Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#47# 10 - Engels an Marx - 18. September 1846
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Engels an Marx
in Brüssel
Lieber Marx,
Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind
mir in den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst
schrieb. Diesmal macht es nichts, daß die andern den Dreck mitle-
sen.
Die Auszüge aus F[euerbach] zu machen, habe ich mich aus einem
gewissen Grauen bisher nicht entschließen können. Hier in Paris
kommt einem das Zeug vollends laff vor. Ich hab' das Buch [53]
aber jetzt im Hause und setze mich ehestens dran. Der süße Kohl
Weyd[emeyer]s ist rührend. Der Kerl erklärt erst, ein Manifest
abfassen zu wollen, worin er uns für Lumpen erklärt, und wünscht
dann, das möge keine persönlichen Differenzen absetzen. So was
ist selbst in Deutschland nur an der hannoversch-preußischen
Grenze möglich. Daß Dein Geldpech noch immer anhält, ist schänd-
lich. Ich weiß für unsre Manuskripte 1*) keinen Verleger außer
Leske, den man während der Unterhandlung über die Kritik seines
Verlags in Unwissenheit halten müßte. Löwenth[al] nimmt's gewiß
nicht, er hat dem B[ernay]s eine s e h r g u t e Spekulation
(das Leben des hiesigen Alten, in 2 Bänden, den I. gleich zu
drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu expedieren, den II.
dann gleich folgen zu lassen) unter allerlei lausigen Vorwänden
abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt, er könne aus Frankfurt
geschaßt werden. B[ernay]s hat Aussicht, bei Brockhaus unterzu-
kommen, der natürlich glaubt, das Buch werde bourgeoismäßig abge-
faßt. - Haben die Westfalen [31] die Manuskripte an D[aniel]s ge-
schickt? [54] - Hast Du von dem Kölner Projekte etwas Näheres ge-
hört? wovon Heß schrieb [55], Du weißt. - Gottvoll ist aber vor
allem der Lüningsche Kohl. Man sieht den Kerl leibhaftig vor
sich, wie er einen biedermännischen Schiß in die Hosen riskiert.
Wenn wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so erklärt der Edle das
für eine "S e l b s t kritik". [56] Es wird diesen Kerls aber
bald widerfahren, was geschrieben steht: "Und wenn er keinen Hin-
tern hat, wo will der Edle sitzen?" [57] Und Westfalen scheint
allmählich zu merken, daß es keinen Hintern hat, oder,
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1*) "Die deutsche Ideologie"
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um mit Mose zu sprechen, keine "materielle Basis" für seinen
Kommunismus.
Der Püttmann hat, was m i c h angeht, so unrecht nicht gehabt,
zu sagen, die Brüsseler arbeiteten mit am "Prometheus". Höre, wie
fein das Schindluder das angefangen hat. Da ich auch Geld
brauchte, schrieb ich ihm, er solle endlich mit dem mir seit Jahr
und Tag schuldigen Honorar herausrücken. Der Kerl antwortet, was
das Honorar für den einen Aufsatz 2*) angehe, den er im
"Bürgerbuch" abgedruckt, so habe er Leske beauftragt, mir das zu
zahlen (ist natürlich noch nicht da), was aber das für den andern
Aufsatz 3*), in dem 2. "Rheinischen Jahrbuch" betreffe, so - habe
Er das zwar schon vom Verleger erhalten, aber da die deutschen
soi-disant 4*) Kommunisten Ihn, den großen P, mit seinem andern
großen P, dem "Prometheus", aufs schändlichste im Stich gelassen
hätten, so - sei Er, P No. 1, genötigt gewesen, die Honorare
(worunter auch welches für E[werbec]k pp.) zum Druck von P No. 2
zu verwenden, und werde uns selbiges erst nach x Wochen gezahlt
werden können!! Schöne Kerls, wenn man ihnen kein Manuskript
gibt, so machen sie main basse 5*) aufs Geld. So wird man Mit-
arbeiter und Aktionär am "Prometheus".
