Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #458# 22 Engels an Joseph Weydemeyer - 10. März 1865
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       Engels an Joseph Weydemeyer
       in St. Louis
       
       Manchester, 10. März 1865
       Lieber Weydemeyer,
       Endlich komme ich dazu, Deinen Brief vom 20. Jan. zu beantworten.
       Ich hatte ihn an Marx geschickt, der ihn - teils durch Unwohlsein
       abgehalten -  sehr lange behalten, in fact erst heute vor 8 Tagen
       zurückgeschickt hatte  1*), so  daß ich mit dem Steamer 2*) nicht
       mehr schreiben  konnte; das Geschäft nahm mich den Tag zu sehr in
       Anspruch.
       Meinen besten  Dank für  Deine ausführliche  Beantwortung  meiner
       Fragen. 3*)  Bei der  liederlichen Berichterstattung der hiesigen
       Zeitungen  über  Militaria  4*)  war  mir  der  Faden  aller  der
       "kombinierten" Operationen  verlorengegangen; die Red-River-Expe-
       dition  [499]  war  mir  ganz  unerklärlich  geblieben,  und  die
       Shermans [49]  von Vicksburg aus nach Osten auch nur sehr dunkel,
       da von  dem Südkorps  von New  Orleans aus hier nie die Rede war.
       Diese kombinierten  Operationen mit einem Vereinigungspunkt nicht
       nur im  Bereich des  Feindes, sondern selbst im Rücken seiner Li-
       nien zeigen  eben, wie  roh die Begriffe von Strategie waren, die
       eine ganzkriegsunerfahrne  Nation sich machen muß. Und doch, wenn
       der edle  Wrangel und  Prinz Friedrich  Karl im  Dänenkrieg [322]
       nicht 2  gegen 1 gewesen wären, sie hätten ganz ähnliche Streiche
       gemacht. Die  Geschichte bei Missunde [500] und die 2 unerklärli-
       chen "Demonstrationen"  (um dem  namenlosen Ding doch irgendeinen
       Namen zu geben) gegen Düppel vor dem Sturm waren eher noch kindi-
       scher.
       Was Grants  Benehmen vor  Richmond [24]  angeht, so suche ich mir
       das auf  eine andre  Weise zu  erklären. Ich bin ganz Deiner Mei-
       nung, daß strategisch nur der Angriff auf die Westseite Richmonds
       richtig war. Mir scheint es aber - soweit man bei der weiten Ent-
       fernung und den ungenauen Nachrichten urteilen kann - daß Gr[ant]
       aus 2  Gründen die Ostseite vorzog: 1. weil er hier sich leichter
       verproviantieren konnte.  Während auf  der Westseite  ihm nur die
       Bahn auf Fredericksburg und die nach Tennessee
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 83 - 2*) Dampfer - 3*) siehe vorl. Band,
       S. 424/425 - 4*) Militärisches
       
       #459# 22 Engels an Joseph Weydemeyer - 10. März 1865
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       (beide in erschöpfte Gegenden führend) zu Gebot standen, hatte er
       auf der  Ostseite die Fredericksburger Bahn und dazu den York und
       James River.  Bei der  Schwierigkeit der Verproviantierung großer
       Armeen, die  im ganzen  Krieg eine  so wichtige  Rolle  gespielt,
       möchte ich  Grant nicht unbedingt verurteilen, bis ich darüber im
       klaren bin.  Du wirfst  ihm vor, daß er die See in den Rücken ge-
       nommen habe.  Aber wenn  man die  See beherrscht  und sichre Ein-
       schiffungspunkte hat  (Monroe und  Norfolk), so  ist das ein Vor-
       teil. Vergleiche  Wellingtons Feldzüge  in Spanien  und den Krim-
       feldzug, wo  die Alliierten,  die Sieger  an  der  Alma,  positiv
       d u r c h b r a n n t e n,   um nur  den Rücken  durch die schüt-
       zende See südlich von Sewastopol gedeckt zu bekommen. Daß der Be-
       sitz des Shenandoahtals der beste Weg war, Washington zu sichern,
       ist klar. Aber? Hier kommt
       2.   w o l l t e   Grant (und  Lincoln) Washington ganz gesichert
       haben? Mir  scheint im  Gegenteil, daß bei der lockern Bundesver-
       fassung und der stellenweise so großen Gleichgültigkeit gegen den
       Krieg im  Norden Lincoln nie die Konföderierten hat ernstlich aus
       Richmond vertreiben, daß er sie im Gegenteil grade hat festhalten
       wollen in  einer  Stellung,  die  Washington,  Pennsylvanien  und
       selbst New York einigermaßen bedrohte. Ich glaube, ohne das hätte
       er weder  die Rekruten  noch das  Geld bekommen,  um den Krieg zu
       Ende zu  führen. Daß  Grant seit 3-4 Monaten Richmond gern hätte,
       glaube ich  wohl, aber dazu reichen seine Streitkräfte nicht aus.
