Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#77# 18 - Engels an Marx - 9. März 1847
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Engels an Marx
in Brüssel
Lieber Marx,
Das inliegende Broschürli wurde mir heut morgen von Junge über-
bracht; Ew[erbeck] habe es vor einigen Tagen zu ihnen gebracht.
Ich sah mir das Ding an und erklärte, es sei von Mosi, und setzte
dem J[unge] dies Punkt für Punkt auseinander. Heut abend sah ich
Ew[erbeck], er gestand, es gebracht zu haben, und nachdem ich das
Ding gehörig heruntergerissen, kommt heraus, daß er selbst,
E[werbeck], der Verfasser des säubern Machwerks ist. Er hat es,
wie er behauptet, in den ersten Monaten meiner Anwesenheit hier
verfaßt. Der erste Rausch, in den ihn die von mir mitgeteilten
Neuigkeiten versetzten, hat ihn dazu begeistert. So sind diese
Jungens. Während er den Heß auslachte, der sich mit fremden Fe-
dern schmückt, die ihm nicht stehen, und den Straubingern [47]
verbot, dem Grün zuzustecken, was ich ihnen vortrug, damit der es
nicht ebenso mache, setzt er sich hin und treibt es - in der be-
sten Absicht von der Welt, wie immer - um kein Haar besser. Moses
und Grün hätten die Sachen nicht mehr verhunzt als dieser volks-
tümliche Tripperdoktor. Ich hab' ihn natürlich erst etwas ver-
höhnt und ihm schließlich verboten, je wieder solches Zeug zu la-
xieren. Aber das sitzt dem Volk in den Knochen. Die vorige Woche
setz' ich mich hin und schreibe, teils aus Unsinn, teils weil ich
platterdings Geld haben muß, ein anonym herauszugebendes, von Zo-
ten wimmelndes Danksagungsschreiben an die Lola Montez [77].
Samstag les' ich ihm einiges draus vor, und heut abend erzählt er
mir mit gewöhnlicher Bonhomie, daß ihn dies zu einer ähnlichen
Produktion inspiriert habe, die er bereits den nächsten Tag über
denselben Gegenstand gemacht und dem Maurer für seine Inkognito-
Zeitschrift 1*) (sie erscheint wirklich ganz im geheimen und nur
für die Redaktion unter Zensur von Madame Maurer, die bereits ein
Gedicht von Heine gestrichen) eingehändigt. Er teile mir dies
jetzt schon mit, um seine Ehrlichkeit zu salvieren und um kein
Plagiat zu begehen! Dies neue Meisterstück dieses erpichten und
verpichten Schriftstellers wird natürlich
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1*) "Pariser Horen"
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reine Übersetzung meines Witzes in solenn-überschwenglichen Sti-
lum sein. Dies letztere Probestück kurzen Gedärms ist zwar im üb-
rigen Wurst, zeigt aber doch, wie dringend nötig es ist, daß ent-
weder Dein Buch 2*) oder unsre Manuskripte 3*) so rasch wie mög-
lich erscheinen. Die Kerle tragen sich alle mit dem Kummer, daß
so famose Ideen dem Volk so lange verborgen bleiben, und wissen
am Ende kein andres Mittel, sich diesen Stein vom Herzen zu wäl-
zen, als daß sie selbst so viel davon ausscheißen, als sie passa-
blement 4*) verdaut zu haben meinen. Laß den Bremer 5*) also
nicht fahren. Wenn er nicht antwortet, schreib nochmals. Akzep-
tiere das möglichst Geringe, im Notfall. Diese Manuskripte ver-
lieren mit jedem Monat, den sie auf Lager zubringen, 5-10 fr. pro
Bogen an exchangeable value 6*). Noch ein paar Monate, la diète
prussienne en discussion, la querelle bien entamée à Berlin 7*),
und der Bauer und Stirner sind nicht mehr zu 10 fr. pro Bogen
verkäuflich. Bei einer solchen Gelegenheitsschrift kommt man all-
mählich auf einen Punkt, wo hohes Honorar als Forderung des
schriftstellerischen point d'honneur ganz beiseite gesetzt werden
muß.
