Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#131# 60 - Marx an Engels - 31. Juli 1865
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Marx an Engels
in Manchester [166]
[London] 31. Juli 1865
Lieber Engels,
Mein verlängertes Schweigen kam, wie Du vielleicht geahnt hast,
nicht aus den angenehmsten Gründen her.
Ich bin schon seit zwei Monaten rein auf das Pfandhaus lebend und
also mit gehäuften und täglich unerträglicher werdenden Sturmfor-
drungen auf mich. Dies fact kann Dich nicht wundernehmen, wenn Du
erwägst: 1. daß ich während der ganzen Zeit keinen farthing ver-
dienen konnte, 2. daß das bloße Abzahlen d e r S c h u l d e n
und d[ie] Einrichtung des Hauses mich an 500 £ kostete. Ich habe
darüber pence für pence (as to this item 1*)) Buch geführt, weil
es mir selbst fabelhaft war, wie das Geld verschwand. Es kam
hinzu, daß aus Deutschland, wo man verbreitet hatte Gott weiß
was, alle möglichen antediluvianischen Forderungen gemacht wur-
den.
Ich wollte im Anfang zu Dir kommen, um die Sache persönlich zu
besprechen. Aber in diesem Augenblick ist jeder Zeitverlust für
mich unersetzlich, da ich meine Arbeit nicht gut unterbrechen
kann. Ich habe letzten Samstag dem subcomite der "International"
[16] meine Abreise erklärt, um wenigstens einmal 14 Tage ganz
frei und ungestört zum pushing on 2*) der Arbeit zu haben.
Ich versichre Dir, ich hätte mir lieber den Daumen abhauen las-
sen, als diesen Brief an Dich zu schreiben. Es ist wahrhaft nie-
derschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben. Der ein-
zige Gedanke, der mich dabei aufrecht hält, ist der, daß wir zwei
ein Compagniegeschäft treiben, wo ich meine Zeit für den theore-
tischen und Parteiteil des business 3*) gebe. Ich wohne
allerdings zu teuer für meine Verhältnisse, und außerdem haben
wir dies Jahr besser gelebt als sonst. Aber es ist das einzige
Mittel, damit die Kinder, abgesehn von dem vielen, was sie
gelitten hatten und wofür sie wenigstens kurze Zeit entschädigt
wurden, Beziehungen und Verhältnisse eingehn können, die ihnen
eine Zukunft sichern können. Ich glaube,
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1*) über diesen Punkt - 2*) Voranbringen - 3*) Geschäfts
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Du selbst wirst der Ansicht sein, daß, selbst bloß kaufmännisch
betrachtet, eine reine Proletariereinrichtung hier unpassend
wäre, die ganz gut ginge, wenn meine Frau und ich allein oder
wenn die Mädchen Jungen wären.
Was nun meine Arbeit 4*) betrifft, so will ich Dir darüber reinen
Wein einschenken. Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben, um den
theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist
noch das 4. Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was
mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 er-
sten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in hi-
storischer Form ist. 5*) Ich kann mich aber nicht entschließen,
irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. What-
ever shortcomings they may have 6*), das ist der Vorzug meiner
Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur
erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie
g a n z vor mir liegen. Mit der Jacob Grimmschen Methode ist
dies unmöglich und geht überhaupt besser für Schriften, die kein
dialektisch Gegliedertes sind. [167]
Dagegen wird es sich anders mit der e n g l i s c h e n Bear-
beitung machen. Fox hat keinen Zweifel, daß er mir einen Buch-
händler verschaffen kann, sobald ich die ersten Druckbogen zurück
habe. Ich würde dann mit Meißner abmachen, daß er außer den Kor-
rekturbogen mir von jedem Bogen den Reinabzug schickt, so daß die
Korrektur des Deutschen und die Übersetzung ins Englische Hand in
Hand gingen. Bei dem letztern muß ich allerdings auf Deine Mit-
wirkung rechnen. Ich erwarte von der englischen Ausgabe die ei-
gentliche Zahlung dieser Arbeit. [168]
Was die "International" angeht, so verhält es sich damit so: Ich
übermachte Cremer die £ 5 zum Aktienkauf im "Bee-Hive". Da aber
Cremer, Odger etc. damals nach Manchester gingen, fiel die Sache
ins Wasser, und Potter had the better of it 7*). [150] Sie be-
schlossen, die Sache zu vertagen bis zur nächsten Aktionärver-
sammlung (der eigentlich jährlichen). Ich glaube aber nicht, daß
etwas aus der Sache wird. Erstens, weil inzwischen der Krakeel
zwischen Odger und Potter zum öffentlichen Skandal geworden.