Die Londoner Adresse [58] hab' ich gestern abend hier bei den Ar-
beitern bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an das
"Volk", d.h. die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Hol-
stein, wo nichts wie plattdeutsche Bauerlümmel und zünftige
Straubinger [47] herumstrolchen. Haben von den Engländern gerade
den Unsinn, die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden
Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzufas-
sen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen sie, daß das
in ihrem Sinn gar nicht dort existierende "Volk" sie ignorieren,
sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht dran, daß
die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der ziemlich
überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten im Zusam-
menhang stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois (die ebensogut
durch free-trade-Phrasen ersetzt werden könnten) könnte die free-
trade press 6*) von London, die Schleswig-Holstein nicht im Zoll-
verein sehen will, das Ding erlassen haben.
Daß der Julius im preußischen Solde steht und für Rother
schreibt, stand schon in deutschen Zeitungen angedeutet. Bour-
geois 7*), der ja so entzückt von seinen edlen Werken war, wie
d'E[ster] erzählte, wird sich freuen,
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2*) "Beschreibung der in neuerer Zeit entstandenen und noch be-
stehenden kommunistischen Ansiedlungen" - 3*) "Das Fest der Na-
tionen in London" - 4*) sogenannten - 5*) die Hand ... legen -
6*) Freihandelspresse - 7*) Heinrich Bürgers
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wenn er das hört. - Apropos Schleswig-Holstein; der Kutscher 8*)
hat vorgestern in 3 Zeilen dem E[werbec]k geschrieben, man möge
sich mit Briefen jetzt in acht nehmen, die Dänen erbrächen alles.
Er meint, es könne doch wohl zu den Waffen kommen. Dubito 9*),
aber es ist schön, daß der alte Däne die Schleswig-Holsteiner so
derb zusammenfuchst. [59] Hast Du übrigens das berühmte Gedicht
"Schleswig-Holstein meerumschlungen" im "Rheinischen Beobachter"
gelesen? Es macht etwa folgenden Eindruck, die Worte hab' ich un-
möglich behalten können:
Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Schleswig-Holstein,
stammverwandt,
Schleswig-Holstein, deutscher Zungen, - Schleswig-Holstein,
deutscher Strand!
Schleswig-Holstein, brunstdurchdrungen, Schleswig-Holstein,
glutentbrannt,
Schleswig-Holstein, ernst gerungen, Schleswig-Holstein,
halte Stand!
Schleswig-Holstein, frisch gesungen: "Schleswig-Holstein!
Dän'scher Tand!"
Schleswig-Holstein, bis erklungen: "Schleswig-Holstein",
all durchs Land!
Schleswig-Holstein, starke Lungen, - Schleswig-Holstein,
schwache Hand,
Schleswig-Holstein, dumme Jungen, - Schleswig-Holstein,
Affenschand.
Schleswig-Holstein, stammverwandt; Bleibe treu, mein Vaterland,
schließt dann der Dreck. Es ist ein schauderhaftes Lied, wert von
Dithmarschen gesungen zu werden, die wieder wert sind, von Pütt-
mann b e sungen worden zu sein.
Die Kölner Bourgeois rüffeln sich. Sie haben einen Protest gegen
die Herren Minister erlassen, der für deutsche Bürger das Mögli-
che ist. Der arme Berliner Kanzelredner 10*)! Mit allen Stadträ-
ten seines Reichs liegt er in den Haaren; erst die Berliner theo-
logische Disputation, dann die Breslauer item, jetzt die Kölner
Geschichte. Der Bengel gleicht übrigens auf ein Haar dem Jakob
dem Ersten von England, den er sich wirklich zum Muster genommen
zu haben scheint. Nächstens wird er wohl, wie dieser, auch noch
Hexen verbrennen lassen.
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8*) Georg Weber - 9*) Ich zweifle - 10*) Friedrich Wilhelm IV.
