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#84# 20 - Engels an Marx - 28.-30. September 1847
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20
Engels an Marx
in Holland [84]
[Brüssel] Dienstag, 28.[-30.] September 47
Lieber Marx,
Es ist hier dieser Tage eine höchst kuriose Geschichte vorgekom-
men. Sämtliche mit uns und unsrem Auftreten unzufriedenen Ele-
mente unter den hiesigen Deutschen haben nämlich eine Koalition
gebildet, um Dich, mich und überhaupt die Kommunisten zu stürzen
und dem Arbeiterverein [85] eine Konkurrenz zu machen. Bornstedt
ist im höchsten Grade malkontent; die von Otterberg ausgegangne,
von Sandkuhl überbrachte und bestärkte, von Crüger und Moras be-
nutzte Redensart, wir benutzten ihn, B[ornstedt], bloß, hat ihn
gegen uns alle wütend gemacht; Moras und Crüger, die da herumjam-
mern, sie Würden von uns von oben herab behandelt, haben ihn noch
mehr aufgehetzt. Seiler ist ärgerlich wegen der ihm widerfahrnen
unverzeihlichen Vernachlässigungen bei Gründung des Arbeiter-
vereins und wegen des guten Fortgangs des Vereins, der allen
seinen Prophezeiungen widerspricht. Heilberg sucht für die ihm
zuteil gewordenen und noch täglich werdenden Grobheiten eine
eklatante, wenn auch unblutige Rache. Bornstedt schäumt eben-
falls, daß er sich vermittelst der geschenkten Bücher und Karten
nicht die Stellung eines einflußreichen Demokraten, die Ehrenmit-
gliedschaft und Aufstellung seiner Büste im Verein erkaufen
konnte, sondern daß im Gegenteil sein Setzer morgen abend über
ihn wie über einen ganz gewöhnlichen Menschen abstimmen lassen
wird. Es ärgert ihn auch, daß er, der aristokratische homme
d'esprit 1*), bei den Arbeitern viel weniger Gelegenheit sich zu
mokieren findet, als er sich versprochen hatte. Dann ist Moras
ärgerlich, daß er die "Brüsseler-Zeitung" nicht für Heinzen ge-
wonnen. Enfin 2*), alle diese heterogenen Elemente vereinigten
sich zu einem Coup, der uns sämtlich zu einer sekundären Rolle
gegenüber Imbert und den belgischen Demokraten herabdrücken und
eine viel großartigere, universellere Gesellschaft ins Leben ru-
fen sollte als unsren lumpigen Arbeiterverein. Sämtliche Herren
brannten danach, auch einmal
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1*) Mann von Geist - 2*) Kurz und gut
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in irgend etwas die Initiative zu haben, und die feigen Kanaillen
hatten dazu den Moment Deiner Abwesenheit für ausgezeichnet pas-
send gefunden. Sie hatten sich aber schändlich verrechnet.