Zweitens, weil der "Miner and Workman's Advocate" sich uns ange-
boten hat. [169] (Apropos. In einer kürzlichen Zusammenkunft mit
dem "Miner" verpflichteten wir uns, ihm Gratiskorrespondenzen zu
schaffen. Wenn Du also Zeit hast, um hie und da einen kleinen Ar-
tikel über Foreign Politics 8*) (preußische etc.) zu schreiben,
so schick es mir zur Besorgung an das Blatt.)
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4*) am "Kapital" - 5*) siehe vorl. Band, S. V-XI - 6*) Welche
Mängel sie auch immer haben mögen - 7*) hatte den Nutzen davon -
8*) Außenpolitik
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Gemäß unsern Statuten sollte in diesem Jahr ein öffentlicher
K o n g r e ß in Brüssel gehalten werden. Die Pariser, Schweizer
und auch ein Teil der Hiesigen drangen mit Mord und Brand darauf.
Ich seh' unter den jetzigen Umständen - namentlich auch bei mei-
nem Zeitmangel, für den Central Council 9*) die nötigen Papiere
zu schreiben - nur Blamage dabei. Es ist mir, trotz vielen Wider-
strebens von andrer Seite, gelungen, den öffentlichen Kongreß in
Brüssel zu verwandeln in a private prealable Conference 10*) zu
London (25. Sept.), wohin nur Delegates of the administrative
committees 11*) kommen werden und wo der künftige Kongreß
v o r b e r e i t e t werden soll. Als ö f f e n t l i c h e
Gründe der Vertagung des Kongresses angegeben:
1. Die Notwendigkeit eines prealable understanding 12*) zwischen
den executive committees.
2. Die Hindernisse in der Propaganda der Gesellschaft durch die
strikes in France 13*), die Wahlen, Reformmovement 14*) und Wor-
kingmen's exhibitions in England [170].
3. Die alien bill [171] recently pressed 15*) in Belgien, was
Brüssel unmöglich macht als Rendezvous eines International Wor-
kingmen's Congress [172].
Ich sehe den "Soc[ial]-Dem[okrat]" nicht mehr, da ihn auch der
Arbeiterverein 16*) abgeschafft hat. Den "Nordstern" halte ich
auch nicht mehr, sehe ihn aber von Zeit zu Zeit im Verein. Die
rheinischen Gemeinden waren danach der Hauptsache nach abgefallen
von Bernhard 17*).
Edgar 18*) ist grade in den jetzigen Umständen ein sehr kostspie-
liger Gast für uns und scheint durchaus nicht geneigt to decamp
19*).
Infolge des heißen Wetters und der damit verbundnen Gallenzu-
stände habe ich seit 3 Monaten wieder fast tägliches Erbrechen,
wie früher in Brüssel.
Salut.
Dein K. M.
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9*) Zentralrat - 10*) eine interne Vorkonferenz - 11*) Delegierte
der leitenden Komitees - 12*) vorläufigen Übereinkommens -
13*) Streiks in Frankreich - 14*) Reformbewegung - 15*) Das Frem-
dengesetz, kürzlich erlassen - 16*) Deutscher Bildungsverein für
Arbeiter in London - 17*) Bernhard Becker - 18*) Edgar von West-
phalen - 19*) aufzubrechen
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