Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
zurück
#554# 94 - Engels an Joseph Weydemeyer - 19. Juni 1851
-----
94
Engels an Joseph Weydemeyer
in Frankfurt a.M.
Manchester, 19. Juni 1851
Lieber Hans.
Marx teilt mir eben einen Brief von Dir mit, woraus ich endlich
eine positive Adresse für Dich finde, nach der ich mich schon
seit einiger Zeit umsah. Ich habe Dich nämlich über folgende Ge-
schichte zu fragen.
Ich habe, seit ich hier in Manchester bin [152], angefangen Mili-
taria zu ochsen, für die ich hier ein - wenigstens für den Anfang
- ziemlich ausreichendes Material gefunden habe. Die enorme Wich-
tigkeit, die die partie militaire 1*) bei der nächsten Bewegung
bekommen muß, eine alte Inklination, meine ungarischen Kriegsar-
tikel 2*) von der Zeitung 3*) her, schließlich meine glorreichen
Abenteuer in Baden [151], alles das hat mich darauf geworfen, und
ich will es wenigstens so weit in der Geschichte bringen, daß ich
theoretisch einigermaßen mitsprechen kann, ohne mich zu sehr zu
blamieren. Was ich nun hier an Material vorfinde - napoleonische
und stellenweise Revolutionskampagnen betreffend -, setzt eine
Masse Detailgeschichten voraus, die ich gar nicht oder nur sehr
oberflächlich kenne, und über die man entweder gar keine oder nur
sehr oberflächliche, mühsam zusammenzusuchende Aufklärung be-
kommt. Das Autodidaktenwesen ist aber überall Unsinn, und wenn
man das Ding nicht systematisch betreibt, so kommt man zu nichts
Ordentlichem. Was ich nun eigentlich brauche, wirst Du besser
verstehn, wenn ich Dich erinnere, daß ich - von meinem badischen
Avancement natürlich abgesehn - es nicht über den königlich-
preußischen Landwehrbombardier gebracht habe [321] und mir zum
Verständnis des Details der Kampagnen das Mittelglied fehlt, das
in Preußen durch das Leutnantsexamen hergestellt wird, und zwar
in den verschiednen Waffengattungen. Es handelt sich natürlich
nicht um Kamaschendetails usw., die mir nichts nützen können, da
meine Blindheit, wie ich jetzt positiv davon die Erfahrung ge-
macht habe, mich zu jedem aktiven Dienst rein inkapabel
-----
1*) militärische Seite - 2*) "Die 'Kölnische Zeitung' über den
magyarischen Kampf" und "Ungarn" - 3*) "Neue Rheinische Zeitung"
#555# 94 - Engels an Joseph Weydemeyer - 19. Juni 1851
-----
macht, es handelt sich vielmehr um eine allgemeine Übersicht der
in den verschiednen Branchen nötigen Elementarkenntnisse, mit so-
viel Eingehn in die Details, als zum Verständnis und zur richti-
gen Beurteilung historischer Tatsachen militärischer Natur nötig
ist. Also z.B. Elementartaktik, Befestigungstheorie, und zwar
mehr oder weniger historisch, die verschiednen Systeme von Vauban
bis auf das moderne der forts détachés 4*) umfassend, nebst Ein-
gehn auf Feldverschanzungen und sonstige zum Geniewesen gehörigen
Geschichten, z.B. die verschiednen Arten Brücken etc.; ferner
eine allgemeine Geschichte der Kriegswissenschaft und der durch
die Entwicklung und Vervollkommnung sowohl der Waffen wie ihrer
Gebrauchsmethoden hervorgerufenen Veränderungen. Dann etwas Or-
dentliches über die Artillerie, da ich viel vergessen habe und
manches gar nicht weiß; sowie andre Requisiten, die mir grade
nicht einfallen, die Dir aber gewiß gegenwärtig sind.
Über alle diese Elementaria bitte ich Dich, mir Quellen anzuge-
ben, und zwar so, daß ich mir die Sachen gleich anschaffen kann.
Und zwar wären mir solche Sachen am liebsten, aus denen ich ei-
nerseits den gegenwärtigen allgemeinen Durchschnittsstand der
einzelnen Branchen, andrerseits auch die Verschiedenheiten sehen
kann, die bei den verschiednen modernen Armeen existieren. So
z.B. die verschiedne Konstruktion der Feldlafetten pp., die ver-
schiedne Einteilung und Organisation der Divisionen, Armeekorps
pp. Grade über die Organisation der Armeen, des Verpflegungs-
wesens, der Lazarette, über das zu einer beliebigen Armee nötige
matériel 5*) in jeder Beziehung wünsche ich mich auch zu unter-
richten.
Du wirst hieraus ungefähr sehn, was ich brauche und welche Bücher
Du mir anzugeben hast. Ich vermute, daß grade in diesen Handbü-
chern die deutsche militärische Literatur brauchbarere Sachen
enthält als die französische oder englische. Es versteht sich,
daß es mir auf die Kenntnis des Praktischen, wirklich Existieren-
den ankommt, nicht auf die Systeme oder Schrullen verkannter Ge-
nies. Für die Artillerie wird wohl Berns Handbuch das beste sein.
