Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#565# 97 - Marx an Joseph Weydemeyer - 2. August 1851
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97
Marx an Joseph Weydemeyer
in Zürich
[London] 2. August 1851
28, Dean Street, Soho
Lieber Weydemeyer!
Soeben erhalte ich Deinen Brief von Engels und beeile mich, Dir
zu antworten. Ich hätte natürlich sehr gewünscht - wenn es
[schon] unmöglich war, Dich hier zu halten -, Dich wenigstens
noch vor Deiner Abreise zu sehn und zu sprechen.
Wenn Du aber einmal nach Amerika gehst, kannst Du es in keinem
Moment, der gelegner wäre, sowohl dort Existenzquellen zu finden,
als unserer Partei nützlich zu sein.
Es ist nämlich fast so gut wie sicher, daß Du bei der "New-Yorker
Staatszeitung" eine Stelle als Redakteur finden wirst. Sie war
früher Lupus angetragen. Er legt Dir hier einen Brief für Reich-
helm, der Mitbesitzer des Blattes ist, bei. Soviel über das Indu-
strielle. Du darfst aber keine Zeit verlieren.
Andrerseits: Herr Heinzen, mit dem würdigen Ruge, stößt in der
New-Yorker "Schnellpost" wöchentlich in die Posaune gegen die
Kommunisten, speziell mich, Engels usw. Das ganze demokratische
hiesige Geschmeiß hält dort die Grube, worin es seinen Guano ab-
lagert, der zwar keinen Samen und Früchte, wohl aber das Unkraut
zu üppiger Blüte treibt. Schließlich: Heinzen hetzt die
"Staatszeitung", und sie ist diesem Gegner selbst nicht gewach-
sen.
Wie auch die amerikanische Politik für die "Staatszeitung" sei,
in der europäischen wirst Du la voix libre 1*) haben. Heinzen
brüstet sich dort überhaupt als großer Schriftsteller. Die ameri-
kanische Presse wird sich freuen, wenn jemand hinüberkommt, der
diesem großmäuligen Poltron auf die Finger klopft.
Wir werden, wenn Du Redakteur wirst, für Dein Departement Dir
jede Unterstützung gewähren. Leider ist der Lump und Esel Seiler
der
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1*) Meinungsfreiheit
#566# 97 - Marx an Joseph Weydemeyer - 2. August 1851
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Londoner Korrespondent der "St[aats]zeitung". Auch dem Mitglied
der europäischen Regierung, Ruge, muß man ein Brett aufs Maul
schlagen.
Dein Aufsatz gegen Christ ist gut. Ich weiß nichts daran zu än-
dern, bemerke nur nebenbei, daß allerdings die Arbeiter in den
Fabrikbezirken heiraten, um G e l d aus den Kindern zu schla-
gen. Das Faktum ist trist, aber richtig.
Du kannst Dir denken, daß meine Lage sehr trüb ist. Meine Frau
geht unter, wenn es lange so fortdauert. Die beständigen Sorgen,
der allerkleinlichste bürgerliche Kampf reibt sie auf. Und dazu
noch die Infamien meiner Gegner, die n o c h n i e auch nur
versucht haben, mich sachlich anzugreifen, sich für ihre Ohnmacht
dadurch zu rächen suchen, daß sie mich bürgerlich verdächtigen
und die unsagbarsten Infamien über mich verbreiten. Willich,
Schapper, Ruge und eine Masse andern demokratischen Gesindels ma-
chen draus ihr Geschäft. Kaum kömmt einer vom Kontinent an, so
wird er aufgegriffen und bearbeitet, um seinerseits wieder das-
selbe Handwerk zu übernehmen.
Vor einigen Tagen begegnet der "berühmte" Referendarius Schramm
3*) einem Bekannten auf der Straße, und gleich raunt er ihm zu:
wie auch die Revolution ausfallen mag, darüber sind alle einig,
Marx ist perdu 3*). Rodbertus, der die meiste Aussicht hat, läßt
ihn gleich füsilieren - und so alle. Natürlich, ich würde lachen
über den ganzen Dreck; ich lasse mich dadurch auch keinen Augen-
blick in meinen Arbeiten stören, aber Du begreifst, daß meine
Frau, die leidend ist und in der unerfreulichsten bürgerlichen
Klemme vom Morgen bis abends sitzt und deren Nervensystem ange-
griffen ist, nicht dadurch erfrischt wird, wenn jeden Tag dumme
Zwischenträger ihr die Ausdünstungen der demokratischen Pest-
kloake zuführen. Die Taktlosigkeit einzelner Leute ist darin oft
kolossal.
Übrigens von Parteien ist hier nicht die Rede. Die großen Männer,
trotz ihrer a n g e b l i c h e n Meinungsverschiedenheit, tun
hier nichts, als sich wechselseitig ihre Wichtigkeit garantieren.
Hohleres Pack hat nie eine Revolution auf die Oberfläche ge-
schleudert.
Wenn Du in New York bist, so geh zu A. Dana von der "New-York
Tribune" und grüße ihn von mir und Freiligrath. Vielleicht kann
er Dir nützlich sein. Sobald Du ankommst, schreibe mir gleich,
aber immer unter der Adresse von Engels, da dieser am besten von
uns das Porto tragen kann. Ich erwarte jedenfalls von Dir auch
noch einige Zeilen, eh' Du wirklich in See stichst. Wenn Deine
Frau kömmt, so grüße sie bestens von mir und Frau.
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2*) Rudolph Schramm - 3*) erledigt
#567# 97 - Marx an Joseph Weydemeyer - 2. August 1851
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Kannst Du in New York bleiben, so bist Du nicht weit von Europa
fort, und bei der gänzlichen Unterdrückung der Presse in Deutsch-
land kann man nur dort den Preßkampf führen.
Dein K. Marx
PS. Soeben erfahre ich, daß die großen Männer, Ruge und Clique,
Kinkel und Clique, Schapper, Willich und Clique und die Vermitt-
ler dieser Größen, Fickler, Goegg und Clique sich zu einem
Schwamm zusammentun. Du kennst die Geschichte von dem Bauer, der
jedes Dutzend Scheffel unter dem Kostenpreis verkaufte. Aber,
sagte er, die Masse muß es tun. Und so sagen diese Schwächlinge
auch: die Masse wird's tun. Das Zement übrigens, das diesen Teig
zusammengeknetet, ist der Haß gegen die "Clique der 'N[euen]
Rheinischen] Z[eitung]'", speziell gegen mich. Ein Dutzend zusam-
men sind sie die wahren Kerls.
Wenn Du nicht Herr der "Arbeiterzeitung" würdest in New York -
was allerdings das Beste wäre -, wenn Du also genötigt, mit der
"Staatszeitung" zu unterhandeln, so nimm Dich dort vor Deinem
Freunde Kapp in acht, der dort ein- und ausgeht. Wir haben die
Beweise in der Hand, daß dieses Subjekt - aus welchem Grund weiß
ich nicht - einer der Hauptintriganten gegen uns ist.
Adieu mon cher. 4*)
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4*) Auf Wiedersehen, mein Lieber.
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