Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
zurück
#587# 106 - Marx an Hermann Ebner - 2. Dezember 1851
-----
106
Marx an Hermann Ebner
in Frankfurt a.M. [427]
[London, 2. Dezember 1851]
... Von Herrn Kinkel wissen Sie, daß er seine Rundreise in den
Vereinigten Staaten fortsetzt. [286] Er hat bisher ungefähr 12000
Dollars zusammengetrieben, sich aber sehr wohl gehütet, die wirk-
liche Parteistellung der verschiednen Fraktionen der Emigration
auszusprechen, wie Sie schon daraus ersehn, daß er sogar an per-
sönliche Freunde von mir sich adressiert und wirklich ihre Mit-
wirkung erschlichen hat. Er hat folgendes alberne Programm in die
Zeitungen geschickt:
"To the friends of the People.
The shameful tyranny and injustice of the Ger[man] 1*) despots
have reached the highest point. Every free institution gained du-
ring the revolutionary struggle of 1848, has been destroyed by
the brutal power of the Monarchs. The time has arrived when it
becomes a right as well as a duty of the oppressed people to draw
their swords and fight for the most sacred rights which the su-
preme being has granted all men alike. The hatred against the
despots who cowardly murder or imprison every man, whoever raised
his arm or tongue for a republican reform and for the freedom of
the downtrodden, is on the point of a tremendous outbreak, and it
is most likely that next spring the sun will rise over the most
desperate struggle ever waged by men against their oppressors.
Italy will set the ball in motion, until tyranny is swept away
and liberty proclaimed in every province of the Old World. Ame-
rica having set the noble example in 1776, Europe is ready to
follow in the footsteps of her young and noble sister on Colum-
bias shores. To bring about this much desired and, more especi-
ally in Germany, the leading German republicans (?), now refugees
in London, have united for the purpose of creating a national
loan, with the promise to use every effort, after the establish-
ment of the republic, to liquidate the same with full interest.
All friends of liberty in this country are now called upon to
lend their willing aid for this purpose. Without money nothing
can be
-----
1*) Tintenfleck
#588# 106 - Marx an Hermann Ebner - 2. Dezember 1851
-----
accomplished. It rests in a high degree with the sympathisers of
Republicanism whether the project shall be accomplished.
Baltimore, October, 1851. Dr. G. Kinkel. In behalf of the London
Committee." 2*)
Herr Gottfried fand in den Vereinigten Staaten nur einen eifrigen
Widersacher an K. Heinzen, der die Ruge-Ficklersche Clique ver-
tritt. Aber die Feindschaft eines gemeinen Polterers wie Heinzen
kann jedem, den sie trifft, nur förderlich sein. Unter den Garan-
ten der Kinkelschen Anleihe figurieren ö f f e n t l i c h die
3 preußischen Exlieutenants Schimmelpfennig, Willich, Techow, der
Studiosus Schurz, der Graf O[skar] Reichenbach, der mittelmäßige
Berliner Literat Meyen. P r i v a t i m aber hat Kinkel noch
die Unterschriften von Löwe von Calbe (hieße besser Kalb von
Löwe), Expräsident des Reichsrumpfparlaments von Stuttgart [438].
Dieser Löwe besitzt ein Aktenstück, das ihn, von Stuttgart her,
bevollmächtigt, das Reichsparlament, wann und wo er will, zusam-
menzuberufen. Für Kinkel, der als provisorische Regierung in
Deutschland einzurücken gedenkt, war die Accaparation 3*) dieses
Mannes daher wichtig, um seine "Her[rschaft"] 4*) auf den
"Rechtsboden" zu stellen.
-----
2*) "An die Freunde des Volkes.
