Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #259# 132 - Engels an Marx - 5. Oktober 1866
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       132
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 5. Okt. 1866
       Lieber Mohr,
       Die Naivetät,  Wechsel auf  sich laufen  zu haben  und den Betrag
       nicht zu  wissen, erheitert mich; indes ist's gut, daß die Diffe-
       renz nicht  größer und  der gute Bäcker in der Nähe war. Damit Du
       diesem braven Mann gleich das Betreffende zurückzahlen und so den
       Kredit erhalten  kannst lege  ich Dir £ 5 I/F 59 667, Manchester,
       30. Jan. 65, bei, sowie de: L zahlten Wechsel retour.
       Ad vocem  1*) Trémaux.  Als ich Dir schrieb, hatte ich allerdings
       erst  den   dritten  Teil   des  Buchs   gelesen,  und  zwar  den
       schlechtesten (im  Anfang). Das  zweite Drittel,  die Kritik  der
       Schulen, ist  weit besser,  das dritte,  die Konsequenzen, wieder
       sehr schlecht.  Der  Mann  hat  das  Verdienst  den  Einfluß  des
       "Bodens" auf die Racen- und folgerichtig auch Speziesbildung mehr
       hervorgehoben zu  haben, als dies bisher geschehen ist, und zwei-
       tens über  die Wirkung der Kreuzung richtigere (obwohl meiner An-
       sicht nach  auch sehr  einseitige) Ansichten  als seine Vorgänger
       entwickelt zu  haben. Darwin  hat nach   e i n e r   Seite hin in
       seinen Ansichten  über den   v e r ä n d e r n d e n  Einfluß der
       Kreuzung auch  recht, wie dies Tr[émaux] übrigens stillschweigend
       anerkennt, indem  er, wo es ihm konveniert, die Kreuzung auch als
       Mittel der  Veränderung behandelt, wenn auch als schließlich aus-
       gleichendes. Ebenso  hat Darwin und andere den Einfluß des Bodens
       nie vertat  und wenn sie ihn nicht speziell hervorgehoben, so ge-
       schah es,  weil sie  nichts davon  wußten,   w i e   dieser Boden
       wirkt  -  ausgenommen,  daß  fruchtbarer  günstig,  unfruchtbarer
       ungünstig wirkt.  Und viel  mehr weiß  Tr[émaux] auch  nicht. Die
       Hypothese, daß  der Boden  überhaupt  günstiger  für  Entwicklung
       höherer Spezies  werde im  Verhältnis wie  er neueren Formationen
       angehört, hat etwas ungeheuer Plausibles und kann oder kann nicht
       richtig sein,  wenn  ich  aber  sehe,  mit  welchen  lächerlichen
       Beweisstücken Tr[émaux]  sie zu belegen sucht, von denen 9/10 auf
       unrichtigen oder verdrehter Tatsachen
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       1*) in bezug auf
       
