Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


       zurück

       #506# 49 - Marx an seine Tochter Laura - 20. März 1866
       -----
       49
       
       Marx an seine Tochter Laura
       in London
       
       Margate, 20. März 1866
       5, Lansell's Place,
       Mein lieber Cacadou!
       Wirklich sehr  gute Nachrichten!  Ich ziehe Frau Grach der Mutter
       aller Gracchen  vor. [540]  Ich bin  recht froh, daß ich in einem
       Privathaus Logis  genommen habe  und nicht in einem Gasthaus oder
       Hotel, wo man sich nur schwerlich der Belästigung durch örtlichen
       Klatsch, der Skandalgeschichten aus der Gemeinde und dem Nachbar-
       geschwätz entziehen  kann. Aber  dennoch vermag ich nicht zu sin-
       gen, wie  der Müller  vom Dee:  ich kümmere  mich um niemand, und
       niemand kümmert  sich um  mich [535].  Denn da  ist meine Wirtin,
       taub wie  ein Stock, und ihre von chronischer Heiserkeit geplagte
       Tochter, aber  sonst sehr  nette Leute,  aufmerksam und nicht zu-
       dringlich. Was mich betrifft, so habe ich mich in einen herumwan-
       dernden Spazierstock  verwandelt, bin  den größten Teil des Tages
       auf den  Beinen, schnappe  frische Luft,  gehe um 10 Uhr zu Bett,
       lese nichts,  schreibe weniger und versetze meinen Geist ganz und
       gar in  jenen Zustand des Nichts, den der Buddhismus für den Gip-
       fel menschlicher  Glückseligkeit hält. Wie dem auch sein mag, ich
       werde mich  Donnerstag 1*)  nicht in den schönen Jüngling verwan-
       deln, wie  ihn sich die vortreffliche By Bye 2*) in ihren Träumen
       vorzustellen scheint.  Das Zahnweh auf der rechten Seite hat noch
       immer nicht  aufgehört, und  auf derselben  Seite ist  jetzt auch
       noch das  Auge entzündet.  Es ist zwar nicht viel davon zu sehen,
       aber das Auge hat die schlechte Gewohnheit angenommen, von selbst
       Tränen zu vergießen, ohne die geringste Rücksicht auf die Gefühle
       seines Meisters.  Wäre dies nicht, so hätte ich mich schon photo-
       graphieren lassen,  weil man hier 12 Bilder in Visitenkartengröße
       für 3  sh. 6  d. und  48 für 10 sh. bekommt. Mümmelchen 3*) würde
       ich sehr dankbar sein, wenn sie zu Herrn Hall ginge und ihn bäte,
       mir eine Zinklösung (er kennt ja das Rezept) für mein Auge zu ma-
       chen; ich  rechne damit, daß sie fertig ist, wenn ich nach London
       komme. Dies  entzündete Auge  läßt mich  nachts  nicht  schlafen.
       Sonst geht's mir besser.
       -----
       1*) am 22. März - 2*) Marx' Tochter Jenny - 3*) Frau Jenny Marx
       
       #507# 49 - Marx an seine Tochter Laura - 20. März 1866
       -----
       Wenn man  sich ein  wenig von der See entfernt und in der benach-
       barten ländlichen  Gegend umherstreift,  wird man  schmerzlich an
       die "Zivilisation"  erinnert.  Da  starren  einen  überall  große
       Schilder an  mit der Aufschrift "Rinderseuche", überklebt mit ei-
       ner Regierungsverordnung  - das  Resultat der wilden Debatte, die
       der Hornvieh-Adel  vom Ober-  und Unterhaus bei der Parlamentser-
       öffnung gegen die Regierung entfachte [537].
       