Ich war ca. 8 Tage bei dem B[ernays] in Sarcelles. Der macht auch
Dummheiten. Schreibt in die "Berliner Zeitungs-Halle" und freut
sich wie ein Kind, daß seine soi-disant 8*) kommunistischen Ex-
pektorationen gegen die Bourgeois dort gedruckt werden. Natürlich
läßt die Redaktion und Zensur stehen, was bloß gegen die Bour-
geois, und streicht die wenigen Andeutungen, die auch ihnen unan-
genehm sein könnten. Schimpft über Jury, "bürgerliche Preßfrei-
heit", Repräsentativsystem usw. Ich setze ihm auseinander, daß
das buchstäblich pour le roi de Prusse 9*) und indirekt gegen un-
sre Partei arbeiten heißt - bekannte Aufwallung des warmen Her-
zens, Unmöglichkeit etwas auszurichten; ich erkläre, daß die
"Zeitungs-Halle" von der Regierung bezahlt wird, hartnäckiges
Leugnen, Berufen auf Symptome, die für alle Welt, nur für die ge-
fühlvolle Einwohnerschaft von Sarcelles nicht, gerade für meine
Behauptung sprechen. Resultat: Die biedere Begeisterung, das
warme Herz kann nicht gegen seine Überzeugung schreiben, kann
keine Politik begreifen, die die Leute schont, die es bisher im-
mer bis auf den Tod gehaßt hat. "Is nit mei Genre!" ewige Ultima
ratio. Ich habe x dieser aus Paris datierten Artikel gelesen; sie
sind on ne peut plus 10*) im Interesse der Regierung und im Stil
des wahren Sozialismus. Ich gebe den B[ernay]s ziemlich auf und
mische mich nicht mehr in den hochherzig-widerlichen Familienjam-
mer, in dem er den Heros des Dévouements, der
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2*) "Misère de la philosophie" - 3*) "Die deutsche Ideologie" -
4*) leidlich - 5*) Kühtmann - 6*) Tauschwert - 7*) der preußische
Landtag am Diskutieren, der Streit in Berlin im schönsten Gange -
8*) sogenannten - 9*) für den König von Preußen - 10*) so sehr
wie nur möglich
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unendlichen Hingebung spielt. Il faut avoir vu cela. 11*) Das
riecht wie fünftausend ungelüftete Federbetten, vermehrt durch
die - von der östreichisch-vegetabilischen Küche herrührenden -
zahllosen Fürze, die dort verführt werden. Und wenn sich der Kerl
noch zehnmal von der Bagage losrisse und nach Paris käme, er
liefe zehnmal wieder zurück. Du kannst Dir denken, was ihm das
alles für Moralitätsflausen in den Kopf setzt. Die Familie mode
composé 12*), in der er lebt, macht ihn zum kompletten, engen
Philister. Er kriegt mich auch nie wieder auf seine Boutique 13*)
und wird auch sobald kein Verlangen nach mir gefühllosem Indivi-
duo tragen.
Die Konstitutionsbroschüre [78] bekommst Du baldmöglichst. Ich
werde sie auf einzelne Blätter schreiben, damit Du einlegen und
weglassen kannst. Wenn Aussicht da ist, daß Vogler einiges zahlt,
so frag ihn, ob er den Lola-Montez-Witz - circa 1 1/2 - 2 Bogen -
nehmen will, brauchst aber nicht zu sagen, daß das Ding von mir
herrührt. Antworte mir u m g e h e n d darüber, sonst versuch'
ich in Bellevue. Du wirst in "Débats" oder "Constitutionnel" ge-
lesen haben, daß Schufterle Schläpfer in Herisau vom Großen Rat
wegen württembergischer Klagen außerstand gesetzt ist, weiter re-
volutionäres Zeug zu drucken, er selbst hat es in Briefen hieher
bestätigt und sich alle Zusendungen v e r b e t e n. Also Grund
mehr, an dem Bremer zu halten. Ist es gar nichts mit dem, so
bleibt nur die "Verlagsbuchhandlung" in Bellevue bei Konstanz. Au
reste 14*), wenn das Unterbringen unsrer Manuskripte mit dem Un-
terbringen Deines Buches kollidiert, so foutiere 15*) in's Teu-
fels Namen die Manuskripte in eine Ecke, denn es ist viel wichti-
ger, daß Dein Buch erscheint. Wir beide beißen doch bei unsern
Arbeiten darin nicht viel heraus.
