Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


       zurück

       #289# 140 - Marx an Engels - 24. April 1867
       -----
       149
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       Hannover, 24. April 1867
       Lieber Fred,
       Ich bin  seit 8  Tagen hier  als Gast  des Dr. Kugelmann. Ich bin
       nämlich gezwungen,  in Hamburg  oder dicht bei Hamburg zu bleiben
       von wegen  des Drucks  1*). Die Sache hängt so zusammen. Meißner,
       der die Geschichte in 4-5 Wochen fertig haben will, kann nicht in
       Hamburg drucken  lassen, weil weder die Zahl der Drucker noch die
       Gelehrsamkeit der  Korrektoren hinreichend.  Er druckt  daher bei
       Otto Wigand  (rather 2*)  dessen Sohn  3*), da der alte renommie-
       rende Hund  nur noch  nominell bei  dem Geschäft beteiligt). Heut
       vor 8  Tagen schickte  er das Manuskript nach Leipzig. Er wünscht
       nun, daß  ich  z u r  H a n d  b i n,  um die ersten 2 Druckbogen
       zu revidieren  und   z u g l e i c h  z u  e n t s c h e i d e n,
       ob der Schnelldruck  m i t  e i n m a l i g e r  R e v i  s i o n
       m e i n e r s e i t s   "möglich" ist.  In diesem  Fall wäre  die
       ganze Geschichte  fertig in 4-5 Wochen. Nun ist aber die Osterwo-
       che dazwischengekommen.  Wigand jr.  schrieb an  Meißner, daß  er
       erst Ende   d i e s e r   Woche  anfangen kann.  Auf K[ugelmann]s
       dringende Einladung bin ich also (was auch aus ökonomischen Grün-
       den besser)  hierhingegangen für  das Interim.  Ehe ich  nun über
       "Hiesiges" spreche,  nicht zu  vergessen dieses:  Meißner wünscht
       und fordert  Dich durch  mich auf,  daß Du  eine    W a r n u n g
       g e g e n   R u ß l a n d,   zugleich zu  deutschem und französi-
       schem Besten schreibst. Er wünscht, wenn Du's übernimmst, die Sa-
       che rasch.  Es ist ihm aber lieber, wenn Du  m e h r  als weniger
       Bogen schreibst,  da ganz  kleine Pamphlete buchhändlerisch nicht
       ziehn. Über  die Bedingungen  könntest Du ihm bei Übersendung des
       Manuskripts schreiben,  da, wie  er sagt, Ihr Euch über den Punkt
       nicht veruneinigen würdet. Du könntest Dich "ganz gehnlassen", da
       Meißner durchaus keine Rücksichten zu nehmen für nötig hält.
       Also von Hannover.
       Kugelmann ist  ein sehr  bedeutender Arzt  in seinem Spezialfach,
       nämlich als  Gynäkolog. Virchow  und  die  sonstigen  Autoritäten
       (worunter ein
       -----
       1*) des ersten  Bandes des  "Kapitals" -  2*) vielmehr - 3*) Hugo
       Wigand
       