Sie beschlossen also ganz im stillen, ein kosmopolitisch-demokra-
tisches Souper zu arrangieren und dort ganz unvorbereitet eine
Gesellschaft à la Fraternal Democrats [67] nebst Arbeitermeetings
pp. pp. zu proponieren. Sie bildeten eine Art Komitee, wozu sie
pro forma den ihnen ganz unschädlichen Imbert zuzogen. Nach al-
lerlei vagen Gerüchten erfuhr ich erst Sonntag abend im Verein
von B[ornstedt] etwas Positives darüber, und Montag war schon das
Essen. Details waren aus Bornstjedt] nicht herauszuziehen, außer
das Jottrand, General Mellinet, Adolf Bartels, Kats pp. pp. hin-
kommen würden, Polen, Italiener pp. Obwohl ich von der ganzen Ko-
alition nichts ahnte (erst Montag morgen erfuhr ich, daß
Bornst[edt] etwas pikiert sei und Moras und Crüger jammerten und
intrigierten; von Seiler und Heilberg ahnte ich nichts), so kam
mir die Sache doch verdächtig vor. Hingehen mußte man aber wegen
der Belgier und um in dem kleinen Brüssel nichts Demokratisches
geschehen zu lassen, wobei wir nicht beteiligt seien. Aber für
eine Partei mußte gesorgt werden. Wallau und ich brachten also
die Sache vor, unterstützten sie stark, und gleich fanden sich an
die dreißig, die hingehen wollten. Am Montag morgen sagte mir Lu-
pus, außer dem président d'honneur 3*), dem alten Mellinet, und
dem wirklichen Präsidenten Jottrand müßten sie zwei Vizepräsiden-
ten haben, von denen einer Imbert, der andre ein Deutscher, wo-
möglich ein Arbeiter. Wallau sei leider unmöglich, weil er kein
Französisch spreche. So habe ihm Bornstedt gesagt. Er, Lupus,
habe geantwortet, dann müsse ich es werden. Ich sagte dem Lupus
nun, er solle es sein, aber er wollte absolut nicht. Ich wollte
es auch nicht, weil ich so schrecklich jung aussehe, aber am Ende
dacht' ich, es sei doch für alle Vorkommenheiten am besten, wenn
ich es akzeptierte.
Wir kommen abends hin. [86] Bornst[edt] tat sehr unwissend, als
ob noch nichts arrangiert, bloß die Beamten (toujours à l'excep-
tion de l'Allemand 4*)) und einige inskribierte Redner, von denen
ich außer Crüger und Moras keine Namen erfahren konnte; er
drückte sich jeden Augenblick wegen Arrangierung des Lokals, lief
zu diesem und jenem, mogelte, intrigierte, fuchsschwänzelte aus
Leibeskräften. Ich sah indes noch kein Symptom von besondrer
Intrige, das stellte sich erst später heraus. Wir waren im
Estaminet Liégeois, Place du Palais de justice. Als es zur
Beamtenwahl kam, schlug
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3*) Ehrenpräsidenten - 4*) immer mit Ausnahme des Deutschen
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B[orn]st[e]dt gegen alle Absprache Wallau vor. Dieser ließ sich
durch Wolff (Lupus) reküsieren und mich vorschlagen, was auch mit
Glanz durchging. Hiermit war die ganze Intrige auseinandergefal-
len und vereitelt. Jetzt verloren sie ± 5*) die Besinnung und
verrieten sich. Nach Imbert, der die martyrs de la liberté 6*)
leben ließ, brachte ich einen französischen Toast au souvenir de
la revolution de 1792 7*) und nachträgliches anniversaire du Ier
vendémiaire an I de la république [87] aus. Nach mir Crüger eine
lächerliche Rede, in der er steckenblieb und sein Manuskript her-
vorziehen mußte. Dann Moras, der eine Pauke ablas, in der es sich
fast nur von seiner Wenigkeit handelte. Beide deutsch. Ihre Toa-
ste waren so konfus, daß ich sie gar nicht mehr weiß. Dann Pelle-
ring flämisch, Advokat Spilthoorn von Gent französisch au peuple
anglais 8*), dann zu meinem größten Erstaunen die pucklige Spinne
Heilberg mit einer langen schulmeisterlichen abgeschmackten fran-
zösischen Rede, worin er 1. sich als Redakteur des "Atelier Démo-
cratique" in die Brust warf; 2. erklärte, E r, maximus Heil-
berg, verfolge seit mehreren Monaten - mais cela doit se dire en
français: L'association des ouvriers belges, voilà le but que Je
poursuis depuis quelques mois (c.à.d. depuis le moment où J'ai
daigné prendre connaissance du dernier chapitre de la "Misère de
la philosophie") 9*). Also Er, und nicht Kats und die andern Bel-
gier. "Nous entrerons dans la carrière quand nos aînés n'y seront
plus" 10*) pp. Er wird das vollbringen, was Kats und Jottrand
nicht konnten. 3. vorschlug, eine fraternal democracy 11*) zu
stiften und die Meetings zu reorganisieren; 4. das erwählte Büro
mit der Organisation beider zu beauftragen.
