginn der Welt bei al-
       len Völkern.  Die modernen  Völker haben  die Sklaverei  in ihren
       Ländern lediglich  zu maskieren  und sie  offen in der Neuen Welt
       einzuführen gewußt. Was soll nun der gute Herr Proudhon
       
       #459# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
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       nach diesen Reflexionen über die Sklaverei anfangen? Er sucht die
       Synthese von  Freiheit und Sklaverei, das wahre juste-milieu, mit
       anderen Worten:  das Gleichgewicht  zwischen Sklaverei  und Frei-
       heit.
       Herr Proudhon  hat sehr  gut begriffen,  daß die  Menschen  Tuch,
       Leinwand, Seidenstoffe  herstellen -  wahrlich  ein  großes  Ver-
       dienst, eine solche Kleinigkeit begriffen zu haben! Nicht begrif-
       fen hat  Herr Proudhon  dagegen, daß  die Menschen  je nach ihren
       Produktivkräften auch  die    g e s e l l s c h a f t l i c h e n
       B e z i e h u n g e n   produzieren, in  denen sie Tuch und Lein-
       wand produzieren.  Noch weniger  hat Herr Proudhon begriffen, daß
       die Menschen,  die entsprechend  ihrer materiellen  Produktivität
       [productivité matérielle] die gesellschaftlichen Beziehungen pro-
       duzieren, auch  die   I d e e n,  die  K a t e g o r i e n,  d.h.
       den abstrakten,  ideellen Ausdruck eben dieser gesellschaftlichen
       Beziehungen produzieren.  Die Kategorien  sind also  genausowenig
       ewig wie  die Beziehungen,  die sie ausdrücken. Sie sind histori-
       sche und vorübergehende Produkte. Für Herrn Proudhon sind ganz im
       Gegenteil die  Abstraktionen, die Kategorien die primäre Ursache.
       Nach ihm produzieren sie, und nicht die Menschen, die Geschichte.
       D i e   A b s t r a k t i o n,   d i e   K a t e g o r i e  a l s
       s o l c h e,  d.h. losgelöst von den Menschen und ihrer materiel-
       len Tätigkeit,  ist natürlich  unsterblich, unveränderlich, unbe-
       weglich; sie ist nur ein Wesen der reinen Vernunft, was lediglich
       besagen will,  daß die Abstraktion als solche abstrakt ist - eine
       prächtige  T a u t o l o g i e!
       So sind denn die ökonomischen Beziehungen, als Kategorie betrach-
       tet, für  Herrn Proudhon  ewige Formeln,  die weder Ursprung noch
       Fortschritt kennen.
       Sagen wir  es auf andere Weise: Herr Proudhon behauptet nicht di-
       rekt, daß  das   b ü r g e r l i c h e   L e b e n   für ihn eine
       e w i g e   W a h r h e i t   sei. Er  sagt es indirekt, indem er
       die Kategorien vergöttlicht, die die bürgerlichen Verhältnisse in
       der Form  des Gedankens ausdrücken. Er hält die Produkte der bür-
       gerlichen Gesellschaft für spontan entstandene, mit eigenem Leben
       ausgestattete ewige  Wesen, da sie sich ihm in der Form von Kate-
       gorien, in  der Form  des Gedankens darstellen. So kommt er nicht
       über den bürgerlichen Horizont hinaus. Da er mit bürgerlichen Ge-
       danken derart  operiert, als  wenn sie  ewig wahr wären, sucht er
       die Synthese dieser Gedanken, ihr Gleichgewicht, und sieht nicht,
       daß die Art und Weise, wie sie sich gegenwärtig das Gleichgewicht
       halten, die einzig mögliche ist.
       In Wirklichkeit  tut er,  was alle guten Bourgeois tun. Sie sagen
       alle, daß  die Konkurrenz,  das Monopol etc. im Prinzip, d.h. als
       abstrakte Gedanken, die alleinigen Grundlagen des Lebens sind, in
       der Praxis aber viel zu wünschen lassen. Sie wollen alle die Kon-
       kurrenz ohne die unheilvollen Folgen
       
