Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #245# 123 - Engels an Marx - 6. August 1866
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       123
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 6. Aug. 1866
       Lieber Mohr,
       Der Humor  Deines letzten  Briefs läßt  mich schließen, daß Deine
       Leber sich  sehr gebessert  hat, obwohl  Du davon nicht sprichst.
       Was die  Frankfurter angeht,  so hättest  Du erst das Zetermordio
       unter den Hiesigen anhören müssen, deren sind ja Legion hier, die
       von ihren  Brüdern etc. die erschrecklichsten Briefe bekamen. Der
       preußische Leutnant hat sich natürlich bei dieser Gelegenheit mit
       bekannter Grazie  benommen, doch  war von vornherein zu erwarten,
       daß die  Herren more  frightened than  hurt 1*) werden würden. Im
       übrigen Süddeutschland,  wo die  Frankfurter auch nicht besonders
       beliebt sind  und wo  man ihnen  vorwirft, sie  hätten auf beiden
       Achseln getragen,  hat man sich darüber gefreut, daß grade sie so
       gezwiebelt wurden. Solche Briefe hab' ich selbst gesehn.
       Also Bismarck hat doch gesiegt, und Wilhelmchen 2*) hat eine Ver-
       söhnungsphrase an  seine Erlauchten, Edlen und Getreuen erlassen,
       dabei aber  gleichzeitig beteuert,  wenn man ihm wieder Geld ver-
       weigre, werde  es leider "unvermeidlich" sein, wieder unbewillig-
       tes Geld  auszugeben. Wie  man damit selbst bei dieser Kammer den
       Konflikt lösen  kann, ist mir noch nicht klar. Dazu ein deutsches
       oder rather  3*) norddeutsches  Parlament,  über  dessen  etwaige
       Stellung oder  Befugnisse wenigstens  Herr  Eulenburg  sich  ent-
       schieden geweigert  hat, die  geringste Auskunft  zu geben  - das
       sind schon ganz hübsche Aussichten auf baldigen Krawall. Bismarck
       selbst wird  gewiß Streit  zu vermeiden  suchen, so  dumm ist  er
       nicht, aber  das alte  hohenzollernsche Vieh gerät sicher hinein,
       und dann  wird er sich wundern über seine intelligenten Bajonette
       [295].
       Daß es  bald wieder ans Haun geht, ist klar genug. Ich glaube, es
       wird mit  den Franzosen  losgehn. Bonap[arte] ist gescheut genug,
       dies vermeiden  zu wollen, solange es irgend geht, aber die Masse
       der Franzosen,  namentlich der Bourgeois mit ihrer Mißgunst gegen
       jede Stärkung Deutschlands,
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       1*) mehr erschreckt  als wirklich  getroffen -  2*) Wilhelm I.  -
       3*) vielmehr
       
       #246# 123 - Engels an Marx - 6. August 1866
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       ist doch  zu borniert  und fanatisch, daß ihr die expansion de la
       France qui  ne peut  avoir lieu  que du  côté de l'Allemagne' 4*)
       jetzt verschlossen ist, und ein Krieg gegen Preußen ist auch beim
       Bauer und  dümmeren Arbeiter  populär; da ist nicht zu sagen, wie
       bald es zum Klappen kommt.
       Wehner, der eben von Hannover zurückkommt, erzählt mir, die preu-
       ßischen Offiziere  haben sich dort schon ebenfalls gründlich ver-
       haßt gemacht, desgleichen die Bürokraten und Polizisten.
       Ich werde dies Jahr auch wohl nicht lange in Deutschland bleiben.
       Im Norden  der Duft  der Sieger, im Süden das Gebrüll der für den
       Kurfürsten von  Hessen 5*)  begeischterten Republikaner,  wo soll
       man da  hin? Ich werde suchen, auf Umwegen in den Harz zu kommen,
       da gibt es glücklicherweise keine Garnisonen.
       Die "Kölnische Zeitung" zetert jetzt mit geiferndem Maul für Aus-
       schluß von  Süddeutschland. Es  ist dies  die von Bismarck ausge-
       teilte Parole,  um dem Bonap[arte] seinen Rückzug zu erleichtern,
       und die  "Kölnische" poltert  mit einem  so wahnsinnigen Eifer in
       dieser Richtung,  daß man den ganzen Kram sofort durchschaut. Ge-
       meiner wie  dies Blatt hat sich noch keins benommen. Aus der hef-
       tigsten Friedensschreierei  sprang sie  um, als sie sah, daß Bis-
       marck sich  nicht irremachen  ließ mit  der Phrase: Östreich will
       den Krieg!  Jetzt draufgehaun! und ist seitdem zwar nicht dem Ge-
       schick, aber dem guten Willen nach Bismarcks beste Freundin gewe-
       sen. Es ist sein Hundeblatt.
       Wenn die  neue, von  einem Amerikaner der hiesigen Regierung vor-
       gelegte Hinterladungsflinte  die Snider-Enfield  ist, so  ist sie
       nicht viel  wert. Es  muß aber  wohl eine  andre sein, von der Du
       sprachst. 6*)  Übrigens ist  wenig daran  gelegen, über den schon
       mit dem  Zündnadelgewehr erreichten Grad hinaus rascher zu schie-
       ßen, da  sich der  Unterschied in  der Praxis fast auf Null redu-
       ziert, dagegen  wird große Präzision und Scharfschießen jetzt im-
       mer wichtiger. Ich lese mal wieder die Griesheimsche Taktik durch
       - wie veraltet da jetzt schon fast alles ist!
       Beste Grüße an die ladies.
       Dein F. E.
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       4*) Expansion Frankreichs,  die nur nach Deutschland hin erfolgen
       könnte - 5*) Ludwig III. - 6*) siehe vorl. Band, S. 234

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