Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#296# 151 - Marx an Engels - 7. Mai 1867
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151
Marx an Engels
in Manchester
Hannover, 7. Mai 1867
Lieber Fred,
D'abord 1*) meinen besten Dank für Deine Intervention in den
dringendsten casus delicti 2*), dann auch für den ausführlichen
Brief.
Zunächst business 3*). Der verdammte Wigand fing erst 29. April
an zu drucken 4*), so daß ich den ersten Bogen zur Revision vor-
gestern, an meinem Geburtstag, empfing. Post tot pericula! 5*)
Die Druckfehler waren relativ unbedeutend. Den ganzen Druck hier
abzuwarten, unmöglich. In erster Instanz fürchte ich, daß das
Buch viel dicker wird, als ich berechnet hatte. Zweitens erhalte
ich kein Manuskript zurück, muß also für manche Zitate, nament-
lich wo Zahlen und Griechisch ins Spiel kommen, das heimische Ma-
nuskript zur Hand haben und kann auch dem Dr. K[ugelmann] nicht
zu lange Einquartierung aufbürden. Endlich verlangt Meißner den
2. Band für spätestens Ende Herbst. Die Schanzerei muß also so-
bald als möglich beginnen, indem namentlich für die Kapitel über
Kredit- und Grundeigentum viel neues Material seit der Abfassung
des Manuskripts geliefert worden ist. Im Winter soll der dritte
Band fertig gemacht werden, so daß bis nächstes Frühjahr das
ganze opus abgeschüttelt. 6*) Es schreibt sich natürlich ganz
anders, sobald die Druckbogen des bereits Abgeschüttelten a fur
et mesure 7*) eintreffen und unter der Pressure 8*) des Buch-
händlers.
Unterdes ist die Zeit hier nicht unbenutzt vorübergegangen.
Briefe wurden nach allen Ecken geschrieben und vorläufige Notizen
sind in den meisten deutschen Blättern erschienen.
Ich hoffe und glaube zuversichtlich, nach Jahresfrist soweit ein
gemachter Mann zu sein, daß ich von Grund aus meine ökonomischen
Verhältnisse reformieren und endlich wieder auf eignen Füßen
stehn kann. Ohne Dich hätte ich das Werk nie zu Ende bringen kön-
nen, und ich versichre Dir, es hat mir immer wie ein Alp auf dem
Gewissen gelastet, daß Du Deine famose
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1*) Vor allem - 2*) schwierigen Fällen - 3*) Geschäftliches -
4*) den ersten Band des "Kapitals" - 5*) Nach so vielen Gefahren
- 6*) siehe vorl. Band, S. VIII - 7*) entsprechend - 8*) dem
Druck
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Kraft hauptsächlich meinetwenig 9*) kommerziell vergeuden und
verrosten ließest und, into the bargain 10*) noch alle meine pe-
tites misères 11*) mitdurchleben mußtest. Ich kann mir andrer-
seits nicht verheimlichen, daß ich noch ein Jahr of trial 12*)
vor mir habe. Ich habe einen Schritt getan, von dem viel abhängt,
wovon es nämlich abhängt, ob mir von der einzigen Seite, wovon es
möglich ist, einige 100 £ zur Disposition gestellt werden. Es ist
erträgliche Aussicht auf positives Resultat vorhanden, doch
bleibe ich für about 13*) 6 Wochen in der Schwebe. Früher erhalte
ich nicht definitiven Bescheid. Wovor ich mich - abgesehn von der
Unsicherheit - am meisten fürchte, ist die Rückkehr nach London,
die in 6-8 Tagen doch notwendig wird. Die Schulden dort sind be-
deutend, und die Manichäer 14*) warten "dringend" auf meine Rück-
kehr. Dann wieder der Familienjammer, die inneren Kollisionen,
die Hetzjagd, statt frisch und ungeniert an die Arbeit zu gehn.
Dr. K[ugelmann] und seine Frau behandeln mich aufs allerliebens-
würdigste und tun alles, was sie mir nur an den Augen absehn kön-
nen. Es sind vortreffliche Menschen. Sie lassen mir in der Tat
keine Zeit, "den düstren Wegen des eignen Ich" nachzuspähen.
