Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #607# 6 - Jenny Marx an Joseph Weydemeyer - 20. Mai 1850
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       Jenny Marx an Joseph Weydemeyer
       in Frankfurt a.M.
       
       London, den 20. Mai [1850]
       Lieber Herr Weydemeyer!
       Bald ist ein Jahr verflossen, seit ich bei Ihnen und Ihrer lieben
       Frau eine  so freundliche, herzliche Aufnahme fand, seit ich mich
       in Ihrem  Hause so  wohl und  heimisch fühlte,  und in der ganzen
       langen Zeit  habe ich  kein Lebenszeichen  von mir  gegeben;  ich
       schwieg, als  Ihre Frau  mir so  freundlich  schrieb,  ich  blieb
       selbst stumm,  als wir  die Kunde von der Geburt Ihres Kindes er-
       hielten. Dies  Verstummen hat  mich oft selbst gedrückt, aber ich
       war meistens  unfähig zu schreiben, und selbst heute noch wird es
       mir schwer, sehr schwer.
       Allein die  Verhältnisse zwingen  mir die Feder in die Hand - ich
       bitte Sie,  uns die  von der   "R e v u e"   e i n g e g a n g e-
       n e n   o d e r   e i n g e h e n d e n  G e l d e r  s o b a l d
       a l s   m ö g l i c h   z u   s c h i c k e n.   Wir haben  s i e
       s e h r,   s e h r   n ö t i g.  Es kann uns sicher niemand nach-
       sagen, daß wir je viel Wesens von dem gemacht haben, was wir seit
       Jahren geopfert  und ertragen  haben, das Publikum ist wenig oder
       fast nie  mit unsern  persönlichen Angelegenheiten behelligt wor-
       den, mein  Mann ist  in diesen  Dingen sehr  empfindlich, und  er
       opfert lieber  das Letzte  auf, als daß er sich zu demokratischen
       Betteleien, wie  die großen  offiziellen Männer, hergeben sollte.
       Was er  aber  wohl  von  seinen  Freunden,  namentlich  in  Köln,
       erwarten konnte,  war eine tätige, energische Teilnahme für seine
       "Revue". Diese  Teilnahme konnte  er vor  allem da  erwarten,  wo
       seine Opfer für die "Rh.Ztg." 1*) bekannt waren. Statt dessen ist
       aber das  Geschäft durch  nachlässige,  unordentliche  Betreibung
       gänzlich ruiniert  worden, und  man weiß nicht, ob die Verschlep-
       pung des  Buchhändlers oder die der Geschäftsführer und Bekannten
       in Köln,  oder ob  das ganze Benehmen der Demokratie überhaupt am
       schädlichsten waren.
       Mein Mann  ist hier  fast erdrückt  worden von  den kleinlichsten
       Sorgen des  bürgerlichen Lebens,  und zwar in einer so empörenden
       Form, daß  die ganze  Energie, das  ganze ruhige,  klare,  stille
       Selbstbewußtsein seines Wesens nötig waren, um ihn in diesen täg-
       lichen, stündlichen  Kämpfen aufrechtzuerhalten. Sie wissen, lie-
       ber Herr Weydemeyer, welche Opfer
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       1*) "Neue Rheinische Zeitung"
       