Die schändliche Tyrannei und Ungerechtigkeit der deutschen Despo-
ten haben ihre Spitze erreicht. Alle freiheitlichen Einrichtun-
gen, die durch den revolutionären Kampf von 1848 erzielt wurden,
sind durch die brutale Gewalt der Monarchen zerstört worden. Nun
ist die Zeit gekommen, da es nicht nur ein Recht, sondern sogar
eine Pflicht des unterdrückten Volkes ist, das Schwert zu ziehen
und für die heiligsten Rechte zu kämpfen, welche Gott allen Men-
schen gleichermaßen gegeben hat. Der Haß gegen die Despoten, die
feige jeden Menschen ermorden oder einkerkern, der seinen Arm
oder seine Stimme für eine republikanische Reform und für die
Freiheit der Unterdrückten erhebt, steht an der Schwelle eines
gewaltigen Ausbruchs, und es steht zu erwarten, daß das kommende
Frühjahr die Morgenröte des verzweifeltsten Kampfes sehen wird,
den je Menschen gegen ihre Unterdrücker geführt haben. Italien
wird den Stein ins Rollen bringen, bis die Tyrannei hinweggefegt
und die Stimme der Freiheit in jedem Winkel der Alten Welt er-
klingt. Amerika hat 1776 das edle Beispiel gegeben; Europa ist
bereit, in die Fußtapfen seiner jungen und edlen Schwester an der
Küste Columbias zu treten. Um dieses so heiß ersehnte Ziel, ganz
besonders in Deutschland, zu erreichen, haben sich die führenden
deutschen Republikaner (?), die sich jetzt als Flüchtlinge in
London aufhalten, dazu zusammengetan, eine deutsche Anleihe ins
Leben zu rufen. Sie versprechen, mit allen Mitteln dafür zu sor-
gen, daß die Anleihe nach Errichtung der Republik mit Zins und
Zinseszinsen zurückgezahlt wird. Alle Freunde der Freiheit in
England sind jetzt dazu aufgerufen, diese Sache bereitwillig zu
unterstützen. Ohne Geld kann nichts erreicht werden. Es liegt bei
den Anhängern der Republik, ob das Projekt verwirklicht werden
wird.
Baltimore, Oktober 1851. Dr. G. Kinkel. Im Auftrage des Londoner
Komitees." - 3*) der Kauf - 4*) nicht eindeutig zu entziffern
#589# 106 - Marx an Hermann Ebner - 2. Dezember 1851
-----
Der zweite geheime Garant ist Dr. d'Ester. Seine zahlreichen
G l ä u b i g e r in Deutschland werden sicher mit Satisfaktion
erfahren, daß er die Zinsen für die Kinkelsche Anleihe von 2 Mil-
lionen garantiert und zugleich als Finanzminister die erst ein-
laufenden 20 000 Dollars verwalten wird. Herr d'Ester will
zugleich in der Schweiz ungestört als Landarzt die Bauern schin-
den (er soll sich in bessern Konditionen dort befinden als in
Köln, wo ihn die Schulden, aber nicht die Patienten überstürmten)
und zugleich sich die große Pforte für den Eintritt in den revo-
lutionären Regierungshimmel offenhalten. Darum hat er seine Ga-
rantie nur unter dem Siegel des Mysteriums gegeben. Es kann
nichts schaden, wenn er gezwungen wird, ö f f e n t l i c h zu
vertreten, was er in seiner alten Weise still spinnt.
Aus einer Zusendung, die Freiligrath Ihnen einmal gemacht hat,
haben Sie den Charakter des Herrn Gottfried Kinkel hinreichend
kennengelernt. Es wird Sie also nicht wundern, wenn Sie erfahren,
daß die "Lüge" sein "großes" und in letzter Instanz einziges Mit-
tel in den Vereinigten Staaten war. So schreibt mir ein Freund
u.a.:
"Kinkel kokettiert sehr stark mit Ledru-Rollin, welcher angese-
henen Freunden aus Deutschland versprochen, sobald Kinkel ans Ru-
der komme und Löwe auch, Armeen zum Propagandakriege über die
Grenze zu schicken. Mit Mazzini wird Kinkel sich, wie er sagt, in
Verbindung setzen, sobald er die Hand voll Geld hat und ihm damit
(!) e b e n b ü r t i g (!) wird."
