Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #546# 90 - Marx an Hermann Becker - 8. Februar 1851
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       90
       
       Marx an Hermann Becker
       in Köln
       
       [London] 28. Februar [1851]
       Lieber Becker.
       Ich hoffe,  Du hast  die "Rh.Z."  1*) erhalten. Ich begreife Dein
       Schweigen nicht.  Hättest Du  mir die  Briefe von Willich, um die
       ich Dich  ersuchte, zugeschickt,  so hätte  ich die nachfolgenden
       Sauereien nicht  zu berichten.  Ich muß noch immer um  s o f o r-
       t i g e  S e n d u n g  d i e s e r  B r i e f e  bitten... Nach-
       folgender Bericht zur Verlesung an unsere sämtlichen Freunde, die
       die Kunde davon durch ganz Deutschland tragen müssen.
       Es handelt  sich von dem Londoner Bankett vom 24. Februar 2*), wo
       zwei unserer  Freunde und  Parteigenossen 3*)  öffentlich "gehay-
       naut" 4*)  worden sind  unter dem  Präsidium des wackeren Ritters
       von Willich.  Damit Ihr  die  nachfolgenden  Tatsachen  versteht,
       folgende Vorbemerkungen:
       Die französische  Emigration war in verschiedene Parteispaltungen
       auseinandergegangen, wie  alle anderen. Da gründete sie gemeinsam
       eine  Gesellschaft   in  der  Church  Street  [187].  Sie  sollte
       p h i l a n t h r o p i s c h e r   Natur sein  zur Unterstützung
       der Flüchtlinge.  Die Politik war davon ausgeschlossen. Es war so
       allen Schattierungen  der französischen  Emigration ein neutrales
       Terrain gegeben.  So fanden  sich hier denn auch gleichzeitig Le-
       dru-Rollin und  Louis Blanc,  Montagnards [141]  und  Cabetisten,
       Blanquisten usw.
       Nach der  24. Februar  heran. Ihr  wißt, daß eine solche Gelegen-
       heit, sich  wichtig zu machen, ebensolange vorher von den Franzo-
       sen vorbereitet,  diskutiert, hin-  und hergedreht  wird, wie die
       eventuelle Niederkunft  von einer Frau. Die Church-Street-Gesell-
       schaft berief  daher ein  allgemeines Meeting zusammen, um Maßre-
       geln zur  Feier dieses  "glorreichen" Tages  zu treffen. L. Blanc
       und Ledru-Rollin  waren gegenwärtig. Der kleine Blanc - notabene,
       er kann  nicht improvisieren,  er schreibt  seine Reden und lernt
       sie vor  dem Spiegel auswendig - erhob sich und hielt eine künst-
       lich gearbeitete, gefeilte, jesuitische Rede, worin er nachzuwei-
       sen suchte, daß
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       1*) "Neue  Rheinische  Zeitung.  Politisch-ökonomische  Revue"  -
       2*) siehe vorl. Band, S. 198/199 - 3*) Conrad Schramm und Wilhelm
       Pieper - 4*) verprügelt (wie Haynau bei seinem Besuch in England)
       
