Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


       zurück

       #235# 118 - Engels an Marx - 9. Juli 1866
       -----
       118
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 9. Juli 1*) 66
       Lieber Mohr,
       Die Geschichte,  d.h. die  Weltgeschichte wird  immer ironischer.
       Gibt es  etwas Feineres, als diese praktische Verhöhnung Bonapar-
       tes durch  seinen Schüler  Bismarck, der, Krautjunker wie er ist,
       seinem Meister plötzlich über den Kopf wächst und der ganzen Welt
       auf einmal  handgreiflich klarmacht,  wie sehr  on sufferance 2*)
       dieser arbitre  de l'Europe  3*) existiert.  Und dann dieser Bis-
       marck selbst,  der, um  im Innern  einige Monate scheinbar feudal
       und absolutistisch regieren zu können, nach außen die Politik der
       Bourgeoisie with  a vengeance  4*) verfolgt,  der Bourgeoisie die
       Herrschaft präpariert, Wege einschlägt, auf denen nur mit libera-
       len, selbst  revolutionären Mitteln  voranzukommen ist, und dabei
       seine eignen  Krautjunker ihren  eignen Prinzipien tagtäglich ins
       Gesicht schlagen  läßt. Die Überreicher des Ehrenschilds an Franz
       Bomba 5*)  alliiert mit  Garibaldi, und  die Vertreter der Throne
       von Gottes Gnaden Länderschlucker trotz Viktor Emanuel! [282] Nie
       gab es  was Schöneres als die "Kreuz-Zeitung" während der letzten
       4 Wochen, und die historisch-feudale Partei, deren Begründung dem
       hochseligen Genie F[riedrich] W[ilhelms] IV. so viel Mühe und Ar-
       beit gekostet,  erstickt jetzt an dem Dreck, den sie auf Kommando
       ihres eignen Führers fressen muß.
       Die einfache  Tatsache ist:  Preußen hat 500 000 Zündnadelgewehre
       und die  übrige Welt  keine 500.  Unter 2, 3, vielleicht 5 Jahren
       kann keine  Armee mit  Hinterladern bewaffnet sein. Bis dahin hat
       Preußen das  prae. Glaubst Du, daß Bismarck den Moment nicht aus-
       nutzen werde? Sicher. Der Bonaparte wird sich sehr hüten, Krakeel
       anzufangen, und  was die  Russen angeht, so brüllen sie zwar sehr
       grob in dem "Journal de St.-P[éters]b[our]g", aber sie sind mili-
       tärisch jetzt  weniger zu fürchten als je. Ich zweifle gar nicht,
       daß die plötzliche, ungeheure Machtentwicklung Preußens Bonaparte
       und die  Russen zusammentreiben  wird, und daß ihr erstes Bemühen
       sein wird,
       -----
       1*) In der  Handschrift: Juni  - 2*) nur  geduldet - 3*) Schieds-
       richter Europas  - 4*) mit einer Besessenheit - 5*) Franz II. von
       Neapel
       
       #236# 118 - Engels an Marx - 9. Juli 1866
       -----
       alle und  jede Machtvergrößerung Preußens zu verhindern. Aber sie
       werden sich  hüten, es zum Krieg kommen zu lassen; was Frankreich
       angeht, so wäre seine aktive Einmischung ja das beste Mittel, die
       Süddeutschen den  Preußen vollends in die Arme zu treiben und den
       Bürgerkrieg vergessen zu machen. [283] Und was die Russen angeht,
       so ist  Monsieur Bismarck  der Mann,  ihnen mit  einer neuen pol-
       nischen Insurrektion  zu drohen, und sie wissen, daß der Kerl ge-
       wissenlos genug  dazu ist.  Überhaupt kennt Bismarck] seine Macht
       zu gut  und weiß  auch, daß  sie in diesem Maß nur ein paar Jahre
       dauern kann,  und ich  glaube, er  wird sie  ausbeuten  bis  aufs
       letzte Stückchen. Dazu ist Bonaparte am Ende immer mit Belgien zu
       kaufen, und der Plan der Teilung Belgiens zwischen Frankreich und
       Holland, welches dann Luxemburg an Frankreich abtreten würde, ist
       zwischen Goltz, Bonaparte und dem Kronprinzen von Holland 6*) gar
       nicht lange  vor dem  Krieg "in  Aussicht genommen worden". [278]
       Ich glaube, es ist noch lange nicht am Ende mit dem Krieg, und da
       kann sich noch manches ereignen.
       Die Russen  scheinen wirklich schon seit einiger Zeit die Schwen-
       kung nach  Östreich zu gemacht zu haben, und dieser enorme Erfolg
       der Preußen  macht ihnen jede Rückkehr unmöglich. Um so mehr, als
       Östreich jetzt  reif genug  sein wird,  sich Bosnien oder die Wa-
       lachei für Venedig anhängen zu lassen, wo dann Rußland die Moldau
       nimmt.
       Du siehst  übrigens, wie  richtig ich  die preußische Armee beur-
       teilte, wenn  ich immer behauptete, daß viel mehr dann stäke, als
       man gewöhnlich  zugeben wollte. Nach diesen Erfolgen und nach dem
       unbedingt brillanten Benehmen der Truppe ist ihr Selbstgefühl und
       zugleich ihre  Kriegserfahrung so  gewachsen, daß  sie morgen den
       Franzosen gegenübertreten  könnten, selbst wenn diese Hinterlader
       hätten, und  das französische Bajonett hat jedenfalls ausgespielt
       wie seinerzeit  die spanische  Pike. Bei allgemeiner Hinterladung
       wird die Kavallerie wieder zu ihrem Rechte kommen.
       An Jenny  muß ich,  wie schon lange beabsichtigt, einen ordentli-
       chen Rapport abstatten über die Afrikaner. [280]
       Viele Grüße.
       Dein F. E.
       -----
       6*) Wilhelm, Prinz von Oranien

       zurück