Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #558# 95 - Marx an Joseph Weydemeyer - 27. Juni 1851
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       95
       
       Marx an Joseph Weydemeyer
       in Frankfurt a.M.
       
       [London] 27. Juni 1851
       Lieber Hans!
       Ich weiß  nicht einmal,  ob ich  recht tue,  Dir durch  Fabricius
       einen Brief  zuzuschicken. Wer  bürgt mir  dafür, daß dieser Mann
       nicht an  der Grenze  abgefaßt wird,  da er  sich hier ein wahres
       Felleisen von Briefen aufbürden läßt?
       Obgleich es  mit dem amerikanischen Plan, den Du vorhast - Engels
       hat vielleicht  schon darüber  geschrieben an  Dich 1*) -, nichts
       ist, so wird Dir doch nichts anderes übrigbleiben, als hierherzu-
       kommen und uns zu verstärken. Vielleicht findet sich auch irgend-
       was, wo gemeinsame Tätigkeit - natürlich bürgerliche, car il faut
       vivre 2*) - möglich ist.
       Ich weiß  jetzt aus  s i c h r e r  Quelle, daß Verrat und Denun-
       ziation bei den Verhaftungen unsrer Freunde im Spiel ist. Ich bin
       m o r a l i s c h   überzeugt, daß die Herrn Willich und Schapper
       und ihre nichtswürdige Lumpenhundenbande direkt in dieser Infamie
       mitspielen. Du  begreifst, wie wichtig diesen "großen Männern" in
       partibus 3*)  die Leute  in Deutschland beiseite zu schaffen, von
       denen sie  glauben, daß  sie ihrer Thronbesteigung direkt im Wege
       stehn. Die  Esel begreifen  nicht, daß  man sie für Esel hält und
       höchstens mit einer Verachtung würdigt.
       Willich, trotz  seiner biedermännisch-edlen, spartanersuppenarti-
       gen Unteroffiziers-Sittenheuchelei, ist ein ganz ordinärer, merke
       Dir wohl,   g a n z   o r d i n ä r e r   chevalier  d'industrie,
       pillier d'estaminet  4*) und  - letztres  verbürge ich nicht, ob-
       gleich mir  von einem respektablen Philister mitgeteilt -  f a l-
       s c h e r   Spieler. Der  Bursche liegt  den ganzen  Tag  in  der
       Kneipe, aber  natürlich  d e m o k r a t i s c h e n,  wo er gra-
       tis konsumiert, und als bare Zahlung Gäste zuführt und sie unter-
       hält mit  seinen stereotyp-revolutions-zukunftslüstigen  Phrasen,
       an die  dieser Ritter selbst nicht mehr glaubt, so oft hat er sie
       wiederholt unter so widersprechenden Umständen und immer mit dem-
       selben
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       1*) Siehe vorl.  Band, S.  555/556 -  2*) denn man  muß  leben  -
       3*) (hier:) im  Auslande; weit  vom Schuß - 4*) Glücksritter; ei-
       ner, der immer in der Kneipe liegt
       
