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#55# 12 - Engels an Marx - 18. Oktober 1846
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Engels an Marx
in Brüssel
[Paris, 18. Oktober 1846]
Lieber M.,
Ich habe mich endlich nach langem Widerstreben drangemacht, den
Dreck von Feuerb[ach] durchzulesen, und finde, daß wir in unsrer
Kritik 1*) darauf nicht eingehen können. Weshalb, wirst Du sehen,
nachdem ich Dir den Hauptinhalt mitgeteilt.
"Das Wesen der Religion", "Epigonen", Bd. I, p. 117-178. - "Das
A b h ä n g i g k e i t s g e f ü h l des Menschen ist der Grund
der Religion", p. 117. Da der Mensch zuerst von der Natur abhän-
gig, so "ist die Natur der erste ursprüngliche Gegenstand der Re-
ligion", p. 118. ("Natur ist nur ein allgemeines Wort zur Be-
zeichnung der Wesen, Dinge pp., die der Mensch v o n s i c h
u n d s e i n e n P r o d u k t e n unterscheidet.") Die er-
sten religiösen Äußerungen sind Feste, in denen Naturprozesse,
Wechsel der Jahreszeiten pp. dargestellt. Die speziellen Natur-
verhältnisse und Produkte, in deren Umgebung ein Stamm oder Volk
lebt, gehen in seine Religion über. - Der Mensch wurde in seiner
Entwicklung von andern Wesen unterstützt, die aber nicht Wesen
h ö h e r e r Art, Engel waren, sondern Wesen niederer Art,
T i e r e. Daher Tierkultus (folgt eine Apologie der Heiden ge-
gen die Angriffe der Juden und Christen, trivial). - Die Natur
bleibt fortwährend, auch bei den Christen, der verborgne Hinter-
grund der Religion. Die den Unterschied Gottes vom Menschen be-
gründenden Eigenschaften sind Eigenschaften der Natur
(ursprünglich, der Grundlage nach). So Allmacht, Ewigkeit, Uni-
versalität pp. Der wirkliche Inhalt Gottes ist nur die Natur;
d.h. insofern Gott nur als Urheber der Natur, nicht als politi-
scher und moralischer Gesetzgeber vorgestellt wird. - Polemik ge-
gen die Schöpfung der Natur durch ein verständiges Wesen, gegen
die Schöpfung aus Nichts usw. - meist "vermenschlichter", d.h. in
gemütliches, Bürgerherzen-ergreifendes Deutsch übersetzter mate-
rialismus vulgaris. - Die Natur in der Naturreligion ist nicht
Gegenstand als Natur, sondern "als persönliches, lebendiges, emp-
findendes
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1*) "Die deutsche Ideologie"
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Wesen... als Gemütswesen, d.i. subjektives, menschliches Wesen",
p. 138. Daher betet man sie an, sucht sie durch menschliche Be-
weggründe pp. zu bestimmen. Dies kommt hauptsächlich daher, daß
die Natur veränderlich ist. "Das Gefühl der Abhängigkeit von der
Natur in Verbindung mit der Vorstellung der Natur als eines will-
kürlich tätigen, persönlichen Wesens ist der Grund des Opfers,
des wesentlichsten Aktes der Naturreligion", p. 140. Da aber der
Zweck des Opfers ein s e l b s t s ü c h t i g e r ist, so ist
der Mensch doch das E n d z i e l der Religion, die Gottheit
des Menschen ihr Endzweck. - Folgen triviale Glossen und feierli-
che Auseinandersetzungen darüber, daß rohes Volk, das noch Natur-
religion hat, auch Dinge zu Göttern macht, die ihm unangenehm
sind, Pest, Fieber usw. "So wie der Mensch aus einem nur physika-
lischen Wesen ein p o l i t i s c h e s, überhaupt von der Na-
tur sich unterscheidendes und sich auf sich selbst konzentrieren-