       #460# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
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       der Konkurrenz.  Sie wollen alle das Unmögliche, d.h. bürgerliche
       Lebensbedingungen ohne die notwendigen Konsequenzen dieser Bedin-
       gungen. Sie  alle verstehen  nicht, daß  die bürgerliche Form der
       Produktion eine  historische und  vorübergehende ist, genauso wie
       es die  feudale Form  war. Dieser  Irrtum stammt  daher, daß  der
       Bourgeois-Mensch für  sie die einzig mögliche Grundlage aller Ge-
       sellschaft ist,  daß sie  sich keine  Gesellschaftsordnung denken
       können, in der der Mensch aufgehört hätte, Bourgeois zu sein.
       Herr Proudhon  ist also notwendig  d o k t r i n ä r.  Die histo-
       rische Bewegung,  die die  Welt von  heute umwälzt, löst sich für
       ihn in  das Problem auf, das richtige Gleichgewicht, die Synthese
       zweier bürgerlicher  Gedanken zu  entdecken. So  entdeckt der ge-
       witzte Bursche  vermöge seines Scharfsinns den verborgenen Gedan-
       ken Gottes,  die Einheit  der zwei  isolierten Gedanken,  die nur
       deswegen zwei isolierte Gedanken sind, weil Herr Proudhon sie vom
       praktischen Leben isoliert hat, von der gegenwärtigen Produktion,
       welche die  Kombination der von diesen Gedanken ausgedrückten Re-
       alitäten ist. An die Stelle der großen historischen Bewegung, die
       aus dem Konflikt zwischen den bereits erworbenen Produktivkräften
       der Menschen  und ihren  gesellschaftlichen Verhältnissen hervor-
       geht, die  diesen Produktivkräften nicht mehr entsprechen; an die
       Stelle der  furchtbaren Kriege,  die sich  zwischen den verschie-
       denen Klassen  einer Nation,  zwischen den verschiedenen Nationen
       vorbereiten; an die Stelle der praktischen und gewaltsamen Aktion
       der Massen,  die allein  die Lösung  dieser  Kollisionen  bringen
       kann: an die Stelle dieser umfassenden, fortgesetzten und kompli-
       zierten Bewegung  setzt Herr Proudhon die Entleerungsbewegung [le
       mouvement cacadauphin]  seines Kopfes.  Die Gelehrten  also,  die
       Menschen, die Gott seine intimen Gedanken zu entreißen verstehen,
       machen die Geschichte. Das niedere Volk hat bloß ihre Offenbarun-
       gen anzuwenden.
       Sie verstehen jetzt, warum Herr Proudhon der erklärte Feind jeder
       politischen Bewegung  ist. Die  Lösung der gegenwärtigen Probleme
       liegt für  ihn nicht  in der  öffentlichen Aktion, sondern in den
       dialektischen Kreisbewegungen innerhalb seines Kopfes. Da für ihn
       die Kategorien  die treibenden Kräfte sind, braucht man nicht das
       praktische Leben  zu ändern, um die Kategorien zu ändern. Ganz im
       Gegenteil: Man  muß die Kategorien ändern, und das wird die Ände-
       rung der wirklichen Gesellschaft zur Folge haben.
       Von dem  Wunsch beseelt,  die Widersprüche  zu versöhnen,  stellt
       sich Herr  Proudhon nicht  einmal die  Frage, ob nicht eigentlich
       die  Grundlage  dieser  Widersprüche  umgewälzt  werden  muß.  Er
       gleicht in  allem dem doktrinären Politiker, der im König, in der
       Deputierten- und Pairskammer
       #461# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
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       integrierende Bestandteile  des gesellschaftlichen  Lebens, ewige
       Kategorien sehen  will. Nur  sucht er nach einer neuen Formel, um
       das Gleichgewicht dieser Mächte herzustellen, deren Gleichgewicht
       gerade auf  der gegenwärtigen  Bewegung beruht,  wo  eine  dieser
       Mächte bald  der Sieger,  bald der Sklave der anderen ist. So war
       im 18.  Jahrhundert eine Menge mittelmäßiger Köpfe damit beschäf-
       tigt, die  einzig richtige  Formel zu  finden,  um  die  sozialen
       Stände, den  Adel, den  König, die  Parlamente etc. ins Gleichge-
       wicht zu bringen, und über Nacht war alles - König, Parlament und
       Adel - verschwunden. Das richtige Gleichgewicht in diesem Antago-
       nismus war  die Umwälzung  aller gesellschaftlichen  Beziehungen,
       die diesen  Feudalgebilden und  ihrem Antagonismus  als Grundlage
       dienten.
       Da Herr Proudhon auf die eine Seite die ewigen Ideen, die Katego-
       rien der  reinen Vernunft  setzt, auf die andere die Menschen und
       ihr praktisches  Leben, das nach ihm die Anwendung dieser Katego-
       rien ist,  finden Sie  bei ihm  von Anfang an einen  D u a l i s-
       m u s  zwischen dem Leben und den Ideen, der Seele und dem Körper
       - einen  Dualismus, der  in vielen  Formen wiederkehrt. Sie sehen
       jetzt,  daß  dieser  Antagonismus  nichts  anderes  ist  als  die
       Unfähigkeit des  Herrn Proudhon,  den irdischen  Ursprung und die
       profane  Geschichte  der  Kategorien,  die  er  vergöttlicht,  zu
       begreifen.
       Mein Brief  ist bereits zu lang, als daß ich noch auf den lächer-
       lichen Prozeß  zu sprechen  kommen könnte,  den Herr Proudhon dem
       Kommunismus macht. Vorderhand werden Sie zugeben, daß ein Mensch,
       der die  gegenwärtige Gesellschaftsordnung  nicht begriffen  hat,
       noch weniger  imstande ist,  die Bewegung, die sie umwälzen will,
       und den  literarischen Ausdruck dieser revolutionären Bewegung zu
       begreifen.
       Der   e i n z i g e   P u n k t,   in dem  ich mit Herrn Proudhon
       vollständig einverstanden  bin, ist sein Widerwille gegen die so-
       zialistische Gefühlsduselei.  Ich habe mich bereits vor ihm durch
       meine Persiflage  des schafsköpfigen,  sentimentalen,  utopischen
       Sozialismus sehr unbeliebt gemacht. Aber macht sich Herr Proudhon
       nicht sonderbare  Illusionen, wenn er seine kleinbürgerliche Sen-
       timentalität, ich meine seine Salbadereien über das häusliche Le-
       ben, die  Gattenliebe und  all diese Banalitäten, der sozialisti-
       schen Sentimentalität gegenüberstellt, die, zum Beispiel bei Fou-
       rier, viel  tiefer ist  als die  anmaßenden  Plattheiten  unseres
       guten Proudhon? Er empfindet die Nichtigkeit seiner Beweisgründe,
       seine völlige  Unfähigkeit, von diesen Dingen zu sprechen, selber
       so gut, daß er hemmungslos in Wut und Geschrei, in die irae homi-
       nis probi 2*) ausbricht, daß er schäumt, flucht,
       -----
       2*) den Zorn des rechtschaffnen Mannes
       