       Ich sehe  sie auf  von 70-90 000  Mann und  Lee auf 50-70 000 ta-
       xiert. Ist  das Verhältnis  annähernd richtig,  so ist es bei dem
       anerkannt falschen  strategischen Angriff  alles Mögliche, daß er
       es dahin gebracht hat, dem Lee alle offensive Verteidigung zu le-
       gen und Richmond wenigstens auf 3 Seiten aus 4 zu zernieren. Denn
       nach der  brillanten Benutzung  der offensiven  Rückschläge,  die
       grade Lee  seit 2  Jahren vor allen Nord- und Südgeneralen ausge-
       zeichnet hat, kann ich nicht glauben, daß er anders als gezwungen
       auf diese  Art des  Kampfs verzichtet.  Der  Norden  gewann  aber
       enorm, wenn  es ihm  gelang, die beste Armee des Südens durch ein
       kindisches point  d'honneur 5*)  bei Richmond  an einer  Ecke des
       südlichen Gebiets so lange festzuhalten, bis das ganze Hinterland
       zuerst durch  die Eroberung des Mississippitals und dann nochmals
       durch Shermans  Zug abgeschnitten  und militärisch  für den Süden
       desorganisiert war,  bis dann endlich, was jetzt der Fall zu sein
       scheint, sämtliche disponible Truppen der Union auf Richmond mar-
       schieren und  ein entscheidender Schlag die ganze Sache beendigen
       kann.
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       5*) Prestige
       
       #460# 22 Engels an Joseph Weydemeyer - 10. März 1865
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       Die letzten Nachrichten, die wir haben, reichen bis zum 25. Febr.
       von New  York, d.h. sie schließen ein die Einnahme von Charleston
       und Wilmington  und Shermans  Vormarsch von Columbia auf Winnsbo-
       rough. Dieser Sherman scheint im Norden der einzige Kerl zu sein,
       der aus  den Beinen seiner Soldaten Erfolge herauszuschlagen ver-
       steht. Er  muß übrigens  famose Jungens unter sich haben. Ich bin
       nun begierig,  was geschehen  wird. Wenn  Lee seine  verzweifelte
       Lage richtig beurteilt, so bleibt ihm nichts übrig, als aufzupac-
       ken und nach Süden zu gehn. Aber wohin?  O f f e n  steht ihm nur
       der Weg nach Lyneburg und Tennessee; das wäre aber sehr riskiert,
       in das  enge Gebirgstal  mit nur  einer Eisenbahn zu marschieren,
       und Knoxville  und Chattanooga befestigt vor der Front. Das hieße
       außerdem, Beauregard  wahrscheinlich, Hardee  und alle  andern in
       Nordkarolina stehenden  konföderierten Truppen  direkt opfern und
       Sherman die  Flanke bieten. Oder aus Petersburg debouchieren 6*),
       Grants linken  Flügel werfen  und direkt  südlich  gegen  Sherman
       marschieren? Gewagt,  aber besser; der einzige Weg, die Reste der
       fliehenden  Armeen   an  sich  zu  ziehn,  durch  Zerstörung  der
       Eisenbahnen und  Brücken Grant  aufhalten und  über  Sherman  mit
       Übermacht herfallen.  Stellt sich dieser der Gesamtmacht, so wird
       er sicher  geschlagen, weicht er aus nach der Küste, so öffnet er
       Lee den Weg nach Augusta, wo er den ersten Ruhepunkt findet. Dann
       würden aber  Sherman und  Grant sich  sicher vereinigen und damit
       Lee wieder  der Übermacht  ausgesetzt, und  diesmal so gut wie im
       offnen Felde;  denn ich glaube nicht, daß die Konföderierten noch
       einmal soviel  Festungsgeschütz an  irgendeinem Punkt  des Innern
       konzentrieren können, um dort ein neues Richmond zu organisieren.