Also welche Konfusion! Erstens die kosmopolitische Geschichte mit
belgischen Meetings über belgische Angelegenheiten zusammenzuwer-
fen, und 2. diesen Vorschlag, statt ihn ganz fallenzulassen, weil
ihnen doch alles verbrockt, dem bestehenden Büro zu übertragen!
Und wenn er dachte, ich ginge weg, mußte er nicht wissen, daß gar
nicht daran zu denken war, irgend jemand anders ins Büro zu brin-
gen als Dich? Aber der Schafskopf hatte seine Rede mal fertig ge-
schrieben, und seine Eitelkeit erlaubte ihm nicht, etwas fallen-
zulassen, wobei er die Initiative in irgend etwas ergreifen
konnte. Die Geschichte ging natürlich durch, und bei dem zwar
sehr factice 12*) gewordenen, aber doch lauten Enthusiasmus war
nicht daran zu denken, den
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5*) mehr oder weniger - 6*) Märtyrer der Freiheit - 7*) auf das
Andenken der Revolution von 1792 - 8*) auf das englische Volk -
9*) aber das muß man auf französisch sagen: Die Assoziation der
belgischen Arbeiter, das ist das Ziel, das Ich seit einigen Mona-
ten verfolge (d.h. seit dem Moment, wo Ich geruht habe, vom letz-
ten Kapitel der "Misère de la philosophie" Notiz zu nehmen) -
10*) "Wir rücken nach in eure Bahnen, wenn ihr, o Väter, nicht
mehr seid" (aus der siebenten Strophe der Marseillaise) -
11*) brüderliche Demokratie - 12*) künstlich
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konfusen Vorschlag besser zu arrangieren. Dann sprach A. Bartels
(Jules 13*) war nicht da), und dann verlangte Wallau das Wort.
Wie groß aber war mein Erstaunen, als plötzlich B[orn]st[e]dt
vorsprang und mit großem Eifer das Wort für Seiler als früher
schon eingeschriebnen Redner verlangte, S[eiler] erhielt es und
hielt eine unendlich lange, schwatzhafte, alberne, lächerlich
abgeschmackte, wirklich blamable Rede (französisch), worin er von
den pouvoirs législatif, administratif ef exécutif 14*) schauder-
haften Unsinn sprach, den Demokraten allerhand weise Ratschläge
gab (wie auch Heilberg, der von instruction et question de
l'enseignement 15*) die wunderbarsten Dinge gefabelt), worin
S[eiler] ferner sich en grand homme 16*) posierte, von demokrati-
schen Gesellschaften sprach, auxquelles j'ai participé et que
j'ai peut-être même dirigées (littéralement) 17*), und schließ-
lich auch richtig sein edles Büro [88] mit den dernières nouvel-
les arrivées de Paris 18*) pp. hereinbrachte. Kurz, es war
scheußlich. Nachher sprachen noch mehrere, ein schwyzer Esel,
Pellering, Kats (sehr gut) pp., und um zehn Uhr schloß Jottrand
(der sich zu Tode schämte für die Deutschen) die Sitzung. Plötz-
lich reklamierte Heilberg Schweigen und annoncierte: Die Rede von
Weerth auf dem free-trade congress [89] erscheine morgen in einem
Supplement des "Atelier", qui se vendra séparément 19*) !!! Auch
hat der Zalewski noch etwas gegreint sur l'union de cette malheu-
reuse Pologne et de cette grande, noble et poétique Allemagne -
enfin 20*), alle gingen sehr ruhig, aber sehr malkontent nach
Hause.
Donnerstag, 30. September.
