Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


       zurück

       #84# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       20
       
       Engels an Marx
       in Holland [84]
       
       [Brüssel] Dienstag, 28.[-30.] September 47
       Lieber Marx,
       Es ist  hier dieser Tage eine höchst kuriose Geschichte vorgekom-
       men. Sämtliche  mit uns  und unsrem  Auftreten unzufriedenen Ele-
       mente unter  den hiesigen  Deutschen haben nämlich eine Koalition
       gebildet, um  Dich, mich und überhaupt die Kommunisten zu stürzen
       und dem  Arbeiterverein [85] eine Konkurrenz zu machen. Bornstedt
       ist im  höchsten Grade malkontent; die von Otterberg ausgegangne,
       von Sandkuhl  überbrachte und bestärkte, von Crüger und Moras be-
       nutzte Redensart,  wir benutzten  ihn, B[ornstedt], bloß, hat ihn
       gegen uns alle wütend gemacht; Moras und Crüger, die da herumjam-
       mern, sie Würden von uns von oben herab behandelt, haben ihn noch
       mehr aufgehetzt.  Seiler ist ärgerlich wegen der ihm widerfahrnen
       unverzeihlichen Vernachlässigungen  bei  Gründung  des  Arbeiter-
       vereins und  wegen des  guten Fortgangs  des Vereins,  der  allen
       seinen Prophezeiungen  widerspricht. Heilberg  sucht für  die ihm
       zuteil gewordenen  und noch  täglich  werdenden  Grobheiten  eine
       eklatante, wenn  auch unblutige  Rache. Bornstedt  schäumt  eben-
       falls, daß  er sich vermittelst der geschenkten Bücher und Karten
       nicht die Stellung eines einflußreichen Demokraten, die Ehrenmit-
       gliedschaft und  Aufstellung  seiner  Büste  im  Verein  erkaufen
       konnte, sondern  daß im  Gegenteil sein  Setzer morgen abend über
       ihn wie  über einen  ganz gewöhnlichen  Menschen abstimmen lassen
       wird. Es  ärgert ihn  auch, daß  er,  der  aristokratische  homme
       d'esprit 1*),  bei den Arbeitern viel weniger Gelegenheit sich zu
       mokieren findet,  als er  sich versprochen  hatte. Dann ist Moras
       ärgerlich, daß  er die  "Brüsseler-Zeitung" nicht für Heinzen ge-
       wonnen. Enfin  2*), alle  diese heterogenen  Elemente vereinigten
       sich zu  einem Coup,  der uns  sämtlich zu einer sekundären Rolle
       gegenüber Imbert  und den  belgischen Demokraten herabdrücken und
       eine viel  großartigere, universellere Gesellschaft ins Leben ru-
       fen sollte  als unsren  lumpigen Arbeiterverein. Sämtliche Herren
       brannten danach, auch einmal
       -----
       1*) Mann von Geist - 2*) Kurz und gut
       
