Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #128# 58 - Engels an Marx - 15. Juli 1865
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       58
       
       Engels an Marx
       in London
       
       [Manchester] 15. Juli 1865
       Lieber Mohr,
       Der Liebknecht  ist aus  Preußen ausgewiesen,  hat er Dir seitdem
       geschrieben und  seine Adresse  mitgeteilt? Der  arme Teufel wird
       wahrscheinlich Geld  nötig haben,  und ein  paar Pfund werden ihm
       mehr wert  sein in diesem Augenblick als sonst. Aber wohin schic-
       ken?
       Die Politik  des Mr.  Johnson gefällt  mir auch immer schlechter.
       Der Niggerhaß  tritt immer  heftiger hervor,  und gegen die alten
       Lords im  Süden gibt  er sich alle Macht aus den Händen. Wenn das
       so vorangeht, sitzen in 6 Monaten alle die alten Sezessionsspitz-
       buben im Kongreß in Washington. Ohne coloured suffrage 1*) ist da
       gar  nichts  zu  machen,  und  darüber  zu  beschließen  überläßt
       J[ohnson] den  Besiegten, den  Ex-Sklavenhaltern. Es ist zu toll.
       Indes muß man doch darauf rechnen, daß die Sache sich anders ent-
       wickeln wird, als die Herren Barone sich das vorstellen. Sie sind
       doch der  Mehrzahl nach total ruiniert und werden froh sein, Land
       zu verkaufen  an Einwandrer und Spekulanten aus dem Norden. Diese
       werden bald genug kommen und manches ändern. Die mean whites 2*),
       denk' ich,  werden allmählich  aussterben. Aus  dieser  Race  ist
       nichts mehr  zu machen; was nach 2 Generationen übrigbleibt, wird
       sich mit den Einwanderern zu einer ganz andren Race verschmelzen.
       Die niggers werden wahrscheinlich kleine squatters 3*) werden wie
       in Jamaika.  So daß  die Oligarchie  doch schließlich kaputtgeht,
       aber der  Prozeß könnte  jetzt gleich  auf einmal rasch abgemacht
       werden, während er sich nun in die Länge zieht.
       Ich glaube  nicht, daß  Du Dir mit einem Federkampf gegen Mr. We-
       ston viele  Lorbeern erobern würdest, und als Debüt in die engli-
       sche ökonomische  Literatur wäre  das gewiß  nicht gut. 4*) Sonst
       sehe ich  nicht, was  es viel schaden könnte, einzelnes vorwegzu-
       nehmen  von   Deinem  Buch   5*)  -   Notabene,  wenn   letzteres
       w i r k l i c h  jetzt fertig wird - wie steht es damit?
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       1*) Wahlrecht  für  Farbige  -  2*) heruntergekommenen  Weißen  -
       3*) Ansiedler -  4*) siehe vorl.  Band,  S.  122/123  und  125  -
       5*) dem "Kapital"
       
       #129# 58 - Engels an Marx - 15. Juli 1865
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       Am 1.  Sept. war der Ultimatissimal-Termin, und es kostet 12 Fla-
       schen Wein, wie Du weißt.
       Bei den Wahlen hier hat Jones body and soul 6*) für Heywood gear-
       beitet, der  aber als  Teetotaller 7*)  und permissive Bills-Mann
       [162] bei  den Arbeitern  nicht ziehen will. Moore hat auch stark
       gearbeitet. An  dem James werden die Manchester Snobs ihre Freude
       erleben, der  Kerl will judge 8*) werden, weiter nichts. Die Wahl
       kostet ihm  ein schönes  Geld, allein an Champagner, den sein Co-
       mité und  Konsorten versoffen  hatten. Talk  about bribery,  cor-
       ruption and  treating 9*),  Kerle wie  der dicke Knowles kamen zu
       Dutzenden ins  Queen's Hotel,  wo das  Hauptquartier war,  fraßen
       sich satt und soffen Champagner in Strömen, und alles wurde abge-
       macht mit  einem Zettelchen,  worauf ein  Comitémitglied schrieb:
       Gut für  2 luncheons  und 3  bottles Champaign 10*). In Lancaster
       haben die  3 Kandidaten  zusammen 20 000 £ spendiert, 8 Tage lang
       war freier  Soff in  allen Wirtshäusern. Um 5 Uhr nachmittags war
       ich hier  im Queen's  Hotel, der  feine smoking Room 11*) sah aus
       wie die  alte Bude  in Windmill  Street [163], und statt der bar-
       maids in  Atlaskleidern wurde  man von cellar boys 12*) in weißen
       Hemdsärmeln und  Schürzen bedient.  Die  ganze  Gesellschaft  war
       besoffen, und um halb sieben mußte der Wirt das Hotel von der Po-
       lizeimannschaft ausräumen  lassen. Mein Dienst bestand darin, die
       Comitéleute von  James bekneipt  zu machen, daß sie dienstunfähig
       wurden, was mir auch bei verschiedenen über Erwarten gelang.
       Ich habe eine sehr harte Zeit auf dem Kontor gehabt, Charles 13*)
       war weg,  Franz Ermen  ditto, dazu  kolossal viel Arbeit. Es geht
       jetzt besser.  Ich treibe  jetzt Grimms Märchen, Deutsche Helden-
       sage, altfriesisches Recht usw. Sobald ich damit etwas durch bin,
       geht's ernsthaft  ans Altnordische. Die Poesie darin ist ein har-
       ter Brocken, wegen der absichtlichen Dunkelheit und der vielnami-
       gen Mythologie,  und ich sehe, es ist no use 14*), dies so neben-
       bei zu  treiben, ich  muß einmal  4 Wochen,  wo ich  wenig zu tun
       habe, ausschließlich dran wenden.
       Viele Grüße an die Ladies.
       Dein F. E.
       Moore fragt  mich wegen  der Shares  15*) von der "Bee-Hive", wie
       ist's damit? And how did you get on with Potter? 16*) [150]
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       6*) mit Leib  und Seele - 7*) strenger Abstinenzler - 8*) Richter
       - 9*) Man  redet von Bestechung, Korruption und Freihalten - 10*)
       2 Frühstücke  und  3  Flaschen  Champagner  -  11*) Rauchsalon  -
       12*) Kellerburschen -  13*) Charles  Roesgen  -  14*) zwecklos  -
       15*) Aktien - 16*) Und wie bist Du mit Potter vorangekommen?

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