Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #518# 55 Marx an Paul Lafargue - 13. August 1866
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       55
       
       Marx an Paul Lafargue
       in London
       
       London, 13. August 1866
       Mein lieber Lafargue,
       Gestatten Sie mir die folgenden Bemerkungen:
       1. Wenn Sie  Ihre Beziehungen  zu meiner  Tochter 1*)  fortsetzen
       wollen, werden  Sie Ihre Art "den Hof zu machen" aufgeben müssen.
       Sie wissen  gut, daß  noch kein Eheversprechen besteht, daß alles
       noch in  der Schwebe  ist. Und selbst wenn sie in aller Form Ihre
       Verlobte wäre,  dürften Sie  nicht vergessen, daß es sich um eine
       langwierige Angelegenheit  handelt. Die  Gewohnheiten eines allzu
       vertrauten Umgangs sind um so mehr fehl am Platze, als beide Lie-
       benden während einer notwendigerweise verlängerten Periode stren-
       ger Prüfung  und Läuterung  am selben Ort wohnen werden. Mit Ent-
       setzen habe  ich die Wandlungen Ihres Benehmens von einem Tag zum
       andern während  einer einzigen  Woche 2*) beobachtet. Meiner Mei-
       nung nach  äußert sich  wahre Liebe in Zurückhaltung, Bescheiden-
       heit und  sogar in  der Schüchternheit  des Verliebten  gegenüber
       seinem Idol,  und ganz und gar nicht in Gemütsexzessen und in ei-
       ner zu  frühen Vertraulichkeit. Wenn Sie sich auf Ihr kreolisches
       Temperament berufen, so habe ich die Pflicht, mit meinem gesunden
       Menschenverstand zwischen  Ihr Temperament  und meine  Tochter zu
       treten. Falls  Sie Ihre  Liebe zu ihr nicht in der Form zu äußern
       vermögen, wie  es dem Londoner Breitengrad entspricht, werden Sie
       sich damit abfinden müssen, sie aus der Entfernung zu lieben. Iph
       brauche das wohl nicht näher zu erläutern.
       2. Vor der  endgültigen Regelung  Ihrer Beziehungen  zu Laura muß
       ich völlige  Klarheit über  Ihre ökonomischen Verhältnisse haben.
       Meine Tochter  glaubt, daß ich über Ihre Angelegenheiten Bescheid
       weiß. Sie  irrt sich.  Ich habe diese Dinge nicht zur Sprache ge-
       bracht, weil  es meiner  Meinung nach  Ihre Aufgabe gewesen wäre,
       die Initiative zu ergreifen. Sie wissen, daß ich mein ganzes Ver-
       mögen dem revolutionären Kampf geopfert habe.
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       1*) Marx' Tochter  Laura - 2*) in der Handschrift: pendant la pé-
       riode géologique d'une seule semaine
       
       #519# 55 Marx an Paul Lafargue - 13. August 1866
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       Ich bedaure es nicht. Im Gegenteil. Wenn ich mein Leben noch ein-
       mal beginnen müßte, ich täte dasselbe. Nur würde ich nicht heira-
       ten. Soweit  es in meiner Macht steht, will ich meine Tochter vor
       den Klippen  bewahren, an denen das Leben ihrer Mutter zerschellt
       ist. Da diese Angelegenheit ohne mein direktes Zutun (eine Schwä-
       che meinerseits!)  und ohne  den Einfluß,  den meine Freundschaft
       für Sie auf das Verhalten meiner Tochter ausübte, niemals so weit
       gediehen wäre, lastet auf mir eine schwere persönliche Verantwor-
       tung. Was  Ihre augenblickliche  Situation betrifft,  so sind die
       Auskünfte, die  ich nicht  eingeholt, sondern  zufällig  erhalten
       habe, ganz  und gar  nicht beruhigend.  Aber lassen  wir das. Was
       Ihre allgemeine Position betrifft, so weiß ich, daß Sie noch Stu-
       dent sind,  daß Ihre Karriere in Frankreich durch das Ereignis in
       Lüttich [209]  halb gescheitert ist, daß Ihnen die Sprache - eine
       unentbehrliche Voraussetzung für Ihre Akklimatisierung in England
       - noch fehlt und daß Ihre Chancen im besten Falle überaus proble-
       matisch sind.  Beobachtung hat  mich davon überzeugt, daß Sie von
       Natur aus  nicht sehr  arbeitsam sind, trotz zeitweiliger fieber-
       hafter Aktivität  und guten  Willens. Unter diesen Umständen sind
       Sie auf  die Hilfe anderer angewiesen, um den gemeinsamen Lebens-
       weg mit  meiner Tochter  zu gehen. Von Ihrer Familie weiß ich gar
       nichts. Sollte sie in vermögenden Verhältnissen leben, so beweist
       dies noch  nicht, daß  sie gewillt  wäre, Ihnen Opfer zu bringen.
       Ich weiß  nicht einmal,  wie sie  Ihrem Heiratsprojekt gegenüber-
       steht. Notwendig  ist für  mich, ich wiederhole es, eine positive
       Klärung all dieser Fragen. Übrigens können Sie, ein erklärter Re-
       alist, nicht  erwarten, daß  ich mich  zur Zukunft meiner Tochter
       wie ein  Idealist verhalte.  Ein so positiver Mensch wie Sie, der
       die Poesie  abschaffen möchte, wird nicht zum Schaden meines Kin-
       des Poesie machen wollen.
       3. Um jeder falschen Interpretation dieses Briefes zuvorzukommen,
       mache ich  Sie darauf aufmerksam, daß - sollten Sie sich versucht
       fühlen, schon  heute die Ehe einzugehen - Ihnen dies nicht gelin-
       gen wird.  Meine Tochter würde sich weigern. Ich würde protestie-
       ren. Sie  müssen etwas erreicht haben im Leben, bevor Sie an eine
       Ehe denken  können, und es wird einer langen Zeit der Prüfung für
       Sie und für Laura bedürfen.
       4. Ich möchte gern, daß dieser Brief nur unter uns beiden bleibt.
       Ich erwarte Ihre Antwort.
       Ganz der Ihre Karl Marx
       
       Aus dem Französischen.

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