       #85# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       in irgend etwas die Initiative zu haben, und die feigen Kanaillen
       hatten dazu  den Moment Deiner Abwesenheit für ausgezeichnet pas-
       send gefunden. Sie hatten sich aber schändlich verrechnet.
       Sie beschlossen also ganz im stillen, ein kosmopolitisch-demokra-
       tisches Souper  zu arrangieren  und dort  ganz unvorbereitet eine
       Gesellschaft à la Fraternal Democrats [67] nebst Arbeitermeetings
       pp. pp.  zu proponieren.  Sie bildeten eine Art Komitee, wozu sie
       pro forma  den ihnen  ganz unschädlichen Imbert zuzogen. Nach al-
       lerlei vagen  Gerüchten erfuhr  ich erst  Sonntag abend im Verein
       von B[ornstedt] etwas Positives darüber, und Montag war schon das
       Essen. Details  waren aus Bornstjedt] nicht herauszuziehen, außer
       das Jottrand,  General Mellinet, Adolf Bartels, Kats pp. pp. hin-
       kommen würden, Polen, Italiener pp. Obwohl ich von der ganzen Ko-
       alition  nichts   ahnte  (erst  Montag  morgen  erfuhr  ich,  daß
       Bornst[edt] etwas  pikiert sei und Moras und Crüger jammerten und
       intrigierten; von  Seiler und  Heilberg ahnte ich nichts), so kam
       mir die  Sache doch verdächtig vor. Hingehen mußte man aber wegen
       der Belgier  und um  in dem kleinen Brüssel nichts Demokratisches
       geschehen zu  lassen, wobei  wir nicht  beteiligt seien. Aber für
       eine Partei  mußte gesorgt  werden. Wallau  und ich brachten also
       die Sache vor, unterstützten sie stark, und gleich fanden sich an
       die dreißig, die hingehen wollten. Am Montag morgen sagte mir Lu-
       pus, außer  dem président  d'honneur 3*), dem alten Mellinet, und
       dem wirklichen Präsidenten Jottrand müßten sie zwei Vizepräsiden-
       ten haben,  von denen  einer Imbert, der andre ein Deutscher, wo-
       möglich ein  Arbeiter. Wallau  sei leider unmöglich, weil er kein
       Französisch spreche.  So habe  ihm Bornstedt  gesagt. Er,  Lupus,
       habe geantwortet,  dann müsse  ich es werden. Ich sagte dem Lupus
       nun, er  solle es  sein, aber er wollte absolut nicht. Ich wollte
       es auch nicht, weil ich so schrecklich jung aussehe, aber am Ende
       dacht' ich,  es sei doch für alle Vorkommenheiten am besten, wenn
       ich es akzeptierte.
       Wir kommen  abends hin.  [86] Bornst[edt] tat sehr unwissend, als
       ob noch  nichts arrangiert, bloß die Beamten (toujours à l'excep-
       tion de l'Allemand 4*)) und einige inskribierte Redner, von denen
       ich außer  Crüger und  Moras  keine  Namen  erfahren  konnte;  er
       drückte sich jeden Augenblick wegen Arrangierung des Lokals, lief
       zu diesem  und jenem,  mogelte, intrigierte, fuchsschwänzelte aus
       Leibeskräften. Ich  sah indes  noch kein  Symptom  von  besondrer
       Intrige, das  stellte sich  erst  später  heraus.  Wir  waren  im
       Estaminet Liégeois,  Place du  Palais  de  justice.  Als  es  zur
       Beamtenwahl kam, schlug
       -----
       3*) Ehrenpräsidenten - 4*) immer mit Ausnahme des Deutschen
       
       #86# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       B[orn]st[e]dt gegen  alle Absprache  Wallau vor. Dieser ließ sich
       durch Wolff (Lupus) reküsieren und mich vorschlagen, was auch mit
       Glanz durchging.  Hiermit war die ganze Intrige auseinandergefal-
       len und  vereitelt. Jetzt  verloren sie  ± 5*)  die Besinnung und
       verrieten sich.  Nach Imbert,  der die  martyrs de la liberté 6*)
       leben ließ,  brachte ich einen französischen Toast au souvenir de
       la revolution de 1792  7*) und nachträgliches anniversaire du Ier
       vendémiaire an  I de la république [87] aus. Nach mir Crüger eine
       lächerliche Rede, in der er steckenblieb und sein Manuskript her-
       vorziehen mußte. Dann Moras, der eine Pauke ablas, in der es sich
       fast nur  von seiner Wenigkeit handelte. Beide deutsch. Ihre Toa-
       ste waren so konfus, daß ich sie gar nicht mehr weiß. Dann Pelle-
       ring flämisch,  Advokat Spilthoorn von Gent französisch au peuple
       anglais 8*), dann zu meinem größten Erstaunen die pucklige Spinne
       Heilberg mit einer langen schulmeisterlichen abgeschmackten fran-
       zösischen Rede, worin er 1. sich als Redakteur des "Atelier Démo-
       cratique" in  die Brust  warf; 2.  erklärte,  E r,  maximus Heil-
       berg, verfolge  seit mehreren Monaten - mais cela doit se dire en
       français: L'association  des ouvriers belges, voilà le but que Je
       poursuis depuis  quelques mois  (c.à.d. depuis  le moment où J'ai
       daigné prendre  connaissance du dernier chapitre de la "Misère de
       la philosophie") 9*). Also Er, und nicht Kats und die andern Bel-
       gier. "Nous entrerons dans la carrière quand nos aînés n'y seront
       plus" 10*)  pp. Er  wird das  vollbringen, was  Kats und Jottrand
       nicht konnten.  3. vorschlug,  eine fraternal  democracy 11*)  zu
       stiften und  die Meetings zu reorganisieren; 4. das erwählte Büro
       mit der Organisation beider zu beauftragen.
       Also welche Konfusion! Erstens die kosmopolitische Geschichte mit
       belgischen Meetings über belgische Angelegenheiten zusammenzuwer-
       fen, und 2. diesen Vorschlag, statt ihn ganz fallenzulassen, weil
       ihnen doch  alles verbrockt,  dem bestehenden Büro zu übertragen!
       Und wenn er dachte, ich ginge weg, mußte er nicht wissen, daß gar
       nicht daran zu denken war, irgend jemand anders ins Büro zu brin-
       gen als Dich? Aber der Schafskopf hatte seine Rede mal fertig ge-
       schrieben, und  seine Eitelkeit erlaubte ihm nicht, etwas fallen-
       zulassen, wobei  er die  Initiative  in  irgend  etwas  ergreifen
       konnte. Die  Geschichte ging  natürlich durch,  und bei  dem zwar
       sehr factice  12*) gewordenen,  aber doch lauten Enthusiasmus war
       nicht daran zu denken, den
       -----
       5*) mehr oder  weniger -  6*) Märtyrer der Freiheit - 7*) auf das
       Andenken der  Revolution von  1792 - 8*) auf das englische Volk -
       9*) aber das  muß man  auf französisch sagen: Die Assoziation der
       belgischen Arbeiter, das ist das Ziel, das Ich seit einigen Mona-
       ten verfolge (d.h. seit dem Moment, wo Ich geruht habe, vom letz-
       ten Kapitel  der "Misère  de la  philosophie" Notiz  zu nehmen) -
       10*) "Wir rücken  nach in  eure Bahnen,  wenn ihr, o Väter, nicht
       mehr  seid"  (aus  der  siebenten  Strophe  der  Marseillaise)  -
       11*) brüderliche Demokratie - 12*) künstlich
       