Seit obiges geschrieben, ist allerlei Neues vorgefallen und man-
cherlei entschieden. Am Dienstag morgen, wo mir die ganze Intrige
klar war, lief ich herum und kontrekarrierte; noch in der Nacht
um 2 Uhr lief ich zu Lupus aufs Büro: ob B[orn]st[e]dt nicht im
Arbeiterverein auszuballotieren sei? Mittwoch überall herumgelau-
fen, aber alle meinten, wir setzten es nicht durch. Ich kam Mitt-
woch abend in den Verein, B[orn]st[edt] war schon da; er war
zweideutig; endlich brachte Thomis die neue Zeitung 21*), mein
Artikel gegen Heinzen 22*), den ich Montag schon zu ihm und, als
er (mittags 2 Uhr) nicht da war, in die Druckerei gebracht,
s t a n d n i c h t d r i n. Ich frug ihn, er sagte, es sei
kein Platz gewesen. Ich erinnerte an was Du
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13*) Jules Bartels - 14*) gesetzgebenden, administrativen und
vollziehenden Gewalten - 15*) Bildung und Unterrichtsfrage -
16*) als großer Mann - 17*) an denen ich teilgenommen und die ich
vielleicht selbst geleitet habe (buchstäblich) - 18*) letzten
Nachrichten aus Paris - 19*) das extra verkauft werden wird -
20*) über die Union dieses unglücklichen Polens mit diesem
großen, edlen und poetischen Deutschland - kurz - 21*) "Deutsche-
Brüsseler-Zeitung" - 22*) "Die Kommunisten und Karl Heinzen"
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mit ihm abgesprochen. [90] Er leugnete das; ich wartete, bis Wal-
lau da war, der mir sagte, Platz genug sei dagewesen, aber am
Dienstag habe B[orn]s[ted]t den Artikel aus der Druckerei
h o l e n l a s s e n und nicht wieder geschickt. Ich ging zu
B[orn]s[ted]t und erzählte ihm das sehr grob. Er suchte sich her-
auszulügen. Ich kam wieder auf die Absprache, die er, bis auf
ganz allgemeines Geschwätz, wieder leugnete. Ich sagte ihm einige
Grobheiten - Crüger, Gigot, Imbert pp. saßen dabei - und frug:
Wollen Sie den Artikel am Sonntag geben, oui ou non 23*)? - Dar-
über müssen wir erst sprechen. - Ich spreche mit Ihnen darüber
gar nicht. - Damit ließ ich ihn sitzen.
Die Sitzung begann. B[orn]s[ted]t stützte seinen Kopf auf seinen
Ellenbogen und sah mich mit merkwürdiger Siegsgewißheit an. Ich
sah ihn wieder an und wartete. Auf trat Herr Thomis, der, wie Du
weißt, das Wort verlangt hatte. Er zog eine geschriebne Rede aus
der Tasche und las eine Reihe der sonderbarsten Ausfälle gegen
unser Scheingefecht ab. Eine Zeitlang ging das fort, aber als
cela ne finissait pas 24*), entstand allgemeines Murren, eine
Masse verlangten das Wort, und Wallau rief Th[omis] zur Ordnung.
Dieser, Th[omis], las dann sechs verrückte Worte über die Frage
und trat ab. Dann trat Heß auf und verteidigte uns ganz gut. Dann
Junge. Dann der Pariser Wolff 25*), der zwar 3mal steckenblieb,
aber sehr applaudiert wurde. Dann noch mehrere. Wolff 25*) hatte
verraten, daß wir bloß pro forma opponiert. Ich muß also auftre-
ten. Ich sprach - à la grande déconfiture de 26*) B[orn]s[ted]t,
der geglaubt hatte, ich wäre zu sehr mit persönlichem Krakeel be-
schäftigt -, ich sprach also über die revolutionäre Seite des
Schutzsystems, den P.P. Thomis natürlich gänzlich ignorierend,
und schlug eine neue Frage vor. Angenommen. - Pause. -
B[orn]s[ted]t, durch meine Heftigkeit ihm gegenüber, durch Tho-
mis' gänzliches Abfallen (il y avait du B[orn]st[e]dt dans son
discours 27*)) und durch die Heftigkeit, mit der ich schließlich
noch gesprochen, sehr erschüttert, B[orn]s[ted]t kam zu mir: Aber
liebes Kind, Sie sind aber schrecklich leidenschaftlich pp. Kurz,
ich sollte den Artikel unterschreiben. - Nein. - Dann sollten wir
uns wenigstens über eine kurze Redaktionseinleitung verständigen.
