Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #242# 122 - Marx an Engels - 27. Juli 1866
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       122
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 27. Juli 1*) 1866
       Lieber Fred,
       Besten Dank für die £ 10. Sie kamen grade noch zur rechten Zeit.
       Dem Stumpf schrieb ich nicht, eben weil er "Verhaltungs"maßregeln
       wollte, und  meine Ansicht  war, daß  der am besten tue, sich gar
       nicht zu  "verhalten", bevor die Ereignisse entschieden. [288] Es
       war dies  eine Ansicht,  die ich ihm rather 2*) nicht schriftlich
       zu geben  für gut  hielt. Nun  ist Mainz,  soviel ich weiß, immer
       noch zerniert,  also wohl  auch die  Postverbindung unterbrochen.
       Hast Du an St[umpf] geschrieben?
       Die Frankfurter Komödie gewährt einige Entschädigung für den Duft
       der Sieger. Au wai! geschrien, 25 Millionen! Und der Herr Bürger-
       meister 3*) erhängt sich! Und die Preußen erklären ihrerseits of-
       fiziell, daß  Frankfurt blechen  muß, weil  seine Zeitungen Seine
       Maj. Wilhelm  den Eroberer "beleidigt" haben. [289] Stieber wird,
       da sein  Regierungsposten in  Brünn nur  interimistisch, am  Ende
       noch Bürgermeister  von den  Frankfurter am Mainern, die übrigens
       mir immer unerträgliche Kanaillen waren. Und Edgar Bauer wird ih-
       nen als  Oberzensor oktroyiert.  Was aber  die  Eschenheimer  Gaß
       [290] angeht, so würde Geheimrat Duncker - doch der regiert ja in
       Kassel.
       Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß man den Dreck nehmen muß, wie er
       ist. Doch  ist es angenehm, während dieser jungen Zeit der ersten
       Liebe in  der Ferne  zu  sein.  Die  Anmaßung  der  Preußen,  die
       Narrheit des  schönen Wilhelms 4*), der glaubt, daß sich seit dem
       Siegestraurn nichts geändert hat, außer daß er großmächtig gewor-
       den usw.,  werden schon wirken. Die Östreicher stehn jetzt da, wo
       die Prager  Slawenfanatiker sie  1848 wollten.  [291]  Indes  ist
       einstweilen ihr  Verlust Venedigs,  ihre notgedrungene Konzentra-
       tion der Kraft, den Russen keineswegs günstig. Als selbst pansla-
       wistisches Reich  werden sie  den Moskowitern  um so antagonisti-
       scher. Bei  der außerordentlichen  Verkommenheit  der  Habsburger
       steht zwar zu fürchten, daß
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       1*) in der  Handschrift: August - 2*) lieber - 3*) Karl Fellner -
       4*) Wilhelm I.
       
       #243# 122 - Marx an Engels - 27. Juli 1866
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       sie sich by und by 5*) von den Russen verleiten lassen zu gemein-
       schaftlichem Angriff auf die Türkei.
       Für die Arbeiter ist natürlich alles günstig, was die Bourgeoisie
       zentralisiert. Jedenfalls  ist der  Friede, wenn  auch morgen ge-
       schlossen, noch  provisorischer, als  der von Villafranca und Zü-
       rich war.  [292] Sobald  von den verschiednen Seiten die "Waffen-
       reform" vorgenommen,  geht's wieder  ans "Haun", wie der Schapper
       sagt. Jedenfalls  hat  auch  Bonaparte  eine  Schlappe  erhalten,
       obgleich die  Bildung militärischer  Königreiche rechts und links
       in den  plonplonistischen Plan  "de la  démocratie générale"  6*)
       paßt.
       Hier hat  die Regierung  es beinahe zu einer Emeute gebracht. Der
       Engländer bedarf  natürlich erst  der  revolutionären  Erziehung,
       wozu zwei  Wochen genügen  würden, wenn Sir Richard Mayne absolut
       zu befehlen  hätte. In der Tat hing es an einem Punkt. Wurden die
       railings 7*) - und es war drauf und dran - zur Attacke und Defen-
       sive gegen  die Polizei  benutzt und  einige 20 Stück der letzten
       totgeschlagen, so  mußte Militär  "einschreiten", nicht nur para-
       dieren. Und dann wäre es lustig geworden. So viel ist sicher, daß
       diese steifköpfigen  John Bulls,  deren Hirnschädel für die blud-
       geons 8*)  der Konstabler eigends fabriziert scheinen, ohne wirk-
       lich blutiges  Zusammentreffen mit  den  Herrschenden  zu  nichts
       kommen werden.
       Die Rührszene  zwischen dem  alten Esel  Beales  und  dem  ebenso
       großen Eselalten  Walpole, dann  dazwischen der dünnstimmige, in-
       trusive 9*),  wichtigtuende und aus "Wahrheitsliebe" stets seinen
       Weg in  die "Times"  findende Holyoake,  - nichts  als Friede und
       Liederlichkeit. Dazwischen,  während dies Gesindel sich bekompli-
       mentiert und  beseuchbeitelt 10*), verknurrt Hund Knox, der Poli-
       zeimagistrate von  Marylebone, in  einer summarischen Manier, die
       zeigt, was geschähe, wenn London Jamaika wäre. [293]
       Disraeli hat sich sehr lächerlich gemacht, erstens durch die ele-
       gische Äußerung  im Unterhaus,  "er wisse  nicht, ob  er noch ein
       Haus habe", und dann durch die starke militärische Besetzung des-
       selbigen Hauses,  obgleich drittens  der Mob (durch die Leute von
       der Reformleague 11*) vorher instruiert) absichtlich das Haus des
       Herrn "Vivian  Grey" [294]  untouched 12*)  ließ. Nicht  ein Haar
       wurde diesem  Haus ausgezogen.  Dafür hatten  die Fensterscheiben
       Elchos [um] so mehr zu büßen. Ich hatte an Cremer und andre mana-
       gers den hint 13*) fallenlassen, ob es nicht passend, dem "Times"
       Newspaper einen  Besuch abzustatten?  Da der  hint  nicht  gleich
       "verstanden" wurde  oder werden  wollte, kam ich nicht darauf zu-
       rück.
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       5*) nach  und   nach  -   6*) "der  allgemeinen   Demokratie"   -
       7*) Geländer -  8*) Knüppel - 9*) aufdringliche - 10*) so eindeu-
       tig bei Marx - 11*) Reformliga - 12*) unangetastet - 13*) Wink
       
       #244# 122 - Marx an Engels - 27. Juli 1866
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       Die Cholera hat uns (ich meine den Londonern) ihre Aufwartung al-
       les Ernstes  gemacht, und  der Bericht  des Dr. Hunter, im letzte
       Woche erschienenen  VIII. Report  des Health  Board 14*) über das
       "Housing der  Poor" 15*), soll der Madame Cholera wohl als Direc-
       tory 16*) dienen, wo sie vorzugsweise Besuch abzustatten.
       My best compliments to Mrs. Lizzy.
       Dein K. M.
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       14*) siehe vorl.  Band, S.  239 -  15*) die "Wohnungsverhältnisse
       der Armen" - 16*) Wegweiser

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