Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #215# 108 - Marx an Engels - 10. Mai 1866
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       108
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 10. Mai 1866
       Lieber Fred,
       No carbuncles  whatever! 1*)  Der verfluchte Rheumatismus und das
       Zahnweh haben aber mich arg gequält, bis erstrer endlich dem Ein-
       reiben mit  purem Alkohol  nachzugeben scheint.  Auch muß ich Dir
       offen sagen,  daß ich  mich immer  noch etwas   s c h w a c h  im
       Kopf fühle  und die  Arbeitskraft erst    s e h r    a l l m ä h-
       l i c h   wiederkehrt. Vielleicht  war das  der Unterbrechung der
       Arsenikkur, die  ich nach Deinem letzten Schreiben wieder begann,
       zuzuschreiben.
       Der Cohen  [260] war ein sehr guter (obgleich nicht besonders be-
       gabter) Junge,  für den ich als alten Freund meines Musch 2*) be-
       sondre Sympathie  habe.  Gestern  stürzte  Freiligrath  natürlich
       gleich zu  Blind und  kam von  ihm zu uns. Ich war nicht zu Haus.
       Der Hauptjammer  Freiligraths war  der schlechte Namen, den Blind
       auf ihn etc. (die nominellen Mitarbeiter am "Eidgenossen", dessen
       Symbol eine  Hand mit  einem Dolch mit der Devise "haec manus ty-
       rannis" 3*)  etc.) werfe. Er sei seit 9 Monaten nicht bei ihm ge-
       wesen. Man könne die Sache nicht einmal "entschuldigen". Kurz, er
       war in  der Tat  nur über den möglichen Eindruck dieser Sache auf
       die Londoner  Philister gerührt.  Übrigens hat  "ihn der badische
       Schlaukopf wieder  artig getäuscht. Er spielte den ganz Zerknick-
       ten und ließ seinen Freund F[reiligrath] nicht ahnen, daß er mit-
       ten im  ersten Schmerz die Geistesgegenwart besaß, den tragischen
       casus zu einer artigen Reklame für sich selbst und Familie in den
       diversen Londoner  Journalen auszubeuten.  Always an  eye to  bu-
       siness. 4*)  Seine Frau  5*) ist  natürlich trostlos, und das Ko-
       mische an der Sache ist, daß Blind nicht seinen eignen Sohn, son-
       dern den  Isaak des  alten Cohen durch sein blödsinniges Fürsten-
       mordgeschwätz auf dem Altar der Freiheit geopfert hat.
       Infolge der  tristen Erfahrungen  von 1859 [261] sind die Östrei-
       cher in  der verdammten  Lage, daß  sie den günstigen Moment kaum
       beim Schopfe
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       1*) Keinerlei Karbunkel!  - 2*) Marx'  verstorbener Sohn  Edgar -
       3*) "Diese Hand, den Tyrannenfeind" - 4*) Immer ein Auge aufs Ge-
       schäft. - 5*) Friederike Blind
       
       #216# 108 - Marx an Engels - 10. Mai 1866
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       fassen und,  obgleich zur   I n i t i a t i v e   an  den  Haaren
       herbeigezogen, sie  nicht ergreifen  können oder  wenigstens sehr
       zaudern werden,  es zu  tun. Of  course 6*), die "public opinion"
       7*) von  Europa nutzt ihnen keinen Deut und verlangt Abgeschmack-
       tes von  ihnen. Dieselben liberalen Esel, die jetzt allgemein zu-
       geben, daß  Östreich der provozierte Teil ist und daß eine syste-
       matische conspiracy 8*) gegen es besteht, würden morgen (die Eng-
       lish  lords   eingeschlossen)  aus  einem  Halse  schreien,  wenn
       Ostreich zuerst  zuschlüge und  nicht ruhig  abwartete, bis seine
       Feinde das Signal geben.
       So sehr zuwider mir der Bonaparte, hat mich doch sein coup in Au-
       xerre ungemein  amüsiert. [262]  Der alte Esel Thiers und die ihn
       beklatschenden chiens  savants 9*)  des Corps législatif bildeten
       sich ein,  ungestraft Louis-Philippismus  spielen zu  dürfen! Les
       imbéciles! 10*)
       Die Russen  spielen ihre  Rolle nett  wie immer.  Nachdem sie die
       braven Preußen  encouragiert, treten  sie als  Friedensmänner und
       Schiedsrichter von Europa auf, waren aber zugleich so sinnig, dem
       Herrn Bonaparte  mitzuteilen, daß auf etwaigem Congress Polen na-
       türlich gar nicht in Rede kommen dürfe, kurz, daß Rußland sich in
       die europäischen,  aber Europa sich nicht in die russischen Ange-
       legenheiten einzumischen habe.
       [258]
       Infolge des  deutschen und  dänischen Schneiderimports nach Edin-
       burgh haben  wir 1.  einen Deutschen  und einen Dänen 11*) (beide
       selbst Schneider)  nach Edinburgh geschickt, die bereits dem Ein-
       verständnis zwischen  importers und imported ein Ende gemacht; 2.
       habe ich  eine Warnung  an die deutschen Schneider in Deutschland
       im Namen  der International Association veröffentlicht. Die Sache
       hat uns außerordentlich in London genützt. [258]
       Eine sehr  unangenehme Geschichte für mich war die Notwendigkeit,
       25 £  für Schulgeld auf einem Brett zahlen zu müssen. Dieses Geld
       für 3  Quartale konnte nicht länger verschoben werden, weil Jenny
       und Laura  aus der  Schule austreten,  letztere gar keine und er-
       stere nur  noch eine  wöchentliche Musikstunde  a u ß e r h a l b
       der Schule nimmt. (Baumer ist nämlich von der Schule zurückgetre-
       ten.)
       Der "Commonwealth" nimmt rasch zu und würde sicher paying 12*) in
       Zeit eines  Jahrs. Aber  es ist wahrscheinlich, daß wir aus Geld-
       mangel bald sistieren müssen.
       Salut.
       Dein K. M.
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       6*) Natürlich -  7*) "öffentliche Meinung"  - 8*) Verschwörung  -
       9*) gelahrten Hunde  - 10*) Die Dummköpfe! - 11*) Albert F. Haufe
       und N.P. Hansen - 12*) rentabel

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