- Bien, à demain à onze heures au Café Suisse. 28*)
Dann kam die Aufnahme von B[orn]s[ted]t, Crüger, Wolff 25*). Heß
stand zuerst auf und richtete 2 Fragen an Bornstedt wegen der
Montagsversammlung. B[orn]s[ted]t log sich heraus, und Heß war
schwach genug, sich für satisfait 29*) zu erklären. Junge packte
B[orn]s[ted]t persönlich wegen seines
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23*) ja oder nein - 24*) das kein Ende nahm - 25*) Ferdinand
Wolff - 26*) zur großen Verblüffung von - 27*) aus seiner Rede
hörte man den B[orn]s[ted]t heraus - 28*) Gut, morgen um 11 Uhr
im Café Suisse. - 29*) zufriedengestellt
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Auftretens in der Gesellschaft und weil er den Sandkuhl unter
falschem Namen eingeführt. Fischer trat sehr energisch gegen
B[orn]s[ted]t auf, ohne alle Verabredung, aber sehr gut. So noch
mehrere. Kurz, der siegestrunkne Herr von Bornstedt mußte förm-
lich zwischen den Arbeitern Spießruten laufen. Er wurde schänd-
lich mißhandelt und war so foudroyiert - er, der natürlich durch
seine Büchergeschenke komplett eingekauft zu sein glaubte -, daß
er nur evasiv, schwach, konzedierend antworten konnte -trotzdem
daß Wallau fanatisch für ihn war, miserabel präsidierte und ihn
jeden Augenblick die Redner unterbrechen ließ. Noch stand alles
zweifelhaft, als Wall[fau] die Vorgeschlagnen abtreten ließ und
zur Abstimmung brachte. Crüger, von mir als h ö c h s t u n-
s c h u l d i g e r M e n s c h vorgeschlagen, d e r d e r
G e s e l l s c h a f t n i c h t s c h a d e n k a n n, und
von Wolff purement et simplement 30*) unterstützt, ging durch.
Bei B[orn]s[ted]t trat Wall[au] in einer langen heftigen Rede für
ihn auf. Jetzt trat ich auf, setzte die ganze Intrige, soweit die
Gesellschaft dabei beteiligt, auseinander, vernichtete die
Evasionen des B[orn]s[ted]t eine durch die andre und erklärte
schließlich: der B[ornstedt] hat gegen uns intrigiert, uns
Konkurrenz machen wollen, aber wir haben gesiegt, und darum
können wir ihn jetzt in der Gesellschaft zulassen. Während der
Rede - es war die beste, die ich je gehalten - wurde ich sehr
häufig durch Applaus unterbrochen; namentlich als ich sagte:
diese Herren glaubten noch alles gewonnen zu haben, weil ich, ihr
Vizepräsident, weggehe, aber sie dachten nicht daran, daß einer
unter uns ist, dem der Platz von Rechts wegen gebührt, einer, der
allein die deutschen Demokraten hier in Brüssel vertreten kann,
und das ist Marx - da wurde fürchterlich applaudiert. Genug, nach
mir sprach keiner mehr, und so wurde dem B[orn]s[ted]t nicht die
Ehre angetan, ihn herauszuschmeißen. Er stand vor der Türe und
hörte alles an. Ich hätte es lieber gesagt, wo er noch im Saal
gegenwärtig war, mais il n'y avait pas moyen 31*), weil ich mich
für den letzten Coup aufsparen mußte und Wallfau] die Diskussion
abbrach. Aber er, wie Wolff 24*) und Crüger, hat jedes Wort ge-
hört. Ihm gegenüber wurde Wolff 25*) fast glänzend adoptiert.
Genug, in der gestrigen Sitzung hat B[orn]s[ted]t, Crüger pp.
einen solchen Schimpf erlitten, daß sie honorigerweise gar nicht
in die Gesellschaft kommen können und für lange Zeit genug haben.