       #87# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       konfusen Vorschlag  besser zu arrangieren. Dann sprach A. Bartels
       (Jules 13*)  war nicht  da), und  dann verlangte Wallau das Wort.
       Wie groß  aber war  mein Erstaunen,  als plötzlich  B[orn]st[e]dt
       vorsprang und  mit großem  Eifer das  Wort für  Seiler als früher
       schon eingeschriebnen  Redner verlangte,  S[eiler] erhielt es und
       hielt eine  unendlich lange,  schwatzhafte,  alberne,  lächerlich
       abgeschmackte, wirklich blamable Rede (französisch), worin er von
       den pouvoirs législatif, administratif ef exécutif 14*) schauder-
       haften Unsinn  sprach, den  Demokraten allerhand weise Ratschläge
       gab (wie  auch Heilberg,  der  von  instruction  et  question  de
       l'enseignement 15*)  die  wunderbarsten  Dinge  gefabelt),  worin
       S[eiler] ferner sich en grand homme 16*) posierte, von demokrati-
       schen Gesellschaften  sprach, auxquelles  j'ai participé  et  que
       j'ai peut-être  même dirigées  (littéralement) 17*), und schließ-
       lich auch  richtig sein edles Büro [88] mit den dernières nouvel-
       les arrivées  de Paris  18*)  pp.  hereinbrachte.  Kurz,  es  war
       scheußlich. Nachher  sprachen noch  mehrere, ein  schwyzer  Esel,
       Pellering, Kats  (sehr gut)  pp., und um zehn Uhr schloß Jottrand
       (der sich  zu Tode schämte für die Deutschen) die Sitzung. Plötz-
       lich reklamierte Heilberg Schweigen und annoncierte: Die Rede von
       Weerth auf dem free-trade congress [89] erscheine morgen in einem
       Supplement des  "Atelier", qui se vendra séparément 19*) !!! Auch
       hat der Zalewski noch etwas gegreint sur l'union de cette malheu-
       reuse Pologne  et de  cette grande, noble et poétique Allemagne -
       enfin 20*),  alle gingen  sehr ruhig,  aber sehr  malkontent nach
       Hause.
       Donnerstag, 30. September.
       Seit obiges  geschrieben, ist allerlei Neues vorgefallen und man-
       cherlei entschieden. Am Dienstag morgen, wo mir die ganze Intrige
       klar war,  lief ich  herum und kontrekarrierte; noch in der Nacht
       um 2  Uhr lief  ich zu Lupus aufs Büro: ob B[orn]st[e]dt nicht im
       Arbeiterverein auszuballotieren sei? Mittwoch überall herumgelau-
       fen, aber alle meinten, wir setzten es nicht durch. Ich kam Mitt-
       woch abend  in den  Verein, B[orn]st[edt]  war schon  da; er  war
       zweideutig; endlich  brachte Thomis  die neue  Zeitung 21*), mein
       Artikel gegen  Heinzen 22*), den ich Montag schon zu ihm und, als
       er (mittags  2 Uhr)  nicht da  war, in  die  Druckerei  gebracht,
       s t a n d   n i c h t   d r i n.   Ich frug ihn, er sagte, es sei
       kein Platz gewesen. Ich erinnerte an was Du
       -----
       13*) Jules Bartels  -  14*) gesetzgebenden,  administrativen  und
       vollziehenden Gewalten  -  15*) Bildung  und  Unterrichtsfrage  -
       16*) als großer Mann - 17*) an denen ich teilgenommen und die ich
       vielleicht selbst  geleitet habe  (buchstäblich) -  18*)  letzten
       Nachrichten aus  Paris -  19*) das  extra verkauft  werden wird -
       20*) über die Union dieses unglücklichen Polens mit diesem
       großen, edlen und poetischen Deutschland - kurz - 21*) "Deutsche-
       Brüsseler-Zeitung" - 22*) "Die Kommunisten und Karl Heinzen"
       