Apropos. Die Bismarcksche Affäre mußt Du ganz geheimhalten. 15*)
Ich versprach, niemandem, auch K[ugelmann] nicht, davon zu spre-
chen. Letztres hielt ich. Ich hatte jedoch natürlich die reserva-
tio mentalis 16*) gemacht, Dich auszunehmen.
Du wunderst Dich, daß, bei dem Preußenhaß hier, die National-
Liberalen [336] (oder, wie Kugelmann sie nennt, d i e
E u r o p ä e r) bei den Wahlen so gut davongekommen sind. 17*)
Die Sache ist sehr einfach. In allen größeren Städten fielen sie
durch, an kleineren Orten siegten sie durch ihre Organisation,
die seit der Gothaer Zeit existiert. [337] Diese Kerls zeigen
überhaupt, wie wichtig Parteiorganisation ist. Das bisher Gesagte
gilt für Hannover. In Kurhessen hat preußische Einschüchterung,
unterstützt vom Geschrei der Nationalvereinler, unbeschränkten
Einfluß ausgeübt. Die Preußen wirtschaften hier unterdessen ganz
persisch. Sie können zwar die Bevölkerung nicht transplantieren
nach ihren Ostprovinzen, aber sie tun es mit den Beamten, bis auf
Railway-Kondukteure 18*) hinab, und für die Offiziere. Sogar die
armen Teufel von Briefträgern müssen nach Pommern. Unterdes
kannst Du jeden Tag Züge von Hessen, Hannoveranern usw. auf der
Eisenbahn nach Bremen beobachten, zur Auswanderung nach den Uni-
ted States. Solange das biedre Deutschland steht, hat es aus al-
len Teilen kein solches Menschengewirr über den Atlantik ge-
schickt. Der eine will den
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9*) so eindeutig bei Marx - 10*) obendrein - 11*) kleinen Miseren
- 12*) der Prüfung - 13*) ungefähr - 14*) lästigen Gläubiger -
15*) siehe vorl. Band. S. 290 und 294 - 16*) den stillschweigen-
den Vorbehalt - 17*) siehe vorl. Band, S. 294 - 18*) Eisenbahn-
schaffner
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Steuern entrinnen, der andre der Militärpflicht, der dritte den
politischen Zuständen, alle dem Säbelregiment und dem gedrohten
Kriegssturm.
Ich habe großes Gaudium hier mit den (preußisch gesinnten) Bour-
geois. Sie wollen Krieg, aber immédiatement 19*). Das Geschäft,
sagen sie, kann die Unsicherheit nicht länger ertragen, und wo
Teufel sollen die Steuern herkommen bei verlängerter Geschäfts-
stockung? Übrigens machst Du Dir schwerlich eine Vorstellung von
dem Druck, den der letzte Krieg und die Steuern auf das Landvolk
in Preußen ausgeübt haben. Es herrscht hier in der preußisch-
westfälischen Nachbarschaft z.B. wahrhaft irischer Zustand.
By the by 20*) hat mich vor ein paar Tagen der Direktor der hie-
sigen Aktiengießerei (hauptsächlich für Wasser- und Gasröhrenfa-
brikation) in dem Werk herumgeführt. Es ist im ganzen sehr gut
organisiert und mit Benutzung vieler ganz moderner Apparate. Je-
doch wird andrerseits noch vielfach (in Details) mit der Hand ge-
dreht, wo die Engländer und Schotten automatische Maschinerie an-
wenden. Mit demselben Direktor ging ich in die Hermanns-Säule-
Werkstatt. Das Zeug wird ebenso langsam fertig wie Deutschland.
Der Hermannskopf, so kolossal, daß Du daneben ein Kind, sieht
herzlich dumm-ehrlich aus, und Herr Arminius war vor allem Diplo-
mat. Die westfälische Biederkeit diente ihm nur zur Maske eines
sehr raffinierten Kopfes. Ich hatte zufällig, in der Grimmschen
Ausgabe der Geschichtsquellen [338], die Du kennst, Herrn Armi-
nium kurz vor meiner Abreise von London wieder kennengelernt.
Du erinnerst Dich doch des J. Meyer (bei Bielefeld), der unser
Manuskript über Stirner usw. 21*) nicht gedruckt und uns den
Jüngling Kriege auf den Hals gesandt hat? [339] Er hat sich vor
einigen Monaten in Warschau, wo er geschäftshalber war, aus dem
Fenster gestürzt und gefälligst seinen Hals gebrochen.
