Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
zurück
#68# 16 - Engels an Marx - Dezember 1846
-----
16
Engels an Marx
in Brüssel
[Paris, Dezember 1846]
Lieber Marx,
Mein neulicher kurzer Brief an Gigot [69] hatte folgende Gründe.
Bei der Untersuchung über die Unruhen im Faubourg St. Antoine im
Oktober [70] wurden auch eine Masse verhafteter Deutscher inqui-
riert, der ganze zweite Schub bestand aus Straubingern [47]. Ei-
nige dieser jetzt über die Grenze spedierten Schafsköpfe müssen
großen Unsinn über den E[werbec]k und über mich ausgesagt haben;
in fact 1*), es war bei der Lumpigkeit der Straubinger gar nicht
anders zu erwarten, als daß sie Heidenangst bekamen und verrie-
ten, was sie wußten und mehr. Dazu kam, daß die Straubinger mei-
ner Bekanntschaft, so geheimnisvoll sie mit ihren eignen Lumpe-
reien sind, über meine Zusammenkünfte mit ihnen schändlich Lärm
geschlagen hatten. So sind diese Jungens. An der Barriere war vom
edlen Eiserm[ann], wie ich Euch wohl schon schrieb, neuer kom-
pletter avis aux mouchards 2*) gegen mich losgelassen worden.
J[un]g[e] beging auch einige grobe Unklugheiten, der Kerl hat et-
was die Großmannsucht, er will auf Kosten der französischen Re-
gierung nach Calais und London spediert werden. Genug, Monsieur
Delessert schickte mir und E[werbeck], dem längst verdächtigen
und unter einem bloß suspendierten Ausweisungsbefehl stehenden,
Mouchards über Mouchards auf den Hals, denen es gelang, uns bis
an den marchand de vins 3*) zu verfolgen, wo wir zuweilen mit den
Faubourger Bären zusammenkamen. Damit war bewiesen, daß wir die
Chefs einer gefährlichen Clique seien, und bald darauf erfuhr
ich, daß Monsieur Delessert bei Monsieur Tanneguy Duchâtel um
einen Ausweisungsbefehl gegen mich und Efwerbeck] eingekommen sei
und daß in dieser Sache ein famoser Aktenstoß auf der Präfektur
liege, dicht neben dem Lokal, wo die medizinische Untersuchung
der Huren stattfindet. Natürlich hatte ich keine Lust, mich wegen
Straubingers schassen zu lassen. Ich hatte dergl. Geschichten
schon kommen sehen, als ich merkte, mit welcher Nonchalance die
Straubinger in der ganzen Welt herumposaunten und überall disku-
tierten, wer recht habe,
-----
1*) in der Tat - 2*) Steckbrief an die Spitzel - 3*) Weinhändler
#69# 16 - Engels an Marx - Dezember 1846
-----
Grün oder ich. Ich war den Dreck leid, zu bessern waren die Jun-
gens doch nicht, nicht einmal geradeheraus kamen sie in der Dis-
kussion, gerade wie die Londoner, und meinen Hauptzweck, den Tri-
umph über Grün, hatte ich erreicht. Die Gelegenheit war sehr
schön, die Straubinger mit Ehren loszuwerden, so ärgerlich die
Geschichte sonst auch war. Ich ließ ihnen also erklären, jetzt
könne ich nicht mehr bei ihnen schulmeistern, im übrigen sollten
sie sich in acht nehmen. E[werbeck] entschloß sich gleich zu ei-
ner Reise und scheint auch gleich abgegangen zu sein, wenigstens
hab' ich ihn nicht mehr gesehen. Wohin er ist, weiß ich auch
nicht. Nach dem Kleinen (B[ernays]) hatte sich die Polizei auch
umgesehen, aber der war wegen allerlei Abenteuer (es ist merkwür-
dig, was der für tolle Affären hat, sowie er den Fuß in die zivi-
lisierte Welt setzt) wieder in sein altes Lokal abgezogen. Wann
er wieder nach Paris kommt, weiß ich nicht, keinesfalls aber
zieht er in das Quartier, wohin er ziehen wollte, d i e D i r
d e s h a l b g e g e b n e A d r e s s e t a u g t a l s o
n i c h t s. Sein Manuskript hat er glücklich erhalten. Inzwi-
schen bin ich der edlen Polizei dankbar dafür, daß sie mich aus
der Straubingerei gerissen und mir die Genüsse dieses Lebens in
Erinnerung gebracht hat. Wenn die verdächtigen Individuen, die
mich seit 14 Tagen verfolgen, wirklich Mouchards sind, wie ich es
von einigen sicher weiß, so hat die Präfektur in der letzten Zeit
viel Entreebillets für die bals 4*) Montesquieu, Valentino, Prado
pp. ausgegeben. Ich verdanke Herrn Delessert ganz hübsche Griset-
tenbekanntschaften und viel Pläsier, car j'ai voulu profiter des
journées et des nuits qui pouvaient être mes dernières à Paris.
