Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#134# 61 - Marx an Engels - 5. August 1865
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61
Marx an Engels
in Manchester
London, 5. August 1865
Lieber Engels,
My best thanks for the £ 50 and 1*) die Raschheit, womit die
Hilfe kam.
Ich habe mich sehr amüsiert über den Teil Deines Briefs, der von
dem "Kunstwerk" to be 2*) handelt. Du hast mich aber doch mißver-
standen. Der einzige point in question 3*) ist, ob einen Teil des
Manuskripts rein schreiben und an den Buchhändler 4*) schicken
oder erst das Ganze fertig schreiben? Ich habe das letztere vor-
gezogen aus vielen Gründen. Es ist damit keine Zeit verlorenge-
gangen, as far 5*) als die A r b e i t s e l b s t in Betracht
kommt, wohl aber einige Zeit für den Druck, der andrerseits aber
auch, einmal begonnen, jetzt in keiner Weise unterbrochen werden
kann. Im übrigen ist, den Thermometerstand betrachtet, die Sache
so rasch gefördert worden, als es irgend jemand, selbst ohne alle
artistischen Rücksichten, möglich gewesen wäre. Da ich, besides
6*), ein Maximumlimit von 60 Druckbogen habe, ist es absolut
nötig, das Ganze vor mir zu haben, um zu wissen, wieviel zu
kondensieren und streichen ist, um innerhalb der vorgeschriebnen
Grenzen die einzelnen Teile gleichmäßig und proportioneil zu
haben. [173] Sonst kannst Du Dich darauf verlassen, daß alles
geschieht, um m ö g l i c h s t b a l d z u E n d e z u
k o m m e n, denn das Zeug lastet auf mir wie ein Alp. Es
hindert mich nicht nur, irgend etwas andres zu tun, sondern ist
auch damnedly 7*) lästig, wenn das Publikum mehr oder minder mit
Zukunftslorbeerkronen (zwar nicht von mir, aber doch von
Liebknecht und andern) unterhalten wird. Und ich weiß dazu, daß
die Zeit nicht immer so stillbleiben wird, wie sie grade jetzt
ist.
Eichhoff hat mir ein paar Zeilen geschrieben [174], war aber
nicht bei mir aus Geschäftsdrang. In seinem Brief kündigte er
einen Besuch Drenkes an (der gestern hier war), aber in einer so
konfusen Weise, daß nicht aus dem scriptum 8*) klug zu werden.
Das "Referat" hängt unserm poor 9*) Eichhoff an wie seine Haut,
und wird er durch keine Operation davon zu trennen sein.
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1*) Meinen besten Dank für die 50 £ und - 2*) künftigen "Kunst-
werk" ("Das Kapital") - 3*) fragliche Punkt - 4*) Otto Meißner -
5*) soweit - 6*) außerdem - 7*) verdammt - 8*) Schreiben -
9*) armen
#135# 61 - Marx an Engels - 5. August 1865
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Was sagst Du von Siebels patriotisch-liberal-poetischen Leistun-
gen? Das Zeug scheint alles im dumpfsten Katzenjammer geschrie-
ben. Es ist reiner Blödsinn und schlägt everything 10*), was un-
ser Freund früher geleistet hat.
Der Versuch des "Social-Demokraten", sich auf die bürgerliche
Seite zu werfen, ist Zeichen vollständigsten Fiaskos, obgleich
ich mit Dir die Ansicht teile, daß die ersten Aufrufe in Berlin
nicht ohne Anstoß von der ministeriellen Seite erfolgt sind. 11*)
Übrigens ist die andre Sekte der Lassallianer, die infolge unsrer
Erklärung 12*) volte-face 13*) gegen den "Soc[ial]-Demok[rat]"
machten, auch ganz erbärmliches Gesindel. Die Kerls streiten sich
nicht nur mit B. Becker und Konsorten, wer den wahren Glauben an
Lassalle habe, sondern verschiedne Gemeinden derselben haben die
von old Hatzfeldt inspirierte und direkt auf uns gemünzte Phrase
drucken lassen, daß jeder für einen V e r r ä t e r an dem
"Volk" erklärt wird, der auch nur ein Tüttelchen an den von Las-
salle offenbarten Wahrheiten umzustoßen oder zu ändern suche.
