Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#466# 34 - Marx an Georg Herwegh - 8. August 1847
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Marx an Georg Herwegh
in Paris [370]
Bruxelles, 8ten August [1847]
Lieber Herwegh!
Ich beeile mich, Dir den Empfang Deines Briefs anzuzeigen. Ich
habe daraus nur ersehn, was ich im voraus wußte, daß das Ganze
erbärmlicher Tratsch sei. Ich wünschte nur die paar Zeilen von
Dir, um dem Engels schwarz auf weiß zeigen zu können, welcher Na-
tur der Pariser kleinbürgerliche deutsche Klatsch ist. Ich ver-
sichre Dir, daß, seit meiner Entfernung aus Paris und trotz aller
meiner Vorsichtsmaßregeln, mich unfindbar und unzugänglich zu ma-
chen, diese alten Weiber mich stets mit dergleichen Lappalien
verfolgt haben. Nur durch die äußerste Grobheit kann man sich
diese Narren vom Leib halten.
Ich bedaure nur, daß ich Dich in Deiner Ermitage mit diesem Zeug
behelligt habe. - Charakteristisch bleibt es für diese alten Wei-
ber, daß sie jeden wirklichen Parteikampf vertuschen und verzuc-
kern möchten, dagegen den alten deutschen Klatsch und Aufhetzerei
für revolutionäre Tätigkeit versehn. Les malheureux! 1*) Hier in
Brüssel haben wir wenigstens diese misère nicht.
Die hiesige preußische Gesandtschaft hat aufmerksam den Bornstedt
verfolgt und beobachtet, um ihn auf irgendeiner Sünde zu ertap-
pen. Endlich ist es ihr gelungen. Sie hat ihn denunziert und ihm
3 Prozesse auf den Hals gebracht: 1. einen fiskalischen, wegen
einer Kontravention gegen das Stempelgesetz, 2. einen politi-
schen, weil er gesagt habe in seinem Blatt 2*), Louis-Philippe
müsse totgeschlagen werden, 3. einen Kalumnieprozeß von einem
belgischen Grande, Herrn Osy, den B[ornstedt] des Kornwuchers,
und mit Recht, beschuldigt hat.
Alle 3 Prozesse haben hier nichts auf sich, und ihr sicherster
Erfolg ist, die ohnehin wenig geachtete preußische Gesandtschaft
lächerlich zu machen. Was geht sie Louis-Philippe, Osy und das
belgische Stempelgesetz an?
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1*) Die Armseligen! - 2*) "Deutsche-Brüsseler-Zeitung"
#467# 34 - Marx an Georg Herwegh - 8. August 1847
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Der Instruktionsrichter selbst erklärte, alle diese Prozesse
seien pour le roi de Prusse 3*). Dagegen droht der "Brüsseler-
Zeitung" - die trotz ihrer vielen Schwächen immer einiges Ver-
dienstliche hat und namentlich jetzt hätte besser werden können,
nachdem B[ornstedt] sich zu allem Möglichen uns gegenüber bereit
erklärt hat - ein plötzlicher pekuniärer Untergang. Wie haben
sich die edlen Teutschen in dieser Geschichte benommen? Die Buch-
händler haben den B[ornstedt] b e t r o g e n, weil er sie
nicht gerichtlich verfolgen kann. Die Opposition aller Nuancen,
statt das Geringste, sei es literarisch oder pekuniär, zu tun,
fand es bequemer, an dem Namen Bornstedt Anstoß zu finden. Und
wird es jemals diesen Leuten an Vorwänden fehlen, nichts zu tun?
Das eine Mal taugt der Mann nicht, ein andermal die Frau, ein an-
dermal die Tendenz, ein andermal der Stil, ein andermal das For-
mat, oder auch die Verbreitung ist mit mehr oder weniger Gefahr
verbunden usw. usw. Die gebratnen Tauben sollen den Herrn in das
Maul fliegen. Wenn es nur e i n zensurfreies Oppositionsblatt
gibt, an [dem] die Regierung großen Anstoß nimmt, dessen Redak-
teur durch die Konsequenz des Unternehmens selbst zu allem Pro-
gressiven sich willfährig zeigt, wäre da nicht vor allem diese
Gelegenheit auszubeuten, und wenn man das Blatt nicht genügend
findet, es genügend zu machen! Aber nein, unsre Deutschen haben
immer 1000 Weisheitssprüche in petto, um zu zeigen, warum sie die
Gelegenheit ungenutzt vorübergehen lassen müssen. Eine Gelegen-
heit, etwas zu tun, bringt sie nur in Verlegenheit.
Mit meinen Manuskripten geht es auch ungefähr wie mit der
"Brüsseler-Zeitung", und dabei schreiben mir die Esel einen Tag
über den andern, warum ich nichts drucken lasse und werfen mir
sogar vor, lieber französische als gar nicht geschrieben zu ha-
ben. Man wird noch lang dafür büßen müssen, daß man als Teutone
geboren ist.
Leb wohl. Grüß Deine Frau und Dich herzlich von meiner Frau und
mir.
Du wirst in Paris noch nachträglich ein Druckfehlerregister zu
meinem französischen Wisch 4*) finden. Einzelne Passus sind ohne
das unverständlich.
Sobald Du einmal eine freie Stunde hast und nichts Besseres zu
tun, schreib Deinem
Marx
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3*) (hier in übertragenem Sinne:) für nichts und wieder nichts -
4*) "Misère de la philosophie"
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