Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#486# 47 - Engels an den Verein zu Vivis - um den 25. Dez. 1848
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Engels an den Verein zu Vivis im Namen der Zentralkommission der
deutschen Vereine der Schweiz [378]
An den Verein zu Vivis
Freunde, Brüder,
Es liegt uns, der vom Kongreß festgesetzten Zentralkommission,
Euer Brief vom 7. Dezember zur Beantwortung vor. [379] Da der
Kongreß nunmehr die Grundlagen zu einer Vereinigung der ver-
schiednen Vereine festgesetzt hat, so kommen wir auf die Vor-
würfe, die Ihr dem Zürcher Verein [3801 macht, nicht weiter zu-
rück und schreiten gleich zu der Beantwortung der verschiednen
Punkte Eures Briefs, welche sich auf die beabsichtigte Zentrali-
sation beziehen.
Ihr verlangt zuerst, daß auf dem Kongreß auch die bloß brieflich
abgegebnen Stimmen von Vereinen gezählt werden sollen und beruft
Euch dabei auf das demokratische Prinzip. Der Kongreß hat die Sa-
che beraten, auch die von Euch angeführten Gründe erwogen, aber
er hat geglaubt, dies nicht zugeben zu können. Er war der An-
sicht, daß sonst gar kein Kongreß nötig sei und die Vereine bloß
Briefe an die Zentralkommission zu schicken brauchten, die dann
die Stimmen zusammenzählen könnte und das Resultat proklamieren.
Das ist mehr oder weniger die Art und Weise, wie die Vereine bis-
her in Verbindung standen und wobei nichts herauskam, während der
Kongreß in wenig Tagen die Sache leicht in Ordnung bringen
konnte. Und zwar aus dem Grunde, weil man in wenig Stunden münd-
licher Beratung mehr ausrichtet und sich leichter verständigt,
als durch jahrelange Korrespondenz. Die Vereine, welche keinen
Deputierten schicken, können nun an den B e r a t u n g e n des
Kongresses nicht teilnehmen, sie können nicht hören, welche
Gründe für und wider vorgebracht werden, und da diese Gründe am
Ende die Abstimmung bestimmen, so können sie ganz natürlich auch
nicht stimmen. Sonst wäre es nicht möglich, jemals eine Majorität
herauszubekommen. Wenn Ihr meint, dies sei nicht demokratisch, so
sind wir der Ansicht, daß in keinem demokratischen Staat der Welt
jemals Eure Meinung in dieser Beziehung gegolten hat, sondern
stets die unsrige: in Amerika, in der Schweiz, in Frankreich wie
in allen andren
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früheren Demokratien hat stets das Prinzip gegolten, daß, wer
keinen Deputierten schickt, auch nicht stimmen kann. Daß übrigens
in Zukunft jeder Verein wird sich vertreten lassen können, dafür
hat der Kongreß gesorgt, indem er die ganzen Kosten der Abgeord-
neten übernommen hat. Auch auf diesem Kongreß hättet Ihr Euch
vielleicht vertreten lassen können; Lausanne, dem auch die Mittel
zur Sendung eines Deputierten fehlten, ließ sich durch einen in
Bern anwesenden Bürger vertreten und schickte ihm seine
Instruktionen. [381]
Daß in der Schweiz bisher so wenig Einigkeit unter den Vereinen
geherrscht hat, ist gewiß zu bedauern, ebenso, daß so viele wi-
dersprechende Vorschläge wegen des Zentralvereins gemacht wurden.