       #547# 90 - Marx an Hermann Becker - 28. Februar 1851
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       diese Gesellschaft,  da sie  philanthropischer  Natur  sei,  kein
       p o l i t i s c h e s   Bankett, also  auch keine  Feier der  Fe-
       bruarrevolution veranstalten  könne. Ledru-Rollin  erwiderte ihm.
       Der kleine Blanc in der Hitze der Replik ließ das Geständnis fah-
       ren, da   L e d r u   u n d  M a z z i n i  i h n  n i c h t  i n
       d a s   E u r o p ä i s c h e  Z e n t r a l k o m i t e e  [159]
       a u f g e n o m m e n  h ä t t e n,  werde er auch an keinem Ban-
       kett mit ihnen teilnehmen. Es wurde ihm geantwortet, es sei nicht
       das Europäische Zentralkomitee, welches das Bankett gebe, sondern
       die aus  allen Schattierungen der französischen Emigration zusam-
       mengesetzte Church-Street-Gesellschaft.
       Am andern  Tage erhielt  diese Gesellschaft  einen Brief  von  L.
       Blanc, worin  er anzeigte,  daß er ein Gegenmonsterbankett veran-
       stalten werde... [418]
       So hatte  L. Blanc  den Harney  und mit ihm einen Teil von dessen
       Anhang für  sein Bankett  gekeilt. Der  englische Grund und Boden
       war gelegt.  Aber nun  fehlte noch  der kontinentale Hintergrund,
       der zugleich  einen europäischen  Zentral-Regenbogencharakter be-
       sitzen sollte.  Louis Blanc  warf zu  diesem Behufe seine Kenner-
       blicke auf die Karikatur des Mazzinischen Komitees, auf das Komi-
       tee Willich-Schapper-Barthélemy-Vidil-Peter und Paul.
       Nur einige  Worte über  die Entstehung  und den  Charakter dieses
       Komitees  und  seiner  verschiedenen  respektiven  Gesellschafts-
       schwänze.
       Als Willich und Schapper mit ihrer Gesellschaft aus dem Bunde 5*)
       herausgeworfen wurden, vereinigten sie sich mit Vidil und Barthé-
       lémy... und  dem Auswurfe der polnischen, ungarischen und italie-
       nischen Emigration  und ließen sich von diesem Gesamtmob zu einem
       europäischen Zentralkomitee stempeln... Schapper und Willich, die
       natürlich hoffen  konnten, in  der Entfernung werde diese schmut-
       zige, geschmacklose und dürftige Mosaikarbeit sich wie ein Kunst-
       werk ausnehmen,  hatten noch  den speziellen Zweck, den deutschen
       Kommunisten zu  zeigen, daß  sie, nicht wir, die europäische Emi-
       gration hinter  sich hätten, und daß sie, Deutschland möge wollen
       oder nicht,  entschlossen seien, bei nächster Gelegenheit sich in
       den Besitz seiner Regierung zu setzen...
       Um seine  Intrige gegen  Church Street durchzuführen, verschmähte
       L. Blanc  es nicht,  sich mit dieser von ihm verachteten Rotte zu
       verbinden. Sie waren natürlich entzückt. Endlich sollten sie eine
       P o s i t i o n   erhalten. Obgleich  diese Herren  alle Schrift-
       steller ausschließen wollen, fallen sie mit beiden Händen darüber
       her, sobald  sich ein  Schriftsteller von Ruf ihnen zur Verfügung
       stellt. Schapper und Willich sahen den Tag ihres
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       5*) Bund der Kommunisten
       
       #548# 90 - Marx an Hermann Becker - 28. Februar 1851
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       Triumphes heranrücken...  dann würden doch die deutschen Kommuni-
       sten nicht, widerstehen können und reuig unter ihre beschützenden
       Flügel zurückkehren ...
       Am 24.  Februar fand das Bankett in Islington statt. Zwei unserer
       Freunde wohnten  bei, Schramm  und Pieper...  Es wurden  Adressen
       verlesen. L. Blanc verlas die Adresse seiner Delegierten, Landol-
       phe eine von dem Deputierten Greppo (eine zweite war nicht in Pa-
       ris aufzutreiben),  ein Pole eine Adresse von einigen Spießgenos-
       sen in  Paris, und der große Willich, der  p r ä s i d i e r t e,
       eine aus  La Chaux-de-Fonds.  Aus Deutschland  hatten  sie  keine
       aufzutreiben gewußt...  [419]
       Jetzt ist es an Euch, alles zu tun, was in Eurer Macht ist, diese
       feigen, verleumderischen, infamen Meuchelmörder vor dem deutschen
       Proletariate, und wo es nur sonst tunlich, zu brandmarken.
       Notwendig dazu  ist, daß  Ihr sofort  die Briefe von Willich her-
       schickt...
       
       Nach: Anklageschrift gegen P.G. Roeser,
       J.G.H. Bürgers, P. Nothjung, W.J. Reiff,
       H.H. Becker. R. Daniels, C.W. Otto,
       A. Jacobi, I.J. Klein, F. Freiligrath,
       Köln 1852.

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