Enfin 5*), da man mich sonst bis jetzt in Ruh gelassen hat,
scheint alles sich gelegt zu haben. Adressiert aber in Zukunft
alle Briefe an Monsieur A.F. Körner, artiste-peintre 6*), 29, rue
neuve Breda, Paris. Drinnen ein Kuvert mit meinen Initialen so,
daß es nicht durchscheint.
Daß ich unter diesen Umständen den W. W[eitling] hier ganz laufen
lassen mußte, siehst Du ein. Ich habe keinen von den Leuten gese-
hen und weiß gar nicht, ob er hier gewesen oder noch hier ist. Es
ist auch ganz gleich. Die Weitlingianer kenne ich gar nicht, und
bei denen, die ich kenne, würde er schön ankommen; sie haben eben
wegen der ewigen Keilereien mit seinen Schneiderfreunden eine
furchtbare Malice auf ihn.
Die Geschichte mit den Londonern [71] ist ärgerlich eben wegen
Harney, und weil sie von allen Straubingern die einzigen waren,
mit denen man geradeheraus, ohne arrière-pensée 7*), einen An-
knüpfungsversuch machen konnte. Wollen die Kerls aber nicht, eh
bien 8*), mögen sie laufen! Man ist
-----
4*) Bälle (in) - 5*) denn ich wollte die Tage und Nächte ausnut-
zen, die meine letzten in Paris sein konnten. Schließlich -
6*) Kunstmaler - 7*) Hintergedanken - 8*) nun
#70# 16 - Engels an Marx - Dezember 1846
-----
ohnehin nie sicher, daß sie nicht wieder so miserable Adressen
wie an Herrn Ronge oder die Schleswig-Holsteiner [72] erlassen.
Dazu die ewige Eifersucht gegen uns als "Gelehrte". Übrigens ha-
ben wir zwei Methoden, uns ihrer, wenn sie rebellen, zu entledi-
gen: entweder offen zu brechen oder bloß die Korrespondenz ein-
schlafen zu lassen. Ich wäre für letzteres, wenn ihr letzter
Brief eine Antwort zuläßt, die, ohne ihnen zu derb vor den Kopf
zu stoßen, lau genug ist, um ihnen die Lust zum schnellen Antwor-
ten zu nehmen. Dann lange mit der Antwort gewartet - und bei ih-
rer Korrespondenz-Schlafmützigkeit ist mit 2-3 Briefen alles im
Herrn entschlafen. Nämlich, wie und wozu sollen wir die Kerls
verhöhnen? Ein Organ haben wir nicht, Und wenn wir's hätten, so
sind sie keine Schriftsteller, sondern erlassen bloß von Zeit zu
Zeit Proclame, die kein Mensch zu sehen bekommt und wonach kein
Hahn kräht. Verhöhnen wir die Straubinger ü b e r h a u p t, so
können wir ihre schönen Dokumente immer mitnehmen; ist die
Korrespondenz einmal eingeschlafen, so geht das ganz gut; der
Bruch kommt allmählich und macht keinen Eklat. Wir machen in der
Zwischenzeit mit Harney das Nötige ruhig ab, sorgen dafür, daß
s i e uns den letzten Brief schuldig bleiben (was sie schon tun,
wenn man sie einmal 6-10 Wochen auf Antwort hat warten lassen)
und lassen sie nachher schreien. Ein direkter Bruch mit den Kerls
bringt uns keinen Gewinn und keine gloire ein. T h e o r e t i-
s c h e Differenzen sind mit den Kerls kaum möglich, da sie
keine Theorie haben und, sauf 9*) ihre stillen etwaigen Bedenken,