       #608# 6 - Jenny Marx an Joseph Weydemeyer - 20. Mai 1850
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       mein Mann  der Zeit[ung] brachte, Tausende steckte er bar hinein,
       das Eigentum  der Zeitung übernahm er, beschwatzt durch die demo-
       kratischen Biedermänner, die sonst selbst für die Schulden hätten
       haften müssen,  zu einer  Zeit, wo  schon wenig Aussicht mehr zur
       Durchführung da  war. Um  die politische  Ehre des Blatts, um die
       bürgerliche Ehre  der Kölner  Bekannten zu  retten, ließ  er sich
       alle Lasten  aufbürden, seine Maschine gab er hin, alle Einnahmen
       gab er  hin, ja  beim Fortgehn  borgte er 300 Reichstaler, um die
       Miete für  das neugemietete  Lokal, um die rückständigen Honorare
       für Redakteure etc. zu zahlen - und er war gewaltsam vertrieben.
       Sie wissen,  daß wir  von allem nichts für uns übrigbehalten, ich
       kam nach  Frankfurt, um mein Silber zu versetzen, das Letzte, was
       wir hatten  [416]; in  Köln ließ  ich meine Möbel verkaufen, weil
       ich Gefahr  lief, Wäsche  und alles mit Beschlag belegt zu sehen.
       Mein Mann  ging beim  Anbrechen der unglücklichen Epoche der Kon-
       trerevolution nach  Paris, ich folgte ihm mit meinen drei Kindern
       2*). Kaum in Paris eingewohnt, wird er vertrieben, mir selbst und
       meinen Kindern wird der längere Aufenthalt versagt. Ich folge ihm
       wieder übers  Meer. Nach einem Monat wird unser 4tes Kind 3*) ge-
       boren. Sie müßten London und die hiesigen Verhältnisse kennen, um
       zu wissen,  was es  heißt, 3  Kinder und  die Geburt  eines 4ten.
       Miete allein mußten wir monatlich 42 Taler bezahlen. Alles dieses
       waren wir imstande, aus eignem aufgenommenem Vermögen zu bestrei-
       ten. Aber  unsre kleinen  Ressourcen erschöpften  sich,  als  die
       "Revue" erschien.  Trotz Übereinkunft trafen die Gelder nicht ein
       und erst  in einzelnen  kleinen Summen,  so daß  wir hier  in die
       schrecklichsten Lagen gerieten.
       Ich werde  Ihnen nur   E i n e n  Tag aus diesem Leben schildern,
       so wie er war, und Sie werden sehen, daß vielleicht wenig Flücht-
       linge ähnliches  durchgemacht haben.  Da  die  Ammen  hier  uner-
       schwinglich sind,  entschloß ich mich, trotz beständiger schreck-
       licher Schmerzen  in der Brust und im Rücken, mein Kind selbst zu
       nähren. Der  kleine arme  Engel trank aber mir so viel Sorgen und
       stillen Kummer  ab, daß  er beständig kränkelte, Tag und Nacht in
       heftigen Schmerzen  lag. Seit  er auf  der Welt  ist, hat er noch
       keine Nacht geschlafen, höchstens 2 bis 3 Stunden. In der letzten
       Zeit kamen  nun noch  heftige Krämpfe  hinzu, so daß das Kind be-
       ständig zwischen  Tod und  elendem  Leben  schwankte.  In  diesen
       Schmerzen sog  er so  stark, daß  meine Brust  wund ward und auf-
       brach; oft  strömte das  Blut ihm  in sein kleines bebendes Münd-
       chen. So  saß ich eines Tages da, als plötzlich unsre Hauswirtin,
       der wir im Lauf des Winters über 250 Reichstaler gezahlt, und mit
       der wir  kontraktlich übereingekommen  waren,  das  spätere  Geld
       nicht ihr,  sondern ihrem  Landlord auszuzahlen,  der sie  früher
       hatte pfänden lassen, eintrat und den Kontrakt leugnete, die 5 £,
       die wir  ihr noch  schuldeten, forderte,  und als  wir sie  nicht
       gleich hatten (Nauts Brief kam zu spät),
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       2*) Jenny, Laura und Edgar - 3*) Heinrich Guido
       
       #609# 6 - Jenny Marx an Joseph Weydemeyer - 20. Mai 1850
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       traten zwei  Pfänder ins  Haus, legten  all meine kleine Habe mit
       Beschlag, Betten, Wäsche, Kleider, alles, selbst die Wiege meines
       armen Kindes,  die beßren  Spielsachen der Mädchen, die in heißen
       Tränen dastanden.  In 2 Stunden drohten sie alles zu nehmen - ich
       lag dann auf der flachen Erde mit meinen frierenden Kindern, mei-
       ner wehen Brust. Schramm 4*), unser Freund, eilt in die Stadt, um
       Hülfe zu  scharfen. Er  steigt in ein Kabriolett, die Pferde gehn
       durch, er springt aus dem Wagen und wird uns blutend ins Haus ge-
       bracht, wo ich mit meinen armen zitternden Kindern jammerte.
       Den Tag  drauf mußten wir aus dem Hause, es war kalt und regnicht
       und trüb, mein Mann sucht uns eine Wohnung, niemand will uns neh-
       men, wenn er von 4 Kindern spricht. Endlich hilft uns ein Freund,
       wir bezahlen und ich verkaufe rasch alle meine Betten, um die vom
       Skandal der Pfändung ängstlich gemachten Apotheker, Bäcker, Flei-
       scher, Milchmann  zu bezahlen, die plötzlich mit ihren Rechnungen
       auf mich losgestürmt kommen. Die verkauften Betten werden vor die
       Tür gebracht,  auf eine  Karre geladen  - was geschieht? - Es war
       spät nach  Sonnenuntergang geworden, das englische Gesetz verbie-
       tet das, der Wirt dringt mit Konstablern vor, behauptet, es könn-
       ten auch  von seinen  Sachen dabei sein, wir wollten durchgehn in
       ein fremdes  Land. In  weniger als  5 Minuten  stehen mehr als 2-
       3hundert Menschen gaffend vor unsrer Tür, der ganze Mob von Chel-
       sea. Die  Betten kommen  zurück, erst am anderen Morgen nach Son-
       nenaufgang durften  sie dem  Käufer übergeben werden; als wir nun
       so durch  den Verkauf  unserer sämtlichen  Habseligkeiten instand
       gesetzt waren, jeden Heller zu zahlen, zog ich mit meinen kleinen
       Lieblingen in  unsre jetzigen kleinen 2 Stübchen im Deutschen Ho-
       tel, 1 Leicester Street, Leicester Square, wo wir für 5 1/2 £ die
       Woche menschliche Aufnahme fanden.
       Verzeihen Sie,  lieber Freund,  daß ich  so breit  und weitläufig
       selbst nur Einen Tag unsres hiesigen Lebens Ihnen geschildert; es
       ist unbescheiden,  ich weiß es, aber mein Herz strömte heut abend
       in meine  zitternden Hände,  und ich  mußte einmal mein Herz aus-
       schütten vor  Einem unsrer ältesten, besten und treusten Freunde.
       Glauben Sie  nicht, daß mich diese kleinlichen Leiden gebeugt ha-
       ben, ich  weiß nur  zu gut, wie unser Kämpfen kein isoliertes ist
       und wie  ich namentlich  noch zu  den auserwählt Glücklichen, Be-
       günstigten gehöre, da mein teurer Mann, die Stütze meines Lebens,
       noch an  meiner Seite steht. Allein was mich wirklich bis ins In-
       nerste vernichtet, mein Herz bluten macht, das ist, daß mein Mann
       so viel  Kleinliches durchzumachen  hat, daß  ihm mit so wenig zu
       helfen gewesen  wäre, und  daß er, der so vielen gern und freudig
       half, hier so hilflos stand. Aber, wie gesagt, glauben Sie nicht,
       lieber Herr  Weydemeyer, daß  wir an  irgend jemand Ansprüche ma-
       chen, wenn wir von  i r g e n d  j e m a n d  V o r s c h ü s s e
       e r h a l t e n,   so ist  mein Mann   n o c h   i m s t a n d e,
       d u r c h   s e i n   V e r m ö g e n   s i e   z u  e r s t a t-
       t e n.  Das einzige, was mein Mann wohl von denen verlangen konn-
       te, die manchen Gedanken,
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       4*) Conrad Schramm
       