       #290# 140 - Marx an Engels - 24. April 1867
       -----
       gewisser Meyer in Berlin), früher v. Siebold in Göttingen und vor
       seinem Verrücktwerden  Semmelweis in  Wien in  Korrespondenz  mit
       ihm. Wenn hier ein schwieriger Fall in diesem Fach, wird er stets
       als Konsultierender zugezogen. Zur Beschreibung des Fachneids und
       der Lokaldummheit  erzählt er  mir, daß er hier erst ausgekugelt,
       d.h.  nicht  in  die  Gesellschaft  der  Arzte  zugelassen,  weil
       "Gynäkologie" eine  "unmoralische Schweinerei"  sei.  K[ugelmann]
       hat auch viel technisches Talent. Er hat eine Masse neuer Instru-
       mente in diesem Fach erfunden.
       K[ugelmann] ist  zweitens ein fanatischer (und mir zu westfälisch
       bewundernder) Anhänger unsrer Doktrin und unsrer beiden Personen.
       Er ennuyiert  4*) mich manchmal mit seinem Enthusiasmus, der sei-
       nem  in   der  Medizin   kalten  Wesen   widerspricht.  Aber   er
       v e r s i e h t,   und er  ist  g r u n d b r a v,  rücksichtslos
       und  aufopferungsfähig,   was  die   Hauptsache  ist,    ü b e r-
       z e u g t.   Er hat eine nette kleine Frau und eine Tochter von 8
       Jahren, die  allerliebst ist. Er besitzt eine viel beßre Sammlung
       unsrer Arbeiten,  als wir  beide zusammengenommen.  Hier fand ich
       auch die  "Heilige Familie"  wieder, die er mir geschenkt hat und
       wovon er  Dir  ein  Exemplar  schicken  wird.  Ich  war  angenehm
       überrascht, zu  finden, daß  wir uns  der Arbeit nicht zu schämen
       haben, obgleich  der Feuerbachkultus  jetzt sehr humoristisch auf
       einen wirkt.  Das Volk  und in der Hauptstadt Hannover selbst die
       Bourgeoisie sind  extrem  p r e u ß e n f e i n d l i c h  (ditto
       in  K u r h e s s e n)  und äußern ihre Gesinnung bei jeder Gele-
       genheit. Sie  sprechen offen  ihren Wunsch  -    n a c h    d e n
       F r a n z o s e n   aus. Sie  sagen, wenn  man ihnen bemerkt, das
       sei unpatriotisch:  "Die Preußen  taten ganz,  dasselbe. Als  sie
       hier durchrückten,  renommierten sie mit der französischen Hilfe,
       die Offiziere  an der  Spitze, -  im Notfall."  Wehners Vater ist
       hier sehr  geachtet, gilt auch als Welfe [327]. Bismarck schickte
       mir gestern  einen seiner Satrapen, den Advokaten Warnebold (dies
       u n t e r   u n s).  Er wünscht mich und "meine großen Talente im
       Interesse des  deutschen Volks  zu verwerten". Von Bennigsen wird
       "mür" morgen aufwarten.
       Wir zwei  haben doch  eine ganz  andere Stellung  in Deutschland,
       namentlich unter  dem "gebildeten" Beamtentum, als wir wissen. So
       z.B. der  Vorsteher des hiesigen statistischen Büros, Merkel, be-
       suchte mich  und sagte  mir, er  habe jahrelang  über die Geldge-
       schichten vergebens  studiert, und  ich habe sofort die Sache ein
       für allemal  ins klare  gebracht. "Ihr  Dioskur Engels", sagte er
       mir, "ist  kürzlich von  meinem Fachgenossen  Engel in Berlin vor
       der königlichen Familie anerkannt worden." Dies sind Lappalien,
       -----
       4*) langweilt
       
       #291# 140 - Marx an Engels - 24. April 1867
       -----
       aber sie  sind wichtig für uns. Unser Einfluß auf dies Beamtentum
       ist größer als auf die Knoten.
       Ich war  auch eingeladen  bei der Gesellschaft der "Europäer". So
       nennt man  hier die  preußenfeindlichen, norddeutschlichen Natio-
       nalvereinler Esel!
       Auch der  Chef  (Hauptchef,  sagt  Stieber  [328])  des  hiesigen
       Eisenbahnwesens hat mich eingeladen. Ich ging hin, er hatte guten
       Maiwein, eine  "bejeisterte Frau"  und dankte  mir beim  Fortgehn
       "für die große Ehre".
       Ich habe  eine Ehrenschuld an Mr. Wheeler - 10 £ -, Mitglied uns-
       res Council  5*) und  Manager der "Empire Insurance Corporation",
       abzutragen. Du verpflichtest mich sehr, wenn Du ihm das Geld: "G.
       Wheeler, Esq.. 27. Gresham Street, E.C. Private" (London) in mei-
       nem Auftrag schickst. Auch fürchte ich sehr, daß meine Familie in
       London "in profundis" 6*). Es ist mir um so schmerzlicher, da der
       Geburtstag des  armen, guten Jennychens 1. Mai. Um einen Geldcoup
       zu machen,  habe ich Netze ausgeworfen. Ich muß den Erfolg abwar-
       ten.
       Ich habe  mich außerordentlich erholt. Keine Spur des alten Übels
       Dazu, trotz  schwerer Verhältnisse,  guter Humor,  ohne  Leberan-
       schläge.
       Schreib mir   u m g e h e n d  (Adresse: Dr. Kugelmann, Hannover)
       ein paar Zeilen. Salut an Mrs. Burns.
       Dein Mohr
       Freiligrath blamiert  sich durch  seine öffentliche  Bettelei  in
       Deutschland. [329]  Meißner sagt  mir, er  sei in Norddeutschland
       verschollen.
       -----
       5*) Rats - 6*) "in großer Bedrängnis"

       zurück