Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #73#
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       1847
       
       17
       
       Engels an Marx
       in Brüssel
       
       Lieber Marx,
       Ich hätte  Dir schon  eher geschrieben, wenn nicht B[ernay]s mich
       bis jetzt  hätte sitzenlassen.  Der verfluchte Börnstein, bei dem
       ich mich nämlich unter andern auch wegen Deines Herkommens erkun-
       digte, war  nie zu  treffen, und  so übertrug  ich die  Sache dem
       B[ernay]s, der  mir schon   M o n t a g   einen Brief für Dich in
       die Stadt  bringen wollte. Statt dessen erhalt' ich gestern abend
       spät den  inliegenden Wisch,  den der faule Kerl vorgestern abend
       in Sarcelles  gesudelt, und  die darin  enthaltenen  Aufklärungen
       sind wahrhaftig  nicht derart, daß sie ein 5-6tägiges Studium er-
       fordert hätten.  Aber so  ist der  Kerl. Ich  werde übrigens  den
       Börnstein   s e l b s t   sprechen, denn mir genügt diese Aufklä-
       rung keineswegs,  und, aufrichtig  gesagt, ich glaube keinem Men-
       schen weniger  aufs Wort als dem B[ernay]s. Der Mensch brüllt mir
       seit nunmehr  6 Monaten die Ohren voll, Du könntest jeden Tag mit
       Sack und Pack kommen, und wenn's zum Klappen kommt, macht er eine
       lange Historie  von einem Paß. Als ob Du einen Paß brauchtest! An
       der Grenze fragt kein Mensch danach, auch Moses ist, ohne gefragt
       zu werden,  hergekommen, ebensogut  wie ich,  und wenn Du bei mir
       wohnst, so  möcht' ich  doch wissen,  wer danach  fragen  sollte.
       Höchstens ein  belgischer Passeport  pour l'intérieur 1*) zur et-
       waigen Legitimierung,  oder das bekannte Sendschreiben Herrn Leo-
       polds: Cabinet  du Roi  2*) - das ist für alle Fälle hinreichend.
       Heine ist ganz derselben Meinung, und sowie ich den Börnstein at-
       trappieren kann,  werd' ich ihn deshalb befragen. - Der B[ernay]s
       hatte auch  die Geschichte mit dem Tolstoi 3*) ausspekuliert oder
       sich  vielmehr   von  B[örn]stein   aufbinden  lassen,  denn  der
       B[örn]st[ein]  b i n d e t  i h m  a u f,  w a s  e r
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       1*) Inlandspaß - 2*) königliches Kabinett - 3*) siehe vorl. Band,
       S. 43/44
       
       #74# 17 - Engels an Marx - 15. Januar 1847
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       w i l l.    Alle  die  verschiedentlichen  Nachrichten,  die  der
       B[ernay]s uns  früher schrieb,  sind aus  derselben  Quelle,  und
       nachdem ich  unterschiedliche Male  Zeuge davon gewesen, mit wel-
       cher Unfehlbarkeit  B[örn]stein seine  Suppositionen,  Klatschge-
       schichten und  eignen Erfindungen  dem B[ernay]s  vororakelt  und
       B[ernay]s sie  für die barste Münze nimmt, glaub' ich von all den
       wichtigen Nachrichten, die er vorzeit[ig] 4*) "aus bester Quelle"
       schrieb,  k e i n  e i n z i g e s  W o r t.
       [Ich] 4*)  hab' es  selbst mit angesehn, wie der B[örn]stein bloß
       durch affektierte Allwissenheit dem B[ernay]s glauben machte (und
       Du  weißt,  mit  welcher  Begeisterung  B[ernay]s    g l a u b t,
       w e n n   er einmal  glaubt), der  "National" sei  Haut und Haar,
       Leib und  Seele an  Thiers verkauft,  argent ±  comptant 5*). Der
       Kleine hätte  sich drauf  totschießen lassen.  Er ist  hierin un-
       verbesserlich wie in seiner himmelhochjauchzend, zum Tode betrüb-
       ten Stimmung.  Pendant le cours de la dernière quinzaine il a été
       seize fois au bord du désespoir. 6*)
       Cela entre  nous. 7*)  Wegen Deines Herkommens also werd' ich den
       B[örn]st[ein] nochmals  fragen; Heine,  wie gesagt, behauptet, Du
       könntest dreist  kommen. Oder willst Du zum französischen Gesand-
       ten gehen  und Dir  auf Grund  D e i n e s  p r e u ß i s c h e n
       A u s w a n d r u n g s s c h e i n s  einen Paß fordern?
       Es war mir sehr lieb, daß Du mir Mosen ankündigtest. Der Edle kam
       zu mir,  traf mich  nicht, ich schrieb ihm, er solle mir ein Ren-
       dezvous geben. Gestern fand solches statt. Der Mann hat sich sehr
       verändert. Jugendliche Locken umwallen sein Haupt, ein zierliches
       Bärtchen gibt dem scharfen Kinn einige Grazie, eine jungfräuliche
       Röte überflog  seine Wangen,  aber la grandeur déchue se peignait
       dans ses beaux yeux 8*), und eine befremdliche Bescheidenheit war
       über ihn  gekommen. Ich  habe mir hier in Paris einen sehr unver-
       schämten Ton  angewöhnt, denn  Klimpern gehört  zum Handwerk, und
       man richtet mit selbigem manches bei Frauenzimmern aus. Aber dies
       genotzüchtigte Exterieur  des ehemals so welterschütternden Über-
       fliegers Heß hätte mich fast entwaffnet. Die Heldentaten der wah-
       ren Sozialisten, seiner Jünger aber (wovon unten) und sein eigner
       unveränderter Kern  gaben mir  aber wieder Mut. Genug, er ist von
       mir so kalt und spöttisch behandelt worden, daß er keine Lust ha-
       ben wird  wiederzukommen. Das  einzige,, was ich für ihn tat, war
       einiger guter  Rat für den Tripper, den er aus Deutschland mitge-
       bracht hat. Auch bei einigen deutschen Malern, die er teilweise
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       4*) Papier beschädigt  - 5*) mehr  oder  weniger  bar  bezahlt  -
       6*) Während der letzten vierzehn Tage ist er sechzehnmal am Rande
       der Verzweiflung  gewesen. -  7*) Das unter uns. - 8*) die gefal-
       lene Größe spiegelte sich in seinen schönen Augen wider
       
