Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


       zurück

       #423# 4 - Engels an Joseph Weydemeyer - 24. November 1864
       -----
       4
       
       Engels an Joseph Weydemeyer
       in St. Louis
       
       Manchester, 24. Nov. 1864
       Lieber Weydemeyer,
       Es war  mir sehr  erfreulich, endlich einmal wieder etwas von Dir
       zu hören.  [40] Wir  sind jahrelang  ohne Deine  Adresse gewesen,
       sonst hättest  Du schon früher Denkzettel von mir bekommen. Meine
       Adresse ist  noch immer  Ermen & Engels und wird's auch wohl noch
       ein Stück  oder fünf  Jahre bleiben,  wenn in  Deutschland nichts
       losgeht. Marx'  Adresse ist  Nr. 1, Modena Villas, Maitland Park,
       Haverstock Hill,  London, aber  Dr. Marx, London, findet ihn auch
       nötigenfalls.
       Der kleine  fette Schweine-Blind macht sich hier in Europa, wo er
       kann, ebenso  breit wie  drüben, es  ist das einzige Pläsierchen,
       welches dieses Tierchen hat, und er betreibt das mit einer Emsig-
       keit, welche  einer bessern  Sache und eines größern Erfolgs wert
       wäre. Indes,  seit Marx  ihm im "Herrn Vogt" so derb auf den Kopf
       gehauen, bleibt er uns weit vom Schuß weg.
       Was Lassalles  Kokettieren mit  Bismarck anging, so ist das nicht
       wegzuleugnen. Die  von Blind zitierten Stellen hat L[assalle] al-
       lerdings in  seiner Verteidigungsrede  in Düsseldorf  [38] gesagt
       und selbst  drucken lassen,  so daß  da nichts zu machen ist. Bei
       all seinen  bedeutenden Eigenschaften  hatte L[assalle] den jüdi-
       schen Respekt  vor dem  momentanen Erfolg,  der es  ihm unmöglich
       machte, keinen  Respekt vor  Louis Bonaparte  zu haben und solche
       direkt bonapartistische Prinzipien nicht zu äußern, wie er getan.
       Wer ihn  näher kannte,  für den  war dies nichts Vereinzeltes. Du
       kannst Dir  denken, daß dies für uns so unangenehm war wie es ein
       gefunden Fressen  war für das Ferken Blind, und schon dies allein
       wäre für uns hinreichend gewesen, zu Lassalles Lebzeiten mit sei-
       ner ganzen Agitation nichts zu tun zu haben, obwohl auch noch an-
       dre Gründe  vorlagen. Indessen,  das ist jetzt vorbei, und es muß
       sich zeigen, ob seine Agitation bloß Strohfeuer war oder ob wirk-
       lich etwas dahintersteckt.
       Du wirst  gehört haben,  daß unser  armer Lupus  am 9. Mai dieses
       Jahres hier  gestorben ist.  Das war  ein ganz andrer Verlust für
       die Partei  als Lassalle.  So einen eichenfesten Kerl, der so zum
       Volk zu sprechen wußte und stets
       
       #424# 4 - Engels an Joseph Weydemeyer - 24. November 1864
       -----
       im schwierigsten  Moment erst  recht auf  dem Fleck war, bekommen
       wir nie  wieder. Er hatte volle 4 Wochen die scheußlichsten Kopf-
       schmerzen, sein  deutscher  Arzt  verbummelte  ihn,  und  endlich
       platzte ihm  von der  kolossalen Blutüberfüllung  im Gehirn  eine
       Ader, er verlor allmählich das Bewußtsein und starb 10 Tage nach-
       her.
       Hier in  Europa geht's langweilig her. Die Unterdrückung des pol-
       nischen Aufstandes  [19] war  das letzte  entscheidende Ereignis;
       für seine  Mithülfe hierbei erhielt Bismarck Erlaubnis vom Zaren,
       Schleswig-Holstein den  Dänen abzunehmen.'  Es wird lange dauern,
       ehe Polen  wieder imstande sein wird, selbst mit Hülfe von außen,
       sich zu  erheben, und  doch ist uns Polen ganz unentbehrlich. Die
       Gemeinheit der  deutschen liberalen Spießbürger ist schuld daran;
       hätten die Hunde in der preußischen Kammer mehr Einsicht und Cou-
       rage gehabt, so könnte alles gut gehn - Östreich war jeden Augen-
       blick bereit,  zugunsten Polens  loszugehn, und  nur die Stellung
       Preußens hat  es verhindert,  und der Verrat des Herrn Bonaparte,
       der natürlich  seine Versprechungen an die Polen erst dann halten
       wollte, wenn  er sicher  ging, d.h. wenn Preußen und Östreich ihn
       deckten.
       Euer Krieg drüben ist doch eins der großartigsten Dinger, die man
       erleben kann.  Trotz der vielen Dummheiten, die in den nördlichen
       Armeen vorfallen  (im Süden  auch genug), wälzt sich die Woge der
       Eroberung doch  langsam und  sicher voran,  und im Laufe 1865 muß
       wohl jedenfalls  der  Moment  eintreten,  wo  der    o r g a n i-
       s i e r t e   Widerstand des  Südens zusammenknackt  wie ein  Ta-
       schenmesser und  der Krieg sich in Banditenwirtschaft auflöst wie
       im Karlistenkrieg  in Spanien  [477]  und  neuerdings  in  Neapel
       [476]. Solch  ein Volkskrieg,  auf beiden  Seiten, ist  noch  nie
       dagewesen, seitdem  große Staaten bestehn, und er wird jedenfalls
       der Zukunft  von ganz  Amerika auf Hunderte von Jahren hinaus die
       Richtung anweisen. Ist einmal mit der Sklaverei die größte Fessel
       der politischen  und sozialen Entwicklung der Vereinigten Staaten
       gesprengt, so  muß das  Land einen  Aufschwung  nehmen,  der  ihm
       binnen kürzester  Frist eine  ganz andre  Stellung in  der  Welt-
       geschichte anweist,  und die  Armee und Flotte, die der Krieg ihm
       schafft, wird dann bald ihre Verwendung finden.
       Übrigens war es zu begreifen, daß der Norden nur schwer sich eine
       Armee und  Generale schaffen  konnte. Die  Oligarchie des  Südens
       hatte von  vornherein die wenigen kriegerischen Kräfte des Landes
       unter ihre  Leitung gebracht,  sie lieferte die Offiziere und be-
       stahl noch  dazu die  Arsenale. Der Norden fand kein Material vor
       als die  Miliz, der  Süden hatte  seit Jahren  sich eingeübt. Der
       Süden hatte von vornherein eine Reiterbevölkerung für leichte Ka-
       vallerie, die dem Norden in diesem Maße abging. Der Norden
       