Ebendeshalb aber war es ein sehr guter Gedanke des Züricher Ver-
eins, einen Kongreß vorzuschlagen. Das vorläufige Reglement, was
er entwarf, war natürlich nur ein Vorschlag, über den der Kongreß
abzustimmen hatte und den er, wie Ihr aus dem beiliegenden Proto-
kollabdruck ersehen werdet, bedeutend verändert hat. Es ist aber
jetzt, wo durch die Beratungen der Abgeordneten von 10 verschied-
nen Vereinen wenigstens ein Anfang gemacht worden ist, es ist
jetzt sehr wünschenswert, daß die nicht vertretenen Vereine sich
an die einmal angefangne Zentralisation anschließen und ebenso
nachgeben, wie fast jeder andre vertretene Verein in diesem oder
jenem Punkt auch von seiner Meinung nachgegeben und sich den Be-
schlüssen der Majorität unterworfen hat. Ohne gegenseitiges Nach-
geben kommen wir nie zu etwas.
Euer Vorschlag, den Vorstand des Wehrbunds "Hilf Dir" [382] zum
Zentralverein zu erklären, ist sehr ernstlich in Beratung gezo-
gen, aber abgelehnt worden. Der Wehrbund "Hilf Dir" ist eine nach
hiesigen Gesetzen (das Freischaren-Gesetz) verbotene Verbindung,
und dadurch würden die sich ihm a l s V e r e i n e anschlie-
ßenden Vereine ebenfalls der Gefahr ausgesetzt, aufgelöst und
ihres Vermögens beraubt zu werden. Der Wehrbund will ferner bloß
die militärische Organisation übernehmen, sieht es aber nicht als
seinen Beruf an, die Vereine auch in Beziehung auf sozialdemokra-
tische Propaganda und Korrespondenz mit Deutschland zu vertreten.
Der Berliner Zentralausschuß und der Arbeiterausschuß in Leipzig
[383] würden nicht riskieren können, in eine Korrespondenz mit
dem Wehrbund zu treten, selbst über unschuldige Dinge, ohne sich
selbst der Auflösung und Verhaftung auszusetzen; und ebenso würde
umgekehrt der Wehrbund nicht imstande sein, eine regelmäßige Kor-
respondenz mit diesen Ausschüssen zu führen, ohne sich den hart-
näckigsten Verfolgungen von Seiten der Schweizer Behörden auszu-
setzen. Wir wollen aber vor allem eine Zentralisation, die den
Regierungen keinen Vorwand zu neuen Verfolgungen gegen die
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Flüchtlinge gibt, eine Zentralisation, der man nichts tun kann
und die ebendeshalb auch imstande ist, ihr Amt zu erfüllen. Der
Deputierte von Biel 1*) selbst war dieser Ansicht und sprach ge-
gen die Übertragung der Pflichten des Zentralvereins auf den Vor-
stand des Wehrbunds. Dagegen steht es natürlich allen frei, sich
dem Wehrbunde anzuschließen. Nur wird gewünscht, daß man sich
nicht a l s V e r e i n anschließt, damit man nie dem Verein,
sondern bloß einzelnen Leuten etwas machen kann, wenn etwa neue
Verfolgungen eintreten sollten.
Nachdem wir so die in Eurem Brief erwähnten Punkte der Reihe nach
beantwortet, verweisen wir Euch wegen der weiteren Beschlüsse des
Kongresses auf das beiliegende Protokoll und fordern Euch im Na-
men und Auftrag des Kongresses auf, Euch der hiermit gestifteten
Vereinigung der deutschen Vereine anzuschließen und uns diesen
Euren Anschluß baldigst anzuzeigen.
Wir rufen Euch abermals zu: gebt in Nebendingen nach wie andre
auch nachgegeben haben und auch in Zukunft nachgeben werden, da-
mit die Hauptsache gerettet werde; schließt Euch an an den Kern
der Vereinigung, der bereits mit manchen Geld- und Zeitopfern von
mehreren Vereinen gegründet ist, und der nur zu etwas Tüchtigem
werden kann, wenn wir alle zusammenhalten, das Geschehene verges-
sen und uns durch kleine Meinungsunterschiede nicht länger tren-
nen lassen!
Gruß und Brüderlichkeit.
Im Auftrag des Kongresses
Die Zentralkommission
Bern, [um den 25.] Dezember 1848
Adresse: Herrn N. Berger,
Käfichgässlein Nr. 109, Bern
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1*) Julius Standau
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