Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#550# 92 - Engels an Wilhelm Wolff - 1. Mai 1851
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Engels an Wilhelm Wolff
in Zürich
[Manchester, 1. Mai 1851]
Lieber Lupus,
Mit Schrecken seh' ich aus dem Datum Deines Briefs, den Marx, der
mich vor einigen Tagen hier in Manchester besuchte [213], mir
herbrachte, daß er schon fast 4 Wochen alt ist. Indes sagte mir
Marx, er habe Dir gleich geschrieben.
Was Deine amerikanischen Pläne angeht, so schlag sie Dir nur aus
dem Sinn. Sie sind überflüssig, und Du wirst in London sofort et-
was finden, da Du Englisch kannst und Leute von Deiner Solidität
in den alten Sprachen dort gesucht sind, besonders wenn Du Deine
Zeugnisse hast. Haben doch ganz unbedeutende Subjekte die schön-
sten Positionen bekommen. Die Geschichte mit dem amerikanischen
Journal ist Humbug, glaubst Du, wenn was dran wäre, würde der
Kerl sich einen Redakteur aus Europa verschreiben und so lange
Zeit warten? Wer weiß, wie es damit steht und was in der Zwi-
schenzeit daraus geworden ist. Auf den Reisevorschuß würdest Du
bis zum jüngsten Tage warten können. Außerdem ist die Sache im
besten Fall nicht derart, daß man daraufhin nach Chicago gehn
könnte; 4 Dollar die Woche ist unter dem ordinärsten Holzfäller-
Taglohn, und dazu 8tägige Kündigung, die dort sehr allgemein ist!
[...] 1*) Ich hoffe, daß Du es schon hast, und sobald Du in sei-
nem Besitz bist, pack auf, laß Dir einen Paß nach London geben
und segle ab. Ich sehe in kontinentalen Blättern, daß sie davon
sprechen, als ob die englische Regierung keine Flüchtlinge mehr
hieher lasse. Dummes Zeug. Laß Dich durch nichts irremachen,
selbst nicht durch eine etwaige Polizeianweisung, daß Du das Visa
des englischen Gesandten in Bern haben müßtest. Du brauchst
nichts derart. Du brauchst nur die Visas, um durch Frankreich zu
kommen, also den französischen Gesandten, den Dir die Schweizer
besorgen werden. Du reist ruhig durch und fährst herüber. Selbst
für den Fall, was den Franzosen zuzutrauen ist, daß sie Dich nach
Havre dirigierten
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1*) Papier beschädigt; Anfang des Absatzes fehlt
#551# 92 - Engels an Wilhelm Wolff - 1. Mai 1851
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und von dort nach Amerika schicken wollten, mußt Du in Havre ein-
fach aufs Dampfboot nach Southampton oder London gehn. Du weißt,
daß hier an der Grenze niemand aufgehalten wird, und trotz aller
dieser Schwätzereien der reaktionären Presse hoffe ich, Dich zur
Ausstellung in London [184] zu sehn. Wie gesagt, laß Dich durch
nichts irremachen, sondern besteh unter allen Umständen darauf,
daß Du nach London willst. Solltest Du von seiten der französi-
schen Regierung Schwierigkeiten wegen des Durchreisens finden und
Deine Gelder ausreichen, so wäre sogar der Weg vorzuziehn, den
ich genommen. [...] 2*) Du schreibst an Lorenzo Chiozza [...] 2*)
höchst artigen Brief, Du habest seine Adresse von einem Landsmann
von ihm erfahren, und er möge Dich mit der Anzeige verpflichten,
ob und welche Schiffe dort nach England lägen (Segelschiffe, es
gehn auch Dampfer) und wann ungefähr sie segeln würden. Auch möge
er Dir die Namen der Kapitäns angeben. Du kannst dann entweder an
diese Kapitäns (Adresse an Bord ihrer Schiffe) brieflich unter-
handeln oder direkt hingehn. Meine Passage, Kost eingeschlossen,
kostete mich sechs Pfund (150 franz. fr.). Du bekommst sie viel-
leicht billiger. Die Reise nach Genua ist nicht teuer, wenn Du
bis Turin, bis wohin die Gegend wunderschön ist, möglichst viel
zu Fuß gehst - über Genf und Mont Cenis, oder kürzer über den
Großen St. Bernhard (Martigny-Ivrea). Von Turin fast bis zum Fuß
der Apenninen hast Du Eisenbahn. Oder einen noch kürzeren Fußweg:
über das Reußtal, Furka, Simplon, direkt auf Alessandria. Diese
Touren sind alle sehr schön, das Wetter zur Seereise jetzt famos
(Ostwind vorherrschend) und die Fahrt im Mittelländischen Meer
sehr amüsant. Wo möglich, englisches Schiff. Mit 250 fr. wäre
meiner Ansicht nach die ganze Geschichte zu machen, mit 300 ge-
wiß. Ob die Kölner aber dies schaffen werden, ist fraglich. Nach
England aber mußt Du jedenfalls. Ich schreibe eben noch an Marx,
daß er wegen des Geldes noch einmal nach Köln schreiben soll, ist
es noch nicht da, so kann es nicht schaden, wenn Du auch noch
einmal an Daniels oder Bürgers schreibst.
Was die Preise von England nach New York anbetrifft, so sind sie
höllisch teuer - die Zwischendeckspassagiere oft sehr schlecht
dran, es ist jetzt noch ein derartiger Fall vor dem Parlament -,
die 1. Kajüte kostet meist 15-20 Pfd., was wir herausbekamen, als
wir selbst vor hatten, uns weiter zu drücken. Die 2. Klasse auf
den Southamptoner Dampfern ist gut und wohlfeil; auch fahren ein-
zelne Schraubendampfer, mit denen wohlfeil und rasch 2. Klasse zu
fahren wäre, wenn man die Schiffe grade trifft. Unter
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2*) Papier beschädigt
#552# 92 - Engels an Wilhelm Wolff - 1. Mai 1851
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allen Umständen aber hoff ich, daß Du herkommst und hierbleibst,
Du hast hier mehr Chance als in Amerika, und wer einmal drüben
ist, kommt so leicht nicht wieder. Es ist scheußlich in Amerika,
wo Heinzen der größte Mann ist, und wo auch jetzt der breite
Struve das ganze Land mit seiner Schiffe übergießen wird. Der
Teufel hol' das dortige Publikum. Lieber Galeerensklave in der
Türkei als Zeitungsschreiber in Amerika. Laß bald von Dir hören
und komm bald selbst.
Dein F. E.
F. Engels
Adr. Ermen & Engels,
Manchester
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