       #610# 6 - Jenny Marx an Joseph Weydemeyer - 20. Mai 1850
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       manche Erhebung,  manchen Halt  von ihm  hatten, war,  bei seiner
       "Revue" mehr geschäftliche Energie, mehr Teilnahme zu entwickeln.
       Das bin  ich so  stolz und  kühn zu behaupten, das wenige war man
       ihm schuldig.  Auch weiß ich nicht, ob mein Mann nicht mit vollem
       Recht 10  Sgr. an  seinen Arbeiten verdient hat.  I c h  g l a u-
       b e,  e s  w a r  d a b e i  n i e m a n d  b e t r o g e n.  Das
       schmerzt mich.  Aber mein  Mann denkt  anders. Er  hat noch  nie,
       selbst in  den schrecklichsten  Momenten, die  Sicherheit der Zu-
       kunft,  selbst   den  heitersten  Humor  verloren  und  war  ganz
       zufrieden, wenn  er mich  heiter sah und unsere lieblichen Kinder
       um ihr  liebes Mömchen herumschmeichelten. Er weiß nicht, daß ich
       Ihnen, lieber  Herr Weydemeyer,  so weitläufig  über unsere  Lage
       geschrieben, machen  Sie daher  auch keinen  Gebrauch von  diesen
       Zeilen. Er  weiß nur,  daß ich  Sie in seinem Namen gebeten habe,
       die Vertreibung  und Übersendung  der Gelder  soviel  als  irgend
       möglich zu beschleunigen. Ich weiß, daß Sie von diesen Zeilen nur
       den Gebrauch  machen, den  Ihnen Ihre  t a k t v o l l e,  d i s-
       k r e t e  Freundschaft für uns eingibt.
       Leben Sie  wohl, lieber  Freund. Ihrer  lieben Frau sagen Sie das
       Herzlichste von mir, und Ihren kleinen Engel küssen Sie von einer
       Mutter, die  manche Träne auf ihren Säugling niedertröpfeln ließ.
       Sollte Ihre Frau selbst stillen, so teilen Sie ihr nichts mit von
       diesem Brief. Ich weiß, wie jede Aufregung angreifend ist und den
       kleinen Würmchen  schadet. Unsere  drei ältesten  Kinder gedeihen
       prächtig, trotz  alledem und  alledem. Die  Mädchen sind  hübsch,
       blühend, heiter  und guter  Dinge, und unser dicker Junge ist ein
       Ausbund von  komischem Humor  und der  drolligsten Einfälle voll.
       Der kleine  Kobold singt  den ganzen  Tag komische Lieder mit un-
       geheurem Pathos und einer Riesenstimme, und wenn er die Worte aus
       Freiligraths Marseillaise
       "O Juni, komm und bring uns Taten,
       Nach frischen Taten lechzt das Herz" [448]
       mit furchtbarer  Stimme erschallen  läßt, dröhnt  das ganze Haus.
       Vielleicht ist es der weltgeschichtliche Beruf dieses Monats, wie
       seiner beiden  unglücklichen Vorgänger, den Riesenkampf zu eröff-
       nen, bei dem wir uns alle wieder die Hand reichen werden.
       Leben Sie wohl.

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