Du hast vielleicht in der gestrigen (Montags) "Kölner Zeitung"
einen biedermännischen Artikel über Martin du Nords Skandalge-
schichte gelesen. Dieser Artikel ist von B[ernay]s - er macht von
Zeit zu Zeit die Börnsteinsche Korrespondenz.
Die hiesige Polizei ist jetzt sehr bösartig. Es scheint, sie wol-
len mit aller Gewalt eine Emeute oder eine massenhafte Konspira-
tion gelegentlich der Hungersnot herausbeißen. Erst streuen sie
allerlei Druckschriften aus und heften placats incendiaires 16*)
an, und jetzt haben sie gar Brandstiftungsmaschinen gemacht und
ausgestreut, die aber n i c h t a n g e s t e c k t w a r e n,
damit der Epicier 17*) die ganze Größe der teuflischen Bosheit
erkennen könne. Dazu haben sie die schöne Geschichte mit den com-
munistes matérialistes' [79] angefangen, eine Masse Kerls verhaf-
tet, von denen A den B, B den C, C
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11*) Das muß man gesehen haben. - 12*) von komplizierter Art
(vgl. Band 4 unserer Ausgabe, S. 249-251 und 257) - 13*) Bude -
14*) Im übrigen - 15*) schmeiße - 16*) Brandplakate - 17*) Krämer
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den D kennt usw., und nun auf Grund dieser Bekanntschaft und ei-
niger Zeugenbehauptungen die ganze Masse unter sich meist unbe-
kannter Kerle in eine "Bande" verwandelt. Der Prozeß dieser
"Bande" wird bald vorkommen, und wenn zu diesem neuen System die
alte complicité morale 18*) hinzukommt, so kann man jedes belie-
bige Individuum mit der größten Leichtigkeit verurteilen. Cela
sent son Hébert. 19*) Auf diese Art ist nichts leichter, als auch
den père 20*) Cabet ohne weiteres zu verdonnern.
Komm doch, wenn es irgend möglich, im April einmal hieher. Bis
zum 7. April zieh' ich aus - ich weiß noch nicht, wohin - und
habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann einige
Zeit höchst fidel zusammen verkneipen. Da die Polizei jetzt al-
lerdings eklig ist (außer dem Sachsen, von dem ich schrieb, war
auch mein alter Gegner Eisermann geschaßt, beide sind hier
geblieben, vergl. K. Grün in der "Kölner Zeitung"), so ist's
allerdings am besten, daß man den Rat des B[örn]st[ei]n befolgt.
Versuch beim französischen Gesandten, a u f D e i n e A u s-
w a n d e r u n g einen Paß zu kriegen; wenn das nicht geht,
dann wollen wir sehen, was hier auszurichten ist - es gibt wohl
noch einen konservativen Deputierten, der sich durch die sechste
Hand rühren läßt. Du mußt platterdings mal wieder aus dem
ennuyanten Brüssel weg und nach Paris, und das Verlangen, etwas
mit Dir zu kneipen, ist auch meinerseits sehr groß. Entweder mau-
vais sujet 21*) oder Schulmeister, das ist alles, was man hier
sein kann; mauvais sujet unter liederlichen Stricken, et cela
vous va fort mal quand vous n'avez pas d'argent 22*), oder Schul-
meister von Ew[erbeck], B[ernay]s und Konsorten. Oder sich von
den Chefs der französischen Radikalen weise Ratschläge geben las-
sen, die man nachher noch gegen die andern Esel verteidigen muß,
damit sie nicht gar zu stolz in ihrer schwammigen Deutschheit
sich brüsten. Hätt' ich 5000 fr. Renten, ich tat' nichts als ar-
beiten und mich mit den Weibern amüsieren, bis ich kaputt war'.