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Dem Proudhon hab' ich im Geschäftsbrief 11*) wirklich himmel-
schreiendes Unrecht getan. Da in diesem letzteren Brief kein
Platz ist, so muß ich's hier redressieren. Ich habe nämlich
geglaubt, er habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb
der Grenzen des Sinns gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und
ausführlich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue
Unsinn wirklich ein g a n z u n b e g r e n z t e r U n-
s i n n ist. Stelle Dir vor: Proletarier sollen kleine Aktien
s p a r e n. Davon wird (unter 10-20 000 Arbeitern fängt man
natürlich gar nicht an) zuerst ein oder mehrere Ateliers in einem
oder mehreren Handwerken errichtet, ein Teil der Aktionäre dort
beschäftigt und die Produkte I. zum Preis des Rohmaterials plus
der Arbeit an die Aktionäre (die so keinen Profit zu zahlen
haben), und 2. der etwaige Überschuß zum laufenden Preise im
Weltmarkt verkauft. Sowie sich das Kapital der Gesellschaft durch
Neuhinzutretende oder durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre
vermehrt, wird es zur Anlage neuer Ateliers und Fabriken ver-
wandt, und so fort, und so fort, bis - a l l e Proletarier
beschäftigt, a l l e im Lande befindlichen Produktivkräfte auf-
gekauft und dadurch die in den Händen der Bourgeois befindlichen
Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit zu kommandieren und
Profit zu bringen! So hebt man dann das Kapital auf, indem man
"eine Instanz findet, wo das Kapital, d.h. das Zinswesen"
(Vergrünung des einigermaßen näher ans Tageslicht gerückten droit
d'aubaine [60] von ehedem) "sozusagen verschwindet". Du wirst in
diesem von Papa Eisermann zahllose Male wiederholten, also von
Grün auswendig gelernten Satze die ursprünglichen Proudhonschen
Floskeln noch deutlich durchschimmern sehen. Die Leute haben
nichts mehr und nichts weniger im Sinn, als einstweilen g a n z
F r a n k r e i c h, später vielleicht auch die übrige Welt,
vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Verzichtung auf den
Profit und die Zinsen ihres Kapitals a u f z u k a u f e n. Ist
so ein famoser Plan je erdacht worden, und ist es nicht ein viel
kürzerer Weg, wenn man einmal einen tour de force 12*) machen
will, lieber gleich aus dem Silber-schein des Mondes Fünffranken-
taler zu prägen. Und die dummen Jungens von Arbeitern hier, die
Deutschen mein' ich, g l a u b e n an den Dreck; sie, die nicht
sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend ihrer Zu-
sammenkünfte zu einem marchand de vin 13*) zu gehen, wollen mit
ihren Ersparnissen toute la belle France 14*) aufkaufen. Roth-
schild und Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen
Akkapareurs. Es ist um die Schwerenot zu kriegen. Der Grün hat
die Kerls so versaut, daß die unsinnigste
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11*) siehe vorl. Band, S. 42/43 - 12*) (hier:) ein Kunststück -
13*) Weinhändler - 14 das ganze schöne Frankreich
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Phrase für sie mehr Sinn hat, als die einfachste, zum ökonomi-
schen Argument vernutzte Tatsache. Daß man gegen solchen barbari-
schen Unsinn noch pauken muß, ist doch niederträchtig. Aber man
muß Geduld haben, und ich lass' die Kerls nicht laufen, bis ich
den Grün aus dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schä-
del geöffnet hab'. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen
Unsinn einsieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der
E[werbec]k hat den Kerls auch den Kopf voll des tollsten Zeugs
gesetzt. Der Kerl ist dir jetzt in einer Konfusion zum Schwanz-
ausreißen, er grenzt von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was
er gestern mit seinen eignen Augen gesehen, Dir heute nicht wie-
dererzählen. Geschweige, was er gehört. Wie sehr der Kerl aber