       O, König Wiswamitra,
       O, welch' ein Ochs bist du,
       Daß du so viel kämpfest und büßest,
       Und alles für eine Kuh. [536]
       
       Aber während  der ehrenwerte  Wiswamitra sich  als  echter  Hindu
       selbst kasteite, um die Kuh Cabala zu erlösen, so läßt der engli-
       sche Landadel,  ganz im  Stil moderner Märtyrer, das Volk bluten,
       um sich  für die  Krankheit seiner Kühe zu entschädigen. Die Rin-
       derpest über  ihn! Das Horn, das Horn, wie es die diskrete By Bye
       kräftig erschallen läßt.
       Am Sonntag  machte ich mich per pedes auf nach Canterbury. Leider
       faßte ich diesen schwerwiegenen Entschluß erst, nachdem ich schon
       zwei Stunden  lang kreuz  und quer durch die Piers usw. gestreift
       war. So  hatte ich also schon zu viel physische Kraft verbraucht,
       als ich  zum Sitz  des Erzbischofs  oder [... ] 4*) aufbrach. Und
       von hier  nach Canterbury sind es volle 16 Meilen. Von Canterbury
       nach Margate  fuhr ich  mit der  Bahn zurück, aber es war zu viel
       für mich,  und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Glieder
       und Kreuz  schmerzten nicht, aber die Fußsohlen erwiesen sich als
       empfindsame Schelme.  Über Canterbury  weißt Du natürlich alles -
       und mehr  als ich  mich rühmen kann - aus Deinem Eves, der zuver-
       lässigen Quelle des Wissens für alle englischen Even. (Dir gegen-
       über kann man ja das Kalauern nicht lassen. Aber bedenke, Thacke-
       ray hat  es schlechter gemacht, als er Eves auf Ewes 5*) reimte.)
       Glücklicherweise war  ich zu  müde, und  es war auch zu spät, die
       berühmte Kathedrale  anzusehn. Canterbury ist eine alte, häßliche
       Stadt, mittelalterlichen Typs, die durch die großen modernen eng-
       lischen Kasernen  an dem einen und einen scheußlichen, trostlosen
       Bahnhof an  dem andern  Ende dieses  alten Nests  nichts gewonnen
       hat. Keine  Spur von der Poesie, wie man sie in andern ebenso al-
       ten Städten  auf dem Kontinent findet. Die auf den Straßen herum-
       stolzierenden Soldaten  und Offiziere  erinnerten mich  etwas ans
       "Vaterland" 6*). Im Gasthaus, wo ich mit
       -----
       2 schwer  lesbar - 5 Wortspiel: Eves - Name, Ewes - Schafe - 6 in
       der Handschrift deutsch: "Vaterland"
       
       #508# 49 - Marx an seine Tochter Laura - 20. März 1866
       -----
       einigen Scheiben  kalten Steaks  kärglich bewirtet  wurde, erfuhr
       ich den neusten Skandal. Kapitän Le Merchant war, wie es scheint,
       Sonntagnacht von  der Polizei  aufgegriffen worden,  als  er  der
       Reihe nach  an die  Türen  aller  angesehensten  Bürger  geklopft
       hatte. Wegen  dieses harmlosen  Zeitvertreibs wird er eine Vorla-
       dung erhalten.  Und der  schreckliche Kapitän wird sein lädiertes
       Haupt vor  den majestätischen  Ratsherrn beugen  müssen. Das sind
       alle meine "Canterbury Tales" [541].
       Und nun,  Cacadou, grüß  Elly 7*)  von mir,  der ich  dieser Tage
       schreiben werde  und  deren  Brieflein  mich  sehr  erfreut  hat.
       Möhmchen 8*) wird auch gelegentlich von mir hören.
       Dieser verdammte  Schlingel Lafargue  belästigt mich  mit  seinem
       Proudhonismus und  wird wohl nicht eher ruhen, bis ich ihm einmal
       tüchtig etwas auf seinen Kreolenschädel gegeben habe.
       Meine besten Wünsche an alle.
       Hat Orsini meinen Brief noch erhalten?
       Dein Meister
       
       Aus dem Englischen.
       -----
       7*) Marx' Tochter Eleanor - 8*) Frau Jenny Marx

       zurück