Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#561# 96 - Engels an Ernst Dronke - 9. Juli 1851
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Engels an Ernst Dronke
in Genf
Lieber Dronke,
Du bist seit längerer Zeit ganz ohne Nachricht von uns geblieben
- zuerst infolge mangelnder Adressen seit dem Tode Galeers, und
dann, seit Du uns Schusters Adresse angabst, infolge hierherge-
kommener Nachrichten, daß Du bald selbst nach England kommen wer-
dest. Da aber Lupus nun schon fast einen Monat in London ist und
wir von Dir nichts hören, so müssen wir vermuten, daß Du einst-
weilen noch dort bleiben wirst.
Über die im vorigen Herbst vorgefallenen Londoner Geschichten
bist Du unterrichtet. [422] Was Du nicht von hier aus gehört
hast, hast Du aus seitdem veröffentlichten Dokumenten gesehen.
Ich brauche Dir also nur einiges des seitdem Vorgefallenen zu er-
zählen, um Dich au fait 1*) zu setzen.
Da ich seit Novbr. 50 hier in Manchester sitze und Marx wenig
englisch spricht, so war die Verbindung mit Harney und den Char-
tisten ziemlich ins Stocken geraten. Dies benutzten Schapper,
Willich, L. Blanc, Barthélémy pp. - kurz, der ganze deutsch-fran-
zösische, mit uns auf der einen, mit dem Ledru-Mazzinischen Komi-
tee [423] auf der andern Seite, unzufriedne Schwamm - dazu, den
Harney in ein Bankett für den 24. Febr. zu verwickeln, was ihnen
gelang. Bei diesem Bankett fielen folgende Kuriosa vor:
1. Zwei von unsern Leuten 2*), die anwesend waren, und worunter
Schramm, wurden vom deutschen Flüchtlingsmob herausgeschmissen -
die Sache wurde ernsthaft, hätte fast zu gerichtlichen Verhand-
lungen geführt, wurde indes von uns beigelegt mit hinreichender
Satisfaktion für die Beleidigten, dagegen führte sie zu halbge-
spanntem Verhältnis - momentan - mit Harney, der sich dabei
schwach benommen hatte. Jones, der überhaupt ein andrer Kerl ist
wie Harney, ist dafür ganz mit uns und exponiert jetzt den Eng-
ländern das "Manifest" 3*).
2. Herr Willich, in Ermangelung von Adressen aus Deutschland,
verlas eine aus der Schweiz, worunter auch D e i n e Unter-
schrift. Durch welche
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1*) in Kenntnis - 2*) Conrad Schramm und Wilhelm Pieper -
3*) "Manifest der Kommunistischen Partei"
#562# 96 - Engels an Ernst Dronke - 9. Juli 1851
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Betrügerei oder Fälschung Dein Name unter solch ein Aktenstück
gekommen ist, können wir hier natürlich nicht wissen, und jeden-
falls mußt Du uns das Nötige darüber schreiben, nachdem Du selbst
die betreffenden Nachforschungen angestellt hast. Im compte rendu
4*) des Banketts ist übrigens die Adresse mit Deinem Namen drun-
ter gedruckt, und Du kannst Dir den Jubel denken, daß einer von
der "N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]" drunterstand.
3. Die Geschichte mit dem Blanquischen Toast [203]. Barthélémy
als angeblicher Blanquist ließ Blanqui um einen Toast für das
Bankett bitten, und Bl[anqui] schickte die famose Attacke auf die
ganze prov. Regierung, Blanc et Co. inklusive. Barthélémy, nie-
dergedonnert, legte sie vor, und es wurde beschlossen, sie zu un-
terdrücken. Blanqui aber kannte seine Leute, und der Toast er-
schien gleichzeitig mit dem Bankett in den Pariser Journalen und
verdarb den ganzen Knalleffekt. Der kleine Seufzerschwindler L.
Blanc erklärte nun in der "Times" und das Komitee - Willich,
Schapp[er], L. Bl[anc], Barthélémy, Vidil pp. - in der "Patrie",
sie wüßten von dem ganzen Toast nichts. Die "Patrie" aber setzt
hinzu, der Schwager Blanquis, Antoine, bei dem sie sich erkun-
digt, habe den Toast an Herrn Barthélémy abgeschickt und von die-
sem, dem Mitunterzeichner der Erklärung, Empfangsanzeige in Hän-
den. Hierauf erklärt Barthélémy, das sei richtig, er nehme alles
auf sich, er habe gelogen, er habe den Toast erhalten, aber der
Harmonie wegen unterdrückt. Zum Unglück aber erklärt gleichzeitig
der Ex-Capitaine de dragons 5*) Vidil, er wolle alles gestehn,
der Toast sei dem Komitee von Barthél[emy] vorgelegt und durch
Beschluß desselben unterdrückt worden. Kann man sich eine größere
Blamage der ganzen Bande denken! Wir übersetzten den Toast ins
Deutsche und ließen ihn in 30 000 Exemplaren in Deutschland und
England verbreiten. [202]
Während der Novembermobilmachung [424] wurde Willich durch fin-
gierte Briefe in die größte Ekstase geritten und wollte mit der
preußischen Landwehr die Welt revolutionieren. Die höchst komi-
schen Dokumente und Revolutionspläne darüber sind in unsern Hän-
den. Sie werden seinerzeit benutzt werden. Vor allen Dingen soll-
ten alle "schriftstellerischen Elemente" mit Stumpf und Stiel
ausgerottet und die Diktatur der mobilisierten Eifelbauern er-
klärt werden. Malheureusement il n'en fut rien. 6*)
Seitdem mühen sich die assoziierten, sich gegenseitig die Herr-
schaft und Unsterblichkeit verassekurierenden großen Männer ver-
geblich ab, irgendwo Posto zu fassen. Alles ist eitel, und sie
haben die Satisfaktion, daß
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4*) Bericht - 5*) Ex-Rittmeister der Dragoner - 6*) Unglückli-
cherweise ist daraus nichts geworden.
