Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#579# 101 - Marx an Joseph Weydemeyer - 11. September 1851
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101
Marx an Joseph Weydemeyer
in Zürich
[London] 11. September [1851]
28, Dean Street, Soho
Lieber Weydemeyer!
Lupus hat an seinen Bekannten an der "Staatszeitung" in Deinen
Angelegenheiten geschrieben. Das Schlimme ist nur, daß Herr Kin-
kel in neurer Zeit sich dort eingenistet hat. Andrerseits hat
sich das Gute ereignet, daß die Zeitung des Herrn Heinzen, die
New-Yorker "Schnellpost", gezwungen war, ihren Bankerutt zu er-
klären. Die Herrn Hofí und Kapp versuchen jetzt eine neue Zeitung
auf Aktien zu gründen. Jedenfalls ist ein Moment eingetreten, der
zu Zeitungsspekulationen günstig ist.
Die hiesigen großen Männer haben sich vollständig entzweit. Die
Kerls gebärden sich, als ob sie die Nachfolger Alexanders wären
und das mazedonisch-asiatische Reich unter sich zu verteilen hät-
ten, les drôles 1*)!
Wenn ich nur mehr Bekanntschaft hier hätte, so würde ich gesucht
haben, Dir hier eine Stelle als Ingenieur, Eisenbahnvermesser
oder dgl. zu verschaffen. Leider bin ich ohne alle Verbindung.
Ich bin sonst überzeugt, daß in dieser line 2*) hier Beschäfti-
gung zu finden ist. Schlimm ist's, daß wir alle so short of money
3*) sind und Du nicht die Mittel hast, einige Zeit hier abzu-
warten und Dich umzusehn. Wenn es Dir aber wirklich gelingt, Dein
Vorhaben in New York auszuführen, findest Du dort jedenfalls
leichter die Mittel zur Rückkehr nach Europa im Fall einer
Revolution, als wir von hier.
Und dennoch müde ich mein Gehirn mit Plänen ab, wie Du hier Dich
settlen 4*) könntest, denn einmal drüben, wer bürgt Dir dafür,
daß Du Dich nicht nach dem Far West 5*) verlierst! Und wir haben
so wenige Kräfte und müssen so ökonomisch mit unsren Kapazitäten
umgehn.
Dabei wählst Du eine schlechte, unbequeme Zeit zum Reisen. Indes
il n'y a rien à faire contre la nécessité des choses 6*). Und da-
von bin ich wenigstens
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1*) die Käuze - 2*) Richtung - 3*) knapp an Geld - 4*) niederlas-
sen - 5*) Fernen Westen - 6*) gegen die Notwendigkeit der Dinge
läßt sich nichts machen
#580# 101 - Marx an Joseph Weydemeyer - 11. September 1851
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überzeugt, daß Du, einmal drüben, nicht dieselbe Misere durch-
zumachen hast, wie wir alle hier. Und diese Aussicht ist wenig-
stens auch in Rechnung zu ziehn.
Wie dies die Zeit der Auflösung der "demokratischen" provisori-
schen Regierungen ist, hat auch Herr Mazzini erfahren müssen. Die
Minorität ist aus dem italienischen Komitee 7*) [270] nach hefti-
gen Kämpfen ausgetreten. Es sollen dies die Weiterentwickelten
sein.
Ich halte Mazzinis Politik für grundfalsch. Er arbeitet ganz im
Interesse Ostreichs, indem er Italien zum jetzigen Losbruch sol-
lizitiert. Andrerseits versäumt er es, sich an den seit Jahrhun-
derten unterdrückten Teil Italiens zu wenden, an die Bauern, und
bereitet damit der Kontrerevolution neue Ressourcen vor. Herr
Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen Adel und ihren
citoyens éclairés 8*). Die materiellen Bedürfnisse des italieni-
schen Landvolks - so ausgesogen und systematisch entnervt und
verdummt wie das irische - liegen natürlich unter dem Phrasenhim-
mel seiner kosmopolitisch-neokatholisch-ideologischen Manifeste.
Aber allerdings gehörte Mut dazu, den Bürgern und dem Adel zu er-
klären, daß der erste Schritt zur Unabhängigkeitsmachung Italiens
die völlige Emanzipation der Bauern und die Verwandlung ihres
Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist. Mazzini
scheint eine Anleihe von 10 Millionen francs für revolutionärer
zu halten als eine Gewinnung von 10 Millionen Menschen. Ich
fürchte sehr, daß die östreichische Regierung im äußersten Not-
fall s e l b s t den Besitzstand in Italien ändern und "gali-
zisch" reformieren wird [271].
Dem Dronke sage, daß ich ihm in einigen Tagen schreiben werde.
Besten Gruß an Dich und Frau von meiner Frau und mir. Überleg Dir
noch einmal, ob Du die Sache hier versuchen willst.
Dein K. Marx
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7*) siehe vorl. Band, S. 339/340 - 8*) aufgeklärten Bürgern
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