Wenn die Französinnen nicht wären, war' das Leben überhaupt nicht
der Mühe wert. Mais tant qu'il y a des grisettes, va! Cela
n'empêche pas 23*), daß man nicht gern einmal über einen ordent-
lichen Gegenstand spricht oder das Leben etwas mit Raffinement
genießt, und beides ist mit der ganzen Bande meiner Bekannten
nicht möglich. Du mußt herkommen.
Hast Du L. Blancs "Revolution" [80] gesehen? Ein tolles Gemisch
richtiger Ahnungen und grenzenloser Verrücktheiten. Ich hab' erst
die Hälfte
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18*) moralische Mitschuld - 19*) Das riecht ganz nach Hébert. -
20*) Vater - 21*) liederliches Subjekt - 22*) und das steht einem
sehr schlecht, wenn man kein Geld hat - 23*) Aber solange es Gri-
setten gibt, bah! Das hindert nicht
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des I. Bandes in Sarcelles gelesen. Ça fait un drôle d'effet.
24*) Kaum hat er einen durch eine nette Anschauung überrascht, so
poltert er einem gleich den furchtbarsten Wahnsinn über den Kopf.
Aber der L. Bl[anc] hat eine ganz gute Nase und ist auf gar kei-
ner üblen Spur, trotz allem Wahnsinn. Er bringt's aber doch nicht
weiter, als er jetzt schon ist, "ein Zauber bleit ihn nieder",
die Ideologie.
Kennst Du Achille de Vaulabelle "Chute de l'Empire, Histoire des
deux Restaurations"? Voriges Jahr erschienen, ein Republikaner
vom "National" und in der Art der Geschichtschreibung der alten
Schule - vor Thierry, Mignet usw. - angehörend. Grenzenloser Man-
gel an Einsicht in die ordinärsten Verhältnisse - selbst der Ca-
pefigue in seinen "Cent Jours" ist darin unendlich besser -, aber
interessant wegen der bourbonischen und alliierten Schmutzereien,
die er alle zusammenzählt, und wegen ziemlich genauer Darstellung
und Kritik der facta, solange seine nationalen und politischen
Interessen ihn nicht stören. Im ganzen jedoch langweilig ge-
schrieben, eben wegen Mangel alles Überblicks. Der "National" ist
ein schlechter Historiker, und Vaul[abelle] soll Marrasts amicus
25*) sein.
Moses ist ganz verschollen. Bei den "Ouvriers" 26*), mit denen
ich n i c h t "umgehe", v e r s p r i c h t er, Vorlesungen
zu halten, gibt sich für Grüns Gegner und meinen Intimus aus!
Gott weiß und Moses desgleichen, daß ich ihn bei unsrer zweiten
und letzten Entrevue am Passage Vivienne mit offnem Maule stehen-
ließ, um mit dem Maler K[örner] zwei Mädel abseiten zu führen,
die dieser aufgegabelt! Seitdem ist er mir nur noch am mardi gras
27*) begegnet, wo er sein lebensmüdes Ich durch den fürchterlich-
sten Regen und die ödeste Langeweile nach der Börse zu schleifte.
Wir erkannten uns nicht einmal.
Den Brief an Bak[unin] werde ich besorgen, sobald ich seiner
Adresse sicher bin - bis jetzt ist es noch chanceux 28*).
Apropos: schreibe doch an den Ew[erbeck] wegen des Broschürlis
und verhöhne ihn etwas, er hält demütigst ambas posaderas
29*) dar und wünscht, Hiebe drauf zu besehen - Du kennst das.
Also schreib bald und besorge das, daß Du herkommst.
Dein F. E.
[Paris] Dienstag, 9. März [1847]
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24*) Das macht einen komischen Eindruck. - 25*) Freund -
26*) "Arbeitern" - 27*) in der Fastnacht - 26*) (hier:) vom Zu-
fall abhängig - 28*) beide Hinterbacken
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