Nun wissen Sie, daß Ledru mit dem Kinkel f e i n d l i c h e n
Komitee in Verbindung steht und den Abgesandten K[inkel]s die
T ü r e g e w i e s e n hat. Was aber Mazzini betrifft, so wird
folgendes zur Aufklärung hinreichen: Vor ungefähr 14-15 Monaten
schickte der große Gottfried Kinkel den sehr unbedeutenden preu-
ßischen Exlieutenant Schimmelpfennig zu Mazzini mit der Erklä-
rung, er, S[chimmelpfennig], werde, in K[inkel]s Auftrag, eine
Missionsreise nach Deutschland unternehmen. Es fehle dazu am Be-
sten, u.a. am Geld. Mazzini gab ihm 1000 fcs. in baribus und 4000
fcs. in Mazzinischen Staatsschuldscheinen unter der Bedingung,
daß die 1000 fcs. in 12 Monaten und von den Staatsschuldscheinen
die Hälfte der untergebrachten in demselben Termin zurückgezahlt
würden. Schimmelpfennig kehrte aus Deutschland zurück, wo er sehr
viele Weinflaschen, aber kaum einen "Tyrannen" vertilgt hatte.
Die 12 Monate vergingen. Wer nicht zu Mazzini kam, war Kinkel
oder K[inkel]s Abgesandter. Einige Wochen später erschien der-
selbe S[chimmelpfennig] wieder bei M[azzini], aber nicht um zu
zahlen, sondern um Mazzini von neuem zur Allianz mit Gottfried
aufzufordern. Gottfried hatte nämlich eben 160 Pfd. St. aus New
Orleans erhalten, und da ihm nach seiner Ansicht zum "großen
Mann" nur noch
#590# 106 - Marx an Hermann Ebner - 2. Dezember 1851
-----
einige Pfunde fehlten, glaubte er, nun Mazzini ebenbürtig zu
sein. Mazzini war anderer Ansicht und erklärte, daß er s e i n e
Leute (Ruge et Co.) in Deutschland habe und sich die Allianz des
Herrn Gottfried verbitte. Kinkel aber ist imperturbable und pro-
fondément convaincu 5*), daß, wenn 160 Pfd. ihn dem M[azzini]
noch nicht "ebenbürtig" gemacht haben, dies Wunder sicher durch
20 000 D[ollar] bewirkt werden wird. Selig sind, die da den Glau-
ben haben.
Der Erfolg K[inkel]s in den Vereinigten Staaten erklärt sich
teils dadurch, daß er selbst so sehr im unklaren war über die Be-
wegung wie die dortige Masse, also der sympathetische Mann ist,
dann aus seinen Lügen und Vertuschungen über das, was er
w i r k l i c h vertritt. Herr Kinkel et Co. will einen Revolu-
tionsausschuß von 7 Mann wählen, von denen jeder ein besondres
Ministerium erhält, z.B. d'Ester Finanzen, Kinkel das Ministerium
der Beredsamkeit und der hohen Politik, Techow Kriegsminister,
Willich Minister für das R e q u i s i t i o n s w e s e n, das
er aus dem ff. versteht, Meyen Unterrichtsminister etc. Einer der
Sieben hat Sitz in Einem dieser Komitees, um den obersten Aus-
schuß, die Septarchie, beständig in genauer Kenntnis von allem zu
halten. Sie sehn, ganz nach dem Plane der französischen proviso-
rischen Regierung, nur daß die Septarchie ihren Sitz außer
Deutschland hat und ihr Volk aus einem Klub von 50-100 Personen
besteht.