       #559# 95 - Marx an Joseph Weydemeyer - 27. Juni 1851
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       Erfolg. Der  Kerl ist  ein  S c h m a r o t z e r  der gemeinsten
       Sorte - alles natürlich unter patriotischen Vorwänden.
       Der ganze Kommunismus dieses Subjekts läuft darauf hinaus, daß er
       entschlossen ist,  stets auf  Kosten des  Publikums, in Kommunion
       mit andern  fahrenden Rittern,  ein freies  Leben zu  führen. Die
       ganze Tätigkeit des Mannes besteht darin, über uns in den Kneipen
       zu klatschen  und zu lügen und mit Verbindungen in Deutschland zu
       renommieren, die  er nicht besitzt, an die aber der Zentral-Hans-
       wurst A.  Ruge [420],  der Gesinnungsflegel  Heinzen und der ver-
       schauspielerte, gefallsüchtige,  theologische  Belletrist  Kinkel
       glauben und womit auch den Franzosen gegenüber renommiert wird.
       Apropos. Während letztgenannter pfäffischer Adonis sich die Beine
       in den  bourgeois cercles 5*) abläuft, sich von ihnen füttern und
       hätscheln läßt  etc. etc., pflegt er im geheimen verbotnen Umgang
       mit Schapper  und Willich,  damit er doch auch mit "der Arbeiter-
       partei" in Fühlung bleibt. Dieser Bursche möchte gern allen alles
       sein. Er  hat in  jeder Hinsicht die frappanteste Ähnlichkeit mit
       F[ried]r[ich] W[ilhelm]  IV., der  nichts als  ein Kinkel auf dem
       Thron und von derselben schönrednerischen Weißflüssigkeit ist.
       Wenn Du  mich fragst, wovon Du hier leben sollst, so antworte ich
       Dir: Trete in die Fußtapfen des tapfern Willich. Er sät nicht, er
       erntet nicht, und der himmlische Vater nährt ihn doch.
       Aber nun  au sérieux  6*)! Es  ist -  falls  Dein  Aufenthalt  in
       Deutschland gefährdet  ist -  gut, daß  Du herkommst. Könntest Du
       ungeschert in Deutschland bleiben, es wäre natürlich besser, denn
       dort sind die Kräfte nützlicher wie hier.
       Dein K. M.
       Apropos. Der  auswärtige Handel  Englands beträgt  wenigstens 1/3
       des ganzen  Handels und  seit der Abschaffung der Kornzölle mehr.
       Übrigens heißt  das  ganze  Argument  des  Herrn  Christmann  7*)
       nichts. Schon  Pinto hat  erklärt [421]  daß, wenn 10/10 zu einer
       Sache nötig  sind, das  letzte 1/10  ganz ebenso wichtig ist, wie
       die frühern 9/10. Gesetzt, der auswärtige Handel Englands sei nur
       1/4 (was  falsch ist).  So ist sicher, daß ohne denselben die an-
       dern 3/4  nicht existieren  würden, und noch weniger die 4/4, die
       erst die Ziffer 1 geben.
       Die Demokraten  sind seit  langer Zeit gewohnt, keine Gelegenheit
       vorübergehn zu  lassen, ohne  sich zu  kompromittieren, ridicules
       8*) zu machen
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       5*) Bourgeoiskreisen - 6*) im Ernst - 7*) gemeint ist A. Christ -
       8*) sich lächerlich
       
       #560# 95 - Marx an Joseph Weydemeyer - 27. Juni 1851
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       und ihre  Haut zu Markt zu tragen. Aber nie hatte es die Impotenz
       der "infiniment  petits" 9*)  zu solch  schlagender Demonstration
       gebracht, als  in dem Blatt, das die hiesigen Zentraldemokraten -
       Ruge, Haug,  Ronge usw.  - herausgeben. Unter dem marktschreieri-
       schen Titel  "Der Kosmos"  (Freiligrath  nennt  es  richtig  "Das
       Kosmos") erscheint  ein wöchentlicher  Wisch, wie  ihn in  dieser
       schamlosflachen Nichtigkeit  die deutsche Sprache - und das heißt
       was -  vielleicht noch nie produziert hat. So übelriechende Winde
       hat selbst  kein kleindeutsches Kirchspielblatt der Demokratie je
       zutage gefördert.
       Es wäre  vielleicht gut,  wenn es noch einige Jahre ruhig bliebe,
       damit diese  gesamte Demokratie von 1848 Zeit fände zu verfaulen.
       So talentlos  unsere Regierungen  sind-, sie  sind  wahre  lumina
       mundi 10*) gegen diese breitspurigen Normalesel.
       Ade!
       Ich bin  meist von  9 Uhr morgens bis abends 7 auf dem Britischen
       Museum. Der  Stoff, den  ich bearbeite, ist so verdammt viel ver-
       zweigt, daß  es mit  aller Anstrengung nicht gelingt, vor 6-8 Wo-
       chen abzuschließen. Daza kommen immer praktische Störungen dazwi-
       schen, unvermeidlich  bei den elenden Verhältnissen, in denen man
       hier vegetiert.  Trotz alledem  und alledem  eilt die  Sache  dem
       Schluß zu. Man muß einmal gewaltsam abbrechen. Die demokratischen
       "simpletons" 11*),  denen die Erleuchtung "von oben" kommt, haben
       natürlich derartige  Anstrengungen nicht nötig. Wofür sollten sie
       sich mit  ökonomischem und  historischem Material  plagen,  diese
       Sonntagskinder? Es  ist ja  alles so  e i n f a c h,  pflegte der
       wackre Willich  mir zu  sagen. Alles so einfach! In diesen wüsten
       Köpfen. - Höchst einfache Kerls!
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       9*) "unendlich Kleinen" - 10*) Leuchten der Welt - 11*) "Tröpfe"

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