Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#503# 48 - Marx an Antoinette Philips - 18. März 1866
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48
Marx an Antoinette Philips
in Zalt-Bommel
Margate, 18. März 1866
5, Lansell's Place
Mein liebes Kind,
Aus der Adresse ersiehst Du, daß ich von meinem ärztlichen Ratge-
ber in dieses Seebad verbannt worden bin, das zu dieser Jahres-
zeit ganz leer ist. Margate lebt nur von den Londonern, die es in
der Badesaison geradezu überschwemmen. Während der anderen Monate
vegetiert es nur. Ich persönlich bin recht froh, daß ich jeder
Gesellschaft, sogar der meiner Bücher, entronnen bin. Ich habe
ein Privatlogis mit dem Blick auf das Meer hinaus genommen. In
einem Gasthaus oder Hotel könnte man Gefahr laufen, auf einen um-
herschlendernden Reisenden zu stoßen oder mit örtlichem Klatsch,
Gemeindeangelegenheiten und Nachbargeschwätz belästigt zu werden.
So jedoch "kümmere ich mich um niemand, und niemand kümmert sich
um mich" [535]. Die Luft aber ist wunderbar rein und kräftigend,
man hat hier beides - See- und Gebirgsluft. Ich bin eine Art Wan-
derstab geworden, bummle den ganzen Tag herum und halte meinen
Geist in jenem Zustand des Nichts, den der Buddhismus für den
Gipfel menschlicher Glückseligkeit hält. Du hast natürlich nicht
die hübsche kleine Redensart vergessen: "Als der Teufel krank
war, wollte er ein Mönch sein; als es dem Teufel gut ging, war er
ein Teufel von einem Mönch."
Wenn man sich etwas von der See entfernt und in der benachbarten
ländlichen Gegend herumstreift, wird man schmerzlich an die
"Zivilisation" erinnert, denn auf Schritt und Tritt stößt man auf
große Schilder mit der Regierungsbekanntmachung: Rinderpest. Die
regierenden englischen Oligarchen waren niemals verdächtig, sich
auch nur einen Pfifferling um "der Menschheit ganzes Weh" 1*) zu
sorgen, aber mit Kühen und Ochsen haben sie tiefes Mitgefühl. Bei
der Eröffnung des Parlaments fielen die Herren Hornochsen beider
Kammern, vom Unter- und Oberhaus, wie wild über die Regierung
her. Ihr ganzes Gezeter klang wie das ins Englische übersetzte
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1*) In der Handschrift deutsch: "der Menschheit ganzes Weh"
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Brüllen einer Kuhherde. Und. sie ähnelten so gar nicht dem ehren-
werten König Wiswamitra, "der kämpfte und büßte für die Kuh Ca-
bala" 2*) [536]. Im Gegenteil. Sie ergriffen die Gelegenheit, um
aus der Krankheit der Kühe auf Kosten des Volkes "battre monnaie"
3*). [537] Nebenbei: der Osten schickt uns immer hübsche Dinge:
die Religion, die Etikette und die Pest in allen Formen.
Ich freue mich sehr, von Waaratjes letztem Abenteuer zu hören.