       #260# 132 - Engels an Marx - 5. Oktober 1866
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       beruhen und das letzte 1/10 nichts beweist, so kann ich nicht um-
       hin, auch von dem Urheber der Hypothese her auf diese selbst mei-
       nen großen  Verdacht zu  werfen. Wenn er aber nun weiter den Ein-
       fluß des jüngeren oder älteren Bodens, korrigiert durch die Kreu-
       zung, für die  a l l e i n i g e  Ursache der Veränderungen orga-
       nischer Spezies  resp. Racen  erklärt, so  sehe ich  platterdings
       keinen Grund,  dem Manne  so weit  zu folgen,  im Gegenteil  sehr
       viele Einwände dagegen.
       Du sagst, Cuvier 2*) habe auch den deutschen Naturphilosophen Un-
       kenntnis der  Geologie vorgeworfen,  als sie die Veränderlichkeit
       der Spezies  behaupteten, und sie hätten doch recht behalten. Die
       Sache hatte aber damals mit der Geologie nichts zu tun; wenn aber
       jemand eine  auf   G e o l o g i e    a u s s c h l i e ß l i c h
       begründete Theorie  der Speziesveränderung  aufstellt,  und  dort
       solche geologische  Schnitzer macht,  die Geologie  ganzer Länder
       (z.B. Italiens  und selbst Frankreichs)  v e r f ä l s c h t  und
       den Rest seiner Beispiele aus denjenigen Ländern zieht, von deren
       Geologie wir  so gut  wie gar nichts wissen (Afrika, Zentralasien
       etc.), so  ist das doch ganz etwas anderes. Was speziell die eth-
       nologischen Exempel angeht, so sind diejenigen, die überhaupt von
       bekannten Ländern und Völkern handeln, fast ohne Ausnahme falsch,
       entweder die  geologischen Prämissen  oder die  daraus  gezogenen
       Schlüsse -  und die vielen entgegenstehenden Exempel läßt er ganz
       aus, z.B. die Alluvialebenen im innern Sibirien, das enorme Allu-
       vialbassin des  Amazonenflusses, das ganz alluviale Land südwärts
       vom La  Plata bis  beinahe an die Südspitze Amerikas (östlich von
       den Kordilleren).
       Daß die  geologische Struktur  des Bodens mit dem "Boden", worauf
       überhaupt etwas  wächst, sehr  viel zu tun hat, ist eine alte Ge-
       schichte, ebenso,  daß dieser  vegetationsfähige  Boden  auf  die
       Pflanzen- und  Tierrassen, die  darauf leben,  einen Einfluß übt.
       Daß dieser  Einfluß bisher so gut wie gar nicht untersucht worden
       ist, ist  auch richtig.  Aber von  da bis zu der Theorie Tremaux'
       ist ein kolossaler Sprung. Es ist jedenfalls ein Verdienst, diese
       bisher vernachlässigte  Seite hervorgehoben zu haben, und wie ge-
       sagt,  die  Hypothese  von  dem  entwicklungs-f ö r d e r n d e n
       Einfluß des  Bodens im  Verhältnis je nachdem er geologisch älter
       oder neuer ist, mag  i n n e r h a l b  g e w i s s e r  G r e n-
       z e n  richtig sein (oder auch nicht), aber alle weiteren Schlüs-
       se, die  er zieht,  halte ich  für entweder  total unrichtig oder
       heillos einseitig übertrieben.
       Das Buch  von Moilin  3*) hat  mich namentlich  wegen der von den
       Franzosen durch  Vivisektion erlangten  Resultate  sehr  interes-
       siert; es ist der
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       2*) siehe vorl. Band, S. 257/258 - 3*) siehe vorl. Band, S. 252
       
       #261# 132 - Engels an Marx - 5. Oktober 1866
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       einzige Weg,  die Funktionen  bestimmter Nerven und die Wirkungen
       ihrer Störung  festzustellen; die Kerle scheinen die Tierquälerei
       bis zu  einem hohen  Grad der  Vervollkommnung gebracht zu haben,
       und ich  kann mir die heuchlerische Wut der Engländer gegen Vivi-
       sektion sehr gut erklären, diese Experimente kamen den schlafmüt-
       zigen Herren  hier gewiß oft sehr unangenehm und warfen ihre Spe-
       kulationen um.  Was sonst  Neues in  der Theorie der Entzündungen
       ist, kann ich nicht beurteilen (ich will Gumpert das Buch geben),
       doch scheint  diese ganze neue französische Schule einen gewissen
       burschikosen Charakter  zu haben,  gern viel  zu behaupten und es
       mit dem  Beweisen leichter  zu nehmen.  Was die  Medikamente  be-
       trifft, so ist nichts darin, was nicht jeder vernünftige deutsche
       Arzt auch weiß und annimmt; M[oilin] vergißt bloß, daß man 1. oft
       genötigt ist,  das kleinere  Übel, die Medizin, zu wählen, um das
       größere zu  entfernen, nämlich ein Symptom, das durch sich selbst
       eine direkte  Gefahr erzeugt,  ebensogut wie man chirurgisch auch
       Gewebe zerstört,  wo es nicht anders angeht, und 2., daß man sich
       eben an  die Medikamente  halten muß, solange man nichts Besseres
       hat. Sobald  M[oilin] mit seiner Elektrizität die Syphilis kurie-
       ren kann,  wird das Quecksilber bald verschwinden, bis dahin aber
       schwerlich. Übrigens  soll mir  kein Mensch  mehr davon sprechen,
       daß die Deutschen das "Konstruieren" von Systemen allein könnten,
       the french beat them hollow at that 4*).
       Beste Grüße.
       Dein F. E.
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       4*) die Franzosen schlagen sie darin gründlich

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