Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #569# 99 - Engels an Joseph Wedemeyer - 7. August 1851
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       Engels an Joseph Wedemeyer
       in Zürich
       
       Lieber Wedemeyer,
       Meinen besten  Dank für Deine Mitteilungen. Wenn Du aus dem Hoff-
       stetter [425]  noch weiteres  herausschlagen kannst, so werde ich
       Dir dafür  sehr verbunden  sein. Ich  sollte übrigens meinen, Dir
       müßten doch  noch die Titel einiger Leitfäden und sonstigen Mili-
       tärschulbücher von  früher her im Gedächtnis sein; was ich beson-
       ders brauche,  ist grade das Allerplattste und Ordinärste, was im
       Fähndrichs- und Leutnantsexamen gefordert wird, und was eben des-
       wegen überall  als bekannt  vorausgesetzt wird.  Den Decker hatte
       ich mir  schon in  der Schweiz, in einer schlechten französischen
       Übersetzung und  ohne Pläne [216], angeschafft, aber Marx hat ihn
       mir verschmissen,  und er  wird sich schwerlich wiederfinden. Den
       Atlas werde  ich mir anschaffen, ich muß aber auch eine Karte von
       Ungarn haben. Ich sehe, daß der östreichische Generalstab mehrere
       Arbeiten hierüber  veröffentlicht hat,  sage mir,  ob Deine Karte
       der Art  war und was sie kostet, im schlimmsten Falle ist sie im-
       mer brauchbarer  als der  große Stieler.  Für Baden und besonders
       die badisch-schweizerische Rheingrenze hab' ich hinreichende Kar-
       ten aus  der Kampagne  [397] gerettet.  Ich werde  mir nun  durch
       Weerth, der  wieder in  Hamburg ist,  Preise pp.  verschaffen und
       dann sehn,  was ich  mir kaufe.  Aber wie  gesagt, welche weitere
       Auskunft Du  mir noch  besorgen kannst,  wird mir  sehr  angenehm
       sein.
       Daß Du nach Amerika gehst, ist schlimm, indes, ich wüßte wahrhaf-
       tig nicht,  welch andern Rat ich Dir geben sollte, wenn Du in der
       Schweiz nichts  findest. In  London ist  durchaus nicht viel los,
       und Lupus  hat noch immer nichts gefunden. Er sieht sich nach ei-
       ner Stelle  um, und  ich suche ihm hier eine zu verschaffen, aber
       bis jetzt  erfolglos. In  Musik ist  die Konkurrenz  hier  enorm.
       Après tout  1*) sieht sich New York von England und besonders von
       hier aus  nicht so  weit an, wenn man die Steamers regelmäßig vom
       Mittwoch der  einen bis  zum Samstag der andern Woche die Passage
       machen sieht  und selten  die 10  Tage Passage vollmachen. In New
       York wirst Du
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       1*) Trotz allem
       