Was ich hier von kriegsgeschichtlichen Sachen für die neuere Zeit
finde - die frühere ist mir mehr oder weniger gleichgültig, und
dafür hab' ich den alten Montecucculi -, ist natürlich franzö-
sisch oder englisch. Unter letzteren besonders [die] des
G[eneral-]L[eutnànts] William Napier Geschichte des spanischen
Kriegs - das Beste bei weitem, was ich bis jetzt von Kriegsge-
schichtschreibung gesehn habe. Wenn Du es nicht kennst und dort
-----
4*) einer Festung vorgelagerten Werke - 5*) Material
#556# 94 - Engels an Joseph Weydemeyer - 19. Juni 1851
-----
bekommen kannst, lohnt es sich der Mühe zu lesen ("History of the
War in the Peninsula and the South of France", 6 Bände). Von
deutschen Sachen hab' ich nichts, doch muß ich mir einiges besor-
gen; ich denke zunächst Willisen und Clausewitz. Was ist an den
zweien, und was ist der Mühe wert und was nicht? sowohl theore-
tisch wie historisch. Sobald ich etwas weiter bin, werd' ich die
Kampagnen von 1848/49 ordentlich ochsen, speziell die italieni-
schen und die ungarische. Kennst Du vielleicht einen preußischer-
seits herausgekommenen, mehr oder weniger offiziellen oder sonst
einigermaßen sachlichen Bericht über die badische Affäre?
Ferner, kannst Du mir gute, nicht zu teure, aber für das Studium
der seit 1792 vorgekommenen Kampagnen ausreichende Spezialkarten
angeben von Deutschland (speziell Württemberg, Bayern, Östreich
für 1801-1809, Sachsen, Thüringen, Preußen für 1806/7 und 1813,
Nordostfrankreich für 1814, der Lombardei, Ungarn, Schleswig-Hol-
stein, Belgien). Ich habe den großen Stieler hier, der aber bei
weitem nicht ausreicht. Schlachtpläne seit 1792-1814 habe ich
hier im Atlas zu Alisons "Geschichte von Europa" seit der Franzö-
sischen Revolution, aber von mehreren hab' ich entdeckt, daß sie
falsch sind. Gibt es derartige nicht zu teure und doch zuverläs-
sige Sammlungen in Deutschland?
Kennst Du den Monsieur Jomini, von dem die Franzosen so viel Auf-
hebens machen, näher? Ich kenne ihn nur vermittelst des Herrn
Thiers, der ihn bekanntlich skandalös abgeschrieben hat. Dieser
kleine Thiers ist einer der unverschämtesten Lügner, die es gibt,
nicht in einer einzigen Schlacht sind die Zahlenverhältnisse
richtig. Da Herr Jomini indes später zu den Russen durchbrannte,
so sollte man meinen, er müsse Motive haben, die exploits de la
bravoure française 6*) auf weniger übermenschliche Dimensionen zu
reduzieren als Herr Thiers, wo immer 1 Franzose 2 Feinde klopft.
Voilà 7*) ein ganzer Haufen Fragen. Im übrigen hoffe ich, daß die
jetzige deutsche Judenverfolgung sich nicht weitererstrecken
wird. Die Verhaftung von D[anie]ls ist mir indes bedenklich. Man
scheint hier Requisitionen machen zu wollen, um uns hineinzu-
ziehn, das ist indes so leicht nicht und würde platt auf den Bo-
den fallen, da man nichts finden würde.
Über den Plan, von London aus für Amerika ein lithographisches
Büro zu organisieren 8*), wird Dir Marx wohl schreiben. Derglei-
chen geht hier nur gleich sehr in die Kosten, wenn man es ordent-
lich einrichten will, und die Mehrzahl der amerikanischen Blätter
ist sehr unsolide. Lupus ist in London, desgleichen Freiligrath,
ich war Anfang des Monats auch 14. Tage dort.
-----
6*) Heldentaten französischer Bravour - 7*) Du siehst - 8*) siehe
vorl. Band, S. 294/295
#557# 94 - Engels an Joseph Weydemeyer - 19. Juni 1851
-----
Da Du nach allem zu urteilen bald auch hinkommen wirst, so wäre
es am besten, wenn Du mit einer oder mehreren Zeitungen oder
Zeitschriften zu einem Arrangement kommen könntest wegen Korre-
spondenzen pp. Dergleichen ist in London sehr einträglich, aber
freilich sind die zahlungsfähigsten Zeitungen schon belegt. Auch
fragt sich's, was jetzt in Deutschland für eine Presse ist.
Der Capitano Willich lebt noch immer in, von und mit seiner Ka-
serne. Was meinst Du, wenn man ein großartiges Gegenstück dazu
errichtete?
Schreib bald Deinem F. E.
Adr. Ermen & Engels,
Manchester
zurück