Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #287# 148 - Marx an Engels - 13. April 1867
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       148
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       Hamburg, 13. April 1867
       Lieber Fred,
       Gestern 12  Uhr mittag kam ich hier an. Das Schiff verließ London
       Mittwoch, 8 Uhr morgens. Du siehst darin die ganze Geschichte der
       Seereise. Höchst  tolles Wetter und Sturm. Mir war, nach dem lan-
       gen Verschluß, dabei so kannibalisch wohl als wie 500 Säuen. Doch
       wäre die  Sache auf  die Dauer  ennuyant 1*) geworden mit all dem
       kranken und  abfallenden Gesindel  rechts und  links, hätte nicht
       ein gewisser  nucleus  2*)  Stich  gehalten.  Das  war  ein  sehr
       "gemischter" Kern, viz. 3*) ein deutscher Schiffskapitän, der Dir
       im Gesicht  sehr ähnlich,  aber kleiner  Kerl, er hatte auch viel
       von Deinem  Humor und  dasselbe gutmütig frivole Zwinkern des Au-
       ges; ein  Londoner Viehhändler, echter John Bull, bovine in every
       respect 4*);  ein deutscher Uhrmacher aus London, netter Bursche;
       ein Deutscher aus Texas; und, die Hauptperson, ein Deutscher, der
       seit 15  Jahren sich  herumtreibt im  Osten von  Peru, einer erst
       kürzlich geographisch  registrierten Gegend, wo u.a. noch tüchtig
       Menschenfleisch verspeist  wird. Ein toller, tatkräftiger und lu-
       stiger Bursche.  Er hatte  sehr wertvolle  Sammlung bei  sich von
       Steinäxten usw., die in den "Höhlen" gefunden zu sein verdienten.
       Als Anhang  eine Frauensperson (die andern Damen alle seasick 5*)
       und kotzend  in der  Damencabin), alter  Gaul mit zahnlosem Maul,
       hännöversch fein  sprechend, Tochter eines urahnenligen hannover-
       schen Ministers, von Baer oder so was, jetzt seit lange Menschen-
       abrichterin, Pietistin,  Arbeiterlage hebend,  bekannt mit  Jules
       Simon, voll  Seelenschöne, womit sie unsern bovine friend tot en-
       nuyierte 6*).  Well! Donnerstag  abend, wo  der Sturm am schlimm-
       sten, so  daß alle Tische und Stühle tanzten, kneipten wir en pe-
       tit comité  7*), während  "das" alte  weibliche  Gaul  auf  einem
       Kanapee lag,  wovon die Bewegung des Schiffs sie von Zeit zu Zeit
       in die Mitte der Cabin - um sie zu zerstreuen ein wenig - auf den
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       1*) langweilig - 2*) Kern - 3*) nämlich - 4*) bullenhaft in jeder
       Beziehung -  5*) seekrank - 6*) bullenhaften Freund zu Tode lang-
       weilte - 7*) in kleinem Kreis
       
       #288# 148 - Marx an Engels - 13. April 1867
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       unter diesen  erschwerenden Umständen gefesselt? Warum verzog sie
       sich nicht  ins Frauengemach?  Unser deutscher Wilde erzählte mit
       wahrem Gusto  alle Geschlechtsschweinereien  der Wilden. Voilà le
       charme 8*)  für die Zarte, Reine, Feine. Ein Beispiel: Er ist be-
       gastet in  einer Indianerhütte,  wo grade  denselben Tag die Frau
       niederkommt. Die Nachgeburt wird gebraten und - höchster Ausdruck
       der Gastfreundschaft  - er  hat ein  Stück von dem sweetbread 9*)
       mitzugenießen!
       Gleich nach  unsrer Ankunft geh' ich zu Meißner. Kommis sagt mir,
       daß er  vor 3 Uhr (nachmittag) nicht zurück. Ich ließ meine Karte
       da und  lud Herrn  M[eißner] zum Diner bei mir ein. Er kam, hatte
       aber noch  einen andern  bei sich  und wollte,  ich solle mit ihm
       gehn, da  seine Frau  ihn erwarte.  Ich schlug  das ab,  kam aber
       überein, daß  er mich  7 Uhr abends besuchen sollte. Er sagte mir
       en passant,  daß Strohn  wahrscheinlich noch in Hamburg. Ich ging
       also zu Strohns Bruder 10*). Unser Mann the verysame morning 11*)
       nach Paris  gereist. Also  abends kam  Meißner. Netter  Kerl, ob-
       gleich etwas  sächselnd, wie  sein Name  andeutelt.  Nach  kurzem
       Pourparler all  right 12*). Manuskript sofort in sein Verlagshaus
       gebracht, dort  in safe  gesteckt. Der  Druck wird  in a few days
       13*) beginnen  und rasch  vonstatten gehn. Wir kneipten dann, und
       er erklärte  sein großes  "Entzücken", meine  werte Bekanntschaft
       gemacht zu  haben. Er  will jetzt,  daß das  Buch in 3 Bänden er-
       scheint. Er ist nämlich dagegen, daß ich das letzte Buch (den ge-
       schichtlich-literarischen Teil  14*)) konzentriere,  wie  ich  es
       vorhatte. Er  sagt, buchhändlerisch  und für  die "flache" Leser-
       masse rechne er grade am meisten auf diesen Teil. Ich sagte, ihm,
       in dieser Hinsicht ihm zur Verfügung zu stehn.
       At all  events 15*),  haben  w i r  in Meißner einen Mann ganz zu
       unsrer Disposition;  er hat  große Verachtung  für das  sämtliche
       Lumpenliteratenpack. Deine  little bill  16*) fand ich klug, noch
       nicht zu präsentieren. 17*) Die angenehmsten Überraschungen immer
       für den Schluß.
       Und nun Adio, old boy.
       Dein K. Marx
       Best Compliments to Mrs. Burns!
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       8*) Dies der  Reiz -  9*) der Delikatesse  - 10*) Eugen  Strohn -
       11*) gerade am selben Morgen - 12*) Verhandeln alles in Ordnung -
       13*) einigen Tagen - 14*) "Theorien über den Mehrwert" - 15*) Auf
       alle Fälle - 16*) kleine Rechnung - 17*) siehe vorl. Band, S. 285

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