Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#292# 150 - Engels an Marx - 27. April 1867
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150
Engels an Marx
in Hannover
Manchester, 27. April 1867
Lieber Mohr,
Ich habe Deine beiden Briefe, den letzten gestern nachmittag, be-
kommen und hätte Dir auf den ersten längst geantwortet, wenn ich
gewußt hätte, wohin. Zuerst business 1*). Deiner Frau, die mir
heute morgen schreibt, schick' ich £ 10 und ebenso gleich Anfang
nächsten Monats an Wheeler die andern £ 10. Dies wird Dich in
Beziehung auf diesen Punkt einigermaßen beruhigen, für die
Zukunft eröffnet sich nach dem, was Du schreibst, glücklicher-
weise endlich auch eine erfreuliche Aussicht. Es ist mir immer so
gewesen, als wenn dies verdammte Buch 2*), an dem Du so lange
getragen hast, der Grundkern von allem Deinem Pech war und Du nie
herauskommen würdest und könntest, solange dies nicht
abgeschüttelt. Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich,
geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen,
daß Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz
andrer Kerl vorkommst, besonders da die Welt, sobald Du nur erst
wieder einmal hineinkommst, auch nicht so trübselig aussieht wie
vorher. Besonders wenn man einen so famosen Verleger hat, wie
M[eißner] zu sein scheint. Übrigens fürchte ich, der Schnelldruck
wird sich nicht anders machen lassen, als wenn Du selbst die
ganze Zeit in der Nähe bleibst, d.h. auf dem Kontinent, denn auch
Holland wäre für den Zweck noch nahe genug. Ich glaube nicht, daß
die Gelehrsamkeit der Leipziger Korrektoren für Deine Art
hinreicht. Meine Broschüre 3*) ließ M[eißner] auch bei Wigand
drucken, und was haben die Schisser mir für Zeug da
hineinkorrigiert. Daß das Buch gleich bei seinem Erscheinen
großen Effekt machen wird, davon bin ich überzeugt, aber es wird
sehr nötig sein, dem Enthusiasmus des wissenschaftlichen Bürgers
und Beamten etwas auf die Beine zu helfen und die kleinen Manöver
nicht zu verschmähen. Dafür wird n a c h d e m
E r s c h e i n e n von Hannover aus manches geschehen können,
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1*) Geschäftliches - 2*) der erste Band des "Kapitals" - 3*) "Die
preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei"
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und auch amicus 4*) Siebel, der dieser Tage von Madeira, wie er
sagt wohl und munter, zurückkehrt, und zwar über England, wird
sich mit Vorteil in Bewegung setzen lassen. Dies ist gegenüber
dem Literatenpack notwendig, von dessen gründlichem Haß gegen uns
wir ja Beweise genug haben. Und dann wirken dicke, wissenschaft-
liche Bücher ohne solche Nachhülfe ja doch nur langsam, mit der-
selben aber - confer 5*) Herakleitos den Dunkeln usw. - sehr
"zündend". [330] Dies muß aber diesmal um so sichrer und fleißi-
ger geschehn, als es sich auch um f i n a n z i e l l e Resul-
tate handelt. Die gesammelten Aufsätze wird M[eißner] dann schon
gern nehmen, und damit ist wieder Geld und ferner auch ein neuer
literarischer Erfolg geschaffen. Die Sachen aus der "N[euen]
Rh[einischen] Z[eitung]", der "18. Brumaire" usw., werden dem
Philister jetzt enorm imponieren, und haben wir auf dieser Basis
erst wieder etwas Terrain gewonnen, so finden sich auch bald noch
allerhand andre einträgliche Geschichten. Diese ganze Wendung der
Sache ist mir ungeheuer erfreulich, erstens an sich selbst, zwei-
tens wegen Deiner speziell und Deiner Frau, und drittens, weil es
wirklich Zeit ist, daß sich dies alles bessert. In 2 Jahren läuft
mein contract mit dem Sau-Gottfried 6*) ab, und wie sich die Sa-
chen hier drehen, werden wir beide schwerlich wünschen, ihn zu
verlängern; es wäre sogar nicht unmöglich, daß schon früher eine
Trennung einträte. Ist das der Fall, so muß ich aus dem Commerce
g a n z h e r a u s; denn jetzt noch ein eignes Geschäft anzu-
fangen, hieße 5-6 Jahre fürchterlich schanzen ohne nennenswertes
Resultat und dann noch 5-6 Jahre schanzen, um die Früchte der er-
sten 5 Jahre einzuernten. Dabei ging ich aber kaputt. Ich sehne
mich nach nichts mehr, als nach Erlösung von diesem hündischen
Commerce, der mich mit seiner Zeitverschwendung vollständig demo-
ralisiert. Solange ich da drin bin, bin ich zu nichts fähig, be-
sonders seitdem ich Prinzipal bin, ist das viel schlimmer gewor-
den, wegen der größeren Verantwortlichkeit. Wenn es nicht wegen
der vermehrten Einkünfte wäre, möchte ich wahrhaftig lieber wie-
der Kommis sein. Jedenfalls kommt mein Kaufmannsleben in wenigen
Jahren zu End, und dann werden auch die Einnahmen sehr, sehr viel
spärlicher fließen, und das hat mir denn immer im Kopf gelegen,
wie wir es dann mit Dir machen. Wenn das aber so geht, wie es
sich jetzt anläßt, so wird sich auch das schon arrangieren las-
sen, selbst wenn nicht die Revolution dazwischenkommt und allen
Finanzprojekten ein Ende macht. Geschieht das aber nicht, so be-
halte ich mir vor, mir zu meiner Erlösung einen Hauptspaß zu ma-
chen und ein heitres Buch zu schreiben: L e i d e n u n d
F r e u d e n d e r e n g l i s c h e n B o u r g e o i-
s i e.
