Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#9# 2 - Engels an Marx - 19. November 1844
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Engels an Marx
in Paris
No. 2
Lieber M.,
Ich habe vor etwa 14 Tagen ein paar Zeilen von Dir und B[ernay]s
erhalten, datiert 8. Oktober und mit Poststempel Brüssel, 27. Ok-
tober. Ungefähr um dieselbe Zeit, als Du das Billett schriebst,
schickte ich einen Brief für Dich, adressiert an Deine Frau, ab
und hoffe, daß Du ihn erhalten hast. Um in Zukunft sicher zu
sein, daß mit unsren Briefen kein Unterschleif getrieben wird,
wollen wir sie numerieren; mein jetziger ist also No. 2, und wenn
Du schreibst, so zeig eben an, bis zu welcher Nummer Du erhalten
hast, und ob einer in der Reihenfolge fehlt.
Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht alles
gut. Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben. Heß
gedenkt in 14 Tagen bis 3 Wochen auch dort hinzukommen, wenn er
die gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bürgers habt Ihr ja jetzt
auch da, und damit ein gehöriges Konzilium. Um so weniger werdet
Ihr mich nötig haben, und um so nötiger bin ich hier. Daß ich
jetzt noch nicht kommen kann, ist klar, weil ich mich sonst mit
meiner ganzen Familie überwerfen müßte. Zudem hab' ich eine Lie-
besgeschichte, die ich auch erst ins reine bringen muß. Und einer
von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute alle nötig ha-
ben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätigkeit zu blei-
ben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu geraten. So ist
z.B. Jung und eine Menge andrer nicht zu überreden, daß zwischen
uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied obwaltet, und noch im-
mer der Meinung, es sei lediglich persönlicher Skandal. [8] Wenn
man ihnen sagt, R[uge] sei kein Kommunist, so glauben sie das
nicht recht und meinen, es sei immer schade, daß eine solche
"literarische Autorität" wie R[uge] unbedachtsam weggeworfen sei!
Was soll man da sagen? Man muß warten, bis R[uge] sich einmal
wieder mit einer kolossalen Dummheit losläßt, damit es den Leuten
ad oculos 1*) demonstriert werden kann. Ich weiß nicht,
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1*) augenfällig
#10# 2 - Engels an Marx - 19. November 1844
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es ist mit dem J[ung] doch nichts Rechts, der Kerl hat nicht
Entschiedenheit genug.
Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine zur
Hebung der Arbeiter zu stiften [9]; das bringt famos Bewegung un-
ter die Germanen und lenkt die Aufmerksamkeit des Philisteriums
auf soziale Fragen. Man beruft diese Versammlungen ohne weiteres,
ohne die Polizei zu befragen. In Köln haben wir die Hälfte des
Komitees zur Statutenentwerfung mit Unsrigen besetzt, in Elber-
feld war wenigstens einer drin, und mit Hülfe der Rationalisten
brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine famose
Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christliche
aus den Statuten verbannt. [10] Ich hatte meinen Spaß dran, wie
gründlich lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theoreti-
schen Christentum und praktischen Atheismus machten. Im Prinzip
gaben sie der christlichen Opposition vollkommen recht, in der
Praxis aber sollte das Christentum, das nach ihrer eignen Aussage
doch die Basis des Vereins bilde, auch mit keinem Wort in den
Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten alles enthalten,
nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerls hielten sich
aber so steif auf dieser lächerlichen Position, daß ich gar nicht
nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten be-
kamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen
sind. Nächster Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber
nicht beiwohnen, weil ich morgen nach Westfalen gehe.
Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und Büchern
vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der englischen
Proletarier 2*) zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Januar denk'
ich fertig zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit, die An-
ordnung des Materials, seit 8-14 Tagen durch bin. Ich werde den
Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage
die englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und
aller übrigen Verbrechen in Masse an und schreibe eine englische
Vorrede dazu, die ich apart abziehen lassen und an die englischen
Parteichefs, Literaten und Parlamentsmitglieder einschicken werde
3*). Die Kerls sollen an mich denken. Übrigens versteht es sich,
daß ich den Sack schlage und den Esel meine, nämlich die deutsche
Bourgeoisie, der ich deutlich genug sage, sie sei ebenso schlimm
wie die englische, nur nicht so couragiert, so konsequent und so
geschickt in der Schinderei. Sobald ich damit fertig bin, geht's
an die soziale Entwicklungsgeschichte der Engländer [11], die mir
noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das Material
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2*) "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" - 3*) "An die
arbeitenden Klassen Großbritanniens"
#11# 2 - Engels an Marx - 19. November 1844
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dazu fertig und im Kopfe geordnet habe und weil mir die Sache
ganz klar ist. In der Zwischenzeit schreib' ich wohl einige Bro-
schüren, namentlich gegen List [12], sobald ich Zeit habe.
Du wirst von dem Stirnerschen Buch "Der Einzige und sein Eigen-
thum" [13] gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand
schickte mir die Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und
bei Heß ließ. Das Prinzip des edlen Stirner - Du kennst den Ber-
liner Schmidt, der in der Buhlschen Sammlung über die mystères
[14] schrieb - ist der Egoismus Benthams, nur nach der einen
Seite hin konsequenter, nach der andern weniger konsequent durch-
geführt. Konsequenter, weil St[irner] den Einzelnen als Atheist
auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt,
während Bentham den Gott noch in nebliger Ferne drüber bestehen
läßt, kurz, weil St[irner] auf den Schultern des deutschen Idea-
lismus steht, in Materialismus und Empirismus umgeschlagner Idea-
list, wo Bentham einfacher Empiriker ist. Weniger konsequent ist
St[irner], weil er die Rekonstruierung der in Atome aufgelösten
Gesellschaft, die B[entham] bewerkstelligt, vermeiden möchte,
aber es doch nicht kann. Dieser Egoismus ist nur das zum Bewußt-
sein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des jetzigen
Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen uns sa-
gen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden
Dummheit. Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß z.B.
es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern
eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten
und, i n d e m w i r e s u m k e h r e n, darauf fortbauen.
Dieser Egoismus ist so auf die Spitze getrieben, so toll und
zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich
nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus
umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem St[irner] zu be-
weisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Ego-
ismus Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl erwidert wer-
den. Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz
schon von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennüt-
zig und aufopfernd ist, und er also doch wieder auf das hinaus-
kommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen paar Trivialitäten kann
man die E i n s e i t i g k e i t zurückweisen. Aber was an dem
Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran
allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unsrer eignen,
egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können
- daß wir also in diesem Sinne, auch abgesehen von etwaigen mate-
riellen Hoffnungen, auch aus Egoismus Kommunisten sind, aus Ego-
ismus M e n s c h e n sein wollen, nicht bloße Individuen. Oder
um mich anders auszudrücken : St[irner] hat recht, wenn er "den
Menschen"
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Feuerbachs, wenigstens des "Wesens des Christentums" verwirft;
der F[euerbach]sche "Mensch" ist von Gott abgeleitet, F[euerbach]
ist von Gott auf den "Menschen" gekommen, und so ist "der Mensch"
allerdings noch mit einem theologischen Heiligenschein der Ab-
straktion bekränzt. Der wahre Weg, zum "Menschen" zu kommen, ist
der umgekehrte. Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen
Individuum ausgehen, um nicht, wie Stirn[er], drin steckenzublei-
ben, sondern uns von da aus zu "dem Menschen" zu erheben. "Der
Mensch" ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empi-
rischen Menschen seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus
und Materialismus ausgehen, wenn unsre Gedanken und namentlich
unser "Mensch" etwas Wahres sein sollen; wir müssen das Allge-
meine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der
Luft à la Hegel. Das sind alles Trivialitäten, die sich von
selbst verstehen und die von Feuerbach schon einzeln gesagt sind
und die ich nicht wiederholen würde, wenn Heß nicht - wie mir
scheint, aus alter idealistischer Anhänglichkeit - den Empiris-
mus, namentlich Feuerb[ach] und jetzt Stirner, so scheußlich her-
untermachte. Heß hat in vielem, was er über Feuerb[ach] sagt,
recht, aber auf der andern Seite scheint er noch einige idea-
listische Flausen zu haben - wenn er auf theoretische Dinge zu
sprechen kommt, geht es immer in Kategorien voran, und daher kann
er auch nicht populär schreiben, weil er viel zu abstrakt ist.