von uns belehrt sein wollen: formulieren können sie ihre Bedenken
auch nicht, daher ist keine Diskussion mit ihnen möglich, außer
etwa mündlich. Bei einem offnen Bruch würden sie diesen allge-
meinen lernbegierigen kommunistischen Dusel gegen uns geltend
machen: wir haben von den gelehrten Herren gerne lernen wollen,
wenn sie was Ordentliches hatten usw. P r a k t i s c h e
Parteidifferenzen würden sich - da ihrer im Komitee wenige, unser
auch nur wenige sind, bald auf bloße Persönlichkeiten und Kra-
keelereien reduzieren oder so aussehen. Gegen Literaten können
wir als Partei auftreten, gegen Straubinger nicht. Schließlich
sind die Leute immer ein paar 100 Mann stark, durch H[arney] bei
den Engländern akkreditiert, durch den "Rheinischen Beobachter"
pp. in Deutschland als wütende und keineswegs ohnmächtige
kommunistische Gesellschaft ausposaunt; dazu immer noch die
erträglichsten der Straubinger und gewiß das beste, was sich,
solange in Deutschland keine Veränderung, aus Straubingern machen
läßt. Wir haben eben aus dieser Geschichte gelernt, daß mit den
Straubingern, solange nicht in Deutschland
-----
9*) ausgenommen
#71# 16 - Engels an Marx - Dezember 1846
-----
eine ordentliche Bewegung existiert, nichts anzufangen ist,
selbst mit den besten nicht. Es ist immer besser, sie nun ruhig
laufen zu lassen, sie nur in Masse, en bloc anzugreifen, als
einen Streit hervorzurufen, bei dem wir uns nur schmutzige Stie-
fel holen können. U n s gegenüber erklären sich diese Jungens
für "das Volk", "die Proletarier", und wir können nur an ein kom-
munistisches Proletariat appellieren, das sich in Deutschland
erst bilden soll. Dazu kommt nächstens die preußische Konstitu-
tion, und vielleicht wären die Kerls dann zu Unterschriften pp.
zu brauchen. - Übrigens werd' ich wahrscheinlich mit meiner Weis-
heit zu spät kommen und Ihr schon einen Beschluß in dieser Sache
gefaßt und ausgeführt haben. Ich hätte übrigens eher geschrieben,
aber ich wartete erst den Verlauf der Polizeigeschichte ab.
Eben erhalte ich Antwort von dem Schweizer Verleger 10*). Der
Brief, der inliegend erfolgt, beweist mir erst recht, daß der
Kerl ein Schuft. So freundschaftlich akzeptiert kein ordinärer
Verleger, nachdem er x Wochen hat warten lassen. Wir können jetzt
sehen, was der Bremer 11*) schreibt, und dann auch noch immer
tun, was wir wollen. Da ist auch noch der Kerl in Bellevue bei
Konstanz, vielleicht ist mit dem was aufzustellen; wenn der Bre-
mer nicht will, kann ich's bei dem nochmal versuchen. Inzwischen
will ich mich nochmal nach der Herisau erkundigen - hätten wir
nur einen ordentlichen Kerl in der Schweiz, dem man das Manu-
skript 12*) mit Ordre, es nur gegen bar Geld auszuliefern, schic-
ken könnte. Aber da ist nur der durstige Kindervater Püttm[ann]!