       #88# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       mit ihm abgesprochen. [90] Er leugnete das; ich wartete, bis Wal-
       lau da  war, der  mir sagte,  Platz genug  sei dagewesen, aber am
       Dienstag  habe   B[orn]s[ted]t  den  Artikel  aus  der  Druckerei
       h o l e n   l a s s e n   und nicht wieder geschickt. Ich ging zu
       B[orn]s[ted]t und erzählte ihm das sehr grob. Er suchte sich her-
       auszulügen. Ich  kam wieder  auf die  Absprache, die  er, bis auf
       ganz allgemeines Geschwätz, wieder leugnete. Ich sagte ihm einige
       Grobheiten -  Crüger, Gigot,  Imbert pp.  saßen dabei - und frug:
       Wollen Sie  den Artikel am Sonntag geben, oui ou non 23*)? - Dar-
       über müssen  wir erst  sprechen. -  Ich spreche mit Ihnen darüber
       gar nicht. - Damit ließ ich ihn sitzen.
       Die Sitzung  begann. B[orn]s[ted]t stützte seinen Kopf auf seinen
       Ellenbogen und  sah mich  mit merkwürdiger Siegsgewißheit an. Ich
       sah ihn  wieder an und wartete. Auf trat Herr Thomis, der, wie Du
       weißt, das  Wort verlangt hatte. Er zog eine geschriebne Rede aus
       der Tasche  und las  eine Reihe  der sonderbarsten Ausfälle gegen
       unser Scheingefecht  ab. Eine  Zeitlang ging  das fort,  aber als
       cela ne  finissait pas  24*), entstand  allgemeines Murren,  eine
       Masse verlangten  das Wort, und Wallau rief Th[omis] zur Ordnung.
       Dieser, Th[omis],  las dann  sechs verrückte Worte über die Frage
       und trat ab. Dann trat Heß auf und verteidigte uns ganz gut. Dann
       Junge. Dann  der Pariser  Wolff 25*), der zwar 3mal steckenblieb,
       aber sehr  applaudiert wurde. Dann noch mehrere. Wolff 25*) hatte
       verraten, daß  wir bloß pro forma opponiert. Ich muß also auftre-
       ten. Ich  sprach - à la grande déconfiture de 26*) B[orn]s[ted]t,
       der geglaubt hatte, ich wäre zu sehr mit persönlichem Krakeel be-
       schäftigt -,  ich sprach  also über  die revolutionäre  Seite des
       Schutzsystems, den  P.P. Thomis  natürlich gänzlich  ignorierend,
       und  schlug   eine  neue   Frage  vor.  Angenommen.  -  Pause.  -
       B[orn]s[ted]t, durch  meine Heftigkeit  ihm gegenüber, durch Tho-
       mis' gänzliches  Abfallen (il  y avait  du B[orn]st[e]dt dans son
       discours 27*))  und durch die Heftigkeit, mit der ich schließlich
       noch gesprochen, sehr erschüttert, B[orn]s[ted]t kam zu mir: Aber
       liebes Kind, Sie sind aber schrecklich leidenschaftlich pp. Kurz,
       ich sollte den Artikel unterschreiben. - Nein. - Dann sollten wir
       uns wenigstens über eine kurze Redaktionseinleitung verständigen.
       - Bien, à demain à onze heures au Café Suisse. 28*)
       Dann kam  die Aufnahme von B[orn]s[ted]t, Crüger, Wolff 25*). Heß
       stand zuerst  auf und  richtete 2  Fragen an  Bornstedt wegen der
       Montagsversammlung. B[orn]s[ted]t  log sich  heraus, und  Heß war
       schwach genug,  sich für satisfait 29*) zu erklären. Junge packte
       B[orn]s[ted]t persönlich wegen seines
       -----
       23*) ja oder  nein -  24*) das kein  Ende nahm  -  25*) Ferdinand
       Wolff -  26*) zur großen  Verblüffung von  - 27*) aus seiner Rede
       hörte man  den B[orn]s[ted]t  heraus - 28*) Gut, morgen um 11 Uhr
       im Café Suisse. - 29*) zufriedengestellt
       
