Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#217# 109 - Engels an Marx - 16. Mai 1866
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109
Engels an Marx
in London
Manchester, 16. Mai 1866
Lieber Mohr,
Die Geschichte mit Freiligr[ath] ist sehr amüsant und sehr er-
freulich. Das hat er davon, daß er sich an die respektabeln Leute
der Emigration hängt und sich von der "Partei" lossagt. Was den
Blind angeht, so wird ihm mit Bezug auf sein: manus haec inimica
tyrannis 1*) zuzurufen sein, daß Kinder nicht mit Schießgewehr
spielen sollen. [260] Übrigens ist aus der Geschichte ganz klar,
daß Bismarck ein Panzerhemd trägt. Die Schüsse müssen ihn alle
getroffen haben, die 3 letzten werden als volle Treffer zu-
gegeben, und da der Revolver so konstruiert war, daß er nicht
ganz dichtschließend aufgesetzt werden konnte, so ist keine andre
Möglichkeit da. Man macht diese Dinger jetzt sehr fein und doch
stark. Sein Freund Bonaparte wird ihm schon eins verschafft und
empfohlen haben.
Monsieur Bismarck hat sich offenbar in den Kleinstaaten arg ge-
täuscht, hinc 2*) die Drohung mit der Reichsverfassung und mit
Bennigsen. Auch finanzielle Mißerfolge müssen vorgefallen sein.
Kann man sich aber etwas Possierlicheres denken, als daß derselbe
Wilhelm, der Anno 1849 als Obergeneral die Reichsverfassung zu
Grabe trug, sie jetzt wiedererwecken will oder vielmehr muß. Bis-
marck als Restaurator der "deutschen Grundrechte", das ist zu ko-
misch. [263] In der Landwehr und den eingezognen Reserven sieht's
auch nicht zum besten aus, in Görlitz war bedeutender Krawall un-
ter ihnen, die Linie mußte ausrücken und sich zurückziehn, weil
die Kerle sich derartiges Einschreiten nicht wollten gefallen
lassen. Wenn diese Leute noch 3-4 Wochen untätig unterm Gewehr
stehn, sind sie zu allem kapabel. Und da weder Preußen noch Ita-
lien fertig ist zum Angriff, müssen sie wohl noch bis Ende Mai
wenigstens dastehn.
Soviel ist sicher, Monsieur Bismarck hat sich in eine Sauce hin-
eingeritten, mit der weder er noch das ganze bisherige Regime
fertig wird. Wenn es friedlich abgemacht wird, so hat er die dis-
poniblen fonds vermöbelt
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1*) Diese Hand, den Tyrannen feind (siehe vorl. Band, S. 215) -
2*) daher
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und wird sich schon deshalb nicht mehr helfen können, und wenn es
Krieg gibt, so muß er Acheronta movere 3*), die ihn sicher ver-
schlingen. Selbst ein direkter Sieg der Kammerbürger hat unter
diesen Umständen einen revolutionären Charakter und muß weiter-
führen.
Trotz alledem kann ich mir noch immer nicht denken, daß in der
Mitte des 19. Jahrhunderts Nord- und Süddeutschland aufeinander
losschlagen werden, bloß weil Bismarck es im Interesse der Russen
und des Bonaparte so haben will. Wenn es aber zum Klappen kommt,
so kann es den Preußen schlecht gehn. Die Östreicher scheinen
diesmal alle Kräfte bis aufs Äußerste anstrengen zu wollen, und
wenn auch die Renommagen von 900 000 Mann Unsinn sind, so wäre es
immer möglich, daß sie in Sachsen mit bedeutender Überzahl auf-
träten. Preußen kann über das rheinische und westfälische Korps
gar nicht, über das sächsische nur teilweise gegen Östreich ver-
fügen. Bleiben die übrigen sechs Armeekorps, die schwerlich
240 000 Mann stark vor den Feind rücken werden. Wenn die Östrei-
cher, wie es heißt, in Italien sich zunächst defensiv halten, so
brauchen sie dort nur 130 000 Mann, und können ganz gut 300-
350 000 Mann gegen Preußen schicken - es sei denn, daß die Russen
sie nötigen, Galizien stark zu besetzen. Die entscheidende
Schlacht könnte dann von 180 000 Preußen gegen 240-280 000
Östreicher geschlagen werden und würde fast unfehlbar Jena sein
und direkt nach Berlin führen. Es ist aber schwer, hierüber Hypo-
thesen zu machen, da bei den Östreichern die Truppen immer viel
stärker auf dem Papier sind und auch stark gelogen wird grade
jetzt.
Leider ist Monsieur Charles 4*) mit dem Hauptbuch zurück, worin
meine Rechnung ist, so daß ich augenblicklich gar nicht einmal
ordentlich nachsehen kann, wie ich stehe, und da in 6 Wochen das
Bilanzjahr um ist und ich dann ein bestimmtes Kapital im Geschäft
haben muß, so muß ich mich danach richten. Sobald ich kann, werde
ich mein Soll und Haben aufaddieren und, wenn irgend möglich, Dir
einiges Geld schicken. Jedenfalls aber kannst Du darauf rechnen,
daß ich Dir in den ersten Tagen des Juli, nach dem Bilanzjahres-
schluß, sofort eine £ 50 besorge.
Schön ist die "Kreuz-Zeitung" zu lesen, wie sie für allgemeines
Stimmrecht, Bonapartismus, Viktor Emanuel etc. auftritt. Der
Schmutz, den d i e Kerls jetzt fressen müssen, ist massenhaft.
Beste Grüße an Deine Frau und die Mädchen.
Dein F. E.
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3*) die Kräfte der Unterwelt zu Hilfe rufen - 4*) Charles Roesgen
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