Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#60# 13 - Engels an das kommunist. Korrespondenz-Komitee...
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Engels an das kommunistische Korrespondenz-Komitee in Brüssel
K o m i t e e b r i e f N o. 3
Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen. Die
Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich bis-
her mit den Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind:
der Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist heraus-
geschmissen, die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse
vollständig gestürzt, und ich habe einen Beschluß einstimmig ge-
gen sie durchgesetzt.
Der kurze Verlauf ist der:
Über den Proudh[on]schen Assoziationsplan wurde 3 Abende disku-
tiert. Anfangs hatte ich beinah die ganze Clique, zuletzt nur
noch Eis[ermann] und die übrigen 3 Grünianer gegen mich. Die
Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolu-
tion nachzuweisen 1*) und überhaupt den Grünschen wahren Sozia-
lismus, der in der Proudhonschen Panacée neue Lebenskräfte gefun-
den, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch zu-
rückzuweisen 2*). Zuletzt wurd' ich wütend über die ewige Wieder-
holung derselben Argumente von seiten meiner Gegner und attac-
kierte die Straubinger [47] geradezu, was bei den Grünianern
große Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen Eiserm[ann]
einen o f f n e n A n g r i f f auf den Kommunismus entlockte.
Darauf deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wie-
derkam.
Jetzt knüpfte ich an die mir vom Eis[ermann] gegebne Handhabe -
die Attacke gegen den Kommunismus - an, um so mehr, als Grün in
einem fort intrigierte, auf den Ateliers 3*) herumlief, sonntags
die Leute zu sich zitierte pp., und den Sonntag nach der obigen
Sitzung s e l b s t die grenzenlose Dummheit beging, vor 8-10
Straubingern den Kommunismus zu attackieren. Ich erklärte also,
ehe ich mich auf weitere Diskussionen einließe, müsse abgestimmt
werden, ob wir hier qua Kommunisten zusammenkämen oder nicht. Im
ersten Falle müsse Sorge getragen werden, daß Angriffe auf den
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1*) Im Original: zurückzuweisen - 2*) im Original: nachzuweisen -
3*) Werkstätten
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Kommunismus, wie die von Eis[ermann], nicht mehr vorkämen, im an-
dern Fall, wenn sie bloß beliebige Individuen seien, die hier
über dies und jenes beliebige diskutierten, könnten sie mir ge-
stohlen werden und würde ich nicht wiederkommen. Dies erregte
großes Entsetzen bei den Grünianern, sie seien hier "für das Wohl
der Menschheit" zusammen, um sich aufzuklären, Männer des Fort-
schritts und nicht einseitig, Systemfänger pp., und solche Bie-
dermänner könne man doch unmöglich "beliebige Menschen" nennen.
Übrigens m ü ß t e n s i e e r s t w i s s e n, was Kommu-
nismus eigentlich sei (diese Hunde, die sich seit Jahren Kommuni-
sten genannt haben und bloß durch die Furcht vor Grün und
Eiserm[ann] abspenstig wurden, nachdem diese sich unter dem Vor-
wande des Kommunismus bei ihnen eingeschlichen hatten!). Ich ließ
mich natürlich nicht durch ihre liebevolle Bitte fangen, ihnen,
den Unwissenden, in 2 bis 3 Worten zu sagen, was Kommunismus sei.
Ich gab ihnen eine höchst simple Definition, die gerade so weit
[ging] 4*) wie die vorliegenden streitigen Punkte, die die Fried-
lichkeit, die Zartheit und Rücksicht gegen die Bourgeois resp.
das Straubingertum und endlich die Proudhonsche Aktiengesell-
schaft nebst beibehaltenem individuellem B e s i t z und was
sich daran knüpft durch Behauptung der Gütergemeinschaft
a u s s c h l o ß, und im übrigen nichts enthielt, was Anlaß zu
Abschweifungen und zur Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung
geben könnte. Ich definierte also die Absichten der Kommunisten
dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen
der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privat-
eigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu
tun; 3. kein andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten an-
zuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution. - Hier-
über zwei Abende diskutiert. Am zweiten ging der beste der 3 Grü-
nianer, die Stimmung der Majorität merkend, vollständig zu mir
über. Die andern beiden widersprachen sich fortwährend einer dem
andern, ohne es zu merken. Mehrere Kerls, die noch nie ge-
sprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich ganz
entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan. Einige
dieser homines novi 5*) sprachen, obwohl zitternd vor Todesangst
steckenzubleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz gesunden
Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam, wurde die
Versammlung für eine kommunistische im Sinne der obigen Defini-
tion erklärt von 13 Stimmen gegen die beiden der zwei treu
gebliebnen Grünianer, - von denen einer auch nachträglich erklärt
hat, daß er die größte Begierde habe, sich zu bekehren.