       #89# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       Auftretens in  der Gesellschaft  und weil  er den  Sandkuhl unter
       falschem Namen  eingeführt. Fischer  trat  sehr  energisch  gegen
       B[orn]s[ted]t auf,  ohne alle Verabredung, aber sehr gut. So noch
       mehrere. Kurz,  der siegestrunkne  Herr von Bornstedt mußte förm-
       lich zwischen  den Arbeitern  Spießruten laufen. Er wurde schänd-
       lich mißhandelt  und war so foudroyiert - er, der natürlich durch
       seine Büchergeschenke  komplett eingekauft zu sein glaubte -, daß
       er nur  evasiv, schwach,  konzedierend antworten konnte -trotzdem
       daß Wallau  fanatisch für  ihn war, miserabel präsidierte und ihn
       jeden Augenblick  die Redner  unterbrechen ließ. Noch stand alles
       zweifelhaft, als  Wall[fau] die  Vorgeschlagnen abtreten ließ und
       zur Abstimmung  brachte. Crüger,  von mir  als  h ö c h s t  u n-
       s c h u l d i g e r   M e n s c h   vorgeschlagen,   d e r  d e r
       G e s e l l s c h a f t   n i c h t  s c h a d e n  k a n n,  und
       von Wolff  purement et  simplement 30*)  unterstützt, ging durch.
       Bei B[orn]s[ted]t trat Wall[au] in einer langen heftigen Rede für
       ihn auf. Jetzt trat ich auf, setzte die ganze Intrige, soweit die
       Gesellschaft  dabei   beteiligt,  auseinander,   vernichtete  die
       Evasionen des  B[orn]s[ted]t eine  durch die  andre und  erklärte
       schließlich:  der  B[ornstedt]  hat  gegen  uns  intrigiert,  uns
       Konkurrenz machen  wollen, aber  wir  haben  gesiegt,  und  darum
       können wir  ihn jetzt  in der  Gesellschaft zulassen. Während der
       Rede -  es war  die beste,  die ich  je gehalten - wurde ich sehr
       häufig durch  Applaus unterbrochen;  namentlich  als  ich  sagte:
       diese Herren glaubten noch alles gewonnen zu haben, weil ich, ihr
       Vizepräsident, weggehe,  aber sie  dachten nicht daran, daß einer
       unter uns ist, dem der Platz von Rechts wegen gebührt, einer, der
       allein die  deutschen Demokraten  hier in Brüssel vertreten kann,
       und das ist Marx - da wurde fürchterlich applaudiert. Genug, nach
       mir sprach  keiner mehr, und so wurde dem B[orn]s[ted]t nicht die
       Ehre angetan,  ihn herauszuschmeißen.  Er stand  vor der Türe und
       hörte alles  an. Ich  hätte es  lieber gesagt, wo er noch im Saal
       gegenwärtig war,  mais il n'y avait pas moyen 31*), weil ich mich
       für den  letzten Coup aufsparen mußte und Wallfau] die Diskussion
       abbrach. Aber  er, wie  Wolff 24*) und Crüger, hat jedes Wort ge-
       hört. Ihm gegenüber wurde Wolff 25*) fast glänzend adoptiert.
       Genug, in  der gestrigen  Sitzung hat  B[orn]s[ted]t, Crüger  pp.
       einen solchen  Schimpf erlitten, daß sie honorigerweise gar nicht
       in die Gesellschaft kommen können und für lange Zeit genug haben.
       Aber sie  werden doch  kommen; der unverschämte B[orn]s[ted]t ist
       durch unsre noch größre Frechheit, durch das gänzliche Fehlschla-
       gen aller  seiner Kalkulationen, durch unsre Leidenschaftlichkeit
       so kaduk geworden, daß er nichts mehr kann
       -----
       30*) Wilhelm Wolff  schlicht und einfach - 31*) aber es war nicht
       möglich
       