des Wesen" (!!!) wird, so wird auch sein Gott zu einem poli-
tischen, von der Natur unterschiedenen Wesen. "Daher" kommt "der
Mensch zur Unterscheidung seines Wesens von der Natur und
folglich zu einem von der Natur unterschiednen Gott zunächst nur
durch seine Vereinigung mit andern Menschen zu einem
G e m e i n w e s e n, wo ihm von der Natur unterschiedene, nur
im Gedanken oder in der Vorstellung existierende Mächte (!!!) die
Macht des Gesetzes, der Meinung, der Ehre, der Tugend Gegenstand
seines Abhängigkeitsgefühles ... wird." (Dieser scheußlich
stilisierte Satz steht p. 149.) Die Naturmacht, die Macht über
Leben und Tod, wird herabgesetzt zu einem Attribut und Werkzeug
der politischen und moralischen Macht. Intermezzo p. 151 über
Orientalen-Konservative und Okzidentalen-Progressisten. "Im
Orient v e r g i ß t der Mensch n i c h t über dem Menschen
die Natur... Der König selbst ist ihm nicht als ein irdisches,
sondern als ein himmlisches, göttliches Wesen Gegenstand. Neben
einem Gotte aber verschwindet der Mensch, erst wo die Erde sich
entgöttert... erst da haben die Menschen Raum und Platz für
sich." (Schöne Erklärung, weshalb die Orientalen stabil. Wegen
der vielen Götzenbilder, die den Raum wegnehmen.) Der Orientale
verhält sich zum Okzidentalen wie der Landmann zum Städter, jener
ist abhängig von der N a t u r, dieser vom M e n s c h e n
pp., "nur die Städter machen darum Geschichte" (hier der einzige
leise, aber etwas übelriechende Anhauch von Materialismus). "Nur
wer die Macht der N a t u r der Macht der M e i n u n g, sein
L e b e n seinem N a m e n, seine Existenz im L e i b e
seiner Existenz im Munde und Sinne der Nachwelt aufzuopfern
vermag, nur der ist fähig zu geschichtlichen Taten." Voilà. 2*)
Alles, was nicht Natur ist, ist Vorstellung, Meinung,
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2*) Sieh da.
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Flause. Daher ist auch "nur die menschliche 'Eitelkeit' das Prin-
zip der Geschichte"! p. 152: "Sowie der Mensch zum Bewußtsein
kommt, daß... Laster und Torheit, Unglück pp., Tugend und Weis-
heit dagegen... Glück zur Folge haben, folglich die das
S c h i c k s a l d e r M e n s c h e n b e s t i m m e n-
d e n M ä c h t e Verstand und Wille sind... so ist ihm auch
die Natur ein von Verstand und Wille abhängiges Wesen." (Übergang
zum Monotheismus - F[euerbach] teilt das obige illusorische
"Bewußtsein" von der Macht des Verstandes und Willens.) Mit der
Herrschaft von Verstand und Willen über die Welt kommt dann der
Supernaturalismus, die Schöpfung aus Nichts, und der
Monotheismus, der noch speziell aus der "Einheit des menschlichen
Bewußtseins" erklärt wird. Daß der Eine Gott ohne den E i n e n
K ö n i g nie zustande gekommen wäre, die Einheit des die vielen
Naturerscheinungen kontrollierenden, die widerstreitenden Natur-
kräfte zusammenhaltenden Gottes nur das Abbild des Einen, die
widerstreitenden, in ihren Interessen kollidierenden Individuen
scheinbar oder wirklich zusammenhaltenden orientalischen Despoten
ist, hat F[euerbach] für überflüssig gehalten zu sagen. - Langer
Kohl gegen die Teleologie, Kopie der alten Materialisten. Dabei
begeht F[euerbach] denselben Schnitzer gegenüber der wirklichen
Welt, den er den Theologen vorwirft, gegen die Natur zu begehen.