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4*) Papier beschädigt - 5*) neuen Leute
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Hiermit ist endlich einmal tabula rasa gemacht, und man kann
jetzt anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht.
Grün, der sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen
konnte, weil die Hauptgläubiger ebenselbige Grünianer waren,
seine Hauptanhänger, ist jetzt bei der Majorität und einem Teil
seiner Anhänger selbst sehr herunter und trotz aller Intrigen und
Experimente (z.B. in der Mütze auf die Barriereversammlungen ge-
hen pp.) mit seiner Proudhonschen Sozietät glänzend durchgefal-
len. Wär' ich nicht dagewesen, so hätte unser Freund E[werbec]k
allerdings tête baissée 6*) dahinein gegeben.
Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelligenz
seiner Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten
so oft vor, bis sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung - es
war natürlich nichts leichter, als so eine Opposition zum Schwei-
gen zu bringen - lief die ganze geschlagne Bande zu Grün, erzähl-
ten, was ich gesagt hatte - natürlich alles entstellt -, und lie-
ßen sich wieder wappnen. Wenn sie dann das Maul auf taten und
zwei Worte gesagt, so wußte man jedesmal den ganzen Satz vorher.
Natürlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei sehr in acht,
den Kerls irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn Grün zu
neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen könnte;
dennoch aber hat der Hund neulich in der "Kölner [Zeitung]" mit
diversen Entstellungen bei Gelegenheit der Genfer Revolution [64]
Sachen exploitiert, die ich den Straubingern sagte, während er
ihnen hier das G e g e n t e i l einpaukte. Er treibt jetzt Na-
tionalökonomie, der Brave.
Das Buch von Proudhon [45] werdet Ihr angezeigt gesehen haben.
Ich werde es dieser Tage bekommen; es kostet 15 fr., man kann es
nicht kaufen, das ist zu teuer.
Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt worden, be-
steht aus ca. 20 Schreinern, die sonst nur auf der Barriere noch
mit allerlei Volks sich versammeln, außer einem Sängerklub keine
eigentlich geschloßne Verbindung haben, sonst aber teilweise Ru-
dera des Bundes der Gerechtigkeit [42] sind. Könnte man sich öf-
fentlich versammeln, so würden wir bald über 100 Kerls aus den
Schreinern allein haben. Von den Schneidern kenn' ich nur einige,
die auch in die Schreinerversammlung kommen. Von Schmieden und
Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren. Kein Mensch weiß
was von ihnen.
Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtigkeit
an die "Halle" (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich hab'
ich das Send
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6*) sich unbedacht
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schreiben gelesen; da dies aber Eidesverletzung war, worauf To-
desstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt Ihr das nir-
gends hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie seine Replik
auf unsren Angriff 7*), daß dieser Angriff ihm sehr genützt hat
und er sich jetzt doch mehr um die Dinge dieser Welt kümmert. Er
gab eine lange Erzählung ihrer Schwierigkeiten. Der erste Ab-
schnitt dieser amerikanischen Straubingergeschichte enthielt ihr
Pech - offenbar stand Kriege an der Spitze und betrieb die
Geldgeschichten vom Standpunkt des weltumfassenden Herzens aus,
der "Tribun" wurde verschenkt, nicht verkauft, Liebesgaben bilde-
ten den Fonds, kurz, man wollte Kapitel III-VI der Apostelge-
schichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehlten auch
nicht, und zum Schluß fand man sich voller Schulden. Die zweite
Periode, wo Kriege zum bloßen "Registrator" wird und andre Kerle
an die Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu sein scheinen,
die des Aufkommens. Statt an die volle Brust der Menschen zu ap-
pellieren, wurde jetzt an ihre tanzlustigen Beine und überhaupt
an die ± 8*) unkommunistischen Seiten appelliert, und man fand zu
seinem Erstaunen, daß durch Bälle, Landpartien pp. das nötige
Geld vollständig aufzubringen sei, und daß auch die Schlechtig-
keit der Menschen für den Kommunismus exploitiert werden könne.