       #90# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       als -  in Brüssel herumlaufen und seine Schande überall herumjam-
       mern -  le dernier  degré de l'abaissement 32*). Er kam wütend in
       den Saal zurück, aber ohnmächtig, und als ich nun von der Gesell-
       schaft Abschied  nahm und mit allen nur möglichen Ehren entlassen
       wurde, ging er schäumend weg. Während der Diskussion über ihn war
       Bürgers gegenwärtig, der seit vorgestern abend hier ist.
       Unsre  Arbeiter   haben  sich  bei  der  ganzen  Sache    g a n z
       f a m o s   benommen; die geschenkten 26 Bücher und 27 Landkarten
       wurden mit  keinem Worte  erwähnt, B[orn]s[ted]t  wurde von ihnen
       mit der  größten Kälte und Rücksichtslosigkeit behandelt, und als
       ich sprach  und zur  Konklusion kam, hatte ich es in meiner Hand,
       ihn mit  enormer Majorität durchfallen zu lassen. Das gibt selbst
       Wall[au] zu.  Aber wir  haben ihn  schlimmer behandelt, wir haben
       ihn mit Schimpf und Schande aufgenommen. Auf die Gesellschaft hat
       die Sache  einen ausgezeichneten  Eindruck gemacht; zum erstenmal
       haben sie eine Rolle gespielt, ein Meeting, trotz aller Intrigen,
       beherrscht und einen Kerl, der sich ihnen gegenüber eine Position
       machen wollte, in seine Schranken zurückgewiesen. Nur einige Kom-
       mis pp.  sind malkontent,  die Masse  ist enthusiastisch für uns.
       Sie haben gefühlt, was sie sind, wenn sie assoziiert sind.
       Heut morgen  ging ich  aufs Café  Suisse, und  wer nicht kam, war
       B[orn]-s[ted]t. - Aber Weerth und Seiler begegneten mir, sie hat-
       ten den  B[orn]s[ted]t eben gesprochen, und Seiler war die Unter-
       würfigkeit und  Insinuation selbst.  Ich ließ ihn natürlich links
       liegen. Die  gestrige Sitzung war übrigens so dramatisch, sie ar-
       rangierte und  steigerte sich so famos, daß der Pariser Wolff aus
       reinem ästhetischen Gefühl darüber momentan zum Parteimann gewor-
       den ist.  Heut war  ich auch bei A. Bartels und erklärte ihm, daß
       die deutsche  Gesellschaft für  nichts verantwortlich sei, was am
       Montag vorgefallen,  daß Crüger,  B[orn]s[ted]t,  Moras,  Seiler,
       Heilberg pp.  nicht einmal  Mitglieder waren  und daß die ganze à
       l'insu 33*)  der deutschen  Gesellschaft veranstaltete Geschichte
       vielmehr die Errichtung einer Konkurrenz gegen sie bezweckte. Ein
       Brief gleichen  Inhalts, von allen Komiteemitgliedern unterzeich-
       net, geht  morgen ebenfalls  an Jottrand  ab. Zu  Imbert geh' ich
       morgen mit Lupus. Ferner hab' ich folgendes an Jottrand wegen der
       durch meine Abreise leer werdenden Stelle im Organisationskomitee
       der Brüßler Fraternal Democrats geschrieben:
       "Monsieur! Obligé  de quitter Bruxelles pour quelques mois, je me
       trouve dans  l'impossibilité de remplir les fonctions dont la ré-
       union du 27 de
       -----
       32*) die letzte Stufe der Erniedrigung - 33*) ohne Wissen
       