Aber sie werden doch kommen; der unverschämte B[orn]s[ted]t ist
durch unsre noch größre Frechheit, durch das gänzliche Fehlschla-
gen aller seiner Kalkulationen, durch unsre Leidenschaftlichkeit
so kaduk geworden, daß er nichts mehr kann
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30*) Wilhelm Wolff schlicht und einfach - 31*) aber es war nicht
möglich
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als - in Brüssel herumlaufen und seine Schande überall herumjam-
mern - le dernier degré de l'abaissement 32*). Er kam wütend in
den Saal zurück, aber ohnmächtig, und als ich nun von der Gesell-
schaft Abschied nahm und mit allen nur möglichen Ehren entlassen
wurde, ging er schäumend weg. Während der Diskussion über ihn war
Bürgers gegenwärtig, der seit vorgestern abend hier ist.
Unsre Arbeiter haben sich bei der ganzen Sache g a n z
f a m o s benommen; die geschenkten 26 Bücher und 27 Landkarten
wurden mit keinem Worte erwähnt, B[orn]s[ted]t wurde von ihnen
mit der größten Kälte und Rücksichtslosigkeit behandelt, und als
ich sprach und zur Konklusion kam, hatte ich es in meiner Hand,
ihn mit enormer Majorität durchfallen zu lassen. Das gibt selbst
Wall[au] zu. Aber wir haben ihn schlimmer behandelt, wir haben
ihn mit Schimpf und Schande aufgenommen. Auf die Gesellschaft hat
die Sache einen ausgezeichneten Eindruck gemacht; zum erstenmal
haben sie eine Rolle gespielt, ein Meeting, trotz aller Intrigen,
beherrscht und einen Kerl, der sich ihnen gegenüber eine Position
machen wollte, in seine Schranken zurückgewiesen. Nur einige Kom-
mis pp. sind malkontent, die Masse ist enthusiastisch für uns.
Sie haben gefühlt, was sie sind, wenn sie assoziiert sind.
Heut morgen ging ich aufs Café Suisse, und wer nicht kam, war
B[orn]-s[ted]t. - Aber Weerth und Seiler begegneten mir, sie hat-
ten den B[orn]s[ted]t eben gesprochen, und Seiler war die Unter-
würfigkeit und Insinuation selbst. Ich ließ ihn natürlich links
liegen. Die gestrige Sitzung war übrigens so dramatisch, sie ar-
rangierte und steigerte sich so famos, daß der Pariser Wolff aus
reinem ästhetischen Gefühl darüber momentan zum Parteimann gewor-
den ist. Heut war ich auch bei A. Bartels und erklärte ihm, daß
die deutsche Gesellschaft für nichts verantwortlich sei, was am
Montag vorgefallen, daß Crüger, B[orn]s[ted]t, Moras, Seiler,
Heilberg pp. nicht einmal Mitglieder waren und daß die ganze à
l'insu 33*) der deutschen Gesellschaft veranstaltete Geschichte
vielmehr die Errichtung einer Konkurrenz gegen sie bezweckte. Ein
Brief gleichen Inhalts, von allen Komiteemitgliedern unterzeich-
net, geht morgen ebenfalls an Jottrand ab. Zu Imbert geh' ich
morgen mit Lupus. Ferner hab' ich folgendes an Jottrand wegen der
durch meine Abreise leer werdenden Stelle im Organisationskomitee
der Brüßler Fraternal Democrats geschrieben:
"Monsieur! Obligé de quitter Bruxelles pour quelques mois, je me
trouve dans l'impossibilité de remplir les fonctions dont la ré-
union du 27 de
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32*) die letzte Stufe der Erniedrigung - 33*) ohne Wissen
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ce mois a bien voulu m'investir. - Je vous prie donc d'appeler un
démocrate allemand résidant à Bruxelles à assister aux travaux de
la commission chargée d'organiser une société démocratique uni-
verselle. - Je me permettrai de vous proposer celui parmi les dé-