Jetzt seien sie vollständig pekuniär auf dem Strumpf. Unter den
"Hindernissen", die sie zu überwinden hatten, zählt der tapfre
Tecklenburger 9*) auch die allseitigen Verleumdungen und Ver-
dächtigungen auf, die sie, u.a. "zuletzt noch von den
'kommunistischen' Philosophen in Brüssel", zu erdulden hätten. Im
übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug gegen die Kolonien,
empfiehlt ihnen (d.h. seinen entschiedensten Feinden) den "Bruder
Weitling", hält sich aber im ganzen ziemlich irdisch, wenn auch
etwas gesalbt, und nur von Zeit zu Zeit so etwas Gestöhn von Brü-
derlichkeit usw.
Habt Ihr dort die "Réforme"? Wenn Ihr sie nicht lest, schreibt es
mir, ich werd' Euch dann berichten, wenn was Besondres drinsteht.
Seit 4 Tagen reitet sie auf dem "National" herum wegen seines Re-
fus, einer Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert, seine
unbedingte Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet sie, aus
bloßer Hinneigung für Thiers. Vor einiger Zeit zirkulierte hier,
Bastide und Thomas seien vom "National" ausgetreten, Marrast sei
allein geblieben, und dieser habe mit Thiers Allianz gemacht. Der
"National" widerrief. Veränderungen in seiner Redaktion sind
allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich nicht; daß er seit ei-
nem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist bekannt; die
"Reforme" setzt ihm nun
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7*) "Zirkular gegen Kriege" - 8*) mehr oder weniger - 9*) Hermann
Kriege
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auseinander, wie sehr er sich durch diese Hinneigung in Blamagen
verritten hat. - Übrigens hat der "National" aus bloßer Opposi-
tion gegen die "Reforme" in der letzten Zeit einige Dummheiten
gemacht, so die von der "Reforme" zuerst erzählte portugiesische
Kontrerevolution [66] aus bloßer Malice geleugnet, bis er nicht
mehr konnte usw. Die "Reforme" plagt sich jetzt, eine ebenso
brillante Polemik zu führen wie der "National", aber es geht
nicht.
Nachdem ich bis hieher geschrieben, ging ich noch zu den Strau-
bingern, wo sich folgendes herausstellte: Der Grün, zu ohnmäch-
tig, mir irgendwie Schaden anzutun, läßt mich jetzt auf der Bar-
riere denunzieren. Der Eis[ermann] attackiert in der öffentlichen
und von Mouchards besuchten Barriereversammlung den Kommunismus,
wo ihm natürlich keiner antworten kann, ohne sich der Gefahr des
Geschaßtwerdens auszusetzen; der Junge hat ihm sehr wütend geant-
wortet, ist aber von uns gestern verwarnt. Darauf hat der
Eis[ermann] den J[unge] für das Sprachrohr eines Dritten erklärt
(der natürlich ich bin), und der plötzlich wie eine Bombe unter
die Leute gefahren sei, und er wisse wohl, wie da die Leute zu
den Barrierediskussionen eingepaukt würden pp. Kurz, er schwatzte
da Dinge aus, die einer v o l l s t ä n d i g e n D e n u n-
z i a t i o n bei der Polizei gleichkommen; denn der Wirt, wobei
die Geschichte sich zutrug, sagte noch vor 4 Wochen: il y a
toujours des mouchards parmi vous 10*), und der Polizeikommissär
war zu jener Zeit auch einmal da. Den J[unge] griff er geradezu
als "Revolutionär" an. Herr Grün war während der ganzen Zeit
gegenwärtig und paukte dem E[isermann] ein, was er zu sagen habe.
Diese Gemeinheit übersteigt doch alles. Der Grün ist mir, wie ich
die Sachen kenne, vollständig verantwortlich für alles, was der
Eis[ermann] sagt. Dagegen ist nun platterdings nichts zu machen.
Der Schafskopf Eis[ermann] kann auf der Barriere nicht attackiert
werden, weil man da die Wochenversammlung nochmals denunzieren
würde, der Grün ist zu feige, in eignem Namen s e l b s t etwas
zu tun. Das einzige, was man tun kann, ist, auf der Barriere die
Leute erklären zu lassen, über Kommunismus diskutierten sie
nicht, weil das die ganze Versammlung bei der Polizei gefährden
könne.
Schreibt endlich einmal.
Euer E.
Paris, 23. Oktober 1846
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10*) unter euch sind immer Spitzel
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