Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#476# 40 - Engels an Emil Blank - 28. März 1848
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Engels an Emil Blank
in London
Lieber Emil
Ich habe heute die vier ersten Hälften der 4 £-5.-Noten erhalten
und bitte um s o f o r t i g e Einsendung der andren Hälften,
da ich so bald wie möglich fort muß. Ich danke Dir sehr für Deine
Bereitwilligkeit, mir in dieser emergency 1*) rasch zu Hülfe zu
kommen. Dein Abonnement für die "Rheinische Zeitung" 2*) ist
einregistriert.
Was die hiesigen Parteien angeht, so sind ihrer eigentlich drei
große, abgerechnet die kleinern (Legitimisten und Bonapartisten,
die bloß intrigieren, bloße Sekten, ohne Einfluß im Volk, teil-
weise reich, aber ohne alle Hoffnung des Siegs). Diese drei sind
erstens die Besiegten des 24.Februar, d.h. die großen Bourgeois,
die Börsenspekulanten, Bankiers, Fabrikanten und großen Kauf-
leute, die alten Konservativen und Liberalen. Zweitens, die
Kleinbürger, der Mittelstand, die Masse der Nationalgarde, die am
23. und 24. Febr. auf die Seite des Volks trat, die "verständigen
Radikalen", die Leute Lamartines und des "National". Drittens,
das Volk, die Pariser Arbeiter, die jetzt Paris mit bewaffneter
Macht besetzt halten.
Die großen Bourgeois und die Arbeiter stehen sich direkt gegen-
über. Die Kleinbürger spielen eine vermittelnde, aber sehr mi-
serable Rolle. Diese letzteren haben aber die Majorität in der
provisorischen Regierung (Lamartine, Marrast, Dupont de l'Eure,
Marie, Garnier-Pagès und zuweilen auch Crémieux). Sie, und mit
ihnen die provisorische Regierung, schwankt sehr. Je ruhiger al-
les wird, desto mehr neigt sich die Regierung und die Kleinbür-
gerpartei der großen Bourgeoisie zu, je unruhiger es wird, desto
mehr schließen sie sich wieder den Arbeitern an. So neulich, wo
die Bourgeois wieder fürchterlich frech geworden waren und sogar
einen Nationalgardistenzug von 8000 Mann nach dem Rathaus unter-
nahmen, um gegen ein Dekret der prov. Regierung und namentlich
gegen energische Maßregeln Ledru-Rollins zu protestieren, gelang
es ihnen wirklich, die Majorität der Regierung und namentlich den
schlappen Lamartine einzuschüchtern, so
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1*) Notlage - 2*) "Neue Rheinische Zeitung"
#477# 40 - Engels an Emil Blank - 28. März 1848
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daß er den Ledru öffentlich desavouierte. Aber den nächsten Tag,
den 17. März, zogen 200 000 Arbeiter aufs Rathaus, erklärten ihr
unbedingtes Vertrauen in Ledru-Rollin und zwangen die Majorität
der Regierung und den Lamartine zu widerrufen. Für den Augenblick
also haben wieder die Leute der "Reforme" (Ledru-Rollin, Flocon,
L. Blanc, Albert, Arago) die Überhand. Sie vertreten von der gan-
zen Regierung noch am meisten die Arbeiter und sind Kommunisten,
ohne es zu wissen. Leider blamiert sich der kleine Louis Blanc
durch seine Eitelkeit und durch seine verrückten Pläne sehr. Er
wird nächstens eine schreckliche Blamage erleben. Aber Ledru-Rol-
lin benimmt sich sehr gut.
Das größte Pech ist, daß die Regierung einerseits den Arbeitern
Versprechungen machen muß und ihnen andrerseits nichts halten
kann, weil sie nicht die Courage hat, durch revolutionäre Maßre-
geln gegen die Bourgeois, starke Progressivsteuern, Erbschafts-
steuern, Konfiskationen des Eigentums aller Auswandernden, Verbot
der Geldausfuhr, Staatsbank pp., sich die dazu nötigen Geldmittel
zu sichern. Man läßt die Leute von der "Réforme" versprechen, und
dann setzt man sie durch höchst abgeschmackte, konservative Be-
schlüsse außerstand, zu halten, was sie versprochen.
In der Nationalversammlung kommt nun noch ein neues Element
hinzu: die Bauern, die 5/7 der französischen Nation ausmachen und
für die Partei des "National", der Kleinbürger, sind. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß diese Partei siegen wird, daß die Leute von
der "Réforme" fallen, und dann gibts wieder eine Revolution. Mög-
lich auch, daß die Deputierten, einmal in Paris, einsehen werden,
wie die Sachen hier stehen, und daß nur die Leute der "Réforme"
auf die Dauer haltbar sind. Dies ist aber nicht wahrscheinlich.
Die Vertagung der Wahlen um 14 Tage ist ebenfalls ein Sieg der
Pariser Arbeiter über die Bourgeoispartei.
Die Leute vom "National", Marrast und Konsorten, machen sich auch
sonst sehr schlecht. Sie leben flott und besorgen ihren Freunden
Paläste und gute Stellen. Die von der "Réforme" sind ganz anders.
Ich war ein paarmal beim alten Flocon, der Kerl wohnt wie früher
in einer schlechten Wohnung auf dem fünften Stock, raucht or-
dinären Knäller in einer alten irdnen Pfeife und hat sich nur
einen neuen Schlafrock gekauft. Sonst ganz so republikanisch in
seiner Lebensweise, als da er noch Redakteur der "Réforme" war,
auch ebenso freundschaftlich, kordial und offenherzig. Er ist ei-
ner der bravsten Kerls, die ich kenne.
Neulich hab' ich in den Tuilerien in den Zimmern des Pr[inzen]
von Joinville zu Mittag gegessen mit dem alten Imbert, der in
Brüssel réfugié 3*)
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3*) Flüchtling
#478# 40 - Engels an Emil Blank - 28. März 1848
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war und jetzt Gouverneur der Tuilerien ist. In den Gemächern
Louis-Phil[ippes] liegen jetzt die Verwundeten auf den Teppichen
und rauchen Mutzpfeifen. Im Thronsaal sind die Bilder von Soult
und Bugeaud heruntergerissen und zerfetzt und das von Grouchy
zerschnitten.
Soeben geht unter Musik der Marseillaise der Leichenzug eines an
seinen Wunden gestorbnen Arbeiters vorbei. 10 000 Mann National-
garden und bewaffnetes Volk wenigstens begleiten ihn, und die
jungen Stutzer von der Chaussée d'Antin müssen als berittne Na-
tionalgardisten den Zug begleiten. Die Bourgeois schäumen dar-
über, daß man einem Arbeiter so die letzten Ehren erweist.
Dein F. E.
Paris, 28. März 1848
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