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4*) Freund - 5*) vergleiche - 6*) Gottfried Ermen
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Auf Meißners Vorschlag kann ich nicht eingehn. 7*) E i n
p a a r B o g e n wären rasch zusammengeschmiert, aber etwas
Größeres, 6 à 10 Bogen, würden mehr Arbeit erfordern und für den
jetzigen Kriegslärm z u s p ä t kommen. Man kann doch nicht
Sauereien à la Vogts "Studien" [331] zusammenschmieren. Außerdem
würde die Geschichte mehr oder weniger als ein Parteimanifest an-
gesehen, und da müßten wir doch zuerst einen Rat halten. Ich habe
aber seit längerer Zeit ein Anti-Russicum im Kopf, und wenn die
Ereignisse mir einen Anhalt bieten, so fang' ich gleich damit an
und schreibe an Meißner. Die Frage bei mir ist nur roch die, ob
ich das "Nationalitätsprinzip" [332] oder die "orientalische
Frage" in den Vordergrund stelle.
Daß Bismarck bei Dir anklopfen würde, hatte ich erwartet, wenn
auch nicht die Eile. 8*) Es ist bezeichnend für die Denkweise und
den Horizont des Kerls, daß er alle Leute nach sich beurteilt.
Die Bourgeoisie mag wohl die großen Männer von heute bewundern,
sie sieht sich in ihnen widergespiegelt. Alle Eigenschaften, wo-
durch Bonap[arte] und Bismarck Erfolge erreichten, sind kaufmän-
nische Eigenschaften: das Verfolgen eines bestimmten Zwecks durch
Abwarten und Experimentieren, bis der richtige Moment getroffen,
die Diplomatie der stets offnen Hintertür, das Akkordieren und
Abdingen, das Einstecken von Insulten, wenn das Interesse es er-
fordert, das: "ne soyons pas larrons" 9*), kurz, überall der
Kaufmann. Gottfried Ermen ist in seiner Weise ein ebenso großer
Staatsmann wie Bismarck, und wenn man die Schliche dieser großen
Männer verfolgt, so wird man immer wieder auf die Manchester
Börse versetzt. B[ismarck] denkt, wenn ich nur fortfahre, bei
M[arx] anzuklopfen, so treffe ich schließlich doch einmal den
richtigen Moment, und wir machen dann doch ein Geschäftchen zu-
sammen. Der reine Gottfried E[rmen].
Daß der Preußenhaß dort s o stark ist, hätte ich nicht gedacht.
Aber wie stimmt das mit dem Resultat der Wahlen? Die Nationalver-
einsesel [161] brachten doch die Hälfte durch und in Kurhessen
alle bis auf einen.
Vogt hat sich in der "Gartenlaube" in Lebensgröße abbilden las-
sen. Er hat sich in den letzten Jahren noch sehr verschweinert
und sieht gut aus.
Simon von Trier 10*) hat in den "Demokr[atischen] Studien", die
mir neulich in die Hand fielen, ganz naiv ganze Seiten von "Po
und Rhein" 11*) abgeschrieben, ohne zu ahnen, aus welcher vergif-
teten Quelle er schöpfte! [333] So hat auch der Leutnant, der in
"Unsere Zeit" die militärischen Artikel
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7*) siehe vorl. Band, S. 289 - 8*) siehe vorl. Band, S. 290 -
9*) "wir wollen keine Diebe sein" - 10*) Ludwig Simon -
11*) Friedrich Engels: "Po und Rhein"
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schreibt, in "Preußen in Waffen" meine Broschüre 12*) stark ko-
piert, natürlich ebenfalls ohne Quellenangabe.
Rüstow will mit Gewalt preußischer General werden, als ob das so
leicht ginge wie bei Garibaldi. In seinem grundschlechten und
liederlichen Buch über den Krieg [334] kriecht er in optima forma
13*) vor Wilhelm dem Eroberer und dem Prinzen 14*). D a h e r
zieht er nach Berlin.
Ich sah Ernest Jones dieser Tage, er hat von 4 Orten Anfrage,
sich wählen zu lassen unter der neuen Bill [335] - auch von Man-
chester. Schimpft greulich auf die Arbeiter hier and backs the
Prussians at any odds against the French 15*). Ich hoffe, dieser
Saukrieg geht vorüber, ich sehe nicht ein, was Gutes davon kommen
kann. Eine französische Revolution mit von vornherein gegebner
Eroberungsverpflichtung wäre sehr eklig, es scheint fast, als
wolle Bon[aparte] sich mit dem Allergeringsten begnügen, ob aber
der Herr der Heerscharen dem schönen Wilhelm 16*) erlauben wird,
ihm auch nur dieses Geringste zu gewähren, werden wir abwarten
müssen.
Grüße den Dr. Kugelmann unbekannterweise bestens und danke ihm
für die "Heilige Familie" 17*).
Dein F. E.
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12*) "Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpar-
tei" - 13*) bester Form - 14*) Wilhelm I. und Prinz Friedrich
Karl - 15*) und geht mit den Preußen durch dick und dünn gegen
die Franzosen - 16*) Wilhelm I. - 17*) Friedrich Engels und Karl
Marx: "Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik"
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