Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #226# 114 - Engels an Marx - 11. Juni 1866
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       114
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 11. Juni 1866
       Lieber Mohr,
       Die Kiste Bordeaux geht heute abend an Dich ab. Es ist sehr guter
       Wein vom  Borkheim. Ich  hätte ihn Dir früher geschickt, aber die
       Jungen hier  haben es  teilweise wegen  Überbeschäftigung verbum-
       melt. Die Adresse hatten sie längst von mir fertig geschrieben in
       der Hand.  Hoffentlich wird  der und regelmäßige Bewegung Dir gut
       tun. Was meinst Du, wenn Du auf eine 8 Tage herkämst, meinetwegen
       Ende dieses,  und dann  gleich mit  dem Gelde in den ersten Tagen
       Juli wieder nach Hause könntest? Dabei könntest Du Gumpert einmal
       gründlich konsultieren.
       Wir sind  hier an  der Bankfalliererei  noch soeben  ohne Schaden
       vorbeigekommen. Dr[onke] sagte mir selbst, daß er bei Barnett et-
       was drin sei, aber mehr durch die Notwendigkeit, seinen Banker zu
       wechseln, er  habe dort  £ 3000  Kredit gehabt - doch war er auch
       Aktionär und  daran verliert  er. Eichhoff  hat auch die Ehre ge-
       habt, daß sein Banker falliert hat und er mit £ 16 in die Patsche
       gekommen. Der  macht sich  wenig daraus;  wenn er  einen fälligen
       Wechsel nicht bezahlen "kann, so läßt er's eben bleiben.
       Herr G.  Kinkel hat  den Ruf  nach Zürich nun schon jedes Jahr in
       Zirkulation gesetzt,  sollten die  Züricher in  der  Tat  zuletzt
       wirklich dran glauben müssen?
       In Deutschland sieht es täglich revolutionärer aus. In Berlin und
       Barmen ziehen die stillgesetzten Arbeiter in Haufen drohend durch
       die Straßen.  G. Ermen,  der Freitag  wiederkam, erzählte mir, er
       habe sich  auf der  Koblenzer Rheinbrücke  mit einem x-beliebigen
       preußischen Lieutnant  in Unterredung über den Krieg eingelassen,
       der Mann sei sehr zweifelhaft über den Ausfall der Sache gewesen,
       habe sowohl  die Leute  als die Führung der Östreicher für besser
       als die  preußischen anerkannt, und auf G. E[rmen]s Frage: wie es
       gehen würde,  wenn die Preußen geklopft würden, geantwortet: Dann
       kriegen wir  Revolution. Ein  andrer Philister  erzählte mir,  in
       Köln aus  guter Quelle  gehört zu  haben, daß die Landwehr kompa-
       gnieweise unter  die Linie  verteilt werden und die Landwehrregi-
       menter wieder mit Linie aufgefüllt
       
       #227# 114 - Engels an Marx - 11. Juni 1866
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       werden sollten;  der Befehl  sei heraus. Jedenfalls muß die Armee
       in einem  Zustand sein,  der einen Erfolg nur dann erwarten läßt,
       wenn die Östreicher  z u e r s t  über die Grenze rücken, und das
       scheinen sie  diesmal platterdings nicht zu wollen. Aber auch die
       Preußen wollen  eben deswegen nicht los. So kann der Zustand sich
       noch eine  8 Tage  hinziehen, bis die Situation so gespannt wird,
       daß sie reißt.
       Wunderschön ist  die geschichtliche  Ironie, die sich an dem Bis-
       marck abspielt.  In demselben  Augenblick, wo er liberale Phrasen
       macht, muß er absolutistische Handlungen begehn. Er wird in einem
       Atemzuge die deutsche Reichsverfassung proklamieren und die preu-
       ßische Verfassung  suspendieren (die  Ordonnanzen sind schon fer-
       tig). Gute  Idee, den  Bonaparte gegen  die Bürger spielen wollen
       mit den Junkern hinter sich, statt der Bauern!
       Die Landwehr  wird in  diesem Krieg den Preußen ebenso gefährlich
       wie 1806  die Polen,  die auch  über 1/3 der Armee ausmachten und
       die ganze Geschichte schon vor der Schlacht desorganisierten. Nur
       daß die Landwehr, statt zu debandieren 1*), rebellieren wird nach
       der Niederlage.
       Das ganze  linke Rheinufer ist von Truppen entblößt, in Luxemburg
       stehn nur  2 Landwehrregimenter,  und die Festung soll im stillen
       schon ausgeräumt  werden; in  Saarlouis steht bloß ein noch nicht
       vollständiges Landwehrbataillon.  Von der Heydt soll durch Oppen-
       heim den  Handel wegen der Saarbrücker Kohlenwerke und Staatsbahn
       fertigbringen, damit  sie Geld  bekommen, auch soll die westfäli-
       sche Staatsbahn  an die  bergisch-märkische Bahn verkauft werden.
       Die Darlehnskassenscheine sind von der Preußischen Bank dem Staat
       auf seine Köln-Mindener Aktien vorgeschossen worden, weiter hatte
       die Sache  keinen Zweck. Dabei stecken die Berliner Bankiers alle
       mit der Regierung zusammen. [181]
       Ich glaube,  in 14 Tagen geht es in Preußen los. Wenn diese Gele-
       genheit vorübergeht,  ohne benutzt  zu werden, und wenn die Leute
       sich dies  gefallen lassen,  dann können  wir ruhig einpacken mit
       unsern revolutionären Siebensachen und uns auf die höhere Theorie
       werfen.
       Stieber ist Feldpolizeichef, organisiert das "Komplott Blind" und
       hat zu  diesem Zweck  unsern Freund  Greif wieder nach London ge-
       schickt. Kann man ihn nicht durchkeilen lassen?
       Beste Grüße.
       Dein F. E.
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       1*) auseinanderzulaufen

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