Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #165# 78 - Marx an Engels - Ende 1865 - Anfang 1866
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       78
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       [London, Ende 1865 - Anfang 1866]
       Appendix [212]
       Du hast  mich während  meines letzten  Aufenthalts in  Manchester
       [193] einmal  nach Erklärung  des Differentialkalküls gefragt. Im
       folgenden Beispiel  wird Dir die Sache ganz klarwerden. Der ganze
       Differentialkalkül entsprang  zunächst aus  der Aufgabe,   T a n-
       g e n t e n   durch einen beliebigen Punkt einer beliebigen Kurve
       zu ziehn. Daran will ich Dir daher die Sache exemplifizieren.
       
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       Nimm an,  die Linie nAo sei eine beliebige Kurve, deren Natur (ob
       Parabole, Ellipse  usw.) wir  n i c h t  kennen und wo im Punkt m
       eine Tangente gezogen werden soll.
       Ax ist  die Achse.  Wir fällen  das Perpendikel mP (die Ordinate)
       auf die  Abszisse Ax.  Nimm nun an, der Punkt n sei der unendlich
       n ä c h s t e  Punkt
       
       #166# 78 - Marx an Engels - Ende 1865 - Anfang 1866
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       der Kurve neben m. Fälle ich ein Perpendikel np auf die Achse, so
       muß p  der unendlich nächste Punkt zu P sein und np die unendlich
       nächste Parallellinie zu mP. Fälle nun ein unendlich kleines Per-
       pendikel mR  auf np.  Nimmst Du nun die Abszisse AP ... x und die
       Ordinate mP  ... y,  so ist np = mP (oder Rp) vermehrt um ein un-
       endlich kleines  Inkrement [nR], oder [nR] = dy (Differential von
       y) und  mR (=  Pp) =  dx. Da  der Teil  der Tangente mn unendlich
       klein ist,  fällt er  zusammen mit  dem entsprechenden  Teil  der
       Kurve selbst.  Ich kann  also mnR als ein A (Dreieck) betrachten,
       und die  Delta mnR  und mTP  sind ähnliche Dreiecke. Daher: dy (=
       nR): dx (= mR) = y (mP): PT (welches die Subtangente der Tangente
       Tm ist).  Also ist die Subtangente PT = y dx/dy. Dies ist nun die
       a l l g e m e i n e     D i f f e r e n t i a l g l e i c h u n g
       für alle  Tangen[ten]punkte   a l l e r  Kurven. Soll ich nun mit
       dieser Gleichung  weiteroperieren und  dadurch die Größe der Sub-
       tangente PT  bestimmen (habe  ich diese,  so brauche ich bloß die
       Punkte T  und m  durch eine grade Linie zu verbinden, um die Tan-
       gente   zu    haben),   so    muß   ich   wissen,   welches   der
       s p e z i f i s c h e   C h a r a k t e r  der Kurve [ist]. Ihrem
       Charakter gemäß  (als Parabole,  Ellipse, Zissoide  usw.) hat sie
       eine   b e s t i m m t e   a l l g e m e i n e  G l e i c h u n g
       für ihre  Ordinate und  Abszisse von jedem Punkt, die man aus der
       algebraischen Geometrie  kennt. Ist  also z.B. die Kurve mAo eine
       Parabole, so  weiß ich, daß y² (y = die Ordinate von jedem belie-
       bigen Punkt)  = ax, wo a der Parameter der Parabole und x die der
       Ordinate y entsprechende Abszisse.
       Setze ich  diesen Wert  von y in die Gleichung PT = (y dx)/dy, so
       muß ich also zunächst suchen dy, d.h. den Differential von y (den
       Ausdruck, den  y in seinem unendlich kleinen Wachstum annimmt) zu
       finden. Ist  y² = ax, so weiß ich aus dem Differentialkalkül, daß
       d(y²) =  d(ax) (ich muß natürlich beide Seiten der Gleichung dif-
       ferenzieren) ergibt  2y dy  = a  dx (d heißt immer Differential).
       Also dx  = (2y  dy)/a. Setze ich diesen Wert von dx in die Formel
       PT =  (y dx)/a,  so erhalte ich PT = (2y²dy)/(a dy) = 2y²/a = (da
       y² = ax)  2ax/x = 2x. Oder die Subtangente jedes Punktes m in der
       Parabole = der doppelten Abszisse vom selben Punkt. Die Differen-
       tialgrößen verschwinden in der Operation.

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