Als unschuldiges Nebenvergnügen hab' ich in der letzten schlech-
ten Zeit außer den Mädeln noch einigen Umgang mit Dänemark und
dem übrigen Norden getrieben. Das ist Dir eine Sauerei. Lieber
der kleinste Deutsche als der größte Däne! So ein Klimax von Mo-
ralitäts-, Zunft- und Ständemisere existiert nirgends mehr. Der
Däne hält Deutschland für ein Land, wohin man geht, um "sich
Mätressen zu halten und sein Vermögen mit ihnen durchzubringen"
(imedens at han reiste i Tydskland, havde han en Maitresse, som
fortärede harn den bedste del af hans Midier 13*), heißt es in
einem dänischen Schulbuch!) - er nennt den Deutschen einen tydsk
14*) Windbeutel und hält sich für den echten Repräsentanten des
germanischen Wesens - der Schwede verachtet wieder den Dänen als
"verdeutscht" und ausgeartet, schwatzhaft und verweichlicht - der
Norweger sieht auf den verfranzösierten Schweden und seinen Adel
herab und freut sich, daß bei ihm in Norge noch grade dieselbe
stupide Bauernwirtschaft herrscht wie
-----
10*) Johann Michael Schläpfer - 11*) Kühtmann - 12*) "Die deut-
sche Ideologie" - 13*) während er durch Deutschland reiste, hatte
er eine Mätresse, die den größten Teil seines Vermögens
durchbrachte -14 deutschen
#72# 16 - Engels an Marx - Dezember 1846
-----
zur Zeit des edlen Kanut, und dafür wird er wieder vom Isländer
en canaille 15*) behandelt, der noch ganz dieselbe Sprache
spricht wie die schmierigen Wikinger von Anno 900, Tran säuft, in
einer Erdhütte wohnt und in jeder Atmosphäre kaputtgeht, die
nicht nach faulen Fischen riecht. Ich bin mehrere Male in Versu-
chung gewesen, stolz darauf zu werden, daß ich wenigstens kein
Däne oder gar Isländer, sondern nur ein Deutscher bin. Der Redak-
teur des avanciertesten schwedischen Blatts, des "Aftonblad", ist
hier zweimal in Paris gewesen, um über die Organisation der Ar-
beit ins klare zu kommen, hat sich jahrelang den "Bon Sens" und
die "Démocratie pacifique" [16] gehalten, mit Louis Blanc und
Considérant feierlich unterhalten, aber er hat's nicht kapieren
können und ist so klug zurückgekommen, wie er wegging. Jetzt
paukt er nach wie vor für die freie Konkurrenz, oder, wie das auf
schwedisch heißt, N a h r u n g s freiheit oder auch själfför-
sörjningsfrihet, Selbstversorgungsfreiheit (das ist doch noch
schöner als G e w e r b freiheit). Natürlich, die sitzen noch
im Zunftdreck bis über die Ohren, und auf den Reichstagen sind
grade die Bürger die wütendsten Konservativen. Im ganzen Land nur
2 ordentliche Städte, à 80 000 und 40 000 Einwohner resp., die
dritte, Norrköping, hat nur 12000, alles übrige so 1000, 2000,
3000. Alle Poststationen wohnt ein Mensch. In Dänemark ist's kaum
besser, da haben sie nur eine einzige Stadt, wo die gottvollsten
Zunftprozesse vorfallen, toller als in Basel oder Bremen, und wo
man nicht ohne Einlaßkarte auf die Promenade gehen darf. Das ein-
zige, wozu diese Länder gut sind, ist, daß man an ihnen sehen
kann, was die Deutschen tun würden, wenn sie Preßfreiheit hätten,
nämlich wie die Dänen wirklich getan haben, sogleich eine
"Gesellschaft für den wahren Gebrauch der freien Presse" stiften
und christlich-wohlmeinende Kalender drucken lassen. Das schwedi-
sche "Aftonblad" ist so zahm wie die "Kölner Zeitung", hält sich
aber für "demokratisch im wahren Sinne des Worts". Dafür haben
die Schweden die Romane von Fröken 16*) Bremer und die Dänen
Herrn Etatsraad 17*) Oehlenschläger, Commandör af Dannebrogsor-
denen 18*). Auch gibt es schrecklich viel Hegelianer dort, und
die Sprache, in der jedes dritte Wort aus dem Deutschen gestohlen
ist, paßt famos für die Spekulation.
Ein Bericht ist seit lange angefangen und folgt dieser Tage.
Schreib mir, ob Ihr Proudhons Buch [45] habt.
Wenn Du von dem Proudhonschen Buch, welches schlecht ist, für
Dein Buch 19*) profitieren willst, so will ich Dir meine sehr
ausführlichen Exzerpte schicken. Es ist nicht die 15 Franken
wert, die es kostet.
-----
15*) verächtlich - 16*) Fräulein - 17*) Staatsrat - 18*) Komman-
dant des Danebrogordens - 19*) "Misère de la philosophie"
zurück