Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #420# 3 - Engels an Hermann Engels - 2. November 1864
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       Engels an Hermann Engels
       in Barmen
       
       Manchester, 2. Nov. 1864
       Lieber Hermann,
       Mit dem  Niersteiner ist  es nichts. Der Wein ist hier angekommen
       und hat  einen dezidierten 1*) Stich, er schmeckt ganz anders als
       bei Euch,  und ich werde daher darauf verzichten müssen, mehr da-
       von kommen zu lassen.
       Die Geldkrise  ist, denk'  ich, vorüber. Es können nur noch 3 Sa-
       chen einwirken:
       1. mögliche starke  Falliten infolge  schlechter Nachrichten  aus
       Indien.  Diese   werden  aber   von  den  Meistbeteiligten  nicht
       erwartet. Indien  hat seine  Krisis im  Frühjahr gehabt,  wo  der
       Diskonto in Bombay 32% stand.
       2. starke Anfuhren  von Baumwolle in Liverpool, etwa 100 000 Bal-
       len in  einer Woche,  wodurch eine Masse verlustbringender Liefe-
       rungsgeschäfte plötzlich zur Abwickelung kämen und dadurch Falli-
       ten entständen.  Auch diese Gefahr scheint vorüberzugehn. Die Li-
       verpooler wissen,  wie tief sie alle im Schwindel sitzen und sind
       sehr tolerant  untereinander. Wer nicht die Volle verlorne Diffe-
       renz zahlen kann, offeriert einen Teil, und der Akkord kommt mei-
       stens zustande. Dazu sind die einlaufenden Anfuhren mäßig, und so
       wird die  schwimmende Baumwolle  (400 000 Ballen  von Indien  und
       China) wohl  allmählich ankommen und große Schläge vermieden wer-
       den.
       Was für  beide Punkte  günstig ist, ist die entschiedne Besserung
       im Geldmarkt und die Rückkehr des Vertrauens.
       3. wenn Lincoln in Amerika  n i c h t  gewählt würde. Die Wieder-
       wahl ist  aber so  sicher wie  in Amerika  nur irgend  etwas sein
       kann. Mir  scheint die Fortführung des Kriegs bis zur vollständi-
       gen Unterwerfung  des Südens  unzweifelhaft, einerlei, wer Präsi-
       dent wird,  aber sollte  McClellan gewählt  werden, so  träte für
       mindestens 6  Monate Unsicherheit  ein, bis man erst genau wüßte,
       was seine  Politik ist. Aber nach den Wahlen in den Einzelstaaten
       ist davon keine Rede.
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       1*) ausgesprochenen
       
       #421# 3 - Engels an Hermann Engels - 2. November 1864
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       Das Resultat  von alledem ist nach meiner Ansicht: Der amerikani-
       sche Krieg  dauert fort,  sicher bis  spät ins folgende Jahr, und
       endigt in  einem Räuberkrieg südlicher Banden wie in Neapel vor 2
       Jahren [475],  wobei sicher  viel Baumwolle  verbrannt wird.  Wir
       bleiben also  auf dieselben  Quellen für Baumwolle angewiesen wie
       im letzten  Jahr. Diese  liefern nur langsam verstärkte Zufuhren.
       Da aber  die Konsumtion sich mehr und mehr wegen der hohen Preise
       eingeschränkt hat,  so müssen die Vorräte fertiger Waren, auch in
       Händen der  einzelnen Konsumenten  selbst, jetzt  äußerst  gering
       sein, und  da doch  ein sehr  starkes Quantum Baumwollwaren nicht
       für die  Konsumtion entbehrt werden kann, so glaub' ich, daß eine
       vermehrte Nachfrage  der vermehrten  Zufuhr von  roher  Baumwolle
       vollständig die  Stange halten wird und daher wir nicht nur nicht
       mehr dauernd  fallen, sondern  selbst bis  gegen nächsten  Sommer
       hier im allgemeinen steigen müssen.
       Während der Geldkrise war der Preis der Baumwolle nicht durch die
       Lage des Baumwollengeschäfts bestimmt, sondern durch die Lage des
       Geldmarkts im  allgemeinen. Ich  glaube, darüber  sind wir  jetzt
       weg, und  die Preise werden wieder naturgemäß durch Nachfrage und
       Angebot bestimmt  werden, und  dann ist bei der gesunden Lage des
       Geschäfts und  den absolut  mangelnden Vorräten, bei den jetzigen
       niedrigeren Preisen,  sicher ein  gutes Geschäft  bei  im  ganzen
       steigenden Preisen zu erwarten.
       Einzelne Schläge  können noch  kommen, sei  es von Indien, sei es
       von Liverpool.  Wir mögen  dadurch momentan wieder etwas gedrückt
       werden, aber  das kann  weder von  Dauer noch von Bedeutung sein,
       und es  wäre sicher ein Fehler, daraufhin a la baisse 2*) zu spe-
       kulieren. Dagegen  bin ich  ebenso sicher, daß jeder Versuch, die
       Preise wieder  rasch hinaufzuschwindeln  sofort an  den  hiesigen
       Käufern wie  am Geldmarkt scheitern würde. Dies zeigte sich schon
       gestern. Baumwolle  ist 3-3 1/2 d. über den niedrigsten Punkt ge-
       stiegen, Garne  1 d., in einigen Fällen 1 1/2 d. Gestern verlang-
       ten die  Spinner ca.  1 d.  ferneren Aufschlag,  und das Geschäft
       [4769 kam  sofort ins  Stocken. Gelingt es uns, die Preise in Li-
       verpool wieder  1/2 Penny  à 1  Penny zu  drücken, so  können die
       Spinner die  offerierten Preise  nehmen, sonst  werden die Käufer
       wohl schließlich den Aufschlag zahlen müssen, denn der Bedarf ist
       unleugbar da.
       Sewings 3*) sind noch sehr flau, besonders sieben Leas 4*), diese
       will kein Mensch kaufen.
       Hier hast Du meine Meinung. Wir haben uns für ein bis zwei Monate
       gedeckt und erwarten in acht bis vierzehn Tagen starke Orders.
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       2*) auf Fallen der Preise - 3*) Nähgarne - 4*=) englisches Maß; 1
       Lea = 109,727 m
       
       #422# 3 - Engels an Hermann Engels - 2. November 1864
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       Grüße Emma,  die Kleinen, Rudolfs, Blanks und Boellings, und wenn
       Du nach  Engelskirchen schreibst,  auch die Mutter und die Dorti-
       gen. Die  mit dem  Fallen der  Preise verknüpften Schikanen haben
       mir viel Schererei gemacht.
       Dein Friedrich

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