       #91# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       ce mois a bien voulu m'investir. - Je vous prie donc d'appeler un
       démocrate allemand résidant à Bruxelles à assister aux travaux de
       la commission  chargée d'organiser  une société démocratique uni-
       verselle. - Je me permettrai de vous proposer celui parmi les dé-
       mocrates allemands  de Bruxelles, que la réunion, s'il avait pu y
       assister, aurait  nommé à la charge qu'en son absence on m'a fait
       l'honneur de  me conférer.  Je parle de Mr. Marx qui dans mon in-
       time conviction a le droit le plus fondé de représenter à la com-
       mission la  démocratie allemande.  Ce ne  serait donc pas Mr.Marx
       qui m'y remplacerait, c'était plutôt moi qui à la réunion ai rem-
       placé Mr. Marx. Agréez pp. pp." 34*)
       Ich hatte nämlich vorher schon mit Jottrand abgesprochen, daß ich
       ihm meine Abreise schriftlich anzeigen und Dich in die Kommission
       vorschlagen würde.  Jottr[and] ist  auch verreist und kommt in 14
       Tagen wieder.  Wird nichts  aus der  ganzen Geschichte,  was  ich
       glaube, so  ist es  Heilbergs Vorschlag, der durchfällt; wird was
       draus, so sind wir es, die die Sache zustande gebracht haben. Je-
       denfalls haben  wir das  gewonnen, daß  Du, und nach Dir ich, als
       Repräsentanten der deutschen Demokraten in Brüssel anerkannt sind
       und sonst  die ganze  Intrige schrecklich  in den  Dreck gefallen
       ist.
       Heut abend  war Gemeindesitzung.  [91] Ich  präsidierte. Mit Aus-
       nahme Wall[au]s, der sich übrigens bekehren ließ und dessen gest-
       riges Auftreten  allerdings diverse Entschuldigungsgründe findet,
       die ich ihm auch zugute kommen ließ, mit dieser Ausnahme also war
       der Enthusiasmus  über die  Geschichte mit B[orn]s[ted]t einstim-
       mig. Die Kerls fangen an, sich zu fühlen. Sie sind endlich einmal
       als Gesellschaft,  als Macht gegenüber andern Leuten aufgetreten,
       und daß  alles so  famos flott  ging, daß sie so komplett gesiegt
       haben, macht  sie ungeheuer  stolz. Junge  schwimmt im  siebenten
       Himmel, Riedel  weiß sich  vor Freude nicht zu lassen, selbst der
       kleine Ohnemans  triumphiert wie ein fighting cock 35*). Übrigens
       wiederhole ich,  daß diese Geschichte der Gesellschaft nach innen
       und nach  außen einen  famosen Aufschwung  gegeben hat und ferner
       geben wird.  Kerle, die  sonst das  Maul nicht  auftun, haben den
       B[orn]s[ted]t attackiert.  Und selbst  die Intrige hat uns gehol-
       fen: erstens  hat B[orn]s[ted]t  überall verbreitet, die deutsche
       demokratische Arbeitergesellschaft  habe das Meeting gemacht, und
       zweitens haben  wir das  alles desavouiert,  und durch beides ist
       die Gesellschaft  bei den  belgischen Demokraten  überall ins Ge-
       spräch gekommen  und gilt  als eine  höchst bedeutende,  plus  ou
       moins 36*) mysteriöse Macht. La
       -----
       34*) siehe die Übersetzung dieses Schreibens auf S. 469 des vorl.
       Bandes - 35*) Kampfhahn - 36*) mehr oder weniger
       
       #92# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
       -----
       démocratie allemande  devient très  forte à Bruxelles 37*), sagte
       Bartels heut morgen.
       Übrigens kommst  Du auch  in den  Brief des Komitees an Jottrand.
       Gigot wird zeichnen: Sekretär während der Abwesenheit von Marx.
       Mach nun  Deine Geldgeschichten  so rasch wie möglich ab und komm
       wieder her. Mir brennt's unter den Füßen, ich möchte fort und muß
       erst den Verlauf dieser Intrigen abwarten. Ich kann jetzt absolut
       nicht fort.  Je eher  Du also kommst, desto besser. Nur regle zu-
       erst Deine  Geldgeschichten. Ich  bleibe jedenfalls  so lange auf
       meinem Posten  wie irgend möglich; si c'est possible 38*), bis Du
       kommst. Aber  eben deswegen  ist's  wünschenswert,  daß  Du  bald
       kommst.
       Dein Engels
       -----
       37*) Die  deutsche  Demokratie  wird  in  Brüssel  sehr  stark  -
       38*) wenn es möglich ist

       zurück