       #75# 17 - Engels an Marx - 15.Januar 1847
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       von früher  kannte, hat  er komplett  Fiasko gemacht.  Nur Gustav
       Adolf Köttgen ist ihm treu geblieben.
       Der Bremer 9*) ist jedenfalls dem Schweizer 10*) vorzuziehen. Ich
       kann dem  Schweizer nicht  schreiben, 1.  weil ich  seine Adresse
       vergessen habe, 2. weil ich dem Kerl kein niedrigeres Honorar pro
       Bogen vor[schlagen]  11*) will,  als Du  dem Bremer  vorschlägst.
       [Schreib] 11*)  also Deine Vorschläge für den Bremer und zugleich
       die Adresse  des Kerls.  Er hat  dem  B[ernay]s  seine  schlechte
       Rothsch[ild]-Broschüre gut bezahlt, aber den Pütt[mann] geprellt,
       für ihn  gedruckt, aber  unter dem Vorwand, seine Fonds engagiert
       zu haben,  die Zahlung  des Honorars ins Unendliche hinausgescho-
       ben.
       Sehr schön, daß Du französisch gegen Proudhon schreibst. Die Bro-
       schüre 12*)  ist hoffentlich schon fertig geschrieben bei Ankunft
       dieses. Daß  Du   m e i n e t w e g e n   aus unsrer  Publikation
       13*) antizipieren  kannst,  was  Du  willst,  versteht  sich  von
       selbst. Daß  Pr[oudhon]s Assoziation  auf Brays Plan [73] heraus-
       läuft, glaub'  ich ebenfalls.  Ich hatte den guten Bray ganz ver-
       gessen.
       Du hast  vielleicht in  der "Trier'schen  Zeitung" von  der neuen
       Leipziger   sozialistischen    Zeitschrift   gelesen,    betitelt
       "Veilchen", Blätter  für die   h a r m l o s e  moderne Kritik!!,
       worin Herr  Semmig als Sarastro brüllt: In diesen heil'gen Hallen
       kennt man  die Rache  nicht, in  diesen heil'gen Mauern darf kein
       Verräter lauern,  dann wandelt  er  an  Freu-eu-eu-eu-eundeshand,
       vergnügt und froh ins beßre Land [74] - aber er hat leider keinen
       Baß dazu,  wie weiland Reichel. Sarastro-Semmig opfert hier den 3
       Gottheiten: 1.  Heß - 2. Stirner - 3. Ruge - alles in einem Atem.
       Erstere beide haben die Tiefen der Wissenschaft [ergrün] 14*)det.
       Dies Blättchen  oder Veilchen ist das Tollste, was ich je gelesen
       habe. Eine  solche stille  und zugleich unverschämte Verrücktheit
       ist nur in Sachsen möglich. Könnten wir doch das Kapitel über den
       "wahren Sozialismus"  [76] noch einmal machen, jetzt, wo sie sich
       nach allen  Seiten entwickelt  haben, wo  sich  die  westfälische
       Schule, die  sächsische Schule, die Berliner Schule pp. nebst den
       einsamen Sternen  Püttmann usw. besonders konstituiert haben. Man
       könnte sie  nach den Sternbildern des Himmels einteilen. Püttmann
       der große und Semmig der kleine Bär, oder Pültmann der Stier, und
       die Plejaden  seine 8  Kinder. Hörner  verdient er,  wenn er  sie
       nicht hat,  ohnehin. Grün  der Wassermann usw. Apropos Grün - ich
       werde den  Artikel über Grüns Goethe [76] umarbeiten, auf 1/2-3/4
       Bogen reduzieren  und ihn  für unsre  Publikation  zurechtmachen,
       w e n n' s   Dir recht ist, worüber Du mir bald schreiben sollst.
       Das
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       9*) Kühtmann -  10*) Johann Michael  Schläpfer -  11*) Papier be-
       schädigt -  12*) "Misère de  la philosophie" - 13*) "Die deutsche
       Ideologie" - 14*) Papier beschädigt
       
       #76# 17 - Engels an Marx - 15. Januar 1847
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       Buch ist  zu charakteristisch,  Gr[ün] preist  alle    P h i l i-
       s t e r e i e n   Goethes als  m e n s c h l i c h,  er macht den
       Frankfurter und   B e a m t e n   Goethe  zum "wahren  Menschen",
       während er  alles Kolossale  und Geniale  übergeht oder  gar  be-
       spuckt. Dergestalt,  daß dies  Buch den  glänzendsten Beweis lie-
       fert, daß   d e r    M e n s c h    -    d e r    d e u t s c h e
       K l e i n b ü r g e r.   Dies hatte ich nur angedeutet, könnte es
       aber ausführen  und den  Rest des Artikels ziemlich streichen, da
       er für unser Ding nicht paßt. Was meinst Du?
       Dein Engels
       [Paris] Freitag, 15. Jan. 47  15*)
       [Auf der Adreßseite]
       Monsieur Charles  Marx, 42,  rue d'Orléans, Faubg. de Namur. Bru-
       xelles
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       15*) im Original: 45

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