Er reißt schlechte Witze darüber, daß die Theologen behaupten,
ohne Gott müsse sich die Natur in Anarchie auflösen (d.h. ohne
den Glauben an Gott fiele sie in Fetzen), Gottes W i l l e,
V e r s t a n d, M e i n u n g sei das Band der Welt; und er
selbst glaubt ja, die M e i n u n g, die Furcht vor der öf-
fentlichen M e i n u n g, vor G e s e t z e n und andern
I d e e n hielte jetzt die Welt zusammen. - Bei einem Argument
gegen die Teleologie tritt F[euerbach] ganz als laudator temporis
praesentis 3*) auf: die enorme Sterblichkeit der Kinder in den
ersten Lebensjahren kommt daher, weil "die N a t u r bei ihrem
Reichtum ohne Bedenken Tausende der einzelnen Glieder auf-
opfert";... "es ist eine Folge natürlicher Ursachen, daß ... z.B.
im ersten Jahre ein Kind von 3-4, im fünften eins von 25 pp.
stirbt".
Mit Ausnahme der wenigen, hier spezifizierten Sätze ist nichts zu
bemerken. Über die geschichtliche Entwicklung der verschiedenen
Religionen erfährt man nichts. Höchstens werden Beispiele aus ih-
nen zu[ge]geben, um die obigen Trivialitäten zu beweisen. Die
Hauptmasse des Artikels besteht aus Polemik gegen Gott und die
Christen, ganz in der Weise, wie er's bisher gemacht, nur daß
jetzt, wo er sich erschöpft hat, trotz aller Wiederholungen des
alten Kohls die Abhängigkeit von den Materialisten viel frecher
hervortritt. Wenn man über die Trivialitäten über Naturreligion,
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3*) Lobredner der Gegenwart (Horaz: Ars poetica)
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Polytheismus, Monotheismus etwas sagen wollte, müßte man die
wirkliche Entwicklung dieser Religionsformen dagegenstellen, wozu
man sie erst studieren müßte. Das geht uns aber für unsre Arbeit
ebensowenig an, wie seine Erklärung des Christentums. Für
F[euerbach]s positiv-philosophischen Standpunkt gibt der Aufsatz
nichts Neues, die paar zu kritisierenden Sätze, die ich oben ex-
zerpiert habe, bestätigen nur, was wir schon gesagt haben. Sieh
doch, wenn Dich der Kerl weiter interessiert, daß Du von Kießling
direkt oder indirekt den I. Band seiner gesammelten Werke einmal
in die Finger bekommst, da hat er noch eine Art Vorwort geschrie-
ben, worin noch was sein könnte. Ich habe Auszüge gesehen, wo
F[euerbach] von "Übeln des Kopfes" und "Übeln des Magens"
spricht, so eine schwache Art Apologie, warum er nicht sich um
wirkliche Interessen bekümmert. Gerade wie er mir vor 1 1/2 Jah-
ren schrieb.
Eben erhalt' ich Deinen Brief, der wegen meines Wohnungswechsels
ein paar Tage in der alten Wohnung liegenblieb. Die Versuche mit
den Schweizer Buchhändlern werde ich machen. Ich glaube aber
schwerlich, daß ich unterkomme. Die Kerls haben alle kein Geld,
um 50 Bogen zu drucken. Ich bin der Ansicht, daß wir nichts ge-
druckt kriegen, wenn wir die Sachen nicht t r e n n e n und die
Bände einzeln unterzubringen suchen, zuerst die philosophische
Geschichte, die pressiert am meisten, und dann das andre. 50 Bo-
gen auf einmal ist so gefährlich groß, daß viele Buchhändler es
schon deswegen nicht nehmen, weil sie es nicht können. - Da war
ja auch noch der Bremer Küttmann 4*) oder wie er hieß, den uns
Moses und Weitling abspenstig machten; der Kerl wollte verbie-
tenswürdige Bücher drucken, aber nicht viel bezahlen; w i r
k ö n n e n uns mit diesem Manuskript an ihn wenden, ganz gut.