       #425# 4 - Engels an Joseph Weydemeyer - 24. November 1864
       -----
       über[nahm] 1*)  die vom  Süden her  eingeführte Manier  der  Par-
       teigänger-Stellenvergebung; der  Süden, inmitten einer Revolution
       und mit militärischer Diktatur, konnte sich darüber hinwegsetzen.
       Daher all die Böcke. Ich leugne nicht, daß Lee ein beßrer General
       ist als  alle, die der Norden hat, und daß seine letzten Feldzüge
       um das  verschanzte Lager  von Richmond  [24] Meisterstücke sind,
       wovon der  gloriose Prinz  Friedrich Karl  von Preußen  sehr viel
       lernen könnte.  Aber die  determinierten Angriffe  von Grant  und
       Sherman haben  doch schließlich  alle Strategie  nutzlos gemacht.
       Daß Grant  kolossal viel Menschen opfert ist klar, aber konnte er
       anders? Ich  habe gar  keine Vorstellung  von  der  disziplinären
       Stufe, auf  der Eure  Armee steht, von der Kohäsion im Feuer, die
       sie besitzt, von ihrer Fähigkeit und Lust, Strapazen zu ertragen,
       und namentlich  nicht von  der Art  und Weise ihres  m o r a l e,
       d.h. was  man von ihr verlangen darf, ohne sie zu demoralisieren.
       Alles das  muß man  kennen, ehe  man sich  auf dieser  Seite  des
       Wassers und  bei den  mangelhaften Berichten  und der Abwesenheit
       aller ordentlichen  Karten ein  Urteil erlauben  darf.  Das  aber
       scheint mir  sicher, daß die Armee, die Sherman jetzt führt, Eure
       beste ist,  der von  Hood so  sehr überlegen  wie die von Lee der
       Grantschen.
       Euer Reglement  und Elementartaktik  sind, höre ich, ganz franzö-
       sisch - also wohl Kolonne mit Zugsdistanz Grundform. Was habt Ihr
       jetzt für  Feldartillerie? Kannst  Du mir  über diese Punkte Auf-
       schluß geben,  so wirst Du mich verbinden. Was ist aus dem großen
       Anneke geworden?  Seitdem  die  Schlacht  bei  Pittsburgh-Landing
       beinah' verloren  ging, weil man ihm nicht alles das verschaffte,
       was er  nach dem preußischen Reglement hätte haben müssen, ist er
       für mich verschollen. Willich scheint sich von den Deutschen, die
       den ganzen  Krieg mitgemacht,  noch am  besten gehalten zu haben,
       Sigel dagegen  seine Mittelmäßigkeit  unmistakably  2*)  dokumen-
       tiert. Und  Schurz, der  tapfre Schurz,  der im Kugelregen dahin-
       sprengende Furz, was für Feinde vernichtet der jetzt?
       Apropos. Die preußischen Kanonen, die Düppel und Sonderburg [478]
       auf 6500  Schritt zusammengeschossen,  sind  unsre  alten  langen
       bronzenen 24  Pfünder, gezogen und auf Hinterladung eingerichtet,
       54-Pfund-Geschoß und 4-Pfund-Ladung! Ich hab' sie selbst gesehn.
       Beste Grüße an Deine Frau.
       Dein F. Engels
       -----
       1*) schwer lesbar - 2*) unverkennbar

       zurück