Unser Freund Miquel, der die Freiheit der Einheit so bereitwillig
zu opfern sich geneigt erklärte, soll auf große Posten spekulie-
ren. Le brave homme 22*) verrechnet sich nach meiner Ansicht.
Hätte er sich nicht so bedingungslos fanatisch dem Bismarck hin-
geworfen, so konnte er ein gutes Trinkgeld erstehn. Aber jetzt!
Wozu? Er ist so verhaßt durch sein Auftreten im Norddeutschen
Parlament [340], daß er an die Preußen geschmiedet wie ein Bagno-
sträfling an den andern. Und die Preußen lieben bekanntlich keine
"nutzlosen" und überflüssigen Dépenses 23*). Kürzlich brachte die
Bismarcksche Zeitung, die "N[ord]d[eutsche] Allg[emeine]" des
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19*) sofort - 20*) Karl Marx/Friedrich Engels: "Die deutsche
Ideologie" - 22*) Der brave Mann - 23*) Ausgaben
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Schweinhunds Braß, einen sehr witzigen Artikel über diese Natio-
nalvereinler, worin sie sagt, selbst dem de mortuis nil nisi bene
24*) nicht nachleben zu können. Sie entließ die norddeutschbünd-
lichen nationalvereinlichen Knechte Bismarcks mit künstlerisch
con amore applicierten 25*) Fußtritten.
Was den Krieg angeht, so bin ich ganz Deiner Meinung. J e t z t
kann er nur schädlich wirken. Eine Vertagung desselben, wenn auch
nur für ein Jahr, wäre für uns Gold wert. Einerseits blamieren
sich dabei notwendig Bonaparte und Wilhelm der Eroberer 26*). Die
Opposition in Preußen erwacht wieder (ihr einziges Organ jetzt:
"Die Zukunft" in Berlin, von Jacoby 27*) gestiftet), und in
Frankreich kann's zu Ereignissen kommen. Das Geschäft wird fauler
und fauler, und die Not auf dem Kontinent kann dann weder mit
teutonischen noch gallischen Phrasen überschrien werden.
Nach meiner Ansicht verdanken wir den Kriegsaufschub a u s-
s c h l i e ß l i c h dem Ministerium Derby. Es ist anti-
russisch, und Rußland wagt nicht das Signal zu geben, bevor es
Englands sicher ist. Gladstone, the phrase-monger 28*) (ganz un-
ter dem Einfluß der Lady Palmerston, Shaftesburys, Lord Cowpers),
und Bright, Russell nicht zu vergessen, würden ihm die Garantien
der nötigen englischen Stimmung bieten. Derby mußte auch 1859
entfernt werden, um das Spektakelstück in Italien in Szene zu
setzen. Bismarck, im norddeutschen Parlament, wurde gezwungen,
den Polen den Fehdehandschuh aufs brutalste hinzuwerfen [325] und
sich damit dem Zaren 29*) mit Leib und Seele zu verschreiben.
In der preußischen Armee herrscht unter den besseren Offizieren
großes Mißtrauen wider die Russen, wie ich persönlich hier bei
Hauptmann von Bölzig (Garderegiment, im Kadettenkorps erzogen,
königlich preußischer, aber netter Kerl) erfahren. "Ich begreife
Bismarcks Benehmen in Nordschleswig nicht. Nur die Russen", dies
sagte er aus sich selbst, "haben ein Interesse, uns länger mit
Dänemark gespannt zu halten." Auch nannte er F[riedrich]
W[ilhelm] IV. einen "dunkeln Ehrenmann", der Deutschland für 1/2
Jahrhundert zum Bedienten Rußlands gemacht. Die russischen Offi-
ziere seien "Scheißkerls", die Armee, außer den Garderegimentern,
nichts wert, Östreich allein fähig, es mit der russischen Armee
aufzunehmen usw. Ich setzte ihm noch viele Flöhe über die Mosko-
witer ins Ohr.
Und nun Adio. Herzlichsten Gruß an Mrs. Lizzy.
Tout à vous. 30*)
Dein Mohr
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24*) Motto, über Tote nur Gutes [zu reden] - 25*) mit Wonne ver-
abfolgten - 26*) Wilhelm I. - 27*) Johann Jacoby - 28*) der Phra-
sendrescher - 29*) Alexander II. - 30*) Ganz der Deine.
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