Was meinst Du, wenn man die Geschichte teilte, und dem einen den
1., dem andern den 2. Band anböte? Der Vogler weiß die Adresse
des K[ühtmann] in Bremen. Der List ist so gut wie fertig. 5*)
Die Geschichten im "Volkstribunen" [63] hab' ich gesehen, vor un-
gefähr 3*) Wochen. Mir ist so was lächerlich Dummes noch nicht
vorgekommen. Die Infamie des Bruder Weitling erreicht ihre Spitze
in diesem Brief an Kriege. Was übrigens das Detail angeht, so ist
es mir nicht mehr erinnerlich genug, um darüber etwas sagen zu
können. Ich bin aber ebenfalls der Meinung, daß man sowohl auf
Krieges wie der Straubinger [47] Proklamation repliziert, sie mit
der Nase draufstößt, wie sie leugnen, gesagt zu haben, was wir
ihnen vorwerfen, während sie zugleich dieselben geleugneten Dumm-
heiten wieder in ihrer Antwort proklamieren; und daß namentlich
der Kriege mit seinem hochmoralischen Pathos und seiner Entrü-
stung über
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4*) Kühtmann - 5*) siehe vorl. Band, S. 11 und 26
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unsren Spott gehörig was aufs Dach kriegt. Da die Nummern eben
jetzt unter den hiesigen Straubingern zirkulieren, so kann ich
sie mir nicht verschaffen, ohne 4-5 Tage warten zu müssen.
Die hiesigen Straubinger bellen fürchterlich gegen mich. Nament-
lich 3-4 "gebildete" Arbeiter, die E[werbec]k und Grün in die Ge-
heimnisse des wahren Menschentums eingeweiht. Aber ich bin ver-
möge einiger Geduld und etwas Terrorismus durchgedrungen, die
große Menge geht mit mir. Der Grün hat sich vom Kommunismus los-
gesagt, und diese "Gebildeten" hatten große Lust, mitzugehen. Da
hab' ich grade durchgehauen, den alten Eisermann so eingeschüch-
tert, daß er nicht mehr kommt, und den K o m m u n i s m u s
oder N i c h t - K o m m u n i s m u s kontradiktorisch disku-
tieren lassen. Heut abend wird abgestimmt, ob die Versammlung
kommunistisch ist oder, wie die Gebildeten sagen, "für das Wohl
der Menschheit". Die Majorität ist mir sicher. Ich hab' erklärt,
wenn sie nicht K o m m u n i s t e n wären, könnten sie mir ge-
stohlen werden, da kam' ich nicht mehr. Heut abend werden die
Schüler Grüns definitiv gestürzt, und dann werd' ich ganz aus dem
Rohen anzufangen haben. - Von den Forderungen, die diese jebilde-
ten Straubinger an mich machten, hast Du gar keine Vorstellung.
"Milde", "Sanftmut", "warme Brüderlichkeit". Ich hab' sie aber
gehörig gerüffelt, jeden Abend bracht' ich ihre ganze Opposition
von 5, 6, 7 Kerls (denn im Anfang hatt' ich die ganze Boutique
6*) gegen mich) zum Schweigen. Nächstens mehr über diese ganze
Historie, die allerlei Lichter auf Herrn Grün wirft.
Proudhon soll in 14 Tagen herkommen. Das wird schön werden.
Hier ist so was im Werke von einer Zeitschrift 7*). Das Zigarren-
männlein Maurer behauptet, Geld dazu bekommen zu können. Ich
glaub' dem Kerl aber nicht, bis das Geld da ist. Wird was draus,
so ist schon alles so eingerichtet, daß das Ding u n s ganz in
die Hände kommt. Maurern, dem ostensiblen Redakteur, hab' ich das
Recht gelassen, seinen eignen Unsinn drin zu drucken, das ging
nicht anders. Alles übrige geht durch meine Hände, ich hab' abso-
lutes Veto. Was ich schreibe, natürlich pseudonym oder anonym.
Jedenfalls wird das Ding, wenn es zustande kommt, weder dem Heß,
noch dem Grün, noch sonst einer wüsten Richtung in die Hände ge-
raten. Es wäre ganz gut, um etwas zu f e g e n. Sprich aber
niemanden davon, eh' es zustande ist, es muß sich noch diese Wo-
che entscheiden.
Leb wohl und schreib bald.
E.
23, rue de Lille,
Fbg. St. Germain
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6*) Bude - 7*) "Pariser Hören"
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