#563# 96 - Engels an Ernst Dronke · 9. Juli 1851
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unter sämtlichen in Deutschland vorgekommnen Haussuchungen und
Verhaftungen nicht eine einzige ist, die infolge von Verbindungen
mit ihnen stattgefunden hat.
Wir haben dagegen die Genugtuung, den sämtlichen Londoner groß-
mäuligen, konfusen und impotenten Flüchtlingspöbel los zu sein
und endlich wieder einmal ungestört arbeiten zu können. Die zahl-
losen Privatgemeinheiten des Packs können uns gleichgültig sein.
Wir waren dem Gesindel von jeher überlegen und haben sie in jeder
ernsthaften Bewegung beherrscht; seitdem aber haben wir aus der
Praxis seit 1848 enorm viel gelernt und die Ruhe seit 1850 gehö-
rig benutzt, um wieder zu ochsen. Wenn es wieder zu etwas kommt,
so werden wir diesmal noch ganz anders gegen sie im Vorteil sein
und dazu noch auf Gebieten, woran sie gar nicht denken. Und abge-
sehn vpn alledem haben wir den enormen Vorteil, daß sie sämtlich
Stellenjäger sind und wir nicht. Man begreift nicht, wie es noch
Esel geben kann, nach den gemachten Erfahrungen, deren höchste
Ambition darin besteht, le lendemain même de la première insur-
rection victoireuse 7*) - was sie so Revolution nennen - in ir-
gendeine Regierung zu treten und nach 4 Wochen zertreten oder
blamiert beiseite geworfen zu werden, wie Blanc und Flocon 1848!
Und noch dazu die Regierung Schapper - Gebert -Meyen - Haude -
Willich! Leider kommen die armen Teufel nie zu dieser Satisfak-
tion, sie werden leider wieder Schwanz werden und als solcher
noch einige Konfusion in kleinen Städten und bei den Bauern an-
richten können.
Was machst Du eigentlich in Genf? Man spricht davon, daß Du Gatte
und Vater seist und daneben mit Moses sehr freundschaftlich stän-
dest -aus Rücksichten für die Mösin. Nach andern soll das alles
pure Verleumdung sein, aber das wäre hier - bei zehn Breitengra-
den Entfernung - schwer zu entscheiden. Freiligrath ist auch in
London und gibt einen neuen Band Gedichte heraus. Weerth ist in
Hamburg und schreibt, wie ich, bis zur nächsten Paukerei Hand-
lungsbriefe. Er hat von seiner spanischen Reise nichts mitge-
bracht, nicht einmal einen Tripper. Übrigens kommt er diesen Mo-
nat nach London. Der rote Wolff hat verschiedne Phasen des Irlän-
dertums, des würdigen Bürgertums, der Verrücktheit und andrer in-
teressanter Zustände durchgemacht und den Schnaps vollständig mit
dem half and half 8*) vertauscht. Der père 9*) Marx geht tagtäg-
lich auf die Bibliothek und vermehrt in erstaunlicher Weise seine
Kenntnisse, aber auch seine Familie.
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7*) gleich am Morgen nach dem ersten siegreichen Aufstand -
8*) (halb und halb; hier:) halb Porter, halb Ale - 9 Vater
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Ich endlich trinke Rum und Wasser, ochse und mache in Twist und
Langeweile. Das ist das Resümee der Personalia.
Da die Verhaftungen in Deutschland uns hier zwingen, in vieler
Beziehung wieder für Herstellung der Verbindungen zu sorgen und
manche ab-getretne Arbeit wieder zu übernehmen, so ist es nötig,
daß Du so rasch wie möglich schreibst, wie es in der Schweiz aus-
sieht. Antworte also gleich, und wenn Du weitere Aufklärungen
wünschest, so gibt die betreffenden Punkte an. Adressiere an mich
- care of Messrs 10*) Ermen & Engels, Manchester - via Calais.
Dein F. Engels
Manchester, 9. Juli 1851
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10*) zu Händen der Herren
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