       #462# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
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       denunziert, daß  er Niedertracht! Zeter und Mordio! schreit, sich
       an die  Brust schlägt  und sich  vor Gott und den Menschen rühmt,
       nichts mit den sozialistischen Niederträchtigkeiten zu tun zu ha-
       ben! Er  kritisiert nicht  die sozialistischen  Sentimentalitäten
       oder das,  was er  für Sentimentalitäten  hält. Er exkommuniziert
       als Heiliger,  als Papst  die armen Sünder und singt Ruhmeshymnen
       auf das Kleinbürgertum und die elenden, patriarchalischen Liebes-
       illusionen des  trauten Heims.  Und das ist durchaus kein Zufall.
       Herr Proudhon  ist von  Kopf bis Fuß Philosoph, Ökonom des Klein-
       bürgertums. In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den
       Zwang seiner  Lage wird  d e r  K l e i n b ü r g e r  einesteils
       Sozialist, anderenteils  Ökonom, d.h.,  er ist  geblendet von der
       Herrlichkeit der  großen Bourgeoisie  und hat  Mitgefühl für  die
       Leiden des  Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im Inner-
       sten seines  Gewissens schmeichelt er sich, unparteiisch zu sein,
       das rechte  Gleichgewicht gefunden zu haben, das den Anspruch er-
       hebt, etwas anderes zu sein als das rechte juste-milieu. Ein sol-
       cher Kleinbürger  vergöttlicht den   W i d e r s p r u c h,  weil
       der Widerspruch  der Kern  seines Wesens  ist. Er selber ist bloß
       der soziale  Widerspruch in  Aktion. Er  muß  durch  die  Theorie
       rechtfertigen, was  er in  der Praxis  ist, und Herr Proudhon hat
       das Verdienst,  der wissenschaftliche Interpret des französischen
       Kleinbürgertums zu sein, was ein wirkliches Verdienst ist, da das
       Kleinbürgertum ein  integrierender Bestandteil  aller sich vorbe-
       reitenden sozialen Revolutionen sein wird.
       Ich hätte  Ihnen gern mit diesem Brief mein Buch über die politi-
       sche Ökonomie geschickt [6], aber bisher ist es mir nicht möglich
       gewesen, dieses  Werk und die Kritik an den deutschen Philosophen
       und Sozialisten,  von der  ich Ihnen in Brüssel erzählte, drucken
       zu lassen.  Sie können  sich nicht vorstellen, auf welche Schwie-
       rigkeiten eine  solche Veröffentlichung in Deutschland stößt, ei-
       nesteils von Seiten der Polizei, anderenteils von Seiten der Ver-
       leger, die  ja selbst  die interessierten Vertreter all der Rich-
       tungen sind,  die ich  angreife. Und was unsere eigene Partei be-
       trifft, so  ist sie nicht nur arm, sondern eine starke Gruppe in-
       nerhalb der  deutschen kommunistischen  Partei nimmt es mir übel,
       daß ich mich ihren Utopien und Deklamationen widersetze.
       Ganz der Ihre Karl Marx
       PS. Sie  werden fragen, warum ich in schlechtem Französisch statt
       in gutem  Deutsch an  Sie schreibe?  Weil ich mit einem französi-
       schen Autor zu tun habe.
       
       #463# 31 - Marx an Pawel W. Annenkow - 28. Dezember 1846
       -----
       Ich wäre  Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mit Ihrer Antwort nicht zu
       lange warteten,  damit ich  weiß, ob  Sie mich unter dieser Hülle
       eines barbarischen Französisch verstanden haben.
       Nach: M. M. ??????????? ? ???
       ???????????? ?? ??? ?????????
       ???? III, ???. 1912
       
       Aus dem Französischen.

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