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       auch den  kleinen roten  Becker 2*)  finden, er war zuletzt Expe-
       dient der "Arbeiterzeitung", ob er noch dran ist, weiß ich nicht,
       da ich  lange nichts von ihm gehört. Seine letzte Adresse war 24,
       North William  Street, upstairs  3*), doch  wenn Du  die  jetzige
       nicht wissen  solltest, so  ist er bei Lièvre, Shakespeare Hôtel,
       oder auf  der "Staatszeitung"  gewiß zu erfragen. In New York ist
       übrigens sehr viel zu tun, und ein ordentlicher Repräsentant uns-
       rer Partei,  der auch  theoretisch gebildet ist, fehlt dort sehr.
       Du wirst  Elemente genug  vorfinden, Dein  größtes Hindernis wird
       aber sein,  daß die  brauchbaren Deutschen,  die etwas wert sind,
       sich leicht amerikanisieren und alle Absicht auf Rückkehr fahren-
       lassen; und  dann kommen  eben die  besondern amerikanischen Ver-
       hältnisse in  Erwägung, die  Leichtigkeit des Abflusses der Über-
       völkerung aufs  Land, die  notwendig rasch  und rascher steigende
       Prosperität des  Landes, die  ihnen die bürgerlichen Verhältnisse
       als beau  idéal 4*) erscheinen lassen usw. Was unter den dortigen
       Deutschen an Rückkehr denkt, sind meist nur verbummelte Subjekte,
       Revolutionsexploiteurs à la Metternich und Heinzen, und die um so
       erbärmlicher sind,  je untergeordneter sie sind. Du findest übri-
       gens den  ganzen vaterländischen Reichsmob [426] in New York. Daß
       Du Dich dort wirst halten können, bezweifle ich nicht - außer New
       York ist  höchstens noch  St. Louis  erträglich, Philadelphia und
       Boston sind  gräßliche Nester. - Könntest Du die Zeitung erobern,
       so wäre  das famos.  Im andern Fall sieh Dich bei der "New-Yorker
       Staatszeitung" heranzumachen,  die uns sehr günstig ist und deren
       europäische Korrespondenzen  beständig unter unsrer Kontrolle wa-
       ren.
       Die Korrespondenz  von dort  aus geht  am besten  durch mich, ich
       lasse dann die Firma das Porto zahlen.
       Von der  Kaserne höre  ich wenig mehr, außer daß Willich sich mit
       dieser Bande  überworfen hat und nicht mehr kaserniert. Der Stamm
       der Armee der Zukunft ist aufgelöst 5*), wie mir M[arx] schreibt,
       und Willich  ist ohne  Besançon. Quelle horreur! 6*) Dieser W[il-
       lich] ist  übrigens nicht  nur ein  Narr, sondern ein infam heim-
       tückischer, maliziöser Kerl, dessen Bosheit, einer bis ins Aller-
       kolossalste  und   Unglaublichste  aufgespreizten  Eitelkeit  und
       Selbstanbetung zum  Mittel dienend, durchaus keine Grenzen kennt.
       Ich habe  nie ein  so durch  und durch verlogenes Subjekt gesehn.
       Ich kann  Dir versichern,  daß ich,  buchstäblich, nie ein wahres
       Wort aus  seinem Munde  gehört habe. Du kannst Dir wirklich keine
       Vorstellung machen,  welche Figur  die fixe Idee, daß er der Mann
       sei, dessen militärisches, politisches
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       2*) wahrscheinlich: Max  Joseph Becker  - 3*) oberes  Stockwerk -
       4*) schönes Ideal  - 5*) siehe  vorl.  Band,  S.  286  -  6*) Wie
       schrecklich!
       
       #571# 99 - Engels an Joseph Wedemeyer - 7. August 1851
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       und sozietätsorganisatorisches  Genie die Revolution zum Sieg und
       zur Vollendung  durchführen muß, aus diesem Menschen gemacht hat.
       Natürlich hat  sich diese  Tollheit erst graduell entwickelt. Ich
       halte ihn jeder Gemeinheit ohne Ausnahme kapabel, übrigens glaube
       ich auch  nicht, daß er diesmal direkten Verrat begangen hat. Die
       Hamburger Geschichte  hat  sich  anders  aufgelöst;  der  einzige
       dortige Agent W[illich]s und Schappers, Bruhn, ist nicht der Ver-
       räter. Es  heißt, Haupt  habe geschwatzt,  aber ich kann es nicht
       glauben.
       Wir lassen  die ganze  Bande natürlich  treiben, was sie wollen -
       ihr ganzes  Treiben beschränkt  sich natürlich auf Rodomontieren,
       Verrückte-Pläne-Schmieden und  Schimpfen über  uns - und kann uns
       gleichgültig sein.  Zu beobachten brauchen wir sie nicht, das tut
       die preußische  Polizei für  uns.  Es  wird  in  der  Kneipe  von
       Schärttner, wo  sie sitzen,  kein Wort gesprochen, das nicht rap-
       portiert wird.
       Du schreibst  also jedenfalls  vor Deiner Abreise noch einmal und
       gibst mir  den Namen  des Schiffs an, mit dem Du gehst - ich kann
       aus den  hiesigen Blättern sehn, wann es in New York ankommt. Von
       New York  aus gib  gleich Deine  Adresse. -  Die von Marx ist 28,
       Dean Street, Soho Square, London.
       Viele Grüße.
       Dein F. Engels
       Manchester, 7. Aug. 51
       Hast Du von Dronke etwas gehört? Er sitzt noch in Genf, seine Ad-
       resse wirst Du von Schuster haben.

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