Daher haßt er auch allen und jeden Egoismus und predigt Menschen-
liebe usw., was wieder auf die christliche Aufopferung heraus-
kommt. Wenn aber das leibhaftige Individuum die wahre Basis, der
wahre Ausgangspunkt ist für unsren "Menschen", so ist auch
selbstredend der Egoismus - natürlich nicht der Stirnersche Ver-
standesegoismus a l l e i n, sondern auch der E g o i s m u s
d e s H e r z e n s - Ausgangspunkt für unsre Menschenliebe,
sonst schwebt sie in der Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so
wirst Du selbst mit ihm darüber sprechen können. Übrigens lang-
weilt mich all dies theoretische Getratsch alle Tage mehr, und
jedes Wort, das man noch über "den Menschen" verlieren, jede
Zeile, die man gegen die Theologie und Abstraktion wie gegen den
krassen Materialismus schreiben oder lesen muß, ärgert mich. Es
ist doch etwas ganz anderes, wenn man sich statt all dieser Luft-
gebilde - denn selbst der noch nicht realisierte Mensch bleibt
bis zu seiner Realisierung ein solches - mit wirklichen, lebendi-
gen Dingen, mit historischen Entwicklungen und Resultaten be-
schäftigt. Das ist wenigstens das Beste, solange wir noch allein
auf den Gebrauch der Schreibfeder angewiesen sind und unsre Ge-
danken nicht unmittelbar mit den Händen oder, wenn es sein muß,
mit den Fäusten realisieren können.
#13# 2 - Engels an Marx - 19. November 1844
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Das Stirnersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstraktion
in dem Berliner Wesen steckt. St[irner] hat offenbar von den
"Freien" [15] am meisten Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber
bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materiali-
stische Abstraktion und kommt zu nichts. Wir hören von Fort-
schritten des Sozialismus in allen Teilen Deutschlands, aber von
Berlin keine Spur. Diese superklugen Berliner werden sich noch
eine Démocratie pacifique [16] auf der Hasenheide etablieren,
wenn ganz Deutschland das Eigentum abschafft - weiter bringen die
Kerle es gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der Uckermark
ein neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel zurechtschustert,
das Phalanster aus den ewigen Kategorien konstruiert und es als
ein ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß Kapi-
tal, Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrage partizi-
pieren. Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte
Hegel wird Altes Testament, der "Staat", das Gesetz, wird ein
"Zuchtmeister auf Christum", und das Phalanster, in dem die Ab-
tritte nach logischer Notwendigkeit placiert werden, das wird der
"neue Himmel" und die "neue Erde", das neue Jerusalem, das herab-
fährt vom Himmel, geschmückt wie eine Braut, wie das alles des
breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen sein wird. Und wenn
das alles vollendet sein wird, dann kommt die Kritische Kritik,
erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital, Talent und
Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert sei,
durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse - und nimmt
alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der Berliner Hegel-
schen [fried]lichen 4*) Demokratie sein.
Wenn die "Kritische Kritik" 5*) fertig ist, so schick mir ein
paar Exemplare kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buch-
handels zu - sie mö[chten] 4*) konfisziert werden. Für den Fall,
daß Du meinen letzten Brief [nicht er]halten 4*) haben solltest,
setz' ich nochmals her, daß Du mir entweder [...] 4*) F.E. junior
Barmen, oder per Kuvert an F.W. Strücker und Co., Elberfeld,
schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem Umwege zu.
Nun schreib aber bald - es sind über zwei Monate, daß ich nichts
von Dir höre - was macht das "Vorwärts"? Grüß die Leute alle.
Dein
B[armen], den 19. November 1844
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4*) Papier beschädigt - 5*) "Die heilige Familie"
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