Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #501# 47 - Marx an seine Tocher Jenny - 16. März 1866
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       Marx an seine Tochter Jenny
       in London [245]
       
       Margate, 16. März 1866
       5, Lansell's Place
       Mein liebes Kind,
       Ich bin  hier gestern  abend um 3/4 8 Uhr angekommen. Deinen Wei-
       sungen folgend, ließ ich das Gepäck in der Gepäckaufbewahrung zu-
       rück, und  ein Omnibus  brachte mich  dann zu einem kleinen Gast-
       haus, das  sich "King's  Arms" nennt. Ich bestellte ein Rumpsteak
       und wurde ins Gastzimmer gewiesen, das ziemlich spärlich beleuch-
       tet war. Ich bekam keinen gelinden Schreck (Du weißt, wie schüch-
       tern ich  bin), als  ich einen  langen, dürren, stocksteifen Mann
       erblickte, ein  Mittelding zwischen  einem Pfaffen und einem com-
       mis-voyageur 1*),  der einsam  und regungslos  vor dem Kamin saß.
       Seiner trüben,  glanzlosen Augen  wegen hielt  ich ihn  für einen
       Blinden. Darin  wurde ich  bestärkt, weil  er ein  langes, schär-
       penähnliches, schmales  weißes, in gleichmäßigen Abständen durch-
       löchertes Ding  über die Knie gebreitet hatte. Ich dachte mir, es
       sei ein  von dem  Blinden ausgeschnittenes Papier, dazu bestimmt,
       aus den  Gasthausbesuchern milde  Gaben herauszulocken.  Als mein
       Abendbrot kam, wurde der Mann beweglich, zog gelassen seine Stie-
       fel aus und wärmte seine Elefantenfüße am Kamin. Teils wegen die-
       ses angenehmen Anblicks und der vermeintlichen Blindheit des Man-
       nes, teils  wegen des Rumpsteaks, das in seinem Naturzustand Teil
       einer kranken  Kuh gewesen sein mag, verbrachte ich diesen ersten
       Abend in  Margate alles andere als behaglich. Aber als Entschädi-
       gung war das Zimmer gemütlich, das Bett sauber und weich, und ich
       schlief gut.  Als ich  am Frühstückstisch  saß, wer  trat da ein?
       Niemand anders  als der  Mann von  gestern abend. Es stellte sich
       heraus, daß  er taub  und nicht blind war. Was mich so beunruhigt
       hatte - ich meine das Ding auf seinen Knien - war ein Taschentuch
       ungewöhnlicher Art  von grauem Grundton mit schwarzen Tupfen, die
       ich irrtümlich  für Löcher gehalten hatte. Da mich der Mann irri-
       tierte, beglich  ich meine  Rechnung so  schnell wie  möglich und
       fand,
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       1*) Handelsreisenden
       
       #502# 47 - Marx an seine Tocher Jenny - 16. März 1866
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       nach einigem  Umherirren, mein jetziges Logis an der See, ein ge-
       räumiges Wohn- und ein Schlafzimmer, zu 10 sh. die Woche. Als das
       Geschäft abgeschlossen  war, wurde  in einer zusätzlichen Klausel
       vereinbart, daß  Du, wenn  Du nachkommst,  für Dein  Schlafzimmer
       nichts zu bezahlen brauchst.
       Das erste,  was ich tat, ich nahm ein warmes Seebad. Es war köst-
       lich. Ebenso ist hier auch die Luft. Sie ist herrlich.
       Die Pensionen sind jetzt fast leer und, soweit ich den Bibliothe-
       kar verstanden  habe, noch kaum für den Empfang von Gästen vorbe-
       reitet. Was  Speiselokale angeht,  scheint es  etwas schwierig zu
       sein, ein  geeignetes zu  finden, aber auch dieses Hindernis wird
       genommen werden.
       Und nun meine besten Grüße an alle, auf Wiedersehen!
       Dein Mohr
       Heute bin ich schon 5 Stunden spazierengegangen.
       
       Aus dem Englischen.

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