[160]
Liebknecht habe ich seit sehr langer Zeit, trotz verschiedner
Zettel, die er an mich schickte, noch nicht geantwortet, was ich
jedoch jetzt tun will. Er ist jetzt einstweilen in Hannover,
seine Frau noch in Berlin. Mein Schweigen rührte teils daher, daß
ich sehr beschäftigt und außerdem mit meinen eignen troubles 14*)
genug zu tun hatte. Andrerseits war ich in der Tat wütend über
ihn wegen des Blödsinns, den er über mich im Berliner Lassalle-
verein debütiert hatte und der in dem vom alten Saumensch durch
einen gewissen Schilling (Farthing wäre der mehr passende Name)
veröffentlichten Pamphlet-Wisch über die Ausstoßung B. Beckers
aus besagtem Verein zu lesen steht. [175] Mit seinem gewöhnlichen
Talent, aus Faulheit mit den Tatsachen unbekannt zu sein,
schwatzt der Kerl den größten Blödsinn über das Bangya-Manuskript
[176], meine Vermittlung für den Becker quoad 15*) Wiener
"Botschafter" 16*) etc. Und außerdem die ganze Art, wie er als
mein "Patron" auftritt und mich darüber bei den Berliner Knoten
"entschuldigt", daß s i e meine Arbeiten nicht kennen; über-
haupt macht, als hätte ich bisher noch nichts in der aktiven Welt
getan. Ich ließ daher einige Zeit verstreichen, um ihm keine
Grobheiten zu sagen und mich dabei zu beruhigen, daß Liebknecht
als Liebknecht funktionieren muß und daß seine Intentionen "gut"
sind. Die 30 000 Mitglieder des Berliner "Altgesellenvereins",
ditto der dortige Buchdruckerverein, veranstalteten ihm bei sei-
ner Ausweisung eine Art von Ovation. [177} Mit seinem gewöhnli-
chen Optimismus sieht Wilhelmchen "das Berliner Proletariat zu
meinen (nämlich
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10*) alles - 11*) siehe vorl. Band, S. 130 - 12*) "Erklärung. An
die Redaktion des 'Social-Demokrat'"- 13*) kehrt - 14*) Sorgen -
15*) bezüglich des - 16*) in der Handschrift: "Beobachter"
#136# 61 - Marx an Engels - 5. August 1865
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seinen) und unsren (Du und ich) Füßen". Dabei hat er es nicht
fertiggebracht, für die International Association auch nur eine
Branche von 6 Mann in Deutschland zu bilden, obgleich dieser San-
guiniker doch einsehn muß, daß ich seine delusions 17*) nicht als
bare Münze bei den Engländern verausgaben kann. Er schrieb mir
auch beständig wegen meinem "Buch" 18*). Aber sooft ich ihm
"Bücher" schickte (erst sämtlichen Rest von "Vogt" 19*), dann den
sämtlichen Rest der "Kommunistenprozesse" 20*) auf seinen sangui-
nischsten Wunsch, und sobald er sie erhalten, habe ich nie mehr
eine Sterbenssilbe davon gehört. - Herr Groote, Fortschrittlerde-
putierter für Düsseldorf, hat ihm geschrieben, daß sein Auftreten
in Berlin mehr genützt habe als das von 100 Fortschrittsdeputier-
ten.
Edgar 21*) hat sich in der letzten Zeit eine Verkältung zugezo-
gen, die ihm in die Nase gestiegen ist, die ganz Bardolph-mäßig
infolge dieses accidents 22*) aussieht.
Ich habe während des warmen Wetters beständig Tag und Nacht bei
offnem Fenster gearbeitet. Folge: ein Rheumatismus im rechten
Arm, speziell Schulterblatt, der sehr schmerzlich und mir das
Schreiben, namentlich aber jede H e b e b e w e g u n g er-
schwert. Wie öklich die Sache, kannst Du daraus sehn, daß ich in-
stinktiv schreie, wenn ich in Ungedenken nachts im Bett den Arm
hebe. Weiß Gumpert irgendein nostrum 23*) hierfür?
Du weißt wohl, daß der würdige Gottfried Kinkel, bei dem Turner-
fest in Paris, die ihm von einem Juden, der präsidierte, ge-
reichte Lorbeerkrone abwies mit den Worten "Ich will keine Krone,
auch keine Lorbeerkrone", zugleich aber zufügte in ziemlich unge-
schmückten Worten, daß er seine Ansprüche auf die Präsidentur der
deutschen Republik, das "Amt", das ihm zukomme, noch keineswegs
aufgegeben. Der "Nordstern" verhöhnte ihn ganz gut sowohl über
dieses Melodramatische als über seinen ganzen speech 24*), der
g r u n d g e m e i n war. [178] Das Fest begann mit Toast auf
Badinguett [179].
Wo ist Strohn?
Vergiß nicht, sobald Du Lust und Muße, etwas "Kontinentales" mir
für den "Miner" 25*) zu senden.
Besten Gruß an Dich von der ganzen family und von mir an Mrs.
Lizzy.
Dein K. Marx
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17*) Illusionen - 18*) "Das Kapital" - 19*) "Herr Vogt" -
20*) "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" -
21*) Edgar von Westphalen - 22*) Mißgeschicks - 23*) Mittel -
24*) seine ganze Rede - 25*) "The Miner and Workman's Advocate"
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