unter der Fuchtel des Grün gestanden, davon nur dies: als der
Trierer Walthr vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten
hin jammerte, stellte Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar,
der den edelsten und tapfersten Kampf führe usw., und ex-
ploitierte E[werbec]k und die Arbeiter dazu, daß sie eine höchst
pomphafte Adresse an diesen Esel von Walthr aufsetzten und unter-
zeichneten und ihm Dank sagten für seinen Heldenmut im Kampfe für
die Freiheit des Wortes!!!! Der E[werbeck] schämt sich wie ein
Mops und ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist
geschehen, und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paar
W o r t e wieder auszupauken, die er sich selbst mit saurem
Schweiß in den Kopf hineingestiert und den Arbeitern dann mit
ebenso saurem Schweiß eingebleut hat. Denn er versteht nichts,
bis er's nicht auswendig gelernt hat, und dann versteht er's
meist noch falsch. Wenn er nicht den enormen guten Willen hätte
und dabei sonst so ein liebenswürdiger Kerl wäre, was er jetzt
mehr als je ist, so wäre gar nicht mit ihm fertig zu werden. Es
soll mich wundern, wie es mir mit ihm gerät; zuweilen macht er
ganz nette Bemerkungen, gleich drauf aber wieder den größten Un-
sinn - so seine jetzt in Gott ruhenden deutschen Geschichts-
vorträge, bei denen man sich wegen der in jedem Wort befindlichen
Schnitzer und Tollheiten kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber,
wie gesagt, enormer Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdi-
ger Bereitwilligkeit, und ein unverwüstlicher guter Humor und
Selbstironie. Ich mag den Kerl, trotz seines Unsinns, besser lei-
den als je.
Von B[ernay]s ist nicht viel zu sagen. Ich war mehrmals draußen,
er einmal hier. Kommt wahrscheinlich Winter her, fehlt nur an
Geld. Westfalen hat ihm fr. 200 geschickt, ihn zu bestechen; er
nimmt das Geld, läßt sie im übrigen natürlich laufen. Weyd[e-
meyer] hatte ihm das Geld vorher angeboten, er schreibt, er müsse
fr. 2000 haben, sonst könne ihm's nicht nützen, ich sagte ihm,
was die Westfalen antworten würden, sie könnten nichts
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liquid 15*) machen pp. - traf wörtlich ein. Zum Dank behält er
die fr. 200. Er lebt ganz fidel, aus seiner ganzen tragischen Ge-
schichte macht er gegen niemand ein Geheimnis, steht sich ganz
fidel mit den Leuten, lebt wie ein Bauer, arbeitet im Garten,
frißt gut; ich hab' ihn im Verdacht, ein Bauermädel zu
beschlafen, und hat auch aufgehört, mit seinen Leiden Etalage zu
machen. Ist auch dahin gekommen, über die Parteistreitigkeiten
klarere und verständigere Ansichten zu hegen, obwohl er selbst
jedesmal, wenn so etwas vorfällt, etwas Camille Desmoulins
spielen möchte und überhaupt zum Parteimann nicht taugt; wegen
seiner Meinungen über das Recht ist ihm jetzt nicht gut
beizukommen, weil er mit dem Einwurf: Ökonomie, Industrie pp. sei
nicht sein Fach, jedesmal abzubrechen sucht und bei den seltnen
Zusammenkünften keine ordentliche Diskussion zustande kommt; ich
glaube indes schon etwas Bresche geschossen zu haben, und wenn er
herkommt, werd' ich ihm sein Mißverständnis wohl schließlich
nehmen können. - Was machen die Leute dort?
Dein E.
[Paris] 11, rue etc., 18. Sept. 46
Query 16*): Ist die Geschichte mit dem Tolstoi 17*), die
v o l l s t ä n d i g r i c h t i g ist, nicht den Londonern
mitzuteilen? Die Deutschen könnten, falls er bei ihnen seine
Rolle fortspielte, einmal ein paar Polen scheußlich kompromit-
tieren. Wenn sich der Kerl auf Dich beriefe?
Bern[ay]s hat eine Broschüre in der Roth[sc]hildschen Polemik
[61] geschrieben, kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Ta-
gen hier französisch heraus.
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15*) flüssig - 16*) Frage - 17*) siehe vorl. Band, S. 43/44
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