mocrates allemands de Bruxelles, que la réunion, s'il avait pu y
assister, aurait nommé à la charge qu'en son absence on m'a fait
l'honneur de me conférer. Je parle de Mr. Marx qui dans mon in-
time conviction a le droit le plus fondé de représenter à la com-
mission la démocratie allemande. Ce ne serait donc pas Mr.Marx
qui m'y remplacerait, c'était plutôt moi qui à la réunion ai rem-
placé Mr. Marx. Agréez pp. pp." 34*)
Ich hatte nämlich vorher schon mit Jottrand abgesprochen, daß ich
ihm meine Abreise schriftlich anzeigen und Dich in die Kommission
vorschlagen würde. Jottr[and] ist auch verreist und kommt in 14
Tagen wieder. Wird nichts aus der ganzen Geschichte, was ich
glaube, so ist es Heilbergs Vorschlag, der durchfällt; wird was
draus, so sind wir es, die die Sache zustande gebracht haben. Je-
denfalls haben wir das gewonnen, daß Du, und nach Dir ich, als
Repräsentanten der deutschen Demokraten in Brüssel anerkannt sind
und sonst die ganze Intrige schrecklich in den Dreck gefallen
ist.
Heut abend war Gemeindesitzung. [91] Ich präsidierte. Mit Aus-
nahme Wall[au]s, der sich übrigens bekehren ließ und dessen gest-
riges Auftreten allerdings diverse Entschuldigungsgründe findet,
die ich ihm auch zugute kommen ließ, mit dieser Ausnahme also war
der Enthusiasmus über die Geschichte mit B[orn]s[ted]t einstim-
mig. Die Kerls fangen an, sich zu fühlen. Sie sind endlich einmal
als Gesellschaft, als Macht gegenüber andern Leuten aufgetreten,
und daß alles so famos flott ging, daß sie so komplett gesiegt
haben, macht sie ungeheuer stolz. Junge schwimmt im siebenten
Himmel, Riedel weiß sich vor Freude nicht zu lassen, selbst der
kleine Ohnemans triumphiert wie ein fighting cock 35*). Übrigens
wiederhole ich, daß diese Geschichte der Gesellschaft nach innen
und nach außen einen famosen Aufschwung gegeben hat und ferner
geben wird. Kerle, die sonst das Maul nicht auftun, haben den
B[orn]s[ted]t attackiert. Und selbst die Intrige hat uns gehol-
fen: erstens hat B[orn]s[ted]t überall verbreitet, die deutsche
demokratische Arbeitergesellschaft habe das Meeting gemacht, und
zweitens haben wir das alles desavouiert, und durch beides ist
die Gesellschaft bei den belgischen Demokraten überall ins Ge-
spräch gekommen und gilt als eine höchst bedeutende, plus ou
moins 36*) mysteriöse Macht. La
-----
34*) siehe die Übersetzung dieses Schreibens auf S. 469 des vorl.
Bandes - 35*) Kampfhahn - 36*) mehr oder weniger
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démocratie allemande devient très forte à Bruxelles 37*), sagte
Bartels heut morgen.
Übrigens kommst Du auch in den Brief des Komitees an Jottrand.
Gigot wird zeichnen: Sekretär während der Abwesenheit von Marx.
Mach nun Deine Geldgeschichten so rasch wie möglich ab und komm
wieder her. Mir brennt's unter den Füßen, ich möchte fort und muß
erst den Verlauf dieser Intrigen abwarten. Ich kann jetzt absolut
nicht fort. Je eher Du also kommst, desto besser. Nur regle zu-
erst Deine Geldgeschichten. Ich bleibe jedenfalls so lange auf
meinem Posten wie irgend möglich; si c'est possible 38*), bis Du
kommst. Aber eben deswegen ist's wünschenswert, daß Du bald
kommst.
Dein Engels
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37*) Die deutsche Demokratie wird in Brüssel sehr stark -
38*) wenn es möglich ist
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