Wahrhaftig, ich sage Dir, meine liebe kleine Cousine, ich habe
immer große Sympathie für diesen Mann empfunden und stets ge-
hofft, daß er eines Tages sein weiches Herz auf das rechte Ziel
richten und nicht dabei bleiben werde, die garstige Rolle in dem
Märchen "Das Untier und die Schöne" zu spielen. Ich bin über-
zeugt, daß er einen guten Ehemann abgeben wird. Ist seine inamo-
rata 4*) eine "Bommelerin" oder eine Zugewanderte? [538]
Einige Tage bevor ich London verließ, lernte ich Herrn Orsini
kennen, einen sehr netten Burschen, Bruder des Orsini, den man
unter die Erde brachte [244], weil er Bonaparte nach Italien ge-
bracht hatte. Orsini ist jetzt in Geschäften von England nach den
Vereinigten Staaten abgereist, aber in den wenigen Tagen unserer
Bekanntschaft hat er mir gute Dienste geleistet. Wenn er auch ein
persönlicher Freund Mazzinis ist, so teilt er keineswegs dessen
antiquierte antisozialistische und theokratische Ansichten. Nun
hatte Mazzini während meiner erzwungenen längeren Abwesenheit vom
Rat der Internationalen Assoziation sich eifrig bemüht, eine Art
Revolte gegen meine Führerschaft anzuzetteln. "Führerschaft" ist
niemals eine angenehme Sache, noch etwas, wonach ich Verlangen
hätte. Ich denke immer an das, was Dein Vater 5*) in bezug auf
Thorbecke sagte, daß "der Eselstreiber immer den Eseln verhaßt
ist" 6*). Aber nachdem ich mich nun einmal mit Leib und Seele ei-
nem Unternehmen verschrieben habe, das ich für wichtig halte,
gebe ich, wie ich nun einmal bin, gewiß nicht gerne nach. Maz-
zini, ein eingefleischter Feind freien Denkens und des Sozialis-
mus, beobachtete den Fortschritt unserer Assoziation mit großer
Eifersucht. Sein erster Versuch, sie zu seinem Werkzeug zu machen
und ihr ein von ihm ausgehecktes Programm und eine Prinzipiener-
klärung aufzuzwingen, war von mir verhindert worden. 7*) Sein
Einfluß auf die Londoner Arbeiterklasse, der vordem sehr groß
war, ist auf Null gesunken. Er wurde wütend, als er sah, daß wir
die englische R e f o r m l i g a [114] und eine Wochenzeitung,
"Commonwealth", gegründet hatten, an der die fortschrittlichsten
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2*) in der Handschrift deutsch: "der kämpfte und büßte für die
Kuh Cabala" - 3*) "klingende Münze" zu schlagen - 4*) Angebetete
- 5*) Lion Philips - 6*) in der Handschrift deutsch: "der Esels-
treiber immer den Eseln verhaßt ist" - 7*) siehe vorl. Band, S.
14/15
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Männer Londons mitarbeiten; nach meiner Rückkehr nach London
werde ich Dir ein Exemplar davon schicken. Sein Zorn wuchs, als
der Herausgeber der "Rive Gauche" (der Zeitung des jeune France
8*), die von Rogeard, dem Verfasser der "Propos de Labienus", von
Longuet usw. geleitet wird) sich uns anschloß, und als er gewahr
wurde, wie sich unsere Assoziation auf dem Kontinent ausbreitet.
Er benutzte meine Abwesenheit, um mit einigen englischen Arbei-
tern zu intrigieren, ihre Eifersucht gegen den "deutschen" Ein-
fluß zu wecken und sogar seinen Adjutanten, einen gewissen Major
Wolff (von Geburt Deutscher), zum Rat zu schicken, damit er dort
seine Beschwerden vorbringe und mich mehr oder weniger deutlich
denunziere. Er wollte als "der Chef" (ich vermute par la grâce de
dieu 9*)) "der kontinentalen demokratischen Bewegung anerkannt
werden". Dabei handelte er insofern ganz aufrichtig, als er meine
Prinzipien, die in seinen Augen den verdammenswertesten "Materia-
lismus" verkörpern, zutiefst verabscheut. Diese ganze Szene wurde
hinter meinem Rücken aufgeführt und nachdem sie sich vergewissert
hatten, daß ich durch meine Krankheit am Erscheinen verhindert
war. 10*) Die Engländer schwankten, ich aber, obgleich ich noch
sehr schwach war, stürzte, von Herrn Orsini begleitet, in die
nächste séance 11*). Als ich Einspruch erhoben hatte, erklärte er
ihnen, daß Mazzini sogar in Italien seinen Einfluß verloren hätte
und auf Grund seiner Vergangenheit und seiner Vorurteile völlig
außerstande wäre, die neue Bewegung zu verstehen. Alle
ausländischen Sekretäre erklärten sich für mich, und wenn Du,
unser holländischer Sekretär [539], dagewesen wärst, hättest Du,
hoffe ich, auch Deine Stimme für Deinen ergebenen Diener und
Verehrer abgegeben. Jedenfalls trug ich einen vollständigen Sieg
über diesen zweifelhaften Gegner davon. Ich denke, Mazzini hat
jetzt genug von mir und wird bonne mine à mauvais jeu 12*)
machen. - Ich hoffe, von Dir einige Zeilen zu bekommen. Vergiß
nicht, daß ich hier ein weltabgeschiedener Eremit bin.
Aufrichtigst Dein Freund
Bloch
Aus dem Englischen.
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8*) jungen Frankreichs - 9*) von Gottes Gnaden - 10*) siehe vorl.
Band, S. 194 - 11*) Sitzung - 12*) gute Miene zum bösen Spiel
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