Herr Kinkel hat ausdrücklich erklärt, daß er das in Amerika
aufgetriebne Geld n i c h t zur Unterstützung von Flüchtlingen
benutzen wird. Er hat sich sogar dazu verpflichtet. Sie begrei-
fen, daß dies nur eine Finte ist, um n i c h t verpflichtet zu
sein, die n i e d r i g e Flüchtlingsschaft an den Pfunden
teilnehmen zu lassen, sondern sie a l l e i n aufzuessen. Dies
geschieht schon jetzt und wird mit der Zunahme des Schatzes noch
mehr geschehn in folgender Weise:
1. Die 7 Septarchen und ihre 7 Ministerien müssen besoldet wer-
den, also alle Kreaturen Kinkels, Willichs etc., und diese Herren
selbst sichern sich so, unter dem Vorwand, für die Revolution zu
wirken, den Löwenanteil der Gelder. Herr Willich, der jetzt z.B.
vom öffentlichen Bettel hier seit 2 Jahren lebt.
2. Die Herrn geben eine lithographierte Korrespondenz heraus, die
sie gratis an die Zeitungen versenden. Die elenden Literaten
Meyen, Oppenheim, Studiosus Schurz etc. ziehen einen andern An-
teil der Gelder für Schriftstellergebühren.
-----
5*) unerschütterlich und zutiefst überzeugt
#591# 106 - Marx an Hermann Ebner - 2. Dezember 1851
-----
3. Andre unter den großen Männern, wie Schimmelpfennig, Schurz
usw., werden abermals besoldet als "Emissäre".
Sie sehn so, daß der ganze Plan zweierlei bezweckt: die Masse der
sehr im Elende befindlichen Flüchtlinge (Arbeiter usw.) von den
Geldern auszuschließen und andrerseits Herrn Kinkel und dessen
Kreaturen sichre und dabei auch politisch profitliche S i n e-
k u r e n zu verschaffen, alles unter dem Vorwande, das Geld
n u r für revolutionäre Zwecke zu verwenden. Es wäre sicher sehr
angemessen, diese Finanzspekulationen, die der S t u d i o s u s
Schurz ausgeheckt hat, z u r K e n n t n i s d e s g r ö ß-
r e n P u b l i k u m s zu bringen.
Ich habe, ehe ich schließe, noch einige kurze Bemerkungen über
Kossuth zu machen. Kossuth trat mit vielem Talente auf und zeigte
im allgemeinen Takt in der Behandlung des englischen Publikums.
Indes war die Situation nicht so einfach, wie sich der Mann aus
dem Osten vorgestellt hatte. Einerseits übertrieb er die Schmei-
cheleien an die middle-class und feierte in orientalischer Weise
Institutionen, wie z.B. die City von London mit ihrer M u n i-
z i p a l v e r f a s s u n g, die von der "Times" selbst täg-
lich als public nuisances 6*) angegriffen werden. Andrerseits hat
er sich die Chartistenpartei verfeindet, die durch ihren
talentvollsten Vertreter, Ernest Jones, ihn so bitter angreift,
wie sie den Haynau nur hätte angreifen können. Und es war
allerdings taktlos von Kossuth, nachdem er sich alle Paríeídemon-
strationen verbeten, seinerseits nun P a r t e i zu ergreifen.
Endlich hat Kossuth sich überzeugt, daß Enthusiasmus und bares
Geld in umgekehrtem Verhältnis stehn. Bisher hat ihm all der En-
thusiasmus für s e i n e Anleihe noch nicht 800 Pfd. St. einge-
bracht.
Unsre demokratische Emigration hat sich bei dieser Gelegenheit
abermals blamiert, wie es ihre Gewohnheit ist. Kossuth hat ihre
Adressen keiner Antwort gewürdigt. Der geckenhaft eitle und zu-
dringliche Zwerg L. Blanc war so glücklich, auf seine Adresse
eine Antwort zu erhalten, aber eine Antwort, worin Kossuth direkt
den Sozialismus desavouiert.
Ich verbleibe Ihr ganz ergebner K. Marx
-----
6*) öffentliches Ärgernis
zurück