       Und selbst  wenn das geschähe, so liefen sie nur aus einer Mause-
       falle in  die andre.  Oder aber - Invasion des Nordens? Dazu wäre
       Jefferson Davis  wohl kapabel,  damit wäre  aber auch alles in 14
       Tagen am Ende.
       Nun aber  kann Lee  auch bloß einen Teil seiner Kräfte nach Süden
       schicken, um  im Verein mit Beauregard und Konsorten Sherman auf-
       zuhalten, und  dies scheint  mir das Wahrscheinlichste. In diesem
       Fall wird  Sherman sie wahrscheinlich gehörig "verhauen", um süd-
       deutsch zu  sprechen, und  dann sitzt  Lee erst  recht fest. Aber
       selbst wenn  Sherman geschlagen  würde, hätte Lee nur einen Monat
       Aufschub erreicht, und die von allen Seiten der Küste anrückenden
       Truppen -  von Grants  Erfolgen in der Zwischenzeit gegen die ge-
       schwächte Richmonder  Armee nicht zu reden - würden ihn bald wie-
       der in die alte schlimme Lage bringen. Sowieso
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       6*) vorrücken
       
       #461# 22 Engels an Joseph Weydemeyer - 10. März 1865
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       ist die  Sache am Ende, und ich sehe mit der größten Spannung je-
       dem Steamer entgegen; es regnet jetzt aufregende Nachrichten. Die
       strategischen Spekulationen  der  hiesigen  zahlreichen  southern
       sympathisers 7*)  sind höchst  komisch anzuhören,  sie resümieren
       sich alle in dem Wort des polnischen Pfälzergenerals Sznayde, der
       bei jedem Durchbrennen sagte: Wir machen es grade wie Kossuth.
       Übrigens bin ich Dir sehr dankbar für Deine Aufklärungen über die
       dortigen militärischen Einrichtungen, ich habe nach vielen Seiten
       hin erst  dadurch ein  klares Bild  über den Krieg dort erhalten.
       Die canons Napoleon kenne ich seit x Zeiten, die Engländer hatten
       sie (leichte  glatte  12-Pfünder  mit  Ladung  1/4  Kugelgewicht)
       b e r e i t s  w i e d e r  a b g e s c h a f f t,  als Louis Bo-
       nap[arte] sie  nochmals erfand. Preußische Haubitzen könnt Ihr in
       Masse haben,  da sie  jetzt alle abgeschafft sind und durch gezo-
       gene 6-Pfünder und 4-Pfünder (die 13 und 9 Pfund schwere Granaten
       schießen) ersetzt.  Daß Eure  Haubitzen bloß 5° Elevation 8*) ha-
       ben, wundert mich nicht, die französischen alten langen Haubitzen
       (bis 1856)  hatten auch  nicht mehr  und die englischen, wenn ich
       nicht irre, nur wenig mehr. Der hohe Bogenwurf aus Haubitzen exi-
       stierte überhaupt  seit langer  Zeit nur  noch bei den Deutschen;
       die große Unsicherheit namentlich der Längenrichtung hatte ihn in
       Verruf gebracht.
       Jetzt zu andern Dingen.
       Allerdings hatte  sich in  Berlin ein  Frankfurter  Advokat  "von
       Schweitzer" mit einem Blättchen etabliert: "Der Social-Demokrat",
       und uns zur Mitarbeiterschaft aufgefordert. Da Liebknecht, der in
       Berlin ist, an die Redaktion kommen sollte, akzeptierten wir. 9*)
       Nun aber  entstand in dem Blättchen einerseits ein unerträglicher
       Lassallekultus, während wir inzwischen positiv erfuhren (die alte
       Hatzfeldt erzählte es dem Liebknecht und forderte ihn auf, in dem
       Sinne zu  wirken), daß Lass[alle] viel tiefer mit Bism[arck] drin
       war, als wir je gewußt hatten. Es existierte eine förmliche Alli-
       anz zwischen  beiden, die so weit gekommen war, daß Lassalle nach
       Schleswig- Holstein  gehn sollte  und da  für die  Annexation der
       Herzogtümer an  Preußen auftreten, während Bism[arck] weniger be-
       stimmte Zusagen  wegen Einführung  einer Art  allgemeinen  Stimm-
       rechts und bestimmtere wegen Koalitionsrecht und sozialen Konzes-
       sionen, Staatsunterstützung  für Arbeiterassoziationen  usw.  ge-
       macht hatte.   G e d e c k t   war  der dumme  Lassalle dem  Bis-
       m[arck] gegenüber  durch   g a r  n i c h t s, au contraire 10*),
       er wäre sans
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       7*) Anhänger der  Südstaaten -  8*) Erhöhungswinkel  -  9*) siehe
       vorl. Band, S. 21 - 10*) im Gegenteil
       
       #462# 22 Engels an Joseph Weydemeyer - 10. März 1865
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       façon 11*)  ins Loch  geworfen worden,  sobald er unbequem wurde.
       Die Herren  vom "Soc.-Dem."   w u ß t e n   d i e s   und  fuhren
       trotz alledem mit dem Kultus Lassalle heftiger und heftiger fort.
       Dazu aber  kam, daß die Kerle sich durch Drohungen von Seiten Wa-
       geners (von  der "Kreuz-Zeitung")  einschüchtern ließen, Bismarck
       die Cour  zu schneiden, mit ihm zu kokettieren etc. etc. Da hörte
       alles auf.  Wir ließen inl. Erklärung 12*) drucken und traten ab,
       wobei auch Liebknecht abtrat. Der "Social-Demokrat" erklärte nun,
       wir gehörten  nicht zur  sozialdemokratischen Partei  [120],  bei
       welcher Exkommunikation  wir uns  natürlich beruhigt  haben.  Der
       ganze lassallesche Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist in eine
       so falsche  Fährte verrannt,  daß damit  nichts zu machen ist, er
       wird übrigens nicht lange dauern.
       Ich war aufgefordert, über die Militärfrage zu schreiben, was ich
       auch tat,  aber inzwischen traten die Spannungen ein, und aus dem
       Artikel wurde  eine Broschüre  13*), die  ich  nun  separat  habe
       drucken lassen  und von  der ich  Dir  ein  Exemplar  mit  diesem
       Steamer zuschicke. Nach den mir zukommenden Zeitungen scheint das
       Ding  namentlich  am  Rhein  viel  Skandal  zu  machen  und  wird
       jedenfalls unter  den Arbeitern  den momentanen  Anschluß an  die
       Reaktion sehr verstören.
       Die International  Association in London geht famos voran. In Pa-
       ris besonders,  in London  nicht minder.  Auch in der Schweiz und
       Italien geht's  gut. Nur  die deutschen Lassalleaner wollen nicht
       anbeißen und  unter jetzigen  Umständen erst  recht nicht. Indes,
       wir kriegen  wieder von  allen Seiten  Briefe  und  Offerten  aus
       Deutschland, das  Ding hat sich entschieden gedreht, und der Rest
       wird sich machen.
       Deiner Frau  auf ihre  Frage kann ich nur antworten, daß ich mich
       allerdings noch  nicht in  den  h e i l i g e n  Ehestand begeben
       habe.
       Inl. Photographie von Lupus und mir, die meinige etwas zu dunkel;
       ich hab' aber kein andres Exemplar mehr.
       Schimmelpfennig hat Charleston genommen - Hurra!
       Schreib bald.
       Dein F. Engels
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       11*) ohne  Umstände  -  12*) "Erklärung.  An  die  Redaktion  des
       'Social-Demokrat'" -  13*) "Die preußische  Militärfrage und  die
       deutsche Arbeiterpartei"

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