Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #403# 212 - Marx an Engels - 7. Dezember 1867
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       212
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 7. Dez. 1867
       Dear Fred,
       Gestern war  ich vor  bei der Loan Society 1*), um bodily 2*) un-
       tersucht zu  werden. Dies ist keine bloße Formalität, denn stürbe
       ich vor September, so bekäme die Gesellschaft keinen farthing zu-
       rück. Ich  fürchtete, mich ausziehn zu müssen (ein Schicksal, das
       ein Engländer hatte, der mit mir da war). Erstens liebe ich diese
       Inocularspekulation nicht  und zweitens  habe  ich  grade  jetzt,
       außer zahlreichen  Furunkeln, immer  noch auf  der linken  Lende,
       nicht weit  vom Propagationszentrum,  einen  Karbunkel.  Glückli-
       cherweise imponierte  mein Brustkasten dem Kerl so, daß er nichts
       weiter wissen wollte. Montag 12 Uhr erhalte ich das Geld.
       Den Brief  von Siebel hast Du  v e r g e s s e n  einzulegen. Ku-
       gelm[ann] nebst  Beilage erhältst  Du zurück.  3*) Außerdem einen
       von ihm  an mich gesandten Brief nebst Beilagen. Die Schmiere von
       Bürgers [460]  lege zu  den Dokumenten. Dieser Esel ist mit Recht
       von den  Arbeitern zu  Düsseldorf erinnert  worden, daß  er 1. zu
       Lassalles Zeiten  erklärte, "den Verhältnissen Rechnung tragen zu
       wollen", 2.  die "Illusionen  über den Klassenkampf verloren" und
       3. in Schulze-Del[itzsch] die Lösung aller vergangnen und zukünf-
       tigen sozialen Rätsel gefunden zu haben. 4*)
       Was das  schwäbische Blättchen  5*) betrifft, so wäre es ein amü-
       santer Coup, Vogts Freund, den Schwabenmayer 6*), zu prellen. Die
       Sache wäre einfach so zu bewerkstelligen. D'abord 7*) damit anzu-
       fangen, daß,  was man  auch von  der Tendenz des Buchs 8*) denken
       möge, es  dem "deutschen  Geist" Ehre mache und deswegen auch von
       einem Preußen im Exil und nicht in Preußen geschrieben sei. Preu-
       ßen habe  lang aufgehört, das Land zu sein, worin irgendeine wis-
       senschaftliche Initiative,  speziell im politischen oder histori-
       schen oder sozialen Fach, möglich sei oder vorkomme. Es repräsen-
       tiere jetzt  den russischen,  nicht den  deutschen Geist. Was nun
       das Buch
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       1*) Darlehnsgesellschaft - 2*) körperlich - 3*) siehe vorl. Band,
       S. 402  - 4*) siehe  vorl. Band,  S. 496 - 5*) "Der Beobachter" -
       6*) Karl Mayer  - 7*) Zunächst - 8*) des ersten Bandes des "Kapi-
       tals"
       
       #404# 212 - Marx an Engels - 7. Dezember 1867
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       selbst betreffe,  so müsse man zweierlei unterscheiden, die posi-
       tiven Entwicklungen  ("gediegenen" lautet  das zweite  Adjektiv),
       die der  Verfasser gebe, und die tendenziellen Schlußfolgerungen,
       die er  ziehe. Die  ersteren, da  die tatsächlichen  ökonomischen
       Verhältnisse ganz  neu in einer materialistischen (dies Stichwort
       liebt "Mayer" von wegen Vogts) Methode behandelt seien, seien di-
       rekte Bereicherung der Wissenschaft. Beispiel: 1. die Entwicklung
       des Geldes,  2. wie Kooperation, Teilung der Arbeit, Maschinensy-
       stem und  die entsprechenden gesellschaftlichen Kombinationen und
       Verhältnisse sich "naturwüchsig" entwickeln.
       Was nun  die   T e n d e n z  des Verfassers angehe, so müsse man
       wieder unterscheiden.  Wenn er nachweist, daß die jetzige Gesell-
       schaft, ökonomisch  betrachtet,  mit  einer  neuen  höheren  Form
       schwanger gehe, so zeigt er nur sozial denselben allmählichen Um-
       wälzungsprozeß nach,  den Darwin  naturgeschichtlich nachgewiesen
       hat. Die  liberale Lehre des "Fortschritts" (c'est Mayer tout pur
       9*)) schließt  dies ein, und es ist ein Verdienst von ihm, daß er
       selbst da  einen verborgnen  Fortschritt zeigt,  wo die  modernen
       ökonomischen Verhältnisse von abschreckenden unmittelbaren Folgen
       begleitet sind.  Der Verfasser  hat durch  diese seine  kritische
       Auffassung zugleich, vielleicht malgré lui! 10*), allem Sozialis-
       mus von Fach, d.h. allem Utopismus ein Ende gemacht.
       Die  s u b j e k t i v e  Tendenz des Verfassers dagegen - er war
       vielleicht durch  seine Parteistellung und Vergangenheit gebunden
       und verpflichtet dazu -, d.h. die Manier, wie er sich oder andern
       das Endresultat der jetzigen Bewegung, des jetzigen gesellschaft-
       lichen Prozesses vorstellt, hat mit seiner wirklichen Entwicklung
       gar nichts  zu schaffen.  Erlaubte der  Raum, näher einzugehn, so
       könnte vielleicht  gezeigt werden, daß seine "objektive" Entwick-
       lung seine eignen "subjektiven" Grillen widerlegt.
       Wenn Herr  Lassalle die Kapitalisten ausschimpfte und dem preußi-
       schen Krautjunkertum  schmeichelte, so  zeigt Herr M[arx] dagegen
       die historische  "Notwendigkeit" der  kapitalistischen Produktion
       nach und  geißelt den bloß konsumierenden aristokratischen Grund-
       junker. Wie  wenig er die Ideen seines abtrünnigen Schülers, Las-
       salles, über  Bismarcks Beruf  zur Einführung  eines ökonomischen
       Millenniums 11*)  teilt,  hat  er  nicht  nur  früher  in  seinen
       Protesten gegen  den  "königlich  preußischen  Sozialismus"  12*)
       gezeigt, sondern  spricht er  offen wieder aus p. 762, 763, wo er
       sagt, daß  das in Frankreich und Preußen jetzt herrschende System
       das régime der
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       9*) das ist  echt Mayer - 10*) wider Willen! - 11*) Tausendjähri-
       gen Reichs  - 12*) Karl Marx/Friedrich Engels: "Erklärung. An die
       Redaktion des 'Social-Demokrat'"
       
       #405# 212 - Marx an Engels - 7. Dezember 1867
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       russischen Knute  über den  Kontinent von Europa verhängen werde,
       wenn man ihm nicht zeitig Einhalt tue. [461]
       Dies ist  meiner Ansicht  nach die Manier, den Schwabenmayer (der
       ja auch  meine Vorrede  gedruckt hat  [358]) zu  prellen, und  so
       klein sein  Saublättchen, ist  es doch  das populäre Orakel aller
       Föderalisten in Deutschland und wird auch im Ausland gelesen.
       Was den  Liebknecht angeht, so ist's in der Tat eine Schande, daß
       er mit  den vielen  Winkelblättern, die ihm zu Gebot stehn [462],
       nicht spontanément  13*) kurze Notizen einschickte, wozu kein ihm
       von Natur  widerstrebendes Studium  erheischt war.  Da versteht's
       Herr Schweitzer  et Co.  besser,  wie  Du  aus  dem  beiliegenden
       "Soc[ial]-Dem[okrat]"   siehst.    (Kug[elmann]   hat   ihn   mir
       geschickt.) Ich  habe (dies  bloß   u n t e r   u n s)  dem Guido
       Weiß  von   der  "Zukunft"  gestern  eine  Zusammenstellung  14*)
       geschickt, auf  der einen Seite die verballhornenden Plagiate des
       von Hofstetten,  auf der  andern die  Originalstellen aus  meinem
       Buch. Ich habe ihm zugleich geschrieben, daß dies  n i c h t  i n
       m e i n e m  N a m e n,  sondern als von der "Zukunft'" ausgehend
       gedruckt werden  muß (oder,  wenn das  untulich,  als  von  einem
       Berliner Leser  der "Zukunft").  Nimmt Weiß  dies   (u n d  i c h
       g l a u b e   e s),   so ist  nicht nur der Berliner Arbeiter auf
       das Buch  aufmerksam gemacht  durch Zitation von Stellen, die ihn
       direkt  interessieren,  sondern  eine  höchst  nützliche  Polemik
       eröffnet, und der Plan des Schweitzer, das Buch zu ignorieren und
       seinen Inhalt  zu exploitieren,  im Arsch.  Gottvoll  von  diesen
       Kerls, wie  sie Lassalles Plan 15*) glauben fortsetzen zu können.
       Gibt es  etwas Naiveres als die Art und Weise, wie von Hofstetten
       und Bürger  Geib sich  auf der Generalversammlung des Allgemeinen
       Deutschen Arbeitervereins  in die  Vermöblung  meines  Abschnitts
       über den "Arbeitstag" 16*) geteilt haben? [463]
       Salut.
       Dein K. Marx
       My compliments  to Mrs.  Burns. Schorlemmers Kompendium [418] ge-
       fällt mir außerordentlich.
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       13*) aus eigenem  Antrieb  -  14*) Karl  Marx:  "Plagiarismus"  -
       15*) siehe vorl.  Band, S.  534 - 16*) siehe Band